Das ziehe ich nicht an. Und ich will andere Eltern!

 
Lesezeit: 8 Minuten

Wir sind ja an und für sich eine relativ normale Familie.
Nur hin und wieder kommen uns dann doch so ein paar Zweifel. Vor allem, wenn wir sehen, wie andere Familien so sind.
Wobei es ja auch sein kann, dass die dann unnormal sind und wir nicht. Wer weiß das schon?
Lange Rede, kurzer Sinn: Normal gibts wahrscheinlich nicht und demzufolge dürften wir eigentlich nicht schlechter abschneiden als andere.

Das etwas andere Familienleben

Wir haben unser absolutes Wunschkind, schlau, fröhlich, neugierig, selbstständig, witzig und schelmisch. Unsere Tochter ist ein wirklich gewitztes Fräulein und sie kann mit ihrem sonnigen Gemüt den ganzen Tag zum Strahlen bringen.
Egal wo sie auftaucht, hat sie die Sympathiepunkte immer auf ihrer Seite. Und trotzdem gibt es Situationen, die uns als Eltern schier verzweifeln lassen. Dazu gehört einmal ihr Schweigen manchen fremden Menschen gegenüber. Mehr dazu könnt ihr hier nachlesen.
Und ihr allgemeines Anziehproblem.
Ich weiß, dass jetzt manche abwinken werden. “Das macht doch jeder durch!”
Genau aus diesem Grund schreibe ich heute auch öffentlich darüber, weil es nicht stimmt.
Bei uns ist das so: Töchterchen braucht neue Hausschuhe. Zuhause nicht, aber in der Schule.
Also fahren wir “schnell” mal los zum Hausschuhe kaufen.
Ab da beginnt dann eine Odyssee, die sich niemand vorstellen kann, dessen Kind nicht an taktiler Abwehr/Überempfindlichkeit leidet. Schuhe zu kaufen ist nämlich eine der allergrößten Panikauslöser bei uns Eltern.
Es gibt Kinder, die sind so empfindlich auf verschiedene Anziehsachen inklusive Socken und Schuhe, dass es schier unmöglich ist, das Passende zu finden.

Körperfühligkeit und sensible Haut

Es zwickt, brennt, sticht oder kratzt auf der Haut. Es ist zu eng, zu weit, zu fest, zu locker. Egal, um was es geht, Jacken, Hosen, Unterwäsche, Socken, Mützen, Schuhe – alles muss genauestens vorher geprüft werden auf
-nicht zu enge Bündchen an Arm- und Bein-Enden
-keine Knöpfe
-keine störenden Nähte an Socken
-keine harten Säume/Ränder an Unterwäsche
-keine Reissverschlüsse oder “ganz normalen” Hosenbund wie zum Beispiel bei einer Jeanshose
-keine Socken, die unflexibel sind und sich nicht dehnen lassen wie zum Beispiel bei hohem Elasthan-Anteil
-keine T-Shirts mit zu kurzen, gerafften oder zu eng anliegenden Ärmeln, weil sie sonst nicht unter der Jacke getragen werden
-keine Jacken, die “zu faltig”  oder “zu eng” geschnitten sind
-keine Schuhe, die hinten, vorne, oben oder unten “drücken” ( Ballerinas, Sandalen, feste Schuhe, Gummistiefel, Stiefel)
-keine Schuhe, wo die Sohle irgendwie gewölbt ist oder Noppen in den Schuhen sind (darunter fallen auch sogenannte “Clogs” oder “Crocs”)
-keine Materialien, wo “steife” Bilder drauf sind oder die von innen her schlecht verarbeitet sind (zum Beispiel bei Socken sind innen oft kleine Knötchen vom Faden oder auch die Rückseite von aufgebügelten Bildern auf T-Shirts usw)
Das ist oft anstrengend und manchmal kostet es uns schon mächtig Nerven und jede Menge Geld.
Wer unsere Tochter falsch versteht, könnte auf den Gedanken kommen, dass sie einfach bockig ist und sich nicht anziehen will. Wobei sehr sicher aufgrund ihres Alters auch eine gewisse Zickigkeit mit in ihr Verhalten hineinspielt.
Das kommt dann jedoch noch zusätzlich dazu.

