Was bleibt, ist der Schmerz. Du bist nicht mehr da.

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Seit Samstag bist du nicht mehr auf dieser Welt und mir kommt des öfteren der Gedanke – so wie bisher bei allen anderen Familienmitgliedern die schon verstorben sind – ob es vielleicht doch ein Leben nach dem Tod gibt?
Wirst du in meiner Nähe sein, wirst du unsere Tochter aufwachsen sehen?
Vielleicht triffst du tatsächlich deine Mutti wieder, meine Oma? Oder deinen Bruder, meinen verstorbenen Onkel? Deinen Papa? Deinen Neffen, meinen Bruder? Deine Nichte, meine Cousine?
Unsere Familie wird immer kleiner und es gab zu viele einschneidende Erlebnisse; zu viele Menschen, die früh gestorben sind.
Momentan habe ich den Eindruck, es zerknüllt oder zersplittert oder zerknirscht mir mein Herz.
Ich kann das nicht beschreiben.
Es gibt dafür keine passenden Worte.
Da ist ein dumpfer Knoten in der Magengegend und gestern kamen überhaupt das erste Mal Tränen.
Nicht, weil ich dich zu wenig liebe, sondern wahrscheinlich muss ich dein Gehen erst realisieren.
Am Samstag war ich mit meiner Familie im Garten.
Wir hatten dort das wahnsinnig tolle warme Oktober-Wetter genossen, bei guten 26 ° C in der Sonne.
Glaubst du mir das? Mit kurzen Hosen saßen wir am Mittagstisch und aßen Spaghetti.
Ich glaube, du hast da noch gelebt.
Mein Smartphone hatte ich bewusst zuhause gelassen.
Das mache ich oft so, wenn ich in den Garten fahre.
Doch es war auch deshalb, weil ich in der Nacht von Oma geträumt hatte.
Und immer, wenn ich von ihr träume, dann wartet sie schon geduldig auf einen aus der Familie.
Ich bin mir sicher, dass du mich an dieser Stelle ausgelacht hättest.
Du hättest geschmunzelt und “Ach was, ehrlich?” gesagt – ein böses Wort kam dir jedoch nie über die Lippen.
Seitdem ich dich kenne, und das sind gute vierzig Jahre, habe ich dich nie meckern und schimpfen gehört.
Seitdem ich dich kannte…
Dir ging es schon jahrelang nicht besonders gut und seitdem sich der Krebs in deiner Speiseröhre festgesetzt hatte, wurde es nicht mehr besser. Das hast du gewusst und mir auch erzählt.
Doch der Schlaganfall dazu war dann wahrscheinlich zuviel.
Ich bin so froh, dass wir Tage vorher noch zwei ein halb Stunden telefoniert hatten, dass wir uns alles sagen konnten, was wichtig war an dem Tag.
Ein paar Worte möchte ich jetzt dennoch hier heute öffentlich an dich richten.
Es tut mir leid, dass du in der DDR so behandelt wurdest, wie es dir eben geschehen ist.
Du warst noch so jung und wolltest nicht zum Wehrdienst.
Da es einen Ersatzdienst nicht gab, musstest du Strafarbeiten verrichten.
Sie haben dich auch verhört und dir das Leben schwer gemacht.
Wer wie du und meine Verwandtschaft aus dem Eichsfeld stammt, der einzigen erzkatholischen Gegend in der gesamten ehemaligen DDR, der stand wahrscheinlich schon von Geburt an auf irgendeiner Liste “Feind”.
Doch dabei hat dich die Kirche auch nicht sonderlich interessiert.
Du wolltest frei sein und autark, selbst über dich und dein Leben bestimmen können.
Jesuslatschen, lange Haare und Jeansjacke – das passte so einigen von der Staatssicherheit nicht.
Ich möchte mich bei dir bedanken für die viele Zeit, die du mit mir verbracht hast.
Du hast mich an warmen Sommertagen in den Ferien auf dein Moped gesetzt und wir düsten durch den Geburtsort meiner Mutter.
Dein großer, wunderschöner Schäferhund lief ohne Leine hinterher und wir ließen die Hundedame mitten im Feld in einen kleinen See springen.
Das war prima, genauso wie deine tollen Kartentricks.
Ich habe dich sehr gemocht, denn du bist mein jüngster Onkel.
Warst…mein jüngster Onkel…
Irgendwann bist du aus Thüringen weggezogen nach Baden- Würtemberg.
Du hattest dort nach der Wende eine gut bezahlte Arbeit, doch aus irgendeinem Grund kamst du nicht so richtig klar. Dein Alkoholkonsum wurde mehr.
Seitdem hast du jedes Jahr bis 2018 mehrere harte Entzüge durch ohne medizinische Überwachung, auf eigene Faust.
Für manche warst du sicher irgendwann in den letzten Jahren der Penner von nebenan, der Alkoholiker, vielleicht sogar der “ausm Osten”.
Für mich bleibst du für immer und ewig mein Onkel, der immer für mich da war, wenn ich jemanden zum Reden brauchte.
Du hast mir finanziell geholfen, als es mir selbst sehr schlecht ging und ich im Koma lag.
