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Lesezeit: 13 Minuten

Ist es pädagogisch wertvoll, mit gewisser Führung zu erziehen oder sollten wir unsere Kinder in ihrer Entwicklung begleiten und sanft anleiten?
Oder sind Kinder in vielen Dingen besser von der Natur ausgestattet, als wir glauben und entwickeln sich am besten, indem wir wenig eingreifen und vieles “sich entwickeln” lassen?
Nie wurde über Kindererziehung so viel diskutiert wie heute.
Oft wird über Medien das Bild transportiert, Kinder von heute seien ungezogen und kennen keinerlei Grenzen mehr.
Die heutige Elternschaft sei desorientiert und selbst maßlos und brauche Hilfe, wie beispielsweise in der Kinderklinik des umstrittenen Films “Elternschule”.
Kinder von heute hätten keinen Respekt, viele Störungen oder Krankheiten und die Eltern seien alles Mögliche, nur nicht geeignet, ihre Kinder adäquat zu wertvollen Menschen zu erziehen.
Doch wer bestimmt, was wertvoll ist?
Woher kommt der Grundgedanke der Kindererziehung überhaupt und zu welchem Ziel, welcher Motivation erziehen wir unsere Kinder?

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Woher entstammt der Gedanke von Erziehung?
Machen wir dazu eine etwas längere Zeitreise und widmen uns einem bekannten Zitat:

“Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer!” (Sokrates, ein griechischer Philosoph vor unserer Zeitrechnung.)

In jener Zeit, der Antike ( ca. von 800 v. Chr. bis ca. 600 n. Chr.), herrschte die Auffassung vor, dass intellektuelle und ethische Erziehung zu guter Bildung und zur Ausprägung besonderer Charaktermerkmale führt, wie zum Beispiel Tüchtigkeit und Tapferkeit.
Erzogen wurden Knaben in privat organisierten Schulen und dort wurden sie unterrichtet in Lesen, Schreiben, Rechnen, Musik und Gymnastik.
Als Grundlage und als Prozess der Erziehung eines jungen Knaben galt also die Bildung und diese wiederum war nur den wohlhabenden Schichten vorbehalten.
Somit ist der Gedanke der Erziehung im Bildungs- und später Schulwesen begründet und in einer reichen Oberschicht und nicht im Elternhaus!
Interessant dabei:
Der Paidagogos war ein Sklave, der den Knaben zur Schule brachte, in der Schule begleitete und darauf achtete, dass der Junge anständig (dem Stand entsprechend!) gekleidet war und sich nach gewissen sozialen Regeln benahm. Prügelstrafen waren in Schule als auch während des Erziehungsauftrags des Paidagogos dem Knaben gegenüber ausdrücklich erlaubt.
So war das.
Und Sokrates?
Er, als auch sein Schüler Platon – beide bekannte griechische Philosophen der Antike – wollten eine öffentliche und allgemeine Bildung für jeden freien (männlichen) Bürger durchsetzen, unabhängig von Geld, Macht und Status.
Die Sorge um die Seele des Menschen stand dabei stark im Fokus der Erziehungsbildung (oder Bildungserziehung?): Wer tugendhaft, einfühlsam, leistungsstark und gebildet sei, der komme zu Ruhm und Ehre.
Diese Grundidee übernahm das Christentum in der Spätantike (ca. 284 nach Chr./ Übergang von der Antike zum Frühmittelalter), nur dass jetzt religiöse Ansichten mit einflossen und die Lehren von Jesus Christus im Vordergrund standen.

