Agitation im Wandel der Zeit

Lesezeit: 6 Minuten

In der DDR gab es an den Schulen die Position des Agitators für Politinformation

Somit waren einer oder auch mehrere Schüler jeder Klasse dafür zuständig, durch Wandzeitungen und die politische Kommunikation über die in den staatlichen Medien publizierte und scheinbar öffentlich herrschende Meinung zu informieren und frühzeitig meinungsbildend im Sinne des Regimes auf das Klassenkollektiv einzuwirken. (Quelle: Wikipedia)

So ein Agitator war ich auch in der 4. Klasse und somit Mitglied im Gruppenrat. Dieser bestand außer dem Agitator aus einem Gruppenratsvorsitzenden, einem stellvertretenden Gruppenratsvorsitzenden, einem Schriftführer, einem Kassierer, einem Wandzeitungsredakteur und einem Freundschaftsratsmitglied.

Der Eintritt in die Pionierorganisation war nicht freiwillig

In dieser leicht militant angehauchten Jung- und Thälmannpionierorganisation waren die Gruppenräte der Klassen 1- 7 sowie einzelne Abgesandte der Klassen für den Freundschaftsrat vertreten. Das nahm unseren ganzen Schulalltag ein und hat in mir nachhaltig die Antipathie für Vereine geprägt.
Als stellvertretende Freundschaftsratsvorsitzende bekam ich auch sehr schnell mit, dass die Meinung der Pioniere im DDR-System nicht gefragt war, was mich mit meinem Gerechtigkeitssinn in Konflikte brachte.
Geprägt durch den Katholizismus innerhalb des Elternhauses mütterlicherseits gab es durch meine Meinungsäußerung im Freundschaftsrat auch anderweitig Konflikte. Deshalb habe ich wahrscheinlich die gesamte DDR-Zeit (bis 1989) intensiver erlebt als andere in meinem Alter.

Sozialistisch-katholisches Kind

Da ein Teil unserer Verwandtschaft in der BRD lebt(e), wurde ich schon frühzeitig mit dem Bewusstsein erzogen, zwei Rollen zu erfüllen. Andersdenkende entsprachen im Extremfall dem Feindbild der DDR, wurden zumindest vorher auf Staatsfeindlichkeit überprüft. Eine Äußerung im Freundschaftsrat über Missstände konnte also für meine Mutter weitaus mehr bedeuten, als mir mit 10 Jahren bewusst war.
Wahrscheinlich war es besser, dass sie viele Jahre lang überhaupt nicht wusste, wie oft ich beim Direktor war. Doch als leistungsstarke Schülerin war ich gleichzeitig mit etlichen anderen Schülern das Paradepferd in der Klasse.
Am meisten prägte sich mir der Satz eines Lehrers ein, der zu mir sagte, ich könne mit meiner Art Schüler dazu bringen, sich meiner Meinung anzuschließen. Es sollte nur die richtige Meinung sein. Ich sollte genau überlegen, was ich äußere. Es könnte sonst irgendwann einmal böse enden.

Die behüteten Kinder

Jedes Kind darf naiv sein, denn das ist ja das, was ein unbefangenes Kindsein ausmacht. In der DDR wurden Kinder sehr gut behandelt, abgesehen von den Ausnahmefällen und den Erziehungsmethoden, die damals in der BRD auch nicht anders waren.
Es hatte auch einen sehr guten Grund, warum das so war.
Kinder wurden als die allerkleinste Zelle der sozialistischen Gesellschaft gesehen. Wer seine Kinder frühzeitig indoktriniert mit der herrschenden Meinung, der braucht keine Sorgen haben, dass sie sich später nicht einordnen können. Das ist einesteils sogar nachvollziehbar. Somit waren natürlich DDR-Wissenschaftler, als auch die Ärzteschaft dem heutigen System bei weitem voraus. Sie haben es halt nur im Sinne ihres Systems genutzt. Die Wichtigkeit der Frühprägung war jedoch bekannt.

