Hasskommentare nach Zitteranfall der Bundeskanzlerin – Die Verrohung der Kommunikation

 
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Ich bin sprachlos bis entsetzt.
Nachdem die Bundeskanzlerin eine Art Schwächeanfall während ihres Besuchs in der Ukraine erlitt, ist Facebook mal wieder voller Kommentare – und einige davon so richtig böse.
Vorweg: Ein Fan von Frau Merkel bin ich nicht, ich mag die Politik ihrer Partei CDU auf Bundesebene nicht und ich bin so wie sehr viele andere Menschen enttäuscht von der Gesamtentwicklung in Deutschland.
Doch was ich gestern gelesen habe, an Reaktionen von erwachsenen Menschen, hat mich fassungslos gemacht.
Einige schrieben, ihnen ist es egal, ob es der Bundeskanzlerin schlecht ginge, schließlich kümmere diese sich auch nicht um einen.
Andere, viel härtere Kommentare beinhalteten, sie freuen sich “wenn es schnell ginge” und spielten damit auf einen schnellen Tod an.
Das empfinde ich als dermaßen unverschämt und pietätlos, dass ich tatsächlich keine Worte dafür habe.
Wir reden hier über das Staatsoberhaupt Deutschlands und trotz aller Kritik muss doch eine gewisse Würde und Achtung da sein. Die Sachlichkeit geht ja komplett verloren und nicht nur das.
Verrohung ist das!
Für mich fühlt sich diese hässliche Art und Weise so an, als würde momentan die gesamte Demokratie untergraben werden und ich bin außerdem schockiert über die niedrige Hemmschwelle, derartige Hassparolen loszulassen.
Denn da spricht schon richtiger Hass aus solchen Äußerungen.
Soviel Hass, dass sogar Smilies als Reaktion auf den Zitteranfall der Bundeskanzlerin gesetzt werden.
Also bei aller Liebe, aber das kann doch nicht der neue zwischenmenschliche Kurs sein?
Übrigens – weil ich gerade bei diesem Thema bin – habe ich derartige Lach-Reaktionen auch bei dem Fall des Politikers Lübcke aus Kassel gesehen, der mit einem Kopfschuss ermordet wurde.
Das ist jenseits meines Vorstellungsvermögens, wie man dort so reagieren kann.
Zynisch hoch drei ist das und einfach nur unmenschlich.
Mir wird Himmelangst, wenn ich eine Stunde in den sozialen Netzwerken unterwegs bin.
Da kriecht eine Fratze des Bösen, der völlig verzerrten Wahrnehmung aus den Menschen, die ich bisher einfach nicht für möglich gehalten hätte.
Seit Jahren befasse ich mich hobbymäßig mit verschiedenen Kriminalfällen und es ist jedem bekannt, dass Menschen in der Lage sind zu töten und Verbrechen zu begehen.
Doch das dieses ungemein Böse, Hasserfüllte quasi im nächsten Nachbarn wohnt, dass in einer breiten Masse der Bevölkerung diese ungezügelte Art von bösen Absichten, Empathielosigkeit, Neid und sogar richtiggehend krimineller Energie verbreitet ist, dass stellt momentan mein gesamtes Menschenbild auf den Kopf.
Was denken sich solche Menschen dabei, so krasse Formulierungen zu nutzen?
Wie ist das Ganze zwischenmenschlich zu betrachten?
Steuert unsere Gesellschaft auf einen moralischen Abgrund zu?
Haben wir als Erwachsene nicht ein gut angelegtes Repertoire mit auf den Weg bekommen, solche derartigen heftigen Gefühle zu kompensieren und unsere Impulse zu kontrollieren und zu kanalisieren?
Ist es nicht Ausdruck einer reifen Persönlichkeit, sachlich diskutieren und kritisieren zu können, in Frage stellen zu können und auch Kritik zu vertragen, ohne dass im nächsten Moment jemand vor lauter Hass unüberlegte Dinge tut?
Verbale Auswüchse dieser Art sind eine Vorstufe zum Handeln, jedenfalls glaube ich das.
Denn die Gedanken, die wir uns machen und die Gefühle, die daran gekoppelt sind, machen aus, wie unser Leben verläuft.
Mentale Kraft ist nicht zu unterschätzen.
Wer für sein Elend immer nur die Schuld bei anderen sucht, wer seine eigene Niederträchtigkeit auf eine andere Person projiziert, wer Hass und Wut in sich dermaßen hochkochen lässt, dass jegliche Menschlichkeit verloren geht, der hat wirklich ein ernsthaftes Problem mit seiner Lösungs – und Konfliktfähigkeit.
Diese Persönlichkeitsstrukturen verheißen nichts Gutes.
Jeder andere Politiker könnte an dieser Stelle nichts, aber auch gar nichts anders machen im Leben eines so einfach strukturierten Menschen.
Ich kann nur hoffen, dass anderen Lesern diese gewälttätige verbale Art ebenso auffällt und dagegen gehalten wird.
Trotzdem: Der fade Beigeschmack von fauligem Gefühlssud bei diesen Kommentatoren bleibt in mir haften.
Ich bin es jedenfalls über Nacht nicht losgeworden und musste deshalb heute morgen darüber schreiben.

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