Erziehung, Bildung, Glaube – Eckpfeiler der kirchlichen Schulen bis ins 20. Jahrhundert
Öffentliche Dom- und Klosterschulen vermittelten den (männlichen) Angehörigen des geistlichen Standes die Lehre Jesu Christi und die sieben Fächer Grammatik, Rhetorik, Dialektik/Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie.
Im Mittelalter (ca. 6. bis 15. Jahrhundert) gab es flächendeckend ausschließlich christliche Erziehung und Bildung in den Schulen, erst während der Renaissance (15.–17. Jh.) begannen sich humanistische Bildungsgrundlagen durchzusetzen.
Diese Grundlagen lehrten zwar christliche Folgsamkeit, waren aber geprägt von einem forschenden, neugierigen Denken, dass erstes Hinterfragen überhaupt erlaubte.
Außer kirchlichen Schulen gab es zu der Zeit die ersten sogenannten Bürgerschulen.
Hier lernten die Schüler aus dem Bürgertum Lesen, Schreiben und Rechnen – erforderliches Wissen für das Arbeiten im Handel.
Für das einfache Volk waren keine Schulbesuche vorgesehen.
Trotzdem bildeten sich Klipp- und Winkelschulen, die gegen Geld oder Naturalien besucht werden konnten und dennoch verboten waren.
Die Winkelmeister als Lehrer dieser Schulen brachten den Schülern ohne pädagogische Kenntnisse und mit niedrigem Wissensstand einfache Lese-, Schreib- und Rechenübungen bei.
Dabei achteten sie vor allem auf Disziplin und stures Auswendig-Lernen, zur Not auch unter Androhung der Prügelstrafe.

Während der Aufklärungszeit (17.–18. Jh.) stand die Wissenschaft im Vordergrund
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Zeitepoche veränderten und beeinflussten die christliche geprägte Schulbildung enorm.
Experimentieren, Forschen und Entdecken waren nun die Schlagworte für Bildung.
Es wurde angenommen, dass ein Mensch ohne Fähigkeiten auf die Welt käme wie ein leeres Blatt. Durch Erziehung werde dieses Blatt dann beschrieben, erklärte ein englischer Philosoph jener Aufklärungszeit (John Locke).
Zur Zeit der Wilhelminischen Epoche (Ende des 19. Jh.) kamen sehr rigide und konservative Orientierungen zum Ausdruck. Der Ausspruch „Wer sein Kind liebt, züchtige es!“ stammt aus dieser Zeit.
Sport in den Schulen war militärisch geprägt, Frauen gehörten dem Ehemann und waren für das „Kinder bekommen“ zuständig.
Härte, Züchtigung, Gewalt, Macht, Strenge machten sich in Erziehung und Bildung bemerkbar.
Gottes- und obrigkeitsfürchtige Menschen sollten herangezogen und (aus-)gebildet werden.
Alle Kinder, ob Mädchen oder Junge, gingen im Kaiserreich circa acht Jahre zur Volksschule – meist vom sechsten bis zum 14. Lebensjahr. Es bestand Schulpflicht.
Die damals existierenden Bundesstaaten konnten die Dauer des Schulbesuchs selbst entscheiden.

