Ich blogge, also bin ich. Die besten Geschichten schreibt das Leben.

 
Lesezeit: 4 Minuten

Die Leistungskontrolle in Musik rückte immer näher und dementsprechend nervös war unsere Tochter.
Mit acht Jahren weiß sie nun, dass sie selektiv mutistisch ist.
In den vergangenen Wochen, seit Beginn der dritten Klasse, verwendete ich diese Bezeichnung ihr gegenüber öfter.
So möchte ich sie Stück für Stück an ihre Problematik “Schweigen” heranführen, ohne ihr unnötig den Stempel auf die Stirn zu setzen, dass sie “anders” sei.
Das ist nicht so einfach, denn sie ist lebenslustig, schulisch sehr motiviert und mittlerweile richtig selbstbewusst.
Es ist für uns Eltern ein schwieriger Weg, der viel Fingerspitzengefühl erfordert. Wir wollen nichts in ihrer kindlichen Seele kaputt machen, nicht noch mehr kaputt machen!
Sie einerseits zu motivieren und sie gleichzeitig auf eine Diagnose “reduzieren” zu müssen ist ein gefühlter Drahtseilakt.
Beim selektiven Mutismus ist es so, dass dieser ganz gut überwunden werden kann, sodass wir nie die Möglichkeit in Betracht gezogen haben, unsere Tochter jemals öffentlich als “anders” betiteln zu müssen im Sinne eines Handicaps.
Doch für die Schulzeit und darüber hinaus wird es wohl nicht viele Alternativen geben.
Ein selektiv mutistisches Kind ist meistens nicht in der Lage, Lehrern Antworten zu geben, vor der Klasse Vorträge zu halten und vorzusingen.
Bei manchen Kindern geht es sogar soweit, dass sie sich vor anderen nicht einmal viel bewegen, keinen Sport aktiv mitmachen, nicht vor anderen essen oder sich nicht trauen, auf Toilette zu gehen.
Je nach Ausprägung muss hier wirklich unterschieden werden zwischen einer Sprechhemmung und einer ausgeprägten Angst vor Interaktion mit anderen Menschen.
Unsere Tochter braucht “nur” die Sprachblockade fremden Erwachsenen gegenüber abzubauen, alles andere läuft bei ihr wunderbar. Sie ist aus diesem Stadium des “Einfrierens” (zu Erklären wie eine Art Schleichen, verlangsamte Bewegung oder ganz regungslos bleiben bei -gefühlter – Gefahr oder Bedrohung) längst heraus.
Nur sehr selten passiert es, dass sie so gar nicht reagiert, das war als kleines Kind ganz anders.
Doch zurück zum Musikunterricht.

Mama, kannst du bitte einen Zettel schreiben?
Bis zum vorigen Jahr lief es in Musik super, denn da gab es ja keine Zensuren und kein Vorsingen vor der Klasse. Eine sehr junge Referendarin brachte außerdem frischen Wind in die Musikstunden und es verging wirklich keine Woche, an denen unsere Tochter zuhause nicht vorsang und dabei tanzte.
Sie liebt Musik über alles und bewegt sich intuitiv auch sehr feinfühlig dazu. Ich könnte ihr stundenlang beim Tanzen zusehen, jedoch bin ich ja auch ihre Mutter.
Mit Beginn der dritten Klasse war die inzwischen junge Lehrerin nicht mehr an unserer Schule und unsere Tochter hatte plötzlich ein wenig Angst.
Sie war sich nicht mehr sicher, ob die nun eingesetzte Musiklehrerin sie wohl nett behandeln würde, obwohl sie bisher mit der gesamten Lehrerschaft wirklich sehr gute Erfahrungen gemacht hat.
Sie wurde nicht unfair behandelt, seitdem wir als Eltern mit der Schulleiterin über selektiven Mutismus gesprochen hatten und die Zusammenarbeit funktioniert wirklich gut.
In Sachsen muss ein sonderpädagogischer Förderbedarf für einen Nachteilsausgleich gestellt werden, sodass das Kind inklusiv beschult werden kann. Dazu gab es Besuche von Gutachtern und Schulpsychologen im Schulgebäude, die extra aus Leipzig angereist waren.
Wir haben den Förderbedarf bei der sächsischen Bildungsagentur beantragt.
Doch inwieweit innerhalb der Schule unter den Lehrern die Info vorliegt, dass wussten und wissen wir nicht.
Jede Lehrkraft geht mit solchen Herausforderungen ohnehin anders um und genau das macht unser Kind etwas unsicher.
Also schrieb ich eine kurze Nachricht an die Musiklehrerin, dass der Nachteilsausgleich bewilligt wurde, das Lied auch gelernt wurde, unsere Tochter aber wahrscheinlich nicht vor der Klasse singen wird.
Wisst ihr, dass ist kein “in Watte packen” und auch kein Bevorteilen unserer Tochter.
Hier geht es um viel mehr. Es geht darum, Lösungen zu finden und dem Mädchen nicht die Hoffnung zu nehmen, dass sie es schaffen kann! Eines Tages wird sie es soweit im Griff haben, dass wir keinen Sonderstatus mehr benötigen.
Doch eine Mutter zittert immer früh morgens, wenn sie so einen Zettel mitgibt.
Da könnt ihr euch sicher sein! Manchmal stehen mir die Tränen schon bis zum Hals und ich versuche es zu verbergen.
Dann lenke ich mich gedanklich ab, stürze mich in mein Homeoffice und höre gitarrenlastige Musik, um diese Verzweiflung los zu werden.

