Mrs. Eastie – Königin des [ostdeutschen] Alltags
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Der Wechsel auf die weiterführende Schule – Ist es nach der vierten Klasse zu früh?

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Familie & Kind Leben im Osten

Der Wechsel auf die weiterführende Schule – Ist es nach der vierten Klasse zu früh?

 
Lesezeit: 5 Minuten

Vier Jahre Grundschulzeit sind um – na gut, fast um.
Ein paar Wochen bleiben unserer Tochter noch, bevor die Sommerferien beginnen und ihre Grundschulklasse auseinandergehen wird.
Dann wird es diesen Klassenverband nie wieder so geben: Alle Kinder gehen ihren eigenen weiteren Bildungsweg, die einen aufs Gymnasium, die anderen auf die Oberschule, vereinzelt vielleicht welche auf alternative Schulen, wie Waldorf oder Montessori. Aber hier auf dem Land ist das eher weniger der Fall.
Da läuft alles genau so, wie sich die CDU Föderalismus im Schulsystem eben vorstellt: Kinder sollen nach der vierten Klasse ihren schulischen Leistungen entsprechend gefordert und gefördert werden – und zwar in den dafür vorgesehenen Bildungseinrichtungen.
Das läuft in Sachsen so ab, dass Grundschüler in Deutsch, Mathematik und Sachkunde wenigstens eine zwei benötigen, dann gibt es die Bildungsempfehlung der Klassenlehrerin, das Gymnasium besuchen zu dürfen.
Sport, Kunst, Englisch …alles nicht so wichtig.
Es geht um die drei oben genannten Hauptfächer, nicht um das gesamte Zeugnis.
Wer keine Bildungsempfehlung fürs Gymi erhält, für den gibt es noch eine andere Möglichkeit: Ein/e Grundschüler/in darf das Gymnasium besuchen, wenn er/sie sich einem Aufnahmetest stellt, der direkt am jeweiligen Gymnasium geschrieben werden muss.
Diese Option wird regelmäßig wahrgenommen, auch in der Grundschulklasse unserer Tochter, denn viele Eltern finden den Gang auf das Gymnasium sehr wichtig für das spätere berufliche Weiterkommen.
Das Abitur in der Tasche zu haben, ist wohl eines der größten Dinge im deutschen Universum, denn das ist der höchste Schulabschluss, der hier erreicht werden kann.
„Allgemeine Hochschulreife“ nennt sich das und bedeutet, du kannst an jeder Universität und Hochschule in Deutschland studieren.
Mein Mann hat das sächsische Abitur und ich die Fachhochschulreife (Sozialpädagogik) – er steht also bildungstechnisch ein bisschen über mir 😉
Unsere Tochter wird eine Oberschule besuchen und so wie es momentan aussieht, mit der 10. Klasse einen Realschulabschluss haben, die sogenannte „mittlere Reife“.
Damit kann sie sich dann im Anschluss für eine Berufsausbildung bewerben oder aber das Abitur noch dranhängen und weitere zwei Jahre die Schulbank drücken.
Aber hey, das Mädchen ist fast zehn.
Sie ist noch ein Kind und soll sich mit diesen Dingen von unserem Blickwinkel aus in ihrem Alter nicht zu intensiv beschäftigen müssen.
Bisher lief ihr schulischer Weg sehr gut, sie ist eine Zweier-Schülerin in der Grundschule und immerhin wird an der hiesigen Grundschule recht streng benotet. 98% sind bereits eine zwei.
Auch diese Benotungskriterien variieren von Schule zu Schule.
Deshalb kann es schon sein, dass manche Grundschüler der einen Schule für 98% Leistung in einer Arbeit eine Eins bekommen und in anderen Schulen für dieselbe Leistung eine Zwei bekämen.
Aber das findet das sächsische Landesamt für Schule und Bildung wirklich ok, schließlich sind später zwischen den einzelnen Bundesländern ja auch Unterschiede bei den Bewerbungskriterien um einen Studienplatz, heißt es von dort.
Man wolle eben nicht „wie unter Margot Honecker“ einen einheitlichen sturen Plan von Rostock bis Weimar, sondern Vielfalt und Entscheidungsfreiheit.
Die frühe Trennung der Kinder wird so erklärt, dass da noch nicht so große soziale Bindungen entstanden seien als wenn das Ganze hinausgeschoben würde und die Kinder bereits Teenager sind.
So können Eltern für ihre Zöglinge recht früh entscheiden, welchen Weg die gehen sollen.
Diese Freiheiten sind etwas, was die Wende mit sich gebracht hätte, heißt es aus dem Landesamt für Schule und Bildung.
Wie es um die social skills, also um Teamfähigkeit, Aufbau vertrauter fester Bindungen, Hilfe bei Schulaufgaben untereinander steht, darauf hat Sachsen nur eine Antwort: In der Grundschule geht es erst einmal darum, die Leistungsentwicklung zu beobachten und zu bewerten.
Natürlich schauen die Pädagogen auch auf Fairness und andere soziale Werte, das gehört schließlich zum Bildungsauftrag.. Aber tiefe Bindungen unter Freunden – das kann gern in der Freizeit aufgebaut werden.
