Die Wende im Leben – Der unerkannte Morbus Crohn

Lesezeit: 6 Minuten

In 10 Wochen zum Morbus Crohn. So könnte ich den Artikel auch nennen.

So hat es damals 2007 einer der Ärzte scherzhaft gemeint, während er den Ultraschall an meinem kranken Bauch durchführte. Ich solle ein Buch darüber schreiben, sagte er.
Über meine heldenhafte Geschichte als sture Patientin, die sich selbst rettete – mit DIESEM Verlauf.
Er war lustig und ich mochte ihn. Jedoch bei den Worten musste ich weinen.
Ich weinte selten, denn es tat höllisch weh, genauso wie zu schluchzen oder Luft ein – und auszuatmen. Ich lernte das stille Heulen. Jedoch manchmal hätte ich schreien können.
Vor Schmerz, vor Kummer, vor Angst.

Happy birthday, Astrid!

Ein Tag irgendwann im November 2007.
Mein dreißigster Geburtstag. Ich war schon recht dünn, hatte ziemlich viel an Gewicht verloren, aber keiner der Gäste ließ sich etwas anmerken. Alle taten einfach so, als wenn da nichts anders wäre.
Das fand ich toll, denn ich hatte mich schon die ganze Zeit auf meine kleine Party gefreut. Diesen Tag wollte ich mit meinen Leuten genießen und an nichts Böses denken.
Die Party ging irgendwie an mir vorbei.
Immer wieder war ich kurz vorm Einschlafen. Nicht aus Langeweile, im Gegenteil, es war gute Stimmung. Aber vor Schwäche. Mir war schlecht, ich fühlte mich erschöpft und begann zu frieren. Schüttelkrämpfe kamen später hinzu.
Irgendwann ging in der Nacht auch der letzte Gast. Ich sackte auf mein Sofa und hoffte, es wäre morgens alles anders, besser.

Die Küche war vom Kochen noch komplett verwüstet, es roch nach Knoblauch und Schnaps.

Mein Lebensabschnittsgefährte hatte sich bereits verabschiedet und ließ mich allein. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Es hämmerte es in meinem Kopf.

Ich muss noch aufräumen!

Doch ich konnte mich nicht bewegen ohne höllische Schmerzen.
Also blieb ich erst einmal auf dem Sofa liegen. Ich rief eine Freundin an, ob sie mir vielleicht helfen könnte. Wie es aber manchmal so ist, hatte sie keine Zeit. Das passiert im Leben.
Mühselig schleppte ich mich auf die Toilette, um nicht zu sagen, ich kroch auf allen Vieren. Dort angekommen, gab es nichts als stechende Schmerzen im Bauchraum. Es tat mir alles weh und ich fragte mich, wie ich wieder vom Lokus herunterkommen sollte. Die Toilettenschüssel war voller Blut und mir wurde schlecht.
Wahrscheinlich lag ich eine ganze Weile im Bad herum.
Dann krabbelte ich wieder zum Sofa. Mittlerweile wollte ich wirklich den Notarzt rufen, aber ich schämte mich furchtbar und ich traute es mir einfach nicht.

Stark sein. Zähne zusammenbeissen.

Ich war Tage zuvor schon bei einem alten Arzt gewesen, der mir ein paar Tabletten gegen die Schmerzen gegeben hatte.
Zu meiner Hausärztin ging ich aus Protest nicht mehr.
Sie hatte mir nicht einmal Blut abgenommen, aber war der Meinung, ich will nicht arbeiten gehen. Was für eine inkompetente Dame.

Keine Salmonellen, keine anderen gefährlichen Keime. Keine Ursache für Ihren Durchfall erkennbar. Sie können getrost wieder arbeiten gehen!

Ihr Name ist mir bis heute bekannt.
Ob sie wohl noch praktiziert? Selbstverständlich. Ihre Bewertungen im Netz sind durchwachsen.
Es gibt nicht so viele Ärzte in Magdeburg Stadtfeld Ost.
Ich fand sie jedenfalls sehr unsympathisch.
Übrigens hatte ich zu dieser Zeit bereits fünf Löcher im Darm und einen unerkannten Morbus Crohn. Vielleicht sollte ich sie verklagen. Doch davon wäre ich auch nicht wieder gesund geworden.