Gegen den autoritären Drill der Kinder wehrten sich Vertreter der Reformpädagogik
Sie forderten eine kindgerechte Erziehung im Bildungssystem und wollten keine reine Lernschule.
Eine der berühmtesten Reformpädagoginnen ist Maria Montessori, die wie viele ihrer Kollegen das Kind als Individuum achtete und seine kreativen Kräfte wecken und fördern wollte. Statt Drill und Druck sollte die Selbstständigkeit der Kinder im Fokus stehen, freies Denken und Handeln unterstützt werden.
Durch Friedrich Fröbel entstand der erste „allgemeine Kindergarten“, in denen Kinder spielen und sich entfalten konnten, denn seiner Ansicht nach sollten Kinder wie eine Pflanze gehegt und gepflegt werden. Bis dahin war die Kindheit nie als besonderer Entwicklungsabschnitt gesehen worden und somit gab es auch keinerlei pädagogische Ansätze für Kindererziehung.
Anfang des 20. Jahrhunderts (Weimarer Republik) bildeten sich viele Schulen mit reformpädagogischen Grundlagen und 1920 fand außerdem im Völkerbund eine intensive Auseinandersetzung mit Festlegung von allumfassenden Kinderrechten statt.
Mit dem Nationalsozialismus (Anfang des 20. Jh.) stand bedingungsloser Gehorsam – ähnlich wie zur Kaiserzeit – wieder im Vordergrund. Später wurde in alle Bereiche der Erziehung von Kindern, ja sogar der gesamten Gesellschaft, eingewirkt und ein totalitärer Führungsstil setzte sich durch.
Er umfasste sowohl das Lehren ideologischer Inhalte (Rassenlehre, Rollenverteilung innerhalb einer Familie, Antisemitismus) in den Schulen als auch in der Bevölkerung. Es wurde politisch bzw. staatlich vorgegeben, was gut und böse, richtig und falsch ist. Wer dem nicht nachkam, wurde verfolgt, bestraft und im schlimmsten Falle umgebracht.
Die Erziehung im Nationalsozialismus förderte kein eigenständiges Denken oder Handeln.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs (Mitte des 20.Jh.) wurde Deutschland im Westteil von den Alliierten und im Ostteil von den Sowjets besetzt
In der Westzone wurde das dreigliedrige Schulsystem wieder eingeführt und in der Ostzone eine zehnklassige allgemeinbildende Oberschule sowie die Möglichkeit des Besuchs einer erweiterten Oberschule (Abitur) als auch berufsbegleitendem Abitur.
In der Westzone – später BRD – sah man die Ursache für den Ausbruch des Nationalsozialismus in einem entwertenden Erziehungsstil, der Kinder ängstlich werden lässt und den Pädagogen überhöht.
Als „Schwarze Pädagogik“ wurde diese Art der Erziehung bezeichnet, die aus ängstlichen Kindern unmündige Bürger werden lässt. Dem gegenüber standen und stehen reformpädagogische Ansätze.
In der Ostzone – später DDR – wurde der Fokus auf eine marxistisch-leninistische Erziehung gelegt. (wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse im Befreiungskampf gegen das alleinherrschende internationale Finanzkapital)
Die Eckpfeiler in der Bildung waren Einheitlichkeit, Staatlichkeit/Weltlichkeit, Unentgeltlichkeit, Wissenschaftlichkeit, Parteilichkeit und Lebensverbundenheit.
Von Kinderkrippe bis Hochschule gab es ein einheitliches, sozialistisches Bildungssystem. Ziel war, dass alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von Geschlecht, Abstammung und sozialer Herkunft gleiche Zugangschancen zu den Bildungsmöglichkeiten der DDR haben. Mit ein und demselben Bildungskonzept in der gesamten DDR sollte eine Allgemeinbildung auf hohem Niveau erworben werden können.

Erziehung, Lernen und Schule heute
Sämtliche Fragen über die heutige Erziehung von Kindern – alle verschiedenen Ansätze und Lehren der Pädagogik – entspringen also dem Erziehungsgedanken innerhalb des Bildungssystems.
Wie Kinder in Schulen am besten Regeln beigebracht werden und ihnen Bildung vermittelt wird, das ist der Grundgedanke von kindlicher Erziehung, wie wir am Lauf der Geschichte sehen können.
Inwieweit diese Erziehungsformen auf unseren familiären Alltag anwendbar sind, ist fraglich.
Doch dadurch, dass heutzutage die Kinder von klein auf in Kindereinrichtungen untergebracht sind, scheinen hier die elterlichen Erziehungsstrategien nicht die große Rolle zu spielen.
Viele Kinder verbringen jeden Tag 6-8 Stunden in Kinderkrippen, Kindergärten, Schulen und Horten, in denen nach verschiedensten konzeptionellen Plänen pädagogisch gearbeitet wird – also eine Art gesellschaftstaugliche Erziehung und Bildung stattfindet.
Wenn ich rechne, wieviel Zeit Kinder spätestens, wenn sie in die Schule gehen, mit ihren Eltern verbringen, so komme ich auf deutlich weniger Stunden, bis es ins Bett geht.

