Doch manchmal fehlt mir der Mut. Weiterleben mit Erwerbsminderungsrente.

 
Lesezeit: 7 Minuten

Ich bin in den letzten Tagen in einen Gefühlsstrudel geraten.
Es gibt Momente im Leben, wo du ganz arg an dir zweifelst, ob du den richtigen Weg gehst.
Gibt es überhaupt richtige und falsche Wege im Leben?
Ich bin ein ganz glücklicher Mensch. Doch selbstverständlich bin auch ich nicht immer stark.
Wer mich gut kennt, der weiss, welcher Kampf in mir tobt und auch welche Krankheit am Darm nagt.
Wieder und wieder, öfter und stärker, mehr und mehr.
Mit jedem Kummer, den ich habe, jedem Stress und Ärger, den ich doppelt und dreifach fühle, weil hochsensibel, bricht der Morbus Crohn immer wieder aus, entflammt und bringt Schmerzen und Unruhe in den Bauch.
Natürlich ist es wahnsinnig schwer, darüber öffentlich zu schreiben.
Jeder hält mich für stark, zäh und widerstandsfähig. Manche Neider schauen auf meinen beruflichen Erfolg oder auf meine Art und Weise, wie ich mit anderen umgehe und auftrete.

Doch kaum jemand weiß, dass ich Stärke einfach im Laufe des Lebens gelernt habe.

Wie direkt sogenannte Resilienz – also Widerstandskraft entsteht und wo sie herkommt – darüber gibt es wie immer sehr viele Spekulationen. Vielleicht angeboren, vielleicht erlernt oder etwas von Beidem.
Mir ist jedenfalls eine gewisse Zähigkeit gegeben, allerdings nicht im Sinne von verbissen und unsensibel.
Meine große Stärke ist zusammengesetzt aus Hoffnung, Optimismus und dem Vertrauen, dass alles irgendwie gut wird.
Das hat ganz und gar nichts mit Naivität zu tun, wobei naiv zu sein – also kindliche Lösungen zu finden – nicht die allerschlimmste Charaktereigenschaft ist. Christen würden sagen, sie haben ein felsenfestes Gott-Vertrauen und ich vertraue eben darauf, dass es schon irgendeinen Sinn haben wird und für irgend etwas gut ist, was da passiert.
Manchmal sind es auch einfach Erfahrungen, die wir sammeln, um dann gestärkt aus einer schlimmen Situation herausgehen zu können. Zum Beispiel die Erfahrung, die Kontrolle nicht zu verlieren oder eben stark genug zu sein, um die Geister der Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Mein ganz großes Manko liegt dabei gar nicht im Produzieren von jeder Menge Widerstandskraft, sondern darin, dass ich einfach nicht schwach sein kann.

Ich erlaube es mir nicht, Hilfe annehmen zu dürfen und zu müssen

Seit Tagen rumort es in meinem Bauch. Mein Darm zickt herum, es rumpelt und pumpelt und nach drei Operationen mit unzähligen Erfahrungen wie zum Beispiel einem lebensbedrohlichen Darmverschluss habe sogar ich etwas Angst.
Paradoxerweise habe ich aber weniger um mich Angst, als vielmehr um die, die ich zurücklassen würde, allen voran unsere Tochter, gefolgt von meinem Mann bis hin zu meinen Eltern und allen anderen, die mich bestimmt mögen und traurig sein werden, wenn mir etwas passiert.
Am allermeisten habe ich Angst darum, dass mein Mann überfordert sein wird, wenn ich schon wieder im Krankenhaus landen würde und er mich dann verlässt. Unsere kleine Maus würde gewiss auch sehr leiden – so wie schon beim letzten Mal, als ich drei Wochen im Krankenhaus und drei Wochen zur Reha-Kur in Bad Schandau war.
Übrigens habe ich mir damals in jener Kur auch zum wiederholten Male einen Narbenbruch nach frischer Operation zugezogen. Das war 2014 und macht mir mittlerweile erhebliche Schwierigkeiten, sodass irgendwann sowieso noch einmal operiert werden muss.
Irgendwann.
Obwohl es mir manche Tage nicht gut geht, es höllisch weh tut im unteren Bauchraum, begleitet von den crohntypischen Durchfällen, dem Brennen in der Speiseröhre, dem ständigen Aufstoßen und Sodbrennen, und obwohl ich manchmal schrecklich erschöpft und müde bin, vor allem bei 34 ° Celsius im Schatten – kann ich einfach nicht um Hilfe bitten.
Ich habe es nie gelernt, jemanden um etwas zu bitten und ich habe die wenigen Male, als ich Menschen darum bat, furchtbar schlimme Erfahrungen gemacht.
Trotz aller Bemühungen, mich genauestens selbst zu reflektieren, komme ich um eine Sache nicht herum: Ich bin zu streng mit mir und kann Hilfe nicht annehmen.
Allerdings bietet mir auch nicht wirklich jemand Hilfe an. Denn alle halten mich für taff genug, mein Leben auf die Reihe zu bekommen und kaum jemand merkt mir wahrscheinlich an, wie es mir wirklich geht.