Wer ruft wegen Bauchschmerzen den Notarzt?

Ich rief meinen Ex-Freund an und bat ihn um Hilfe. Der hievte mich in meinem Zustand irgendwie aus der fünften Etage die Treppe hinunter. Diesen Gang nach unten vergesse ich nie wieder. Es war die Hölle, so als würdest du von oben nach unten einmal durchgerissen.
Zwischendurch immer diese halben Ohnmachtsanfälle. Nicht zu wissen, was ich gerade gesagt habe. Nicht zuhören zu können, was er am Steuer sagt.
Nur Schmerzen.
Jedes Schlagloch fühle ich noch wie heute.
Irgendwann waren wir im Krankenhaus angekommen.

Notaufnahme Universitätsklinikum Magdeburg.

Ich kam auf eine Liege. Dort schlief ich ein. Nach einer Stunde kam dann der Arzt zu mir und fragte, wie es mir geht. Es war ziemlich viel los, die jungen Ärzte und das Personal standen unter massivem Stress.
Irgendwann eine gefühlte weitere Stunde später wurde ein Ultraschall durchgeführt.

Nichts als Luft im Bauch. Ich sehe nur Luft.
Ein Zimmer haben wir noch nicht frei, Sie müssen noch hier unten bleiben. Haben Sie Schmerzen? Bleiben Sie bitte wach. Ich schaue gleich wieder nach Ihnen.

Ich weiss nicht mehr genau, wann – da kam tatsächlich ein Krankenbett angefahren. Der Transporteur war sehr groß und gut gelaunt. Er half mir von der Pritsche auf und ich ließ mich erschöpft in das Bett sinken. Dann bewegte er mich durch etliche Gänge und in einen Fahrstuhl hinein. Schmerzen nahm ich keine wahr, die Mittel wirkten.
Ein Blick auf seinen Piepser ließ den Transporteur ernst werden.

Jetzt soll ich schon wieder in der Notaufnahme sein. Das schafft doch kein Mensch. Ich werde Sie jetzt erst einmal in ihr kuschliges Zimmer fahren. Es ist ein Luxus-Appartment mit Blick auf den Fernseher. Eine Badewanne beinhaltet das Zimmer leider nicht.

Sein Galgenhumor brachte mich zum Lachen. Ich wurde in ein Zimmer mit einer älteren Patientin geschoben, sie wartete auf eine Lebertransplantation. Das fand ich furchtbar tragisch, konnte mich aber kaum auf ein Gespräch mit ihr konzentrieren, murmelte ein paar Wörter und schlief ein.

Jetzt stellen Sie sich doch nicht so an, Frau Schubert!

Ein neuer Tag begann, die Sonne schien ins Zimmer und ich fühlte mich benommen. Die Schmerzen im Bauch kehrten zurück und ich schleppte mich mit dem Tropf irgendwie auf die Toilette. Da blieb ich sitzen und betätigte irgendwann den Notknopf. Das Bad drehte sich und ich hatte Angst, wieder ohnmächtig zu werden.
Dann kam eine Schwester, die mich ins Bett zurückbrachte.

Nur weil sie nicht vom Klo hochkommt, gleich den Knopf drücken. Das ist nur für den Notfall gedacht. Wir machen jetzt gleich mal einen Einlauf und dann schauen wir, was Sie haben.

Ich wollte mit ihr diskutieren, doch kein Wort kam aus meinem Mund heraus. Wenigstens sollte sie es unterlassen, in der dritten Person von mir zu sprechen. Das schlechte Gewissen, was sie mir gemacht hatte, hätte ich ihr am liebsten auch hinterhergeworfen.
Dieser besagte Einlauf bereitete mir solche höllischen Schmerzen, dass ich nicht mehr wimmerte, sondern schrie. So etwas hätte ich von mir selber niemals gedacht. Ich hatte immer alles unter Kontrolle. Ich bat die Schwester, aufzuhören, doch sie war der Meinung, ich bin zu sentimental.