Eltern und Erziehung
Nun ist die große Frage, wo Kinder sich mehr abschauen, mehr lernen, sich mehr einprägen, mehr nachahmen. Sind es die Kindergärtner/innen, die Hortner/innen, die Lehrer/innen, die Klassenkameraden und Schulfreunde oder sind es die Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel, Geschwister, Cousins und Cousinen?
Um zu wissen, wie Eltern „richtig“ erziehen können oder ob wir überhaupt unsere Kinder erziehen oder lieber sanft begleiten sollen, müssen wir uns vielleicht erst einmal eine ganz andere Frage stellen.
Wie viel qualitativ und quantitativ hochwertige Zeit verbringen wir überhaupt mit unseren Kindern?
Wann haben wir die Möglichkeit, sie zu „wertvollen“ Menschen zu erziehen?
Abends beim Abendbrot oder wenn es dann so langsam ins Bett geht?
Nachmittags, während wir mit ihnen bei den Hausaufgaben sitzen?
Oder eher, wenn wir im Einkaufscenter mit ihnen unterwegs sind?
Vielleicht auch, wenn wir sie nach der Nachtschicht früh kurz sehen und dazu den Partner, der in die Frühschicht geht und sich vorher ums Aufwecken und Anziehen der Kinder kümmert?
Wer erzieht unsere Kinder und warum?
Für mich persönlich gestaltet sich das so:
Die meisten Eltern und die meisten Kinder haben wenig Zeit miteinander. Die Momente aber, die sie miteinander teilen sind familiäre Augenblicke.
Wie wir Erwachsenen in diesen Situationen mit teilweise nicht allzu großem Zeitfenster reagieren, so reagieren auch unsere Kinder.
Unabhängig davon, dass jedes Kind andere Charaktereigenschaften hat, eines ruhiger oder pflegeleichter; das andere temperamentvoll und energiegeladen ist, schauen unsere Kinder uns Eltern ganz genau an.
Wer gestresst von der Arbeit kommt, wer Geldnot oder andere Sorgen hat, wer gedanklich abwesend ist, wer sich nicht zuhause fühlt, wer ständig unter Druck steht, wer müde und ausgelaugt ist, wer traurig oder unzufrieden ist, gestresst, genervt oder zurückgezogen – hat höchstwahrscheinlich auch genau solche Kinder.
Das ist kein Vorwurf, das ist eine Feststellung, die ich an mir bzw. uns genau beobachten konnte!
Wenn Mama oder/und Papa glücklich und zufrieden sind, wenn sie für einen guten Lebensstandard finanziell aufkommen können, wenn sie lachen, Freude am Leben haben, Zeit haben zum Spielen, quatschen, kochen, backen, Fußball spielen, zum Faxen machen und herumalbern, zum Baumhaus bauen, zum kuscheln, dann sind die Kinder definitiv auch kuschliger.
Elternliebe ist etwas ganz Elementares, fast Magisches. Da gibt es soviel Geborgenheit und Vertrauen, Wärme, Liebe. Das kann und wird auch der/die beste Hortner/in der Welt niemals geben können. Selbst bei supertollen Charaktereigenschaften, maximaler Empathie und wirklich sagenhaftem Wissen über die kindliche Seele wird weder ein/e Kindergärtner/in, noch irgendein/e ander/e/r Pädagoge/in dieser Welt einem Kind das geben können, was Mama oder Papa (oder andere nahe Verwandte) ihm geben – vorausgesetzt natürlich, dass die Bindung sicher und stabil ist.
(Bei Fällen, wo die Beziehungsfähigkeit nicht gegeben ist, ist das Kind wahrscheinlich überall besser aufgehoben als zuhause, also lasse ich das jetzt erst einmal raus)
Natürlich kompensieren Kinder vorübergehende Abwesenheit vom Elternhaus. Sie sind in der Lage, verschiedene soziale Beziehungen aufzubauen und das ist auch sehr wichtig für die Entwicklung. Je nach Alter tun Abnabelungsmomente von den Vertrauenspersonen gut – allerdings nicht mit Druck und Gewalt, sondern im Ideallfall, weil es die Neugier des Kindes anregt, neue Bekanntschaften außerhalb von Mama oder Papa zu machen…

