Der Osten und die Vorurteile. Wie schlimm sind wir Ossis wirklich?

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In letzter Zeit machen wir Schlagzeilen – wir Sachsen. Vor allem, was den Rechtsextremismus anbetrifft, so sollen wir Vorreiter sein. Braunes Gedankengut in den Köpfen. Auch ansonsten kommen wir Ossis nach wie vor nicht so gut weg. Außer bei der Kinderbetreuung. Kindergärten gibt es hier offensichtlich mehr als „drüben“.

Typisch Ossi- Braut

Ich bin aus Sachsen. Eine Wahlsächsin. Also eine Zugezogene.
Aufgewachsen bin ich im Randharz und im Süden von Brandenburg (das Bundesland, nicht die Stadt).
Mein Geburtsort liegt jedoch im Thüringer Wald.
Wenn ich es ganz genau nehme, bin ich überall eine Zugezogene.
Zumindest gelte ich mit dieser Biografie als eine „waschechte“ Ostdeutsche.
Doch wie typisch Ossi bin ich in Bezug auf die Geschichte der neuen Bundesländer?
Ich kann es euch nicht sagen, denn ich befürchte, wir befinden uns mit dieser Diskussion in einem Schubladenbereich. Das sind diese Art Bereiche, in denen Klischees und Vorurteile den meisten Raum einnehmen und meistens sind sie nicht einmal so groß wie eine Schublade. Eher wie ein mittlerer Schuhkarton.

Vorsicht Ironie. Wir Ossis haben jetzt nicht irgendwelche besonderen genetischen Merkmale. Ich will damit sagen – um Missverständnissen vorzubeugen – wir sind keine besondere Art Mensch im Sinne von Evolution. Im Grunde haben wir versagt, denn nicht einmal zum „neuen [sozialistischen] Menschen“ haben wir es geschafft. Noch nie gehört?

Der neue Mensch bzw. die sozialistische Persönlichkeit zeichnete sich besonders dadurch aus, dass er oder sie über vielseitiges Wissen und Können verfügte, arbeitsam war, ein ausgeprägtes sozialistisches Bewusstsein besaß, sich stets diszipliniert und nach sozialistischen Maßstäben moralisch verhielt, kulturell und sportlich interessiert und aktiv war und insgesamt eine positive, optimistische Lebensauffassung vertrat.
Quelle: Bildungsserver Berlin-Brandenburg. PDF hier nachzulesen

Ja, so ganz unbewusst haben wir hier alle diese Prägung.
Das ist nichts ostdeutsches, dass ist so drin. DDR- Erziehung. Oder ist das alles im Endeeffekt dasselbe? Wie weit geht kollektive Prägung? Wie lange befassen wir uns als gesamtdeutsches Volk noch damit? Ist diese sozialistische Persönlichkeit in jedem von uns versteckt? Wie heisst das Pendant im „Westen“ dazu dann eigentlich?

Aber Moment mal. Es widerspricht ja dem, was viele in uns Bewohnern von Neufünfland sehen. Immerhin haben wir den Spitznamen „Jammerossi“ weg. Das klingt nicht nach optimistischer Lebensauffassung.
Die Wahrheit ist, dass so ein Lifestyle von niemandem diktiert werden kann.
Eine Art Wertekultur kann sich jedoch trotzdem entwickeln, die Frage ist nur, inwieweit ein Staat seinen Nachwuchs prägen darf und sollte.
Gesetzt dem Fall, dass wir alle im „Osten“ dieses Streben nach dem neuen Menschen in uns haben, stellt sich die Frage, wie so ein Mensch sich wohl entwickelt, wenn er plötzlich inmitten einer sozialen Marktwirtschaft wieder „aufwacht“.
Wenn so mir nichts, dir nichts – innerhalb von einem Jahr – alles wegbricht, was wichtig war, um ein tüchtiger, fleißiger, ordentlicher Mensch zu sein … Die Anerkennung im Arbeitskollektiv allem anderen voran …
Fabrikhallen stehen leer, Fenster sind eingeschlagen, auf den Wegen wuchert Unkraut. Einst stand hier, in Magdeburg-Buckau, ein riesiges Industriekombinat: das VEB Schwermaschinenbau-Kombinat „Ernst Thälmann“ (Sket) mit 30 000 Beschäftigten. Heute sind es in mehreren Nachfolgegesellschaften mehrere hundert. Teile des großen Geländes wurden zu einem Industriepark umgebaut. Es ist auch das Erbe einer „Jahrhundertaufgabe“: der Umwandlung der DDR-Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft…weiterlesen
Wer wie ich aus einer Familie mit katholischem Hintergrund kommt, der kann heute ganz gut das Leben in der DDR reflektieren. Allerdings war ich eben ein Kind – zum Mauerfall gerade einmal 11 Jahre alt. Doch es hätte für mich böse enden können im DDR-System. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
Das ist doch wie in jedem Land.
Auch wenn sehr viele Menschen aus den alten Bundesländern das [immernoch] glauben: Es gab keine homogene DDR – denn letztlich ist der Mensch eben ein Individuum und reagiert so auch auf Einflüsse.
Dabei hat es keine Rolle gepielt, ob parteitreu oder nicht. Zumindest nicht spürbar.
Alles immer eine Frage des Blickwinkels.
Demzufolge gibt es auch kein wirkliches WIR. Das Einzige, was mit „die“ und „wir“ als Identifikation gegolten haben könnte, wäre eventuell: Das Volk gegen die Obrigkeiten. Doch dieses Volk hat aus so vielen Strömungen bestanden, dass es tatsächlich die eigenen Gegensätze überwand und sich gemeinsam gegen das Regime auf der Straße einfand, um zu demonstrieren.
Ja, da wird vielleicht ein Schuh draus. Das überlasse ich den Sozialwissenschaftlern.
Dann hätten wir da Christen, Rechte, Reformer, Bürgerrechtler – alle zusammen gegen die Diktatur, die von so vielen Ostdeutschen heutzutage nicht einmal mehr als Diktatur wahrgenommen wird. Erstaunlicherweise hat parallel zur Welle der ostalgischen Konsumgüter auf dem Markt auch eine Art Verteidigung einer Verklärungs-DDR-Welt  – kurz genannt Ostalgie – eingesetzt.
Das ist dann meines Erachtens so etwas wie das Suchen einer Identität des Ossi-Volkes. Aber bitte, es gehört in die Nachwendezeit. Also ist es eine Neufindung der sozialisitischen Persönlichkeiten (im Sinne von kollektiver Frühprägung in der Kindheit) nach dem Zusammenbruch des Sozialismus.

