Was für eine Gesellschaft wollen wir? Mein Haus, mein Auto, mein Boot, mein Pferd

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Ich kann mich noch gut an meine Jugend in der Nachwendezeit erinnern. Mit  rund 18 Jahren schon (oder noch?!) auf sozialkritischem Beobachtungsposten, was die neue Gesellschaft anbetrifft und skeptisch gegenüber den gefühlten Neureichen, gab es unter uns ehemaligen Kindern der Arbeiterklasse so einen Witz.

Wir ahmten eine Geste nach, mit der wir andeuteten, mehrere Fotos auf den Tisch zu legen, die offensichtlich wichtige Motive trugen.

„Mein Haus, mein Auto, mein Boot, mein Pferd“

Es brachte uns damals zum Lachen und wir dachten in unserem jugendlichen Leichtsinn nicht mit einem Wimpernzucken daran, jemals so statusbehaftet zu leben.
Heute sind natürlich viele jener Zeitgenossen beruflich sehr erfolgreich. Nicht wenige besitzen einen tollen Mittelklassewagen, wohnen in einer neu eingerichteten Eigentumswohnung oder einem modernen Eigenheim und ich bin mir sicher, auch Pferd oder Segelboot sind im Budget noch drin.
Keiner erinnert sich mehr an Freunde, mit denen man lachend und gewitzt eine fröhliche Zukunft schmiedete. Was hatten wir nach dem Zusammenbruch der DDR für Visionen von einer anderen, besseren Welt!

Gebt den Kindern das Kommando?

Heute sind Mütter wahre Kinderzimmerdesigner mit allem, was sie in der Werbung an Einrichtungsgegenständen so gesehen haben. Autos und Werkzeugkästen für Jungs und rosa Spitzen für die kleine Prinzessin. Und bloß nicht anders herum – wir leben nicht in den Neunzigern!
Pfützen und Matschwetter müssen doch wirklich Horror für so eine Seifenblasenwelt sein.
Was passiert in solchen sterilen Behausungen mit gesammelten Schneckenhäusern und Steinen, Moos, Haselnussblüten oder gefundenen Wanderstöcken?
Was geschieht, wenn sandige Hände und Füße alles anfassen, durch den Flur stürmen, oder ganz dringend Richtung Badezimmer – dringendes Pullern?!!

Die Perfektion des Alltags

Perfekte Wohnräume, die nicht entstehen, sondern von jetzt auf gleich geschaffen werden, für die ganz viel Geld ausgegeben wird und die trotz allem Chic keine Seele besitzen. Es ist fast ein Unding geworden, bei jemandem spontan zu klingeln. Schließlich könnte es sein, dass noch irgendwo unabgewaschene Kaffeetassen herumstehen, das Bett im Kinderzimmer nicht gemacht ist oder noch nicht frisch bezogen nach der Pullertirade in der Nacht.
Wer arbeitstätig ist, hat sicher noch nicht einmal die Kekskrümel vom Vortag weggesaugt und das Katzenklo müffelt bestimmt ein wenig.
Natürlich lässt man niemanden in eine unaufgeräumte Wohnung. Schon gar nicht Freunde, die müssen ja nicht wissen, wie man in Wirklichkeit lebt.

Status versus Freundschaft?

Es ist paradox, wenn man bedenkt, dass Freunde früher genau wussten, wie man wirklich lebt und so eine Vertrautheit nicht zu ersetzen war durch Statussymbole.
Was soll denn passieren, wenn andere von mir wissen, welches Muster mein Klopapier hat, welche Fettfinger heute an der Balkontür gelandet sind oder wieviel Bügelwäsche auf dem Wohnzimmertisch gestapelt lag?

Liegt da etwas Menschliches,Unperfektes, Sympathisches in der Luft?

Wenn doch nur ein paar Masken fielen und wieder mehr Authentizität ans Tageslicht käme.
Dann wären spontane Verabredungen wieder möglich.

Und überhaupt: Was für eine Gesellschaft wollen wir?

asti

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