Erziehungsratgeber in die Tonne
Gute Erziehung funktioniert ohne Lektüre. Im Grunde gibt es „Erziehung“, wie wir uns das denken, gar nicht. Wie man an dem langen Text über die Entstehung und den Ursprung des Erziehungsgedankens erkennen kann, ist Erziehung mit Bildung gekoppelt, mit Schule, mit „außerfamiliär.“
Familie dagegen ist mit Geborgenheit, sich fallen lassen können, seinen Platz dort haben, gekoppelt.
Zuhause – das ist sozusagen das Leben neben der „Erziehung durch Bildung“.
Das, was wir Kindern vermitteln wollen, ihnen beibringen wollen, dass schaffen wir auch ohne Erziehungsratgeber. Wir machen es ihnen einfach vor.
Wir beschimpfen nicht wütend andere bekloppte Autofahrer und zeigen ihnen nicht den Vogel.
Wir haben eine ausgewogene Esskultur, schauen nicht TV während der Mahlzeiten, haben kein Smartphone an, nehmen uns im Vorfeld liebevoll Zeit für die Essenszubereitung, decken schön den Tisch und genießen die Familienzusammenkunft.
Wir erledigen keine Dinge auf den letzten Drücker, hören uns gegenseitig aufmerksam zu, tun etwas für Körper, Geist und Seele, räumen weg, was wir vorher benutzt haben, achten auf regelmäßige Hygiene, sind kreativ, einfallsreich, viel an der frischen Luft und haben weder Druck noch Stress.
Herrliche Vorstellung.
Natürlich nicht realistisch. Wer schafft das schon nach neun Stunden Vollzeitarbeit und mindestens einer zusätzlichen Stunde Fahrt? (Viele haben für einen Arbeitsweg bereits eine Stunde Fahrt!)
Unsere Kinder allerdings – die sollen funktionieren. Jedoch wenn sie ausrasten, wütend werden, Druck ablassen, nicht einschlafen können, frech sind, spucken, beißen, kratzen oder mit Dingen um sich werfen, wenn sie sich zurückziehen, gedanklich abwesend sind, unter Strom stehen, nicht abschalten können oder gleichgültig werden, nicht lachen, tanzen, spielen, malen, basteln, nicht an die frische Luft gehen, nicht kreativ und einfallsreich sind – dann sind sie nicht falsch erzogen.
Es hat gar nichts mit Erziehung zu tun, wenn sie so sind.
Sie ahmen ihre allerliebsten Lieblingsmenschen nach – meistens unbewusst.
Und ihren Lieblingsmenschen ist das auch meistens nicht bewusst, dass sie solche Dinge vorleben.
Im Schlechten wie im Guten. Je weniger Zeit wir mit unseren Kindern haben, desto mehr saugen sie übrigens von uns in sich auf. Auch verständlich. Sie wollen so viel wie möglich an Verhalten speichern und später irgendwann ausprobieren, wie es sich mit diesem Verhalten lebt.
Wir Erwachsenen sind gezwungen, „unseren Mann“ im Erwerbsleben zu stehen, um Geld zu verdienen. Verdienen wir Geld, haben wir oft gar keine strukturierte Familienzeit; egal ob Männer oder Frauen. Verdienen wir kein Geld, haben wir dagegen keine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
Unsere Kinder wachsen jedoch mit uns als Vorbildern auf. Sie sehen in Mama und Papa bzw. ihren wichtigsten Bezugspersonen starke Erwachsene, die alles können und schaffen, die Sicherheit und Geborgenheit bieten und die immer da sind, wenn sie gebraucht werden.
Es spielt also außer der Erziehung als Bildungsgedanken in den öffentlichen Kindereinrichtungen und Bildungsstätten auch die Wirtschaft mit hinein, wenn es darum geht, wie wir mit unseren Kindern pfleglich und sorgsam umgehen, mit ihnen Zeit verbringen, ihnen Werte nahe bringen.
Letztendlich ist Erziehung, wie sie immer gefordert wird – im pädagogisch wertvollen Sinne – mittlerweile eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Hier müssten Elternhaus und Schule ganz anders zusammenarbeiten!