Mama, schau mal, was ich in Musik für eine Note habe!
Was unser Kind anbetrifft, so hat sie schon einen ganz besonderen Humor. Sie ist allgemein recht talentiert und gewitzt und so sieht es auch mit ihren Schauspielkünsten aus.
Wenn sie dann mit ernstem Gesicht vor dir steht und seeeeehr langsam das Hausaufgabenheft herauszieht, ist das für mich so ein Moment, wo ich gleich losheulen könnte. Weil sie ja singen kann und es sowas von niedlich klingt.
Doch die Musiklehrerin es niemals hören wird, sie vielleicht nie so erleben wird.
Die Kraft, letztendlich über seinen Schatten zu springen und verbal zu kommunizieren, liegt immer beim Kind.
Die Therapie unterstützt und begleitet, wir Eltern auch und das gesamte Umfeld. Doch wenn sich bei dem Mutisten nichts bewegt, dann ist nichts zu machen. Mitarbeit ist immer sehr wichtig!
Je mehr gute Erfahrungen ein selektiv mutistischer Mensch also macht, desto eher wird er auch gute Erfolge erzielen.
Sie legte das Heft mit dem Zensurenspiegel vor mich hin und sagte, ich soll es erst anschauen, wenn sie in den Flur gegangen ist.
Okaaaaay, entgegnete ich ihr gedehnt und versuchte in ihren Augen zu lesen. Sie gab nichts preis!
Und es war eine Eins!
Fünf Sekunden später kam sie freudestrahlend wieder ins Wohnzimmer gehüpft und tänzelte um mich herum.
“Ich habs geschafft, ich habs geschafft!” jubelte sie.
Die Lehrerin hatte sich zuerst vor der Klasse den Text von ihr flüstern lassen und ließ sie danach die Melodie summen. Für den Anfang eine gute Idee, wie ich finde. Es ist auch prima, dass unsere Tochter zur Leistungskontrolle genauso aufgerufen wurde wie alle anderen Kinder auch.
Denn genau so haben wir uns als Eltern das vorgestellt.
Ja, für mich ist das tatsächlich Inklusion. Ein sehr guter Weg.
Und mir liefen die Tränen. Dieses Mal vor Erleichterung. Die letzten Wochen waren wirklich hart.
Jetzt macht sich momentan das zufriedene Gefühl breit, dass die Schule gut agiert und davor ziehe ich bei den derzeitigen Zuständen in unserem deutschen maroden Schulsystem den Hut.
Herzliche Grüße,

Lies auch den vorangegangenenen Beitrag:Sie muss aber mitsingen. Weisheiten Außenstehender und die Inklusion.

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Die Königin des [ostdeutschen] Alltags schreibt hier sozialkritisch, parteiunabhängig, humorvoll, nachdenklich zu sehr vielen Themen mit Blick auf den Alltag in den neuen Bundesländern und die Aufarbeitung der geschichtlichen Vergangenheit. Außerdem geht es um Morbus Crohn, selektiven Mutismus, Familienalltag, Lifestyle und Gesundheit, Kreatives und Querdenken.

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