Der Zusammenhalt aus psychologischer Sicht

Selbstverständlich wird so eine Gesellschaft in den Punkten Zusammenhalt und Konformität glänzen.
Bis heute sehnen sich so viele Menschen paradoxerweise danach zurück. Es kommt eben auf die Prägung in frühester Kindheit an.
Nun gut, ich bin keine Wissenschaftlerin, sondern nur eine Texterin. Ich mutmaße, ich provoziere gelegentlich (unabsichtlich) über dieses Thema.
Jedoch über DDR-Indoktrination, über die Zerstörung der ersten Mutter-Kind-Bindung, über das Fixieren auf Krippenerzieherinnen, auf das frühe sozialistische Erziehen a´la Kameradschaft, Zusammenhalt und Gleichwertigkeit innerhalb der vermittelten ideologischen Werte und das Gruppengehorchen mit Blick auf eine Autoritätsperson, über alle diese tiefgreifenden Themen gibt es ganz sicher Literatur.
Wer sich eingehend mit den vorherigen deutschen Ideologien befasst hat, der weiß, wie eine Diktatur funktioniert. Der weiß auch, wie jemand behandelt wird, der einer vollkommen anderen Meinung ist.

Stadt der Engel

Die Leitidee vom sozialistischen „Neuen Menschen“ hat das Erziehungswesen der DDR geprägt.

„Revolutionäre Maßnahmen können für die von ihnen Betroffenen hart sein, die Jakobiner waren nicht zimperlich, die Bolschewiki auch nicht. Wir hätten ja gar nicht bestritten, dass wir in einer Diktatur lebten, der Diktatur des Proletariats. Eine Übergangszeit, eine Inkubationszeit für den neuen Menschen, versteht ihr?“

Dieses Zitat ist zu finden in Christa Wolfs jüngstem Roman „Stadt der Engel“. Noch einiges mehr über dieses Thema empfehle ich euch, hier nachzulesen.

Der verklärte Blick

Jeder, der in der DDR aufwuchs, hat gute Erinnerungen an die Kindheit. So scheint es.
Es gibt jede Menge Gruppen auf Facebook, die dem Osten ein Gesicht geben wollen.
Nach dem Scheitern des ganzen Systems ist es den Leuten im Osten des Landes nicht sehr gut ergangen.
Die Identifizierung mit der Heimat soll nicht ganz verloren gehen. Das ist doch auch verständlich.
Natürlich taucht in dem Zusammenhang immer wieder der Begriff „Jammerossi“ auf. Doch in Wahrheit ist es ein oberflächliches Schubladendenken ohne Substanz. Wer sich mit demografischen Daten und der Entwicklung des Ostens befasst, weiss was ich meine. Es war eine harte Zeit nach der Wende. Sich darüber lustig zu machen, ist nicht fair.
Allerdings gilt dasselbe für den Begriff „Besserwessi“.
In Wahrheit standen und stehen sich Menschen gegenüber, die ohne Aufarbeitung niemals zusammenwachsen.
Ich sehe ich in meine Wahrsagerkugel und sage voraus, maximal bei den 1990 Geborenen und allen späteren Generationen werden sich diese Unterschiede langsam in Luft auflösen.