Familie und Gesellschaft
Ändern sich Gesellschaft, Politik oder/und Wirtschaft, ändern sich auch die Lehrinhalte in den Schulen und die Erziehung! Das hat uns die Zeitreise durch die Geschichte der Pädagogik eindrucksvoll gezeigt!
Jedoch inwieweit die jeweils vorherrschende öffentliche Form der Erziehung in jeder einzelnen Familie wirkt und funktioniert, ist ein anderes Thema.
Zu DDR-Zeiten war es oft so, dass innerhalb der Familie ganz andere Werte an die Kinder weitergegeben wurden als öffentlich der Gesellschaft entsprechend.
Demzufolge scheint es etwas anderes zu sein, was wir unserem eigenen Nachwuchs mit auf den Weg geben wollen als das, was erziehungstechnisch von Politik, Wirtschaft, Kirche, Pädagogen, der Gesellschaft als solcher gefordert wird. Offenbar gibt es etwas im Familienkreis, was eben diese eine Familie wie Kitt zusammenhält.
Familienkreis – das kann eine größere Verwandtschaft betreffen oder im Kleinsten auch nur einen Elternteil mit einem Kind.
Es ist dabei völlig Wurst, welche sexuelle Orientierung Eltern haben, ob sie geschieden sind oder überhaupt zusammenleben, welche Sprache sie reden, wie sie aussehen, was sie politisch für Ansichten haben oder woran sie glauben.
In irgendeiner Art sind alle Eltern ein Produkt aus verschiedenen Faktoren, wir alle sind sozusagen ein Erfahrungsspeicher auf zwei Beinen und die Summe jener Erfahrungen machen nicht nur wir selbst aus, sondern auch die Erlebnisse und daraus resultierendes Verhalten unserer Eltern oder prägenden Personen und derer wichtigsten Bezugspersonen.
Werte, die wir vermittelt bekommen haben, geben wir meistens, ohne zu überlegen, weiter an unseren Nachwuchs; je nachdem, ob wir insgesamt damit einverstanden sind in Zweck und Nutzen solcher innerfamiliären Richtlinien.
Wir können uns nicht zu hundert Prozent umkrempeln, wenn unsere Kinder dann auf der Welt sind, und so machen alle Eltern genau das, was einfach dem Leben entspricht: Sie probieren verschiedene Wege aus, um zu einem Ziel zu gelangen.
Sei es nun im Umgang mit Kindern oder auch Erwachsenen, sei es im Aufbau von Freundschaften oder Liebesbeziehungen oder im Suchen nach einem guten Weg durchs Leben.
Wenn das Gerüst der eigenen Familie recht gut aufgebaut war, kann es schon passieren, dass wir 1:1 diese Lebensschablone übernehmen und wenn die Generation davor auch schon ein recht geregeltes Dasein lebte, so werden manche Muster weiter getragen und angewendet, soweit es mit der Gesellschaft – dem Wandel um die Familie herum – vereinbar ist.
So kann sich mitunter bei besonders großen globalen Herausforderungen auch eine ganze Gesellschaft verändern und sucht ebenso Lösungen durch Neu-Ausprobieren und Flexibilität.