Was ich mir daraus mitgenommen habe, ist, dass Kinder aus verschiedenen Grundschulen nicht dieselben Grundvoraussetzungen für die Bewerbung an Oberschule oder Gymnasium haben, dass ihnen abgesprochen wird, im Grundschulalter schon deutlich sozial wichtige Prägungen zu erlangen, die mindestens ebenso wichtig sind wie Leistungsbeurteilungen, dass frühzeitig nach leistungsstark und leistungsschwach selektiert wird und dass die Eltern den Weg ihrer Kinder entscheiden – kurz: es geht eigentlich gar nicht wirklich um den individuellen Weg der Schüler/innen, um Selbstentfaltung und persönliches Wachstum.
Aber vielleicht bin ich auch einfach nicht genügend mit dieser Einstellung zur sozialen Entwicklung der Kinder von heute vertraut. Dazu kommt, dass ich keine eigenen Erfahrungswerte in der frühen Schultrennung habe, denn bis ich 12 war, besuchte ich eine polytechnische Oberschule in der DDR.
Das waren die typischen allgemeinbildenden Schulen, in denen die Kinder im festen Klassenverband zusammen bis zur 10. Klasse lernten und die mittlere Reife erwarben.
Die erweiterte polytechnische Oberschule war dann die Schule, auf der die Hochschulreife erworben werden konnte.
Ab 1984 gingen nach der 10. Klasse Schüler mit guten Noten auf die EOS, davor schon ab der 8/9.Klasse.
Ich selber habe mit meinen Schulfreunden bis zur 7. Klasse die Schulbank in der POS gemeinsam gedrückt – dann kam die Wende und Wiedervereinigung, sodass ab da die früheren EOS-Anwärter auf das neu entstandene Gymnasium wechselten. Viele EOS wurden zu Gymnasien umgewandelt und POS zu Haupt-, Mittel- oder Gesamtschulen.(Land Brandenburg)
Der feste Klassenverband hat uns Sicherheit gegeben und wir haben bis heute zu den Klassentreffen eine gewisse Vertrautheit, auch wenn wir alle nicht mehr bis zur 10. Klasse zusammen lernen konnten und für drei Jahre noch neue Schüler aus anderen aufgelösten ehemaligen POS zu uns kamen.
Deshalb erscheint mir das heutige Bildungssystem wahrscheinlich auch so fremd und unvertraut, denn selbst die Bindung zum/zur Klassenlehrer/in ist nicht mehr so intensiv wie früher.
Ich lasse die ideologischen Aspekte der DDR-Diktatur jetzt mit Absicht im Hintergrund verschwinden, weil ich das Konzept einer sogenannten Gemeinschaftsschule, in der Schüler länger zusammen lernen als bis zur vierten Klasse nicht unbedingt nur mit DDR verbinde.
Da schiele ich immer etwas neidisch auf die skandinavischen Länder, allen voran Finnland, die dieses Konzept im Großen und Ganzen seit Jahrzehnten umgesetzt haben.
Wie dem auch sei, so scheint ja offensichtlich die Mehrheit aller Eltern in Deutschland mit dem jetzigen Schulsystem und dem Wechsel auf die weiterführenden Schulen nach der 4. Klasse einverstanden und zufrieden zu sein. Sonst wäre die öffentliche Diskussion darüber wahrscheinlich stärker.
Ich selbst finde das ein bisschen schade und unterstütze aus diesem Grund auch die Aktion Gemeinschaftsschule in Sachsen – länger gemeinsam lernen.“
Selbstverständlich soll die Bildungsvielfalt, auf die unser sächsisches Bildungsministerium so stolz ist, dadurch keinesfalls untergraben werden.
Sollte es in Sachsen jemals Gemeinschaftsschulen geben, sind diese eine freiwillige Schulwahl der Eltern für ihre Kinder.
Doch unsere Tochter und ihre Altersgenossen werden sicherlich von diesem Konzept nicht mehr viel erleben.
Sie können ab Herbst eigentlich nur eins tun:
Den schulischen Weg gehen, wie in Sachsen derzeit vorgesehen und die Kontakte mit den Schulfreunden und -freundinnen der Grundschulzeit privat pflegen und vertiefen, oder eben auch nicht.
Dafür warten neue Herausforderungen und es werden bestimmt neue Freundschaften geschlossen.
Ich bin sehr gespannt. Doch noch ist es ja nicht soweit.
Einen Monat ist noch Zeit, sich mental von der Grundschule zu verabschieden.
Und dann kommen erst einmal 6 Wochen Sommerferien, bevor der neue Lebensabschnitt in einer neuen Schule beginnt.

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Über die Autorin:

Die Königin des [ostdeutschen] Alltags schreibt hier sozialkritisch, parteiunabhängig, humorvoll, nachdenklich zu sehr vielen Themen mit Blick auf den Alltag in den neuen Bundesländern und die Aufarbeitung der geschichtlichen Vergangenheit. Außerdem geht es um Morbus Crohn, selektiven Mutismus, Familienalltag, Lifestyle und Gesundheit, Kreatives und Querdenken.

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