Die Achtung vor mir selbst – Blogparade #MEHRMUTZUMICH

Lesezeit: 5 Minuten

Ich bin beim Stöbern nach neuen Themen auf einem Blog  mit dem Namen Phinabelle gelandet. Dort schreibt Berenice ihre Gedanken nieder und hat zu einer Blogparade aufgerufen mit dem doch recht heiklen Thema:

Das liebe ich an mir – Aufruf zur Blogparade „Mehr Mut zum Ich“

Öffentlich über seine Gefühle zu schreiben, über Erfahrungen mit sich selbst in seinem eigenen Spiel des Lebens – das ist schon ziemlich delikat. Gleichzeitig bin ich wie paralysiert von diesem Thema. Denn es ist genau das, was mir auf der Seele brennt und mich dennoch wie gefangen nimmt.

Es nimmt mir sehr oft die Luft zum Atmen, nicht die sein zu können, die ich gerne wäre.

Ich habe einen zerstörten Körper, denn wie ihr ja wisst, leide ich unter Morbus Crohn und nach der dritten Operation am Darm sieht mein Bauch hässlich aus. Er ist voller Narben, hängt schief und ist taub.

Auch der notwendige, schnell eingeleitete Kaiserschnitt vor fast sieben Jahren hat seine Spuren hinterlassen. Ich habe sehr lange versucht, mich vor den Spiegel zu stellen und meine hässlichsten Stellen anzuschauen. Doch ich schloss die Augen und weinte. Nie mehr im Leben würde ich die sein, die ich früher war.

Ich war sportlich, machte Agility mit meinem Hund, hatte eine schöne Figur und ich konnte immer essen, was ich wollte. Ich hatte Freude am Leben, Spaß an meiner Arbeit und fühlte mich in meiner Haut wohl.

Einmal die Woche Step-Aerobic und tagsüber Mineralwasser-Flaschen stemmen – mehr aus Jux und Spaß an der Freude – und natürlich erproben, wie es so ums Flirten mit dem anderen Geschlecht steht… Das war mein altes Ich.

Bis zum Tag X.

Mit Beginn der Erkrankung bekam ich einen Schub nach dem anderen und Unmengen an Cortison. Dieses Medikament produziert vor allem eins: Das Cushing-Syndrom.

Ein anderes Wort dafür ist StammfettsuchtDie Umverteilung von Fett hin zur Körpermitte.

Das bedeutet also, du hast binnen einer Woche bei Einnahme von hochdosiertem Cortison einen dickleibigen, üppigen Bauch. Dazu kommt dein neues aufgedunsenes, unförmiges  „Vollmondgesicht“ und durch die Fettablagerungen zwischen den Schultern siehst du aus, als hättest du einen Stiernacken. Du siehst dich im Spiegel an und erkennst dich nicht mehr.

Dir wird eine ausgeprägte Adipositas bescheinigt, deine Arme und Beine tun weh, deine Zähne werden brüchig und du hast Stimmungsschwankungen.

vorher

nachher

Du verlierst irgendwann die Selbstachtung vor dir.
Es hilft kein, „du musst dich so nehmen, wie du bist“ oder „wenn dein Partner dich liebt, steht er zu dir“ oder „es wird irgendwann besser“

Andere verlieren ebenfalls die Achtung vor dir.
Menschen von heute – insbesondere Frauen – müssen perfekt sein.
Die Frisur muss sitzen, der Teint glatt sein, die Brüste straff und der Po knackig. Jeder, der zuviel Gewicht hat, leidet unter mangelnder Selbstdisziplin, unter Fresszwang oder Faulheit, sich zu bewegen.
So ist es doch.
Glaubt ihr, irgendjemand fragt auf der Straße nach, was zum Dicksein führt?
So manche Freundin wendet sich ab und die allgemeinen Sprüche übers Fett-Sein kennen wir ja.

Ob nun im Bekanntenkreis oder der Verwandtschaft, jeder kommt mit Tipps und Ratschlägen oder sarkastischen Sprüchen daher und ich hätte keinem erzählen können, was mit mir und meinem Körper passiert ist.
Es kam der Tag, an dem ich früh aufwachte und nur noch heulte.
Wo war meine Selbstliebe geblieben?
Gab es sie noch? Was machte mich aus?
Wollte ich mich selbst nur auf das Äußere reduzieren?
Wenn es andere taten – war das nicht traurig genug?
Woraus bestand eigentlich ICH?
Meine letzte Cortison-Behandlung ist jetzt gute drei Jahre her – nach der letzten Operation.
Ich begann um mich selbst zu kämpfen und genau das brauchte ich auch, Liebe zu mir selbst. Auch für unseren kleinen Sonnenschein…

Selbstliebe ist ein heilender Prozess.

Eine Reifung von Seele und Geist. Es ist eine tiefe Verneigung vor deinem eigenen Selbst.

Es ist die Kraft, Nein sagen zu können, wenn dir etwas nicht gut tut oder gefällt.