Vermittlung von Werten und Normen
Kinder lernen vermittelte Werte immer parallel zum „Werte vergeben“ durch die Eltern/Bezugspersonen/Familie und letztlich der Gesellschaft, die wiederum von Wirtschaft, Politik (je nach Herrschaftsform) und Religion geprägt ist, aber auch technologischem Fortschritt und der jeweiligen Situation von Frieden oder Krieg in der gesamten Welt.
Momentan suchen wir uns alle ganz eindeutig – egal in welchem Bereich. Das ist einerseits ein Ausprobieren und ein guter Weg für vollkommen neue Ansätze und Ideen, andererseits ist es ein Zeichen dafür, dass die alten Muster nicht mehr funktionieren werden und scheinbar auch teils schon verabschiedet wurden.
Somit können wir an unsere Kinder auch keine alten Erziehungsmuster weitergeben, es sei denn, wir sehen für sie einen Vorteil, den sie in der heutigen Zeit daraus ziehen können.
Jedoch verändert sich die Entwicklung einer Zeitspanne von gut zwanzig, dreißig Jahren momentan so gravierend, dass Kinder von heute ihren Eltern nicht nur ein bisschen voraus sind, nein, es sind teilweise ganz andere Menschen. Gerade der technologische Fortschritt ist bemerkenswert und hat die gesamte Welt verändert.
Schauen wir alleine das Internet an, wodurch eine ganz andere Meinungsbildung stattfindet– global! – und so gut wie jeder Bürger in unserer Gesellschaft ist involviert. Die Medien geben den Informationsrahmen nicht mehr vor, das Sortieren von wichtigen und unwichtigen Themen fällt weg (früher ging das ja technisch gar nicht anders!), neue Berufszweige im Netz entstehen und es gibt viele Neuerungen in der Wirtschaft bis hin zur digitalen Revolution.
Was das mit der Erziehung unserer Kinder zu tun hat?
Scrollt nochmal hoch und schaut euch die verschiedenen Zeitepochen an. Kinder wurden schulisch erzogen. Die Schule richtete sich nach der jeweiligen Politik, Wirtschaft und Religion. Die jeweilige Zeit prägte die Gesellschaft.
Eltern und Pädagogen passten sich an die jeweilige Zeitepoche öffentlich an. Doch inwieweit es die Erziehung der Kinder zuhause in der Familie betraf, das war nichts Öffentliches. Da war eher dieses „Benimm dich, wenn wir unterwegs sind.“ Nichts war und ist peinlicher für manche Eltern, wenn das Kind sich im öffentlichen Raum nicht benimmt. Dennoch wird innerhalb der Familie vielleicht nicht so sehr auf akkurates Benehmen geachtet und eigentlich eher für die Öffentlichkeit „erzogen“.
Es gibt also sozusagen zwei unsichtbare Kreise des Benehmens, der Normen und der Werte. Den sehr intimen inneren Familienkreis (daher das Wort vielleicht?) und den Raum der Öffentlichkeit.
Vorgaben zur Erziehung wie früher durch Staat und Kirche (ich rede von vergangenen Zeitepochen) gibt es heute nicht mehr und hoffentlich nie wieder.
Wobei das nicht ganz so stimmt. In vielerlei Hinsicht gibt der Staat seinen Bewohnern noch viele Regeln vor, die allerdings versuchen, eine Balance zwischen Familienleben und Öffentlichkeit zu finden. Ganz ohne Regelungen wird es wohl auch nicht funktionieren.
Doch die neuen Generationen brechen selbst das Stück für Stück auf, nicht weil sie irgendwie Langeweile haben oder unsozial sind, sondern weil es der Zeit entsprechend einfach ein Muss zur Weiterentwicklung ist. So kam in den letzten Jahren immer wieder auf den Tisch, dass es keinen Schulzwang mehr geben solle und Schule sich allgemein verändern solle.
Mündige Bürger sind wichtig für ein Land. Aber es ist auch anstrengend und benötigt auf Dauer eine echte Demokratie, mit Abstimmungsentscheiden. Dazu aber ein anderes Mal mehr.