Als ich noch jünger war, wollte ich nie Streit

Ich habe unter Zank und Streit schon immer sehr gelitten, und doch war ich mein Leben lang in irgendwelche Streitereien verwickelt. Von klein auf stand ich immer wieder irgendwo dazwischen zwischen komplizierten Beziehungen mit verworrenen Gefühlen und unsteter Bindung und ich selbst habe mich gefühlt wie der Fels in der Brandung, an dem das sturmaufbrausende Wasser abperlt, sich die Wellen zerschlagen.
Ein Panzer um meinen Körper, einen um mein kleines Herz und einen als Schutzschild, falls der zänkische Hall von außen doch einmal zu sehr meine Ohren zerschreit.
So ging es ganz gut mit dem Weiterleben und die vielen wunderschönen, glücklichen Momente genoss ich umso mehr.
Jedoch wer sehr zart besaitet und gutmütig ist (trotz hoher Resilienz!), mit dem können manche Menschen sehr viel anstellen. Zum Beispiel nutzten sie meinen gesunden Optimismus, um etwas Stimmung in ihrem Leben zu haben.
Andere nervte mein Organisationstalent und sie hielten mir vor, ich würde jeden herumkommandieren.
Also wollte ich mich am liebsten um 180° drehen und milder, sanfter, netter werden. Doch da wurde ich dann gelinde gesagt so manches Mal regelrecht veralbert. Vielleicht nutzen manche Menschen auch unbewusst die Schwächen von anderen aus, ohne es zu merken. Viele sind ja anscheinend sehr argwöhnisch anderen gegenüber eingestellt und es auch nicht gewöhnt dass man ihnen selbstlos und aus reiner Sympathie oder Liebe einfach etwas Gutes tun wollte.
Doch so, wie manchen schon als kleinen Kindern gesagt wird, dass das Leben ein harter Kampf ist, den man nur gewinnt, wenn man hart und diszipliniert wird, so habe ich eben gelernt, meine empfindsame Seite ganz penibel zu schützen und nicht mehr für jedermann zugänglich zu machen. Vielen sehr sensiblen Menschen geht das im Übrigen so.
Das ist so traurig, dass ich zuhause für mich alleine manchmal über diesen Zustand in unserer Gesellschaft weinen muss. Heute hier öffentlich zu stehen, ist gleichzeitig ein Aufruf an alle zu viel mehr Solidarität.
Anderen Menschen ins Herz zu schauen, dass können die allerwenigsten – deshalb bitte denkt immer mal darüber nach, wie ihr andere in eurem Umfeld behandelt und ob es nicht manchmal etwas netter, verständnisvoller, toleranter und einfühlsamer geht. Auch Ironie und Sarkasmus ist nicht bei jedem Menschen angebracht.

Keine Kohle, keine Würde?

Nun gut. In den letzten Tagen jedenfalls hat mich mein Mut etwas verlassen. Ich habe mit mir zu kämpfen und möchte gleichzeitig eine gute Mutter sein, ebenso eine gute Partnerin, eine gute Freundin, Tochter, Schwiegertochter und Schwägerin, eine gute Schwester, eine gute Kollegin, eine gute Person – und das geht halt einfach nicht.
Es wird niemals funktionieren und doch sprudele ich über vor Glück und beginne innerlich zu strahlen, wenn ich von netten, warmherzigen Personen umgeben bin, die genauso optimistisch und zufrieden sind wie ich. Das allerschönste Gefühl ist es für mich, wenn ich zufriedene selbstbewusste und ausgeglichene Menschen um mich habe.
Und ich muss euch leider sagen, dass es viele Jahre her ist, vor Glück so übergesprudelt zu sein.
Ich fühle mich wie in einem Korsett und absolut nicht frei. Damit ist nicht meine Beziehung gemeint, sondern ein innerer Zustand oder Ablauf. Momentan fühlt es sich an als würde ich an der Unzufriedenheit, der Distanziertheit, der Verbitterung und den Zankereien anderer Menschen ersticken, auch daran, wie empathielos mit unseren Kindern in Deutschland umgegangen wird, den vielen Sorgen mit der Armut, dem Stress, Druck, den süffisanten Politikern, überforderten, überlasteten Arbeitnehmern, Scheidungskindern und -eltern und vielen anderen Empfindungen, die von anderen zu mir rüberschwappen.
Ich schnappe dann bildlich gesprochen nach Luft und brauche eigentlich mehrere Tage Natur, Tiere, Harmonie und Ruhe, um überhaupt wieder ins Lot zu kommen.

