Eigentlich sollte Schluss sein mit dem Schreiben

 
Lesezeit: 4 Minuten

Es ist meinen Lesern gegenüber wahrscheinlich etwas unfair:
Ich habe seit geraumer Zeit überlegt, Mrs. Eastie zu begraben.
Wer aufmerksam beobachtet, hat sicherlich bemerkt, dass ich in den Formulierungen um einiges zögerlicher wurde und zudem die Beiträge oft ganz ausblieben.
Dafür gab es verschiedene Gründe.
Zum einen erhielt ich zu Beginn des Jahres eine enttäuschende Reaktion aus meinem privaten Umfeld, die mich um Welten zurück warf.
Während ich im Netz mit meiner Bloggerei richtig erfolgreich war, wollte das da anscheinend nicht wirklich funktionieren. Dinge, die ich über meine Erkrankung Morbus Crohn und den katastrophalen Knick in meiner Biografie schrieb, schien jemand nicht zu mögen.
Meine oft wiederkehrenden öffentlichen Danksagungen an eine Person, die in der schweren Zeit für mich da war, wurden von dieser als ziemlich peinlich empfunden. Das war natürlich nicht meine Absicht, im Gegenteil.
Vorerst ist die Kategorie nun passwortgeschützt, denn Betroffene sollen nach wie vor mein Schicksal und die Bewältigung dessen lesen können. Aus diesem Grund werde ich die Beiträge jederzeit anderen an Morbus Crohn erkrankten Menschen zugänglich machen.
Der zweite große Einschnitt war, die Kategorie über selektiven Mutismus für die Öffentlichkeit zu sperren. Auch mein Kind hat das Recht zu sagen, dass es bitte nicht mehr solche Sachen im Netz lesen mag. Hier konnte ich mich ebenfalls einigen, dass Betroffene und auch Studenten, die diese Seite zu Forschungszwecken oder für ihre Studienarbeit nutzen, ein Passwort mitgeteilt bekommen.
Im Zuge der Kommunalwahl in Sachsen im Mai kam dann für mich eine nächste Blogger-Herausforderung. Nach den Ergebnissen war ich enttäuscht von Sachsen und brauchte eine ganze Weile, um zu verdauen, dass so viele Menschen die AfD gewählt haben. Auch wenn ich nicht Mitglied einer bestimmten Partei bin, so hat mich dennoch die Wahl persönlich mitgenommen.
Nach der Landtagswahl in Sachsen hatte ich kurzzeitig den Gedanken, dieses Bundesland zu verlassen. Ich habe mich einfach nicht mehr wohlgefühlt, zumal ich ohnehin schon nicht sehr konservativ eingestellt bin und auch davor mit den Wahlergebnissen in Sachsen nie zufrieden war.
Es geht mir nicht um das Politische, sondern um meine Lebenseinstellung. Es geht um meine Werte und meine Sicht auf die Welt und dafür lasse ich mich weder als Gutmensch noch als linksradikal beleidigen, weil beides einfach nicht stimmt. Andererseits fand ich das Ost-Bashing teilweise so schwer zu ertragen, dass ich mich wirklich gefragt habe, ob jetzt alle den Verstand verloren haben.
Wie oft habe ich geschrieben, dass es keinen genetischen Code für „Ossi“ gibt. Das ist einfach alles lächerlich.
Ich habe keine Ahnung, ob zu solchen Themen eine stinknormale Ü-40-Mutter überhaupt bloggen sollte, jedoch habe ich ja eine Meinung zum Mensch-Sein.
Es ist auch mein Leben, mein Umfeld und letztlich wächst auch mein Kind in einer Welt auf, die wir ihr hinterlassen. Ja, es bewegt mich sehr, was ich hinterlasse.
Ich bin wie so viele andere auch außerdem Zeitzeugin dieser Epoche voller Veränderungen und Umwälzungen und ich glaube, es wäre einfach schade, wenn mein Blog später nicht in einer digitalen Bibliothek zu finden wäre.
So wie mich auch viele andere Blogs dieser Zeit sehr berühren, weil sie sich auf eine nicht ganz so oberflächliche Art und Weise mit den Geschehnissen auseinandersetzen.
Aus diesem Grund werde ich weiterbloggen.
Diese Entscheidung hat mich fast ein Jahr gekostet und in der Zeit bin ich von rund 1000 Lesern pro Monat auf 12 im Durchschnitt gesunken.

Vergleich: Dezember 2019 / Dezember 2018

Doch wisst ihr was, das war es mir wert.
Mir tut es zwar einesteils weh, dass ich nicht auf den Zug des Erfolgs aufgesprungen bin und einfach alles an Themen vermarktet habe, was irgendwie geht.
Aber ich bin ´authentic bloggerin´ mit Leib und Seele – es ist meine Leidenschaft, zu schreiben, über mich, über das Leben, über die vielen Momente und Begegnungen. Das ich dabei nun in Sachsen wohne, ist purer Zufall und doch gleichzeitig Anlass, anderen Menschen einen Einblick in eine der vielen Biografien nach der Wende zu geben.
Es ist einfach alles subjektiv und eigenwillig beschrieben. Ich bin eigenwillig!
Es kostet manchmal einfach Mut, ein Zeichen zu setzen.
Auch das stetige „Bekannterwerden“ war eine große Herausforderung. Mich haben Leute auf der Straße erkannt und angesprochen. Mein Kind hat abgefeiert und fand das großartig.
Aber mir war das zuerst wirklich zuviel. Denn die Welt des Internets verschiebt sich irgendwann logischerweise auch in die analoge Welt. Wenn ich aber in Bus oder Bahn sitze, dann mag ich nicht grundsätzlich über einen Blogeintrag von Anno-dazumal diskutieren. Auch nicht, wenn das Feedback ein durchweg Positives war und ist.
Abgesehen von dem Problem, welches ich oben beschrieben habe, wenn aus dem näheren Umfeld mehr Kritik kommt als von eifrigen Lesern.
Als Blogger*in lernst du einfach niemals aus.
Du musst aber eben auch lernen, deinen Weg zu gehen. Eventuell einen, den niemand vor dir gegangen ist.
Wenn du etwas auf der Seele brennen hat und darüber öffentlich schreiben willst, dann solltest du es aber trotzdem tun.
Das ist dann unter Umständen deine Berufung. Du bist ja nicht mehr oder weniger wert als andere Menschen. Also kannst du auch nicht so streng beurteilt werden, wie du vielleicht glaubst.
Dazu hat niemand das Recht.
Ich entschuldige mich in aller Form, dass ich hier so lange nicht mehr regelmäßig gebloggt habe.
Ab jetzt bin ich wieder da und freue mich darauf. Mit neuer Einstellung zum Schreiben – und zum Bewältigen von inneren Konflikten.

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