Wutausbrüche und Tränen

Es kommt auch bei den geduldigsten Eltern der Welt manchmal vor, dass der Geduldsfaden reißt. Das Zeitfenster, ausgiebig shoppen zu gehen, ist nicht immer da. Die Nerven hängen hin und wieder durch Arbeit, Schule, Stress und Sorgen auch bei uns Eltern am seidenen Faden und es gibt dann auch noch solche Monate, in denen andere Ausgaben anstehen. Wenn genau in dieser Zeit dann die Hausschuhe zu klein sind oder ein paar ihrer auserkorenen Lieblingsklamotten (ich schreibe gleich noch darüber), ist das ein wirklich doofes Spiel des Schicksals.
Meistens jedoch sind wir geduldig am Stück fünf Stunden unterwegs, um von Geschäft zu Geschäft zu gehen und alles tausende Male herauszusuchen, anzuprobieren und dann enttäuscht den Laden mit leeren Händen wieder zu verlassen, wenn es schlecht läuft.
Selbstverständlich haben wir so einige Strategien entwickelt, um den Bedürfnissen unseres Kindes gerecht zu werden.
Doch hin und wieder scheitert es – wie vorgestern – schon daran, dass sie sich für das Kaufen von Schuhen, Sandalen oder besagten Hausschuhen eben Socken anziehen muss. Wer will schon Schuhe kaufen, die jemand anderes barfuß ausprobiert hat?
Dann kommen solche Situationen zustande:
Männe hat frei und wir holen Kind schon recht zeitig aus dem Schulhort ab.
Gute Laune, Sonnenschein und zusammen lachen. Auf der Fahrt ins Einkaufscenter bringen wir dem Mäusel schonend bei, dass sie zum Anprobieren ihre Söckchen anziehen muss, die geduldig bei Mama in der Hosentasche warten.
Sie tut so, als wenn sie das nicht hört und stimmt nur sehr kleinlaut zu.
Spätestens dann steigt in mir so ein vages Gefühl von “”hoffentlich geht alles gut” auf.
Am Parkplatz angekommen steigen wir recht fröhlich aus dem Auto. Bis dahin ist die Welt noch in Ordnung.
Doch spätestens bei dem Satz vom Papa “Versprich´mir, dass du dann kein Theater machst und die Socken zum Anprobieren anziehst” ist der Ofen aus. Ich kann nur jedem raten, solche Sätze nicht anzuwenden. Nicht nur, dass nun eine hohe Erwartungshaltung da ist, die wahrscheinlich enormen Druck erzeugt, sondern es wird subtil auch “untergeschoben”, sie mache mit Absicht “Theater”.
Beides zusammen kann eine sehr explosive Reaktion in ihr provozieren und die endet bei unserem Kind meistens in Tränen oder Wut – oder beidem. Da kann es schonmal passieren, dass sie mich in den Arm kneift, an den Haaren zieht und selbstverständlich auch nicht mehr das Auto verlässt.
Jeder, der uns in so einer Situation beobachtet, dem kann ich versichern, wir wollten wirklich nur neue Hausschuhe kaufen.
Dann heult sie und ich wahrscheinlich auch, denn Haare ziehen tut natürlich weh und ich fühle mich schrecklich alleingelassen mit unserem “Problem”. Irgendwann finden wir dann doch einen Weg und gehen in das Einkaufscenter.
Letztens dauerte die Anfahrt zusammen mit besagter Situation inklusive Diskutiererei, einem wütenden Papa, der alleine loszog, einem tobenden Kind und mir als verheulter Mutter ca. ein einhalb Stunden.
Zum Vergleich: Sonst fahren wir 15 Minuten bis zum Shoppingcenter und steigen sofort aus.
“Ihr könnt mich nicht zwingen, etwas anzuziehen, was ich nicht will” schrie sie mich auf dem Parkplatz an. “Ihr versteht mich einfach nicht, ich will andere Eltern!”
“Dann such´dir welche, die zu dir passen” sagte ich leise mit riesigem Kloß im Hals und tränenerstickt, um es drei Sekunden danach gleich wieder zu bereuen. Wir lieben sie so sehr und wollen nur ihr Bestes. Nur wie?