Wir sind jedoch keine Borg, wie sie bei Raumschiff Enterprise vorkommen. Sie gelten als „Geißel des Antiindividualismus und des immerwährenden Gleichklangs.“ Wir sind nicht miteinander vernetzt und teilen auch nicht alle miteinander dieselben Gedanken. Tun wir jetzt nicht und taten wir nie.
Dennoch wurde in der DDR ideologisch gesehen nicht viel Wert auf Förderung des Individualismus gelegt. Zumindest sagt man das heute.
Wegen dieser Töpfchengeschichte in der Kinderkrippe und auch so.

In Wahrheit ging es um das Gemeinwohl

Es ging darum, nicht die herrschen zu lassen, die vermögend waren, sondern eine Gleichheit zwischen den Menschen zu schaffen. Danach haben sehr viele Menschen gelebt und auch daran geglaubt.
Ich könnte es Sozialismus nennen.
Doch dieses Wort wurde zum Schimpfwort durch die, die den Karren an die Wand gefahren haben.
Dabei finde ich persönlich die Grundidee nicht schlecht. Jedoch es ist immer eine Entwicklung, ein Prozess, wie eine Gesellschaft sich herausbildet und funktioniert.

Theorie und Praxis liegen oft meilenweit voneinander entfernt

In diesem Falle wurde die Rechnung ohne den Charakter des Menschen gemacht – vielleicht auch seines Triebes nach Selbsterhalt. Oder Selbsterhöhung?
Jedenfalls hat sich diese Gleichmacherei aller Menschen verselbstständigt. Jeder, der anderer Meinung (oder anderen Glaubens) war, wurde zum Feind erklärt. Es wurden Gelöbnisse auf den Staat durchgesetzt und viele dieser neuen Ideen griffen in die Privatsphäre der Bürger ein.
Das ist der Weg zur Diktatur. Doch das vermittelte den Menschen, die nicht großartig von dieser „Linie“ abwichen – die also nicht von Andersartigkeit betroffen waren – selbstverständlich auch das Gefühl von Sicherheit und Zusammenhalt. Vielen Eltern hat es wahrscheinlich auch geholfen, dass der Staat die Kinder miterzog.
In Krippen und Kindergärten, in Schule und Beruf – überall wurden Werte vermittelt (sozialistische Werte), sodass man sich rundum gut aufgehoben fühlte.
Von Kindesbeinen an.
Oder aber dirigiert, überwacht und diktiert. Oder eine Mischung aus beidem…

