Brauchen wir Glaubenskriege?

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Solange ich auf der Welt bin, und das sind nun immerhin schon 37 Jahre, begleitet mich ein Thema ganz besonders und das ist das Thema des Glaubens.

Da derzeit eine richtige Welle der Ostalgie herrscht, fühle ich mich manchmal wie benommen, was Menschen so alles vergessen können oder aber zurecht drehen, wie es ihnen passt. In der DDR war es nicht immer einfach, wenn man einer Religionsgemeinschaft angehörte und dazu gehörten ganz besonders die Katholiken.

Mit eigenen Bräuchen zu den christlichen Feiertagen war es den Kindern oft nicht möglich, öffentlich darüber zu „berichten“ – aus unbefangener Kindlichkeit wurden Angst und Misstrauen, etwas falsches zu sagen, was jedoch gleichzeitig in der Familie als richtig galt.

Heute habe ich für mich andere Wege entdeckt, zu glauben, an was ich möchte und ich sehe den Katholizismus nicht als meinen Glaubensweg. Als nichtreligiöser Mensch mit einer großen Verbundenheit zur Kraft der Natur sowie dem Hang zu spirituellem menschlichen Erbe empfinde ich es trotzdem als großen Verlust der Toleranz, wenn sich Anhänger verschiedenen Glaubens bekriegen und das aus einer durchaus als fanatisch zu bezeichnenden Sicht. Das kann Angst machen. Jedoch nicht zwangsläufig.

In erster Linie kommt es doch immer darauf an, wie gefestigt jeder einzelne Mensch ist und wie groß der Zusammenhalt einer Kultur oder gegebenenfalls Nation ist, um solchen fanatischen Religionsbekenntnissen entgegen halten zu können.

Die großen Fragen sind für mich: Was hat sich denn in den letzten 20 oder 25 Jahren verändert, dass wir wieder öffentlich über Glauben diskutieren müssen? Woher kommen fanatische Glaubenssätze, wie entstehen sie und was ist eigentlich Glauben oder Nichtglauben?
Und nicht zuletzt habe ich noch keine richtige Antwort auf die Frage: Was ist überhaupt „typisch“ europäisch? Was macht uns Europäer aus?

In der Schule lernten wir die Ringparabel in „Nathan der Weise“ und dennoch beansprucht jeder Mensch für sich, die einzig richtige Haltung und Sichtweise zu Werten zu besitzen. Das fängt ganz klein in Partnerschaften an, erstreckt sich über Familiensysteme, bis hin zu Dorfgemeinschaften und Toleranz ist das, was ich als wenig ausgeprägt erlebe.

Der eine glaubt an den Sozialismus, der nächste an einen alten Mann auf der Wolke, manche an Inkarnation und nicht zuletzt an eine Kraft, die aus dem Universum kommt.

Es scheint, als liefen alle durcheinander, hin und her, kreuz und quer, und selbst die, die nicht glauben, glauben an etwas, nämlich dass sie ohne Glauben auskommen. Daran glauben sie und alle einzelnen Sichtweisen und Blickwinkel sind legitim.

Ich glaube an das, was ich sehe, heißt es oft. Aber dass, was man sehen kann, ist schon da, daran muss man echt nicht glauben.

Die Wahrheit ist die, dass hier in Europa das Christentum vorherrscht, aber es wird dabei vergessen, dass auch das Christentum missioniert hat – und zwar mit Gewalt. Fast niemand weiß etwas über die Geschichte der heidnischen baltischen Prußen, den Ureinwohnern Ostpreußens, die komplett christianisiert wurden. Wichtig vielleicht nur, dass die Preußen sich den Namen auch gleich einheimsten.

Trotzdem käme heute kein Nachfahre der Prußen auf die Idee, zu demonstrieren, weil er sich durch die Christen „christianisiert“ fühlt. Da in ganz Europa der heidnische Glauben lange Zeit vorherrschte und selbst heute noch in einigen Traditionen der Europäer verankert ist, könnte man auch provokativ fragen, ob Weihnachten tatsächlich zu Europa gehört, zumindest mit christlichem Hintergrund.

Glauben ausrotten hat noch nie funktioniert, ebenso wenig aber auch, einen bestimmten Glauben als den einzig richtigen zu sehen. Zu all den Juden, Christen, Moslems, Buddhisten, Hindus gesellen sich die Neuheiden oder wie mag man sie nennen und wir haben die Atheisten, die sich auf wissenschaftliche Fakten berufen.

Welche von diesen ganzen genannten Glaubensvarianten soll nun die Richtige sein?

Panik macht sich breit bei manchen Erdenbürgern. Sie singen lautstark Weihnachtslieder, obwohl sie keine Christen sind und identifizieren sich gleichzeitig mit dem Weihnachtsmann.
Andere schimpfen auf das Christentum und zelebrieren gleichzeitig eine Familienweihnacht, die einem die Luft zum Atmen nehmen kann.
Und wieder andere feiern kein Weihnachten, weil sie zwar einen Glauben haben, aber keinen christlichen.
Dann gibt es noch so ganz andere, die sind nirgendwo so richtig zuhause in irgendeinem Glauben, aber dennoch tolerant genug, alles Fremdartige in sich aufzusaugen – einfach aus Neugier.

Eins steht fest, wir brauchen keine Glaubenskriege. Es wird unserer Welt Leid und Verdruss bringen, wenn wir Fanatismus dulden. Aber wir sollten auch aufhören, das Christentum als die einzig wahre Religion der Europäer hinzustellen.

Europa ist mehr als nur Glauben. Was genau es ist, kann keiner sagen, denn eine einheitliche typische europäische Betrachtungsweise gibt es nicht. Und es gibt auch nicht die eine Meinung aller Europäer zum Islam, Hinduismus, Buddhismus, Juden- oder Christentum, zur Spiritualität oder Naturreligion.

 

Das Einzige, was uns alle verbindet ist, dass wir Menschen sind. Vielleicht sollte das die Botschaft zu Weihnachten, während der Rauhnächte sein, und der Begriff Winterfest wäre doch ein guter Kompromiss.

asti

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