Schwer erziehbar und unperfekt

Ich habe sehr lange gebraucht, um zu verstehen, wie unsere Tochter “tickt”. Eltern ignorieren ja ganz gerne erst einmal “Andersartigkeiten”. Wutausbrüche liegen per se auch an den Eltern, da sie ihr Kind nicht sorgsam begleiten und nicht angemessen auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen. Somit ist das Kind einfach überfordert, wenn es mir vor Wut die Brille von der Nase schlägt, wurde es mir in einer Erziehungsberatungsstelle erklärt.
Die hatten von taktiler Überempfindlichkeit noch nichts gehört. Schade. Hätte uns viel schlechtes Gewissen, unbewussten Stress und Streit erspart. Über selektiven Mutismus wussten sie übrigens auch nicht Bescheid.
Wenn es so viele Baustellen gibt, ist wahrscheinlich ein Fachmann eher für unsere Probleme geeignet, wurde mir verkündet.
Bei mir kam an: Wir können nur “normalen” Familien helfen. Solche speziellen Fälle gehören therapiert. Also durchforstete ich frustriert und enttäuscht das Internet nach Informationen und Hilfe.
Zuerst war ich in Elternforen unterwegs. Sieben Jahre lang versuchte ich herauszufinden, was unsere Maus hat und ob es noch andere Familien / Mütter / Väter gibt, die dieses Verhalten kennen.
Eine Sozialpädagogin, der ich den Sachverhalt schilderte, als die Maus gerade vier Jahre alt war, erklärte hingegen in einem Brustton der Überzeugung, ich müsse durchgreifen und Grenzen setzen, mehr Regeln aufstellen, damit sich das Kind “sicher aufgehoben und angeleitet” fühlt. Vor allem bei Wutausbrüchen solle ich aus der Erwachsenenebene heraus agieren und mich nicht auf die kindliche Augenhöhe mit unserem Mäusel begeben. Sprich, bloß nicht hinterfragen, warum sie gerade einen Wutausbruch hat, sondern handeln und nicht zu verständnisvoll reagieren.

Guter Rat ist teuer – Meine Beobachtungen bei taktiler Überempfindlichkeit

Ab diesem Punkt wurde mir klar, dass ich es irgendwie allein meistern muss, mit meinem lieben Engelchen in solchen Situationen umzugehen. Also beschloss ich, über sie eine Art Tagebuch zu führen und beobachtete sie intensiv.
Dabei kam heraus, dass sie allgemein Berührungen durch Fremde nicht mag.
Das könnte auch damit zu tun haben, was vor einigen Jahren mit ihr gemacht wurde.

Im Kindergarten wurde sie wie eine Babypuppe behandelt. Sie wurde umhergetragen, getätschelt und angefasst, über den Kopf gestreichelt und an der Hand hinter sich hergezogen