Nun noch einmal zurück zu der Frage, wie wir unseren Nachwuchs „richtig“ erziehen
Es gibt meiner Ansicht nach keine Form der richtigen Erziehung. Vorgaben können nie der richtige Weg sein, maximal sind sie Entscheidungshilfen. Es passen gar nicht alle Vorgaben auf jeden Menschen!
Kinder lernen alles das, was sie gelehrt bekommen. Was Eltern ihren Kindern beibringen, dass nehmen die Kinder als ureigene Werte und Normen in sich auf. So gehen sie durchs Leben und werden idealerweise auf ihre Zukunft so vorbereitet, dass sie ihr stark und widerstandsfähig begegnen.
Sehr sicher wird eine Künstler- oder Musikerfamilie andere Wertmaßstäbe haben als eine Beamtenfamilie, eine wohlhabende Familie unter Umständen andere Normen als eine Familie in finanziellen Nöten und eine sozialistische Familie andere Grundsätze als eine rechtskonservative.
Demnach kann hier nur von Regeln die Rede sein, die dem gesunden Menschenverstand entspringen wie zum Beispiel nicht demütigend zu „erziehen“, Kinder nicht zu schlagen, sie nicht seelisch zu verletzen und ihnen beizubringen, dass ihre Freiheit nicht grenzenlos ist, sondern dort aufhört, wo die Freiheit des nächsten beginnt.
Alles andere liegt im Rahmen kluger und weiser Eltern/Bezugspersonen und aller Pädagogen in unseren Bildungseinrichtungen, sowie Ärzten, herrschenden Politikern, der Wirtschaft und der Gesellschaft im Gesamten. Ob man das nun hören will oder nicht, alle diese Bereiche sind daran beteiligt, wenn Kinder heutzutage nicht mehr glücklich aufwachsen können, weil sie zum Beispiel überstresst, unter Druck und von klein auf materiell eingestellt sind.
Wie wir alle als Gesellschaft unsere Kinder prägen, hat außerdem Einfluss auf unsere weitere Entwicklung.
Ich persönlich hoffe, dass Kinder und Eltern wieder in einen natürlichen Prozess hineinfinden, einem intuitiven Erspüren der Bedürfnisse. Dazu braucht es Geduld und viel Zeit und die Gewissheit der Existenzsicherheit.
Wir sollten außerdem auch eine ernste Diskussion darüber führen, dass nicht nur Eltern „Schuld“ sind, wenn ihr Kind seelisch erkrankt oder verhaltensauffällig wird.
Die Prägung von Kindern findet heutzutage zu großem Anteil von klein auf in Kindereinrichtungen statt! Hier kann es nur gemeinsame Wege mit den Eltern geben, ebenso in der Schule.

Und zum Schluss: Jedes Kind ist ein kleines Wunder!
Es ist von der Natur ausgestattet worden, eigenständig Erfahrungen zu sammeln, zu kombinieren und einen eigenen Schluss daraus zu ziehen mit einem eigenen Willen!
Das lehren manchmal, aber nicht immer Kindergarten und Schule. Manchmal ist es auch das Erlebnis mit Freunden auf dem Nachhauseweg oder der Tag im Garten beim Tierchen beobachten.
Denn ihr wisst vielleicht: Bildung bezeichnet die Formung des Menschen im Hinblick auf sein „Menschsein“, das heißt zu einer Persönlichkeit, die sich durch besondere geistige, physische, soziale und kulturelle Merkmale auszeichnet.
(Quelle: Wikipedia)

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Die Königin des [ostdeutschen] Alltags schreibt hier sozialkritisch, parteiunabhängig, humorvoll, nachdenklich zu sehr vielen Themen mit Blick auf den Alltag in den neuen Bundesländern und die Aufarbeitung der geschichtlichen Vergangenheit. Außerdem geht es um Morbus Crohn, selektiven Mutismus, Familienalltag, Lifestyle und Gesundheit, Kreatives und Querdenken.

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