Das Verständnis für alle diese Prozesse fehlt

Nicht jeder, der diesen Antiindividualismus der DDR verabscheute, wollte somit in ein ebenfalls sehr unausgereiftes System der damaligen BRD rutschen. Wie gesagt, gab es auch Reformer, Leute, die einiges an der DDR umbauen, verfeinern, verändern wollten. Eben eine demokratische Republik wollten – jedoch nicht zwingend Kapitalismus…
Nun gut, das ist eigentlich das Thema für hochstudierte Menschen, für Sozialwissenschaftler oder Philosophen, die leider zu oft aus der Sicht „von der anderen Seite der Mauer“ analysieren und zusammentragen. Das ist jedoch einfach nicht das Gesamtbild und wird es auch niemals sein, es sei denn, da gäbe es besondere Talente, empathisch zu sein oder eine Art Vogelperspektive einnehmen zu können.
Somit sind wir Ossis wahrscheinlich schwer integrierbar, wir hätten uns lieber für ein gesamtes neues Deutschland einsetzen sollen- denn auch in sozialistischen Systemen gibt es sehr viel Erfahrungsreichtum, wenn nicht sogar auf manchen Gebieten nur dort.
Doch konsumorientierte und von Vermögen und Besitz gesteuerter Lifestyle, dass ist es nicht, was der Ostdeutsche im Innersten will. Er hat sich nur angepasst.
(Bitte verzeiht die Pauschalisierung – ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Jedoch stelle ich mir vor, dass hier im Osten manche Menschen im Kern vielleicht etwas sozialer, bindungsfähiger eingestellt sind. Dazu müssten Umfragen und Studien durchgeführt werden)

Der Spott der Neufünfländer

Was den Ossis echt sauer aufstößt, ist, dass alles, was sie in ihrem Leben geleistet haben, verspottet und niedergetrampelt wurde.
Dieses Lustigmachen und Abwerten von Seiten vieler BRD-Bürger kann ich einwandfrei bestätigen.
Ich habe es selbst miterlebt und werde das Gefühl niemals vergessen. Die Minderwertigkeit und Scham, die es in einem auslöst, taten mir als Kind unvorstellbar weh.
Theoretisch konnte ein Hauptschüler aus der BRD sich zu diesen Zeiten über die anspruchsvolle Arbeit eines DDR- Professors lustig machen, einfach aufgrund der Länderzugehörigkeiten. Das ist natürlich ein absolutes Unding. Ich habe es mit diesem Beispiel einmal drastisch veranschaulichen wollen, wie sich mancher Ostler damals gefühlt haben mag.

Im Laufe der Zeit hat sich nun wie oben erwähnt eine Art neue ostdeutsche Identität herausgebildet. Das Trauma der Massenarbeitslosigkeit ist zumindest ruhig gestellt, wenn auch nicht verheilt und der Spott des Westens hat sich umgekehrt zum Spott gegen den Westen.

Obwohl ich persönlich die Wiedervereinigung und auch diese ganze Ost-West-Diskussion etwas differenzierter sehe als manche anderen Ossis, muss ich doch sagen, dass ich es gut finde, wenn sich eine Art neues Selbstbewusstsein des Ostens herausbildet.

Das haben sich alle wirklich mehr als verdient. So viele kluge und fleißige Menschen, die es wieder auf die Beine geschafft haben nach einer wirklich harten Zeit. Ich bin jedenfalls sehr stolz auf meine Eltern und deren ganze Generation, sie sind meine allergrößten Vorbilder, sich durchzukämpfen.
Auch diese spezielle Art von Humor, fast schwarzer Humor ist etwas, was ich am Osten so liebe.

Eine Frau um die 50 sagte mir mit einem nicht zu deutendem Gesichtsausdruck:
„Wie doof wir doch waren – weil wir dachten, das Westauto ist das Nonplusultra. Dabei kamen zu uns nur die Schrottkarren. Aber wir waren alle stolz wie Oskar. Bis der Unterboden durchbrach oder die Bremsen versagten. Und dann sagte der Wessi: Die bauen Unfälle, weil sie die PS unterm A…. nicht gewohnt sind.“

Heute, da spotten die Ossis über die vielen Neuerfindungen, die es in der DDR schon lange gab. Die Pfandflaschen, die Stoffbeutel, die Kindertagesstätten, … Es gibt so viele neue Dinge , die uralt sind. Doch früher war es eben „Made in GDR“ und somit verpöhnt. Heute lachen hier viele darüber, wie es lief und läuft.

Es gibt bald ausführlich den nächsten Artikel, in dem es um Rechtsextremismus im Osten geht.

Doch ich möchte eines zum Schluss sagen: Es sind nicht alle hier rechtsextrem oder ausländerfeindlich. Der Osten ist meiner Ansicht nach sehr konservativ und viele Dinge werden kritisch hinterfragt.
Auf der Suche nach Orientierung muss jeder hier im Osten dazu beitragen, seinen Kindern eine Weltsicht zu vermitteln, die sie später nicht in die Hände von Rechtsextremen treibt. Oder in die Hände von religiösen Fanatikern.

Es gibt hier in Neufünfland so viele herzliche und weltoffene Menschen! Alle diese Personen tragen dazu bei, dass ich meine Heimat so gern mag.

Wir sollten alle die guten Erfahrungen, die wir in der Wendezeit mit auf den Lebensweg bekommen haben, nutzen. Das gilt für das gesamte, vereinte Deutschland!

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