Das Jahrhundert der Angst

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Die Neunziger waren unbeschreiblich aufregend.

Jeder träumte von der großen Freiheit und vielen unbegrenzten Möglichkeiten.
Wir Jugendlichen nahmen wahrscheinlich die Existenzängste der Eltern nicht wahr, denn uns stand die Welt offen.
Nach der Herauslösung aus ideologischen Bildungsinhalten der zerfallenen DDR wurden wir Stück für Stück mit dem neuen Schulsystem vertraut und gingen unseren Weg.
Halb Kind, halb Teenie fallen solche Umwälzungen nicht sehr schwer. Abgesehen von der Pubertät, die wahrscheinlich sehr viele von uns als ziemlich antiautoritär wahrnahmen, haben sich doch die meisten hinüber gerettet in die neue Welt.

Niemand wusste, wohin der Weg führen würde, geschweige denn, welche Windungen und Kurven da noch vor allen lagen.
Die Neunziger sind für mich Sinnbild einer Selbfindungsphase. Jedoch nicht (nur) meiner, sondern die einer ganzen Generation.

Freiheit, Freiheit hieß es damals. Heute heißt es Angst.

Von der Euphorie blieb nichts da. Denn dieses Jahrhund

ert scheint mir eher geprägt von Angst, Verzweiflung, Zerwürfnis und Schwere zu sein.
Ein Internetzeitalter ist angebrochen, was die Köpfe der meisten Menschen nicht verstehen. Evolutionsbedingt sind diese vielen Informationen der Rund-um-die-Uhr-Vernetzung wahrscheinlich für die meisten menschlichen Gehirne zu viel. Das meine ich weder arrogant noch ironisch, es ist mein Ernst.
Viele Menschen tragen vor allem eins in sich

: Sorgen.
Das Internet kann nichts dafür, dennoch wird vielleicht so manchem erst durch die Interaktivität bewusst, wie die Welt wirklich ist und die Menschen, die in ihr leben.
Angst vor Flüchtlingen. Angst, den Job zu verlieren und in ein menschenunwürdiges Dasein abzurutschen. Angst, dem stets noch höherem Druck g

ewachsen zu sein. Angst vor Mobbing. Angst, hinten an zu stehen. Angst auch um die Kinder. Vor dem Versagen. Vor Verbrechen. Vor dem finanziellen oder wirtschaftlichen Crash. Vor dem Fanatismus, vor dem Unperfektsein, vor der Zukunft.

Ich beobachte in letzter Zeit eine sehr dramatische Wende in der Gesellschaft.

Seit Jahren empfinde ich einen riesigen Umwälzungsprozeß, in dem wir alle uns befinden, der rein gefühlsmäßig mit Worten nicht zu erklären ist.
Jede Menge Themen stehen im Fokus einer Gesellschaft, die nicht weiß, wohin sie laufen soll. Ob sie überhaupt laufen soll. Ob sie lieber innehalten und sich auf alte Werte besinnen soll. Oder damit den Fortschritt hemmt…
Es gibt auch eine enorme Spaltung im Denkprozess, ein Schwarz-Weiß-Weiß-Denken, welches durch die Medien oft genug noch Futter findet.

Arm oder reich, schlecht oder gut, krank oder gesund… Jede Spaltung dieser Art führt natürlich nicht zusammen, was zusammen gehört. Es ist gefährlich, sich nur auf eine Sichtweise zu verlassen, ohne den Horizont zu erweitern und über den sprichwörtlichen Tellerrand hinaus zu schauen.

Jedoch Angst ist ein schlechter Ratgeber, um Entscheidungen zu treffen und lähmt unsere Gesellschaft.

Wer nicht mehr fröhlich sein kann, wird depressiv. Ein Burnout des sozialen Gedankens rollt auf uns zu.

Vielleicht ist es meine subjektive Empfindung, dass sich hier große Extreme in den einzelnen Gesellschaftsschichten herauskristallisieren. Normalerweise bin ich immer bestrebt, meine Behauptungen auch sachlich zu untermauern.

In diesem Fall geht es jedoch nur um mein Gefühl. Es sagt mir, dass wir alle dem Druck in der Arbeitswelt nicht standhalten werden, denn Menschen sind keine Maschinen. Auch wenn es um das große Geld geht, so kann jeder Mensch nur ein bestimmtes Arbeitspensum schaffen.

Heutzutage ist fast jeder im Schichtdienst beschäftigt. Daran zerbrechen Familien. Der Kitt unseres Systems bröselt.

