Die Frauen vom Löwenhof. Agnetas Erbe.

 
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Über mytest.de nahm ich an einer Testlesung teil. Das Buch interessierte mich und ich ging recht unvoreingenommen an die Sache heran. In letzter Zeit fehlte es mir an guten Empfehlungen für lesbare Bücher, sodass mir dieser Produkttest ganz gelegen kam.
Sehr schnell wurde ich mit der Hauptdarstellerin eins, ich fühlte mich ihr unwahrscheinlich nah und konnte ihre Handlungsweisen sehr gut nachvollziehen.
Agneta, die ihren Ursprung in einer schwedischen Grafenfamilie hat, will aus genau dieser ausbrechen. Ihr sind die konventionellen Sichtweisen zuwider, ebenso liegt ihr Standesdünkel fern.
Deshalb entscheidet sie sich für ein Leben fernab des elterlichen Gutes, im Hinterkopf immer die Sicherheit, dass ihr älterer Bruder ohnehin irgendwann den Löwenhof erbt.
Doch dann kommt alles ganz anders.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Frauen wenig Rechte

Sehr beeindruckend fand ich den gesamten Kontext um die Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft. Zwar gab es Frauen, die arbeiteten – jedoch viele davon waren bei den Adligen als Bedienstete für Schönheit, Frisuren, Haushalt und Kochen zuständig.
Frauen, die studierten, fand man so gut wie gar nicht und falls doch, so gab es früher oder später enorme Probleme in den Ehen mit ihren Männern. Feminismus war als eine verrückte Idee verschrieen, als Utopie und Hirngespinst.
Unverheiratet zu bleiben, galt ebenso als absolutes No Go.
Jedoch am Schlimmsten war es, wenn eine unverheiratete Frau schwanger wurde. Erstens lag die Schuld dann grundsätzlich bei der Frau, nie beim Mann. Zweitens galten die Kinder als uneheliche Bastarde und das lässt mir schon beim Schreiben die Haare zu Berge stehen.
Agneta war in ihrer Geschichte hin – und her gerissen.
Einerseits hatten es ihre Eltern immer gut mit ihr und ihrem Bruder gemeint. Sie waren finanziell abgesichert und boten ihren Kindern eine rosige Zukunft.
Auch durfte Agneta wie ein kleiner Wildfang von Kindesbeinen an mit ihrem Bruder draußen auf den Pferdeweiden und in der Natur herumtoben und später auch Reiten lernen. Ihr Vater unterstützte dies, während ihre recht unterkühlte Mutter mit strengen Augen auf ihre Tochter sah.
Spannend im Kontext ist auch, dass Agneta irgendwann als rebellische Erwachsene einsehen muss:
Emanzipation und Feminismus brauchen in ihrer Entwicklung sehr viel Zeit.
Selbst Männer, die generell für diese Idee standen, waren im Privatbereich nicht bereit, es bei ihrer Frau zuzulassen. Das fand ich eine sehr erstaunliche Wendung in dem Roman.
Auch wer als Frau seiner Lust nachging und sich dem Traummann hingab, schien nicht die geeignete Frau zum Heiraten zu sein.

Die Frauen vom Löwenhof

Um den Hof zu retten, musste Agneta irgendwann eine sehr schwierige Entscheidung treffen. Sie wollte eigentlich in der von ihr ausgewählten Stadt bleiben, um ihr Kunststudium zu beenden und mit dem Mann ihres Herzens ihren Lebensweg zu planen.
Doch als die Verpflichtung rief, ein großes Erbe anzunehmen, entschied sie sich gemäß ihres Standes für die familiäre und schlussendlich moralische Norm, allerdings hielt sie sich immer ein gewisses Hintertürchen zu ihrer persönlichen Freiheit offen.
Agneta kam im Laufe des Romans hinter etliche Familiengeheimnisse, weil sie eine unbequeme Person mit einer mitunter scharfen Zunge verkörpert. Vor allem ihrer Mutter, aber auch sehr engstirnigen, spießigen Gutbürgerlichen und Adligen gegenüber kann sie einfach nicht ihren Mund halten und klärt über die Rechte und Würde der Frauen unmißverständlich auf. An den Standesdünkel, den eine Hofherrin wahrscheinlich besitzen sollte, wenn sie als Frau ein ganzes Gut leitet, kann sich Agneta nie wirklich gewöhnen und kennt auch einige Geschichten ihrer Bediensteten. Eine davon betrifft sogar die gesamte Familie.
Irgendwann rauft sie sich mit ihrer Mutter zusammen und gleichzeitig muss Agneta Wege gehen, die ihr zuwider sind, um in ihrem Leben klarzukommen.
Mehr als einmal überlegt sie, aus allem auszubrechen, doch andererseits zeigt sich, dass manche Dinge am Ende doch gar nicht so schlecht verlaufen, wie sie befürchtet hatte und außerdem die Sicherheit manchmal ein schöneres Gefühl sein kann als ungebremste Leidenschaft.
Im Laufe des Romans wird aus Agneta eine reife, erwachsene und erfahrene Frau, die irgendwie doch ein Happy End erlebt.

Mein Fazit nach dem Lesen

Ich bin sehr gespannt auf den zweiten Teil, weil ich natürlich wissen möchte, wie Agneta im Laufe der Jahre zur Emanzipation und den Rechten der Frauen steht. Und ob sie ihre kleine Nichte noch öfter sehen wird als bisher.
Es gibt auch jede Menge geschichtlicher Hintergründe in Bezug auf Schweden, aber auch Pommern und verschiedene Zusammenhänge werden erläutert, die ich ohne “Agnetas Erbe” nicht ohne Weiteres erfahren hätte.
Eine für mich persönlich eher widerwärtige Episode war, als eine der Nebenfiguren aufgrund einer unerwünschten Schwangerschaft scheinverheiratet wurde. Das allein ist schon ein unerträglicher Gedanke! Jedoch dass dieser Mann auf Sodomie stand und deshalb auf intime Handlungen mit seiner Ehefrau verzichtete, fand ich absolut ekelhaft.
Für die blutjunge Frau würde sich auf keinen Fall so etwas wie Liebe entwickeln können und ich fand die Vorstellung sehr gruselig. Allerdings wurde zu der Zeit offenbar selten aus Liebe geheiratet. Dennoch wirkte die Erwähnung der Neigung dieses Herren auf mich wirklich abstoßend.
Trotz alledemhätte diese Geschichte tatsächlich Anfang des 20. Jahrhunderts in Schweden stattgefunden haben können. Sie wird flüssig erzählt, lässt sich sehr gut lesen und wirkt absolut rund und authentisch.
Ich kann euch dieses Buch auf jeden Fall empfehlen!

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