Es ist nur eine Vermutung, manchmal haben Mütter ja so eine Intuition!
Doch wer will schon ihre ganze Biografie hören, um uns zu helfen!
Dann fiel mir auf, dass sie bei Druck und Stress ebenfalls sehr viel intensiver mit ihrer Haut auf Anziehsachen reagiert. Das brachte uns ein großes Stück voran. Sie bekommt seitdem stressfreie Zeit zuhause und zwar ganz intensiv. Gerade seit dem Beginn der Schule wird ihr Verhalten wieder etwas extremer und ich glaube, es hat mit dem großen Druck zu tun, das Schweigen der Lehrerin gegenüber zu brechen. Ich habe sehr viele Gedanken zu dem Thema Schule schon aufgeschrieben. Du kannst gern auch hier nachlesen.
Sie mag am liebsten sehr bequeme, manchmal eher zu große und “ausgetragene” Sachen, also nicht zu neu und schon etwas weicher von der Form her. Daher kommt es auch, dass sie sich nur sehr schwer von ihrem Lieblingsshirt oder -kleid trennen kann. Sie trägt sehr gerne Sachen immer wieder. Dementsprechend kann es passieen, dass ich öfter abends die Sachen wasche, über Nacht trocknen lasse und sie zieht es früh wieder an.
Der Schrank ist zwar voll Klamotten, jedoch so die Hälfte davon kann ich verschenken oder verkaufen. Das zieht sie sowieso nicht an (obwohl vorher selbst mit ausgesucht und eins, zweimal sogar getragen)
Dazu kommt, dass sie von mir die Hochsensibilität geerbt hat. Übrigens wehre ich mich vehement gegen das Heraufbeschwören von “Störungen”. Es gibt seit jeher Menschen, die als sehr feinfühlig /empfindsam / sensibel gelten.
Ich selbst bin ein hochempathischer Mensch und kann von Natur aus Mikroexpressionen im Gesicht anderer Menschen lesen, außerdem sehr wetterfühlig und noch dazu Synästhesistin. Also das alleine sind ja schon Begriffe, die andere vielleicht noch nie gehört haben. Dazu kommt meine Gabe oder was auch immer, mich in andere Menschen gut hineindenken zu können. Das ist heutzutage sowieso schon Mangelware. So zu sein und trotzdem überhaupt in der heutigen Zeit klarzukommen,hat wirklich sehr sehr viel Training gebraucht.
Nicht alles kann immer nur in die Schublade “Störungen” geschoben werden. Neurologische Störung, psychische Störung, Wahrnehmungsstörung bliblablupp. Es ist die Vielfalt der Evolution. Nun gut, das nur am Rande. Sehr sicher werde ich darüber noch einmal ausführlicher schreiben.
Das Kind ist in meinen Augen völlig gesund. Zuhause läuft sie in bequemen Klamotten umher und barfuß.
Sie ist halt nur leider nicht “gesellschaftskonform”.
Ich verrate euch was: Ich wahrscheinlich auch nicht. Aber mal ehrlich! Weder sie noch ich noch viele viele andere sehr sensitive Menschen machen das mit Absicht, um irgend jemanden zu ärgern!
Wie sagte mein Kind einmal ganz treffend:

Ich möchte mich so gerne fühlen wie eine Feder, die irgendwo herunter taumelt. Aber manchmal fühle ich mich wie ein Stein, der so schwer ist, dass er nicht fliegen kann.

In unserem Fall ist es wirklich eine riesige Erleichterung, dass gerade Sommer ist.
Da braucht es nicht unbedingt Socken und feste Schuhe, außer bei Regen. Es fällt gar nicht weiter auf!
Erst ab dem Jahreszeitenwechsel wird es wieder etwas anstrengender werden, jedoch vielleicht schaffen wir es bis dahin, noch mehr Entspannung und stressfreie Zeit für unser Kind zu arrangieren.
Denn dann klappt es auch mit den Klamotten.
Demnächst schreibe ich noch ein paar Tipps, die unserer Maus auf jeden Fall helfen und geholfen haben.
Bis dahin ganz viel Geduld und Zuversicht,

Wenn du gern die Schilderung einer anderen Mutter mit ihrem sensiblen Kind lesen möchtetst, kann ich dir den Artikel auf diesem Blog empfehlen.

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