Stellen Sie sich nicht so an, es ist nur ein Einlauf!

Ich möchte einen Arzt sprechen!

Ja, das möchte jeder andere Patient hier auf Station auch. Sie werden sich schon bis morgen zur Visite gedulden müssen.

Tür zu. Affe tot. Ich wimmerte und die Leberpatientin neben mir redete unentwegt auf mich ein. Vor allem, dass sie noch auf die Leber der Schwester warte (oder irgendwie so was) und dass Einläufe an und für sich nicht weh tun. Sie hatte vor Jahren auch mal einen erhalten.

Holen Sie mir sofort den Bereitschaftsarzt!

Es war irgendwann abends. Meine Eltern hatte ich kurz informiert, dass ich im Krankenhaus liege und dann war der Akku des Mobiltelefons fast leer. Ein Ladegerät hatte ich nicht mit in meinen Siebensachen und machte das Gerät vorübergehend aus. Gott sei Dank, denn diese Entscheidung war wie eine Vorhersehung auf das, was noch kommen würde.
Ich hielt es vor Schmerzen nicht mehr aus und mittlerweile hatte ich auch Angst, den Verstand zu verlieren. Alle Geräusche waren doppelt und dreifach so laut und das ganze Zimmer drehte sich im Sekundentakt von oben nach unten. Ich betätigte wieder den Notknopf und dieses Mal herrschte mich die Schwester so richtig an.

Na, was haben Sie dieses Mal? Wollen wir noch einen Einlauf machen? Oder benötigen Sie jemanden, der Sie auf die Toilette bringt?

Holen Sie mir sofort einen Bereitschaftsarzt!

Aber Frau Schubert, hatten wir das nicht schon geklärt?

Ich vergaß meine gute Erziehung.

Holen Sie mir verdammt noch mal JETZT sofort einen Bereitschaftsarzt oder ich zeige Sie wegen unterlassener Hilfeleistung an! Ich habe seit dem Einlauf höllische Schmerzen und ich benötige sofortige Hilfe!

Das wirkte und sie rannte. Ich war sehr erschöpft und alles fühlte sich sehr unwirklich an.
Wie in einem Film. Ein Alptraum.
Eine viertel Stunde später stand ein Chirurg vor mir, dem ich mein Leben verdanke. Ihm und dem Arzt, der die Sonographien macht. Sie schoben mich ins MRT.
Als ich dort wieder herausfuhr, schauten mich zwei ernste, blaue Augen an.
Die Stimme mit fränkischem Dialekt sagte mir Worte, die sich in mein Gehirn für immer einbrannten:

Sie haben eine fünffache Darmperforation. Wir werden Sie jetzt sofort notoperieren und Ihnen einen künstlichen Darmausgang legen. Dies ist eine lebenserhaltende Maßnahme, für die wir nicht Ihr Einverständnis brauchen.

Ich schluckte.

Zuerst muss ich zurück auf mein Zimmer und meine Mutter anrufen!

Hören Sie, dafür bleibt keine Zeit! Wir beginnen sofort!

Ich werde jetzt sofort meine Mutter anrufen, damit sie weiß, was los ist und dafür brauche ich mein Handy. Wenn irgend etwas schiefgeht, wissen meine Eltern nicht einmal Bescheid. Das können Sie nicht ernst meinen!

Woher ich diese Kraft nahm, weiss ich nicht mehr genau. Ich bekam jedenfalls die Möglichkeit zu telefonieren, abends um elf. Es klingelte eine Weile. Tuuuut – tuuuut – tuuuut…

Endlich hörte ich die Stimme meiner Mutter.
Innerlich schrie alles in mir. Ich begann zu weinen.

Mama? Ich werde jetzt notoperiert. Bitte bete für mich!

Wir kommen dich gleich morgen besuchen. Ich bin in Gedanken bei dir, mein Schatz.

Dann war der Akku leer.

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