Ich kenne meinen eigenen Wert.

Mein Selbstwert war tatsächlich immer stark ausgeprägt, was seit jeher so einigen anderen Menschen gestunken hat, vor allem selbst ernannten Autoritätspersonen, die eben nun mal keine natürliche Autorität besaßen, weil sie weder besonnen noch weise waren und einfach keine Führungsqualitäten zutage brachten.
Schon als Kind hatte ich Schwierigkeiten, solche Charaktere freiwillig als Chef anzuerkennen und in irgendeiner Psychotherapie hätte man mir sicher “Probleme mit Autoritäten” diagnostiziert, da finden sich bestimmt ein paar passende Störungsbilder dazu.
In Wahrheit gehört eine gewisse Autonomie zu meiner Widerstandskraft dazu und ich sehe das als etwas sehr Kostbares an, wenigstens auf geistiger Ebene frei zu sein, mich leicht zu fühlen. Deshalb blogge ich hier. Gewissermaßen sitzt ihr gerade in einer meiner Fantasiewelten und sinniert mit mir mit über die Zusammenhänge unseres heutigen Lebens.
Dabei ist es im Grunde total egal, wer uns alle schuf, ob der Urknall oder irgendein Gott oder der Gott der Urknalle.
Menschlicher Wert hängt jedenfalls offenbar vom Geld ab.
Denn egal, in welche Richtung ich meine Nervenautobahnen baue, damit meine Gedanken schön schnell im Gehirn hin- und her rutschen können, sich aneinander hängen und eine ganze Brainstorming-Explosion auslösen – irgendwann lande ich bei Unfreiheit, Entmündigung, Armut und Unglück durch das Fehlen von Geld.
Hast du genug davon, wirst du wertgeschätzt. Hast du keins, stehst du offenbar immer eine Stufe weiter unten.
Geld zu haben wird mit Erfolg, Macht, Klugheit, Glück und Einfluss in Verbindung gebracht.
Und ich bekomme eine unbefristete Erwerbsminderungsrente. Mein ganzes restliches Leben lang. Weil ich Morbus Crohn habe, weil ich arbeitsunfähig bin außer bis zu zwei Stündchen am Tag und weil ich so nie und nimmer auf einen monatlichen Zuverdienst von 400 Euro komme, die ich ja ganz legal zuverdienen darf.
Ich bin unfrei, weil ich nie wieder finanziell anders da stehen werde und abgestempelt bin als Sozialfall, mein ganzes restliches Leben lang und weil ich bis heute Schamgefühl entwickle, meinem Partner auf der Tasche zu liegen und sich so oft Streitereien um das liebe Geld entwickeln. Mich machen Gesetze und Erziehungsversuche der Politiker zu einer unmündigen Frau, deren Tochter im Falle einer Trennung sofort ins Hartz IV rutschen würde.
Ja, trotz bildungsnahem Elternhaus, trotz Eltern mit Abitur, trotz super verdienendem Vater – von einem Tag auf den anderen wäre alles vorbei, sobald mein Partner mich verließe. Ihre Bildungschancen wären dahin.
Mich würde es furchtbar grämen, Hartz IV zu beziehen (Sozialamt ist in etwa dasselbe), ich müsste in eine andere Wohnung ziehen, in eine andere Wohngegend.
Diese Vorstellung ist für mich der blanke Horror. es macht mir Angst und ich frage mich, wofür ich bestraft werde.
Mit voller unbefristeter Erwerbsminderungsrente zu leben, ist für mich nicht beschämend. Von meinem Mann dagegen finanziell abhängig zu sein, schon. Ich hoffe er hat noch weitere Jahre Bock auf eine Frau, die ihr “Cröhnchen” mit Fassung und Stärke trägt. Momentan gibt er seinen guten Verdienst für mich und unser Kind aus. Sein Leben hätte auch schöner sein können mit einer voll verdienenden Partnerin.
Ja, da habe ich manchmal keinen Mut mehr, noch nachzufragen, was eigentlich diese hoch beschworene Menschenwürde ist, von der alle erzählen.
In Wahrheit ist der Wert eines Menschen natürlich unbezahlbar. Wir sind alle wertvoll, jeder Einzelne mit seinen individuellen Fähigkeiten. So funktioniert eigentlich kollektives Miteinander, Gesellschaft heisst Vielfalt, Andersartigkeit und doch Gemeinsamkeit.
Zeit zum Nachdenken.

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