Es ist das Gefühl, keinem Rollenklischee gerecht werden zu müssen, in welches du nicht passt.

Es ist das Sich-selbst-Annehmen mit allen Fehlern, Macken, Schwächen und Ungereimtheiten in dir selbst.

Es ist das Talent, sich für niemanden zu verbiegen und zu seiner Intuition zu stehen.

Es ist das STOP-Rufen, wenn du unglücklich bist oder aber wirst, wenn du SO weiter machst.

Wir alle haben sehr viele Makel, äußerlich wie innerlich.

Jeder von uns ist nackt auf die Welt gekommen und kann sich glücklich schätzen, zu leben und gesund zu sein.

Niemand muss dafür danke sagen, dass er so, wie er ist, geliebt wird.
Es ist eine Selbstverständlichkeit, denn jeder von uns IST liebenswert.
Liebe müssen wir uns nicht erkämpfen, sie passiert ohnehin freiwillig.

Wer dich liebt, der liebt deine Stimme, deinen Geruch, deine Gedankengänge – DICH.
In Krankheit wie in Gesundheit. Doch am wichtigsten ist, dass DU DICH liebst, wie du bist.

Ja, mein Bauch ist nicht schön. Er ist aber einzigartig. Oder kannst DU vielleicht mithalten?
Er hat eine Menge überstanden und ein Kind ist darin herangewachsen.
Die Liebe meines Lebens gleich nach meinem Partner – und MIR.

Nein, ich bin nicht selbstverliebt.
Ich wäre sehr gern so fit wie früher. Ich wäre gern so beweglich wie ich einmal war, ohne tagtäglich verwachsene Narbenstränge massieren zu müssen, die mit der Bauchdecke verkleben.

Ich hätte gern mein straffes Gesicht wieder, mein altes Gewicht.
Ich würde gern wieder singen können wie früher ohne Atemprobleme tief in den Bauch hinein.

Sehr gern hätte ich auch meinem Kind mehr Platz im Bauch gegeben und eine wunderschöne, entspannte Geburt beschert.

Ich würde sehr gern jeden Tag die Wohnung auf Hochglanz putzen, mit dem Kind um die Wette laufen, mit dem Hund Apportierspiele spielen, meinem Mann eine sexy Frau sein und ich würde wahnsinnig gern meinen Minirock wieder anziehen. Und das alles hintereinander weg.

Gern wäre ich fit wie ein Turnschuh, mindestens 12 Stunden am Tag lang. Mit fast 40 agil wie ein Grashüpfer, schnell wie ein Puma, ach was weiß ich nicht noch alles.

Aber ich bin eben ich, mit meinen Schicksalsschlägen, meinen seelischen Verletzungen der Vergangenheit, meinen körperlichen Einschnitten, meinen Narben, meinen Lastern, Macken und Makeln.
Ich bin manchmal faul und manchmal vorlaut. Ich bin stark und schwach zugleich.
Ich bin talentiert und gleichzeitig Frührentner. Ich bin eine gute und gleichzeitig manchmal wahnsinnig nervige Mutter, eine keifende und doch auch standhafte, verständnisvolle Partnerin.

Ich schimpfe, heule, lache, schwitze, schlafe, rauche, mache Witze, lästere manchmal über andere, ärgere mich und freue mich dann über schöne Dinge – ich bin einfach ich und darauf bin ich stolz.

Und ich bin stolz auf meine Mutter, die mir das Urvertrauen mit in die Wiege gelegt hat, die maßgeblich an meiner Widerstandskraft und meiner Widerspenstigkeit beteiligt ist.
Ich freue mich darüber, dass ich nicht resigniert habe, dass ich auch wütend sein kann und nicht nur irgendeinem Klischee genüge, dass ich frech und ironisch sein kann und mir niemals die Butter vom Brot nehmen lasse – und dass ich den Mut habe, hier heute an der Blogparade teilzunehmen und wachzurütteln, die Selbstachtung nicht zu verlieren.
Denn wer sich nicht selber lieben und annehmen kann, wie er ist – der kann auch keine Liebe an andere Menschen weitergeben.

Und damit viele Grüße hinaus in die Welt und auch wenn es schwer ist und der Weg steinig, es ist am wichtigsten, an sich SELBST zu glauben – und manchmal einfach ein Projekt zu suchen, was einem Spaß macht.

 

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2 comments

  1. Liebe Astrid,
    zunächst mal Hut ab für Deine Offenheit ! Ich freue mich sehr, dass Du Dich mit dem Thema beschäftigst und einen Beitrag geschrieben hast. Ich kann mir vorstellen, dass es sehr schwer für Dich ist und man diese schlauen Sprüche, die wohl nur Mut machen wollen, irgendwann nicht mehr hören kann. „Mein Bauch ist nicht schön, aber ein Kind ist darin gewachsen“ Genau so ist es ! Meine Brüste sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, aber: sie haben zwei Kinder gestillt, daher müssen sie schön sein… Ich wünsche Dir alles Liebe, fühl Dich gedrückt.
    Berenice

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