Die Neunziger waren ein so euphorisches Jahrhundert. Ich sehne mich zurück nach den vielen Ideen, wie wir alle eine bessere Welt gestalten können. Heutzutage haben mehr Menschen Angst vor Krieg, als damals – da gab es „nur“ Kapitalismus gegen Sozialismus.

Jetzt gibt es Gefahren, die lauern scheinbar überall. Eine Art Systemparanoia.

Die Verschwörungstheoretiker wissen es für sich zu nutzen und die Esoteriker auch.

Wer heutzutage kein stabiles inneres Wertesystem besitzt, wird mitgerissen von dieser erdrückenden Angst. Oder er befindet sich in einem Hamsterrad aus Hetzerei und Stress, viel Arbeit und wenig Freizeit. Immer verfügbar zu sein, ist ein gewaltiger Nachteil der Erfindung „Smartphone“.

Wer dazu aufruft, die Menschlichkeit nicht zu verlieren und einen Moment lang den Geldgedanken beiseite zu schieben, der wird als Gutmensch beschimpft. Wer dieses Wort als Schimpfwort nutzt, sollte ohnehin über sich nachdenken.

Andererseits steckt irgendwo immer ein Fünkchen Wahrheit und die Leute schäumen über, wenn sie sehen, dass Kindergärten geschlossen und Flüchtlingsheime hergerichtet werden. Polemik? Ja, es mag sein. Das Volk hat nicht studiert und setzt sich mit dem auseinander, was es vor die Nase gesetzt bekommt.

Wo welche Gelder hinfließen, was wie finanziert wird – das verstehen viele nicht. Denn es wird von den Politikern nicht sehr transparent in die Masse transportiert, dass verschiedene Gelder aus verschiedenen Pötten kommen.

Bildung schadet dabei ganz sicher nicht. Ich möchte auch niemanden verteidigen, der nur motzt und meckert, sich aber nicht informiert. Dennoch besteht unsere Gesellschaft aus den unterschiedlichsten Bildungsschichten und jedem sollte es in etwa nachvollziehbar sein, warum kein Geld für die Kinder in unserem Land da ist.

Wer hier schlau ist, bekommt genug Schafe hinter sich, um eine Revolution auszulösen. Die Frage ist nur, wem rennen die verschiedenen Gruppen dann nach.

Die einen glauben an die Wirkung von Globuli und verteufeln die Schulmedizin. Die anderen bestehen auf einer Verschwörung der Pharmaindustrie, welche mit Medikamenten Kinder und Erwachsene bewusst erkranken lassen soll. Aus reiner Profitgier.

Wieder andere sehen die große Gefahr in den Islamisten, und die, die sie dort nicht sehen – die richten ihren Blick über den großen See. Egal, mit wem ich rede oder was ich lese, früher oder später treffe ich auf Kontroversen, die ich tagelang erst einmal gedanklich auseinander nehmen muss, damit ich selbst weiß, wo ich stehe.

Ist es naiv, glücklich sein zu wollen?

Hin und wieder lehne ich mich bewusst zurück. Ich möchte gerne den Kopf freibekommen von den verschiedenen Sichtweisen. Meine Beobachtungen würde ich manchmal lieber ins Reich eines Science-Fiction-Romans verbannen. Es muss doch möglich sein, das Leben zu genießen und sein Kind glücklich aufwachsen zu sehen, ohne als naiv zu gelten.

Wo kommen wir als Eltern denn hin, wenn wir unseren Kindern ein so schlechtes Weltbild vermitteln?

Garantiert in Teufels Küche. Doch der soll sein Süppchen mal schön ohne mich kochen.

Die nächsten Tage begebe ich mich in die Natur und lasse den Medien-Mainstream nicht an mich heran. Vielleicht lindert das ein wenig den Weltschmerz. Leider kann niemand die ganze Welt verändern – diesen Spruch hörte ich schon als Kind sehr oft.

Ich antwortete dann immer trotzig, ich allein vielleicht nicht, aber wenn viele meiner Meinung sind…“

Ja, vielleicht schaffst du das eines Tages, murmelte eine sanfte Stimme zurück und ich spürte den Blick ernster, blauer Augen auf mir ruhen. Ihr seid eine Generation, die das schaffen könnte.

Nein, es ist nicht naiv – zu lächeln und Spaß am Leben zu haben. Nur wer nicht nachdenkt, ist gefährlich. Alles andere ist erlaubt.

In dem Sinne, eine stressfreie Woche ohne Angst vor…was auch immer

Hier steht eigentlich meine Unterschrift

 

 

 

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