Ich habe nie den Respekt vor dir verloren und werde mir kein Urteil über dein Leben bilden.
Ich werde nie abwertend auf dich blicken oder über dich sprechen.
Als du nach dem Schlaganfall vor ein paar Monaten ins Krankenhaus kamst, habe ich mir große Sorgen um dich gemacht.
Wir mussten durch die Entfernung erst einmal herausfinden, in welchem Krankenhaus du überhaupt liegst und dein Bruder hat ganz Stuttgart abtelefoniert.
Dann hatten wir dich gefunden, doch du solltest bereits in die Schmiederklinik nach Gerlingen kommen – eine Rehakur für Schlaganfall-Patienten. Seitdem du dort warst, wurde die Kontaktaufnahme sehr schwierig bis unmöglich.
Wir bekommen als deine nächsten Angehörigen nicht so einfach Auskünfte über dich und die frische Wäsche, die wir dir geschickt haben, hast du nie angezogen.
Die Pfleger dort dürfen keine Pakte öffnen, selbst dann nicht, wenn es telefonisch geklärt ist, wurde uns erklärt.
Deine Dreckwäsche lag auch bis zuletzt in deinem Schrank, obwohl zwischendurch dein Bruder da war und sowohl mit den Pflegekäften, als auch der eingesetzten Betreuerin und dem sozialen Dienst geredet hat.
Es führte kein Weg hinein, dir wenigstens die geschickte frische Wäsche anzuziehen. Mit dir telefonieren ging ja leider nicht, du konntest ja nicht mehr großartig verständlich sprechen und warst halbseitig komplett gelähmt.
Ach Onkelchen. Ich konnte hier so manche Nacht nicht schlafen.
Geld zum Rasieren und Haare schneiden konnte auch nur direkt an der Rezeption des Hauses in ein Patientenkonto eingezahlt werden. Auf die Entfernung von Brandenburg, Sachsen und Thüringen aus konnten wir so gut wie gar nichts für dich tun. Wahrscheinlich hast du auch nicht meinen Brief vorgelesen bekommen, denn alle Post lag verschlossen in deiner Reisetasche.
Diese Hilflosigkeit, dir nicht helfen zu können, dir nicht zeigen zu können, dass wir für dich da sind, war wirklich hart. Ich habe mehrere Nächte nicht schlafen können und war froh, als dein Bruder schnellstmöglich nach Stuttgart fuhr.
Du wurdest zweimal in ein Krankenhaus rück überwiesen, sodass je nach Entgegenkommen der Pflegekräfte einmal ein Telefonat mit deiner Schwester, meiner Mutti, möglich war. Du glaubst gar nicht, wie froh wir waren, dass jemand wirklich ein Herz für uns Angehörigen hat und dir den Hörer in die Hand drückte.
Mein lieber lieber Onkel.
Als du zurück in der Rehaklinik warst, solltest du dann demnächst entlassen werden: In ein Pflegeheim in Stuttgart.
Das wollten wir nicht. Wir wollten, dass du nach Hause kommst und in unserer Nähe bist und haben den Krankentransport ohne Kostenübernahme der Krankenkasse organisiert.
Am Mittwoch endlich bist du im Eichsfeld angekommen und es war ein Kampf, einen Pflegeplatz zu bekommen.
Viele Nerven, viel Glück und wirklich nette Menschen mit einem offenen Ohr für deine außergewöhnliche Situation haben es dann möglich gemacht.
Da warst du schon sehr schwach, jedoch in Stuttgart hätten wir den Kontakt zu dir verloren! Es wäre eine Katastrophe gewesen, wenn du dort in ein Heim gekommen wärst!
Samstag Nachmittags bekam mein Herzblatt von meiner Mutti eine Nachricht aufs Smartphone, ob ich mich bei ihr melden könne. Es sei etwas passiert.
Da wusste ich, dass es stimmte – du bist von uns gegangen. Deinem schweren Leiden erlegen. Um die Mittagszeit herum muss es gewesen sein.
Dein Bruder, dein Neffe und deine Nichte waren an deinem Bett, als du dich entschieden hast, von uns zu gehen.
Nur ich habe dich nicht mehr sehen können, ich wollte dich am Wochenende besuchen kommen.
Du weißt, auch von hier bis ins Eichsfeld sind es zwei Stunden Fahrt, doch es ist nicht so weit bis nach Gerlingen.
Es tut mir so wahnsinnig leid, dass wir uns nicht mehr gesehen haben! Bitte verzeih mir! Nun bist du nicht mehr da!
Ich möchte dir danken für die vielen schönen Erinnerungen aus meiner Kindheit, du warst ein großartiger Mensch und Onkel. Dankbar bin ich auch, dass wir in regelmäßigen Abständen telefoniert haben und du wenigstens auf Bildern meine Tochter aufwachsen sehen konntest.
Ich hoffe wirklich, dass du bis zum letzten Atemzug wusstest, wir sind alle für dich da und denken an dich!
In dem geschlossenen Brief stand übrigens drin: Ich hab dich lieb und bestimmt sehen wir uns bald!

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Geschützt: Meine Tränen für dich

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Ich bin manche Tage so müde. Denke an dich, an uns.
An dein Lachen. Alles, was mir wichtig war, ist mit dir fortgegangen.
Nie mehr wird mein Leben so sein, wie es mit dir gewesen wäre.
Seitdem du fort bist, ist da ein riesiges Loch in meinem Herzen.
Es will einfach nicht kleiner werden.

Es redet keiner über dich, es ist, als wärst du nie dagewesen.
Aber ich will am liebsten schreien. Alles herausschreien.
Warum bist du einfach gegangen und hast mich hier alleine zurückgelassen?
Du hast mir versprochen, immer für mich da zu sein. Ein Teil von mir kann nie richtig erwachsen werden. Weil ich dich so sehr vermisse.

Ich vermisse den zärtlichen Kuss auf die Stirn und dass du mir über den Kopf streichelst.
Ich vermisse dein verschmitztes Lächeln, deine ganze Liebe nur für mich alleine.
Ich vermisse es, all die schönen Erlebnisse mit dir auszutauschen, die uns verbinden.

Die Tierparkbesuche. Die Reisen mit dem Zug. Die Briefe, die wir schrieben. Die Geheimnisse, die wir uns anvertrauten. Den Schmerz und das Leid, dass wir zusammen ertrugen.
Die Unfairness, die Demütigung, Beleidigungen und Unverständnis, als sich mit einem Schlag unser beider Leben veränderte.

Doch es wäre ohne diesen Einschnitt vielleicht auch nicht anders verlaufen als so.
Schaust du vom Himmel auf mich herab? Ich wünsche mir so sehr, dass du jetzt da bist.
Ich brauche deinen Rat. Verdammt, lass mich doch nicht allein.
Es ist so lange her. Du bist so lange weg.
Meine Tochter fragt so viele Sachen aus meiner Kindheit.

Ich erinnere mich ans Schneemann bauen, ans Picknick und die vielen Spaziergänge durch die Natur.
Du wolltest unbedingt mit mir Schach spielen, aber ich war noch zu klein. Ok, ich mag es bis heute nicht 🙂
Es ging dir nicht gut. Du bist schon immer ein trauriger Mensch gewesen. Tief im Inneren zerrissen.
Sie haben dich nie verstanden. Aber ich, ich habe dich verstanden.
Nie werde ich vergessen, was passiert ist. Doch du warst mein wissender Zeuge. Ein Mensch, der alles mit mir zusammen erlebt hat.

Du bist nun aber nicht mehr da.
Mein Schmerz versteckt und eingekapselt. Irgendwo tief drinnen.
Heute teile ich es der Welt mit, dass ich dich so sehr vermisse.
Hoffentlich werde ich eines Tages nicht mehr so traurig sein.
Gestern war mein vierzigster Geburtstag. Du bist an deinem 30. von uns gegangen.
Später einmal, wenn es so etwas wirklich gibt, dann feiern wir, ok?
Wir feiern wie die Helden! Du fehlst mir wahnsinnig.

Dein Schwesterherz

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