Die DDR war prima, lese ich in mehreren Foren

Und das war sie. Wir wussten noch, was es heißt, gehorsam und fleißig zu sein.
Wir schippten (schaufelten)brav die Kohle in den Keller und warteten eine halbe Stunde, bis die Zimmer warm wurden. Wenn wir uns im Matsch suhlten und dringend baden mussten, dann warteten wir geduldig, bis der Badeofen endlich heiß war. Vorher mussten wir den Kohleeimer erst einmal im Keller mit Kohlen füllen und nach oben bringen.
Wir trugen Einkaufstaschen für alte Leute, gingen als Kinder für Mama und Papa im Konsum um die Ecke einkaufen, waren immer lieb und anständig, lebten nach den 10 Geboten der Jung – und Thälmannpioniere und wollten auf keinen Fall beim Fahnenappell (immer wieder Montags) vor der ganzen Schule gerügt werden.
Wir schleuderten die Wäsche noch in einer alten Schleuder und stützten mit Wäschestangen die Leinen ab beim Aufhängen. Nix tolle Wäschespinne. Klar steht sie im Garten, aber brauchen wir sie wirklich?
Es störte niemanden, vier Stunden anzustehen für Bananen.
„Wozu Bananen, wenn keiner glücklich ist“ tönt es heute. „Wozu reisen, wenn man dafür kein Geld hat“. „Wozu Meinung äußern können, wenn einem eh keiner zuhört.“
Und ich wette, die meisten, die diesen Artikel lesen, werden empört darüber sein. Wie kann sie so etwas schreiben, so ironisch sein. Ist es denn heute besser? Was ist heute mit den Kindern, wieviele Obdachlose und Drogentote gibt es, was ist das denn heute für ein System?

Und überhaupt, wer wollte eigentlich die Wende?

Abstrus, jedoch für mich nicht verwunderlich. Das menschliche Gehirn erinnert sich meistens an die tollsten Sachen aus der Vergangenheit. Der Rest wird schlichtweg ausgeblendet. Ich befürchte, dazu braucht es manchmal auch gar nicht viel. Manchen Menschen reicht es, nicht weiter nachdenken zu müssen. Vielleicht tut es auch zu weh. Oder sie meinen es tatsächlich ernst.
Die ehemalige BRD schneidet im Vergleich wahnsinnig schlecht ab. Viele transportieren diesen alten Wessi von damals und sein Land in die heutige Zeit. Damals BRD – heute Westen.
Dass das hinten und vorne keinen Sinn ergibt, dazu fehlt eben die Komplexität des Denkens. Selbstverständlich ist das andersherum auch nicht anders. Ehemaliges DDR-Gebiet – Osten.
Der Osten ist … und der Westen ist … Und der Ossi ist … und der Wessi ist … Es hat sich eigentlich nicht so viel geändert seit 1990…

Doch kommen wir zum Agitator für Politinformation zurück

Ich erzählte das vor Jahren einem Mann, der aus Nordrhein-Westfalen kam, im Zug. Es muss zu der Zeit gewesen sein, als dieser verrückte Künstler verschiedene Gebäude in Berlin einhüllte. Wie hieß er doch gleich … Christo!
Der Mann aus Nordrhein-Westfalen entgegnete mir, dass ich wirklich zu jung sei, um so etwas bewusst mitbekommen zu haben. Ich fühlte mich in meiner Mission von dem blöden Wessi unverstanden. Ja so dachte ich damals und er war ja auch blöd. Aber eben nicht, weil er von drüben war. Sondern weil er halt blöd war. Das führt jetzt zu weit. Diese Differenzierung beherrschte ich auch nicht sofort.
Er sagte, ich bin zu jung, um irgendetwas wirklich mitbekommen zu haben.

Der Mauerfall war kurz vor meinem 12. Geburtstag

Ja verdammt. Ich war zu jung, um zu begreifen, was das alles bedeutete. Doch ich wusste, es würde nicht mehr schlimm enden, wenn ich meine Meinung sage.
Heutzutage reden 30-jährige mit mir über die DDR und sind stolz darauf, ein Ossi zu sein.
Das ist alles irgendwie nicht stimmig.
Die DDR hat mich geprägt, wie jeden von „uns“ hier.

Doch ich hätte gern einmal gewusst, was aus so einem Agitator später geworden wäre. Vielleicht zuerst FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda?
Um ehrlich zu sein, hätte ich dann heute eine steile Karriere hingelegt. Vielleicht Bundeskanzlerin oder so etwas.
Nun gut, schweifen wir mal nicht so weit ab. Aber zumindest wandere ich für so eine Äußerung nicht ins Staatsgefängnis.

In dem Sinne viele Grüße,

(Visited 155 times, 1 visits today)

Auch interessant

Kommentar verfassen

Translate »
%d Bloggern gefällt das: