Ich bin hochsensibel. Nicht überreizt.

 
Lesezeit: 6 Minuten

Wisst ihr etwas anzufangen mit dem Begriff “Hochsensibilität”?
Immerhin lest ihr gerade in dieser Kategorie auf meinem Blog und müsst ja irgendwie hier gelandet sein.
Ich muss gestehen, dass ich dieses Thema schon sehr lange in meinem Herzen trage, weil ich genau das bin: extrem sensibel.
Von Kindesbeinen an begleiten mich bestimmte Eigenschaften, die zu mir gehören und meine ganze Person ausmachen.
Irgendwann sagte ein Arzt “Das Mädchen ist wirklich hoch empfindsam, sehr bemerkenswert” und das brannte sich in meinen Kopf ein.
Sehr empfindsam zu sein, trifft es wahrscheinlich auch eher als von “hochsensibel” zu reden, ich komme später noch einmal darauf zurück.

Die besondere Wahrnehmung

Ein Mensch wie ich mag es gern harmonisch. Um zu erklären, wie das gemeint ist, muss ich etwas weitere Gedankenkreise ziehen und freue mich, wenn du währenddessen am Ball bleibst.
Gefühle zu erklären, ist schließlich nicht die leichteste Übung, denn es gehört eine Menge mehr dazu, als sich “nur” gut ausdrücken zu können.
Um Wahrnehmungen zu beschreiben, bedarf es ein hohes Maß an Selbstreflexion und Empathie anderen gegenüber.
Beide Begriffe werden alleine schon als Beschreibung für viele Zustände genutzt, ohne dass jemand so wirklich etwas darunter verstehen kann.
Ich will damit sagen, dass letztendlich jeder Mensch seine Subjektivität in die Beurteilung von Situationen einfließen lässt und es fast unmöglich erscheint, Vergleiche im Bereich des Gefühlslebens zu ziehen.
Woher weiss denn der eine, wie gut er “selbstreflektiert” ist und ob es ein anderer auch ist?
Genau so ist es auch mit der Hochsensibilität. Es gibt keine genaue Definition dafür und es ist nicht messbar.
Jeder Mensch empfindet es anders und doch gibt es Unterschiede in dem, was damit gemeint ist.
Noch komplizierter wird es mit dem Begriff “Empathie”. Oft setzen Menschen damit das Mitgefühl gleich, doch ich persönlich denke, dass es nicht dasselbe ist.
Ich gehe darauf noch ein.
Bei mir ist es seit ich denken kann so, dass ich die Welt sehr detailliert wahrnehme. Ich bin so eine, die die Flöhe husten hört, die jede Stimmung anderer Menschen erspüren kann und ich kann mich in sehr viele Menschen gefühlsmäßig und auch oft gedanklich hineinversetzen.
Vor allem aber fühle ich mit anderen mit und ich verstehe oft relativ schnell, weshalb jemand wie handelt.
Alles in allem spüre ich mich in andere hinein, ohne es von jemandem irgendwann einmal beigebracht bekommen zu haben.
Abgesehen davon nehme ich Kleinigkeiten als etwas ganz Großes wahr.
Ich sehe Blümchen am Wegesrand blühen, höre Vögel zwitschern und Hunde bellen und manchmal sogar das leise Piepen des Fernsehers.
Das alles passiert ganz nebenbei, während ich hier sitze und schreibe oder mich mit jemandem unterhalte.
Was andere wohl nur wahrnehmen, wenn sie sich darauf fokussieren, ist bei mir immer da – zu jeder Zeit.
Es scheint einfach eine intensivere Art der Wahrnehmung zu sein, daher der Begriff “hochsensibel.”

Mikroexpressionen – im Gesicht der anderen lesen

Mein Bauchgefühl verlässt mich selten. Als Kind war ich sogar noch etwas “besser” im Lesen von Gesichtsausdrücken und Körperhaltung. Wo genau das herkommt, kann ich euch nicht sagen. Jedenfalls sehe ich an den Mundwinkeln, ob ein Mensch sein Gesagtes ernst meint oder sich innerlich kaputt lacht. Ich sehe an der Form und Farbe seiner / ihrer Augen, ob der/diejenige angespannt, fröhlich, traurig, ernst, schadenfroh oder müde ist.
Jahrelang konnte ich das niemandem erzählen, weil ich dachte, alle halten mich für eine Spinnerin oder Esoterikerin.
Mittlerweile hat das Ganze einen Namen: Mikroexpressionen.
Es sind ganz winzige kleine Bewegungen im Gesicht, die bei der Polizei in Verhören eine große Rolle spielen.
Viele Profiler werden heutzutage darin geschult, nicht nur die Körpersprache und Gesichtsausdrücke im Groben interpretieren zu können (was für mich eine Leichtigkeit ist), sondern auch die allerkleinsten, flüchtigen Gesichtsregungen, die wirklich nur Bruchteile von Sekunden dauern und auf den ersten Blick nicht sichtbar sind.
Außer es handelt sich dabei um hochsensible Menschen wie mich.
Wie ihr merkt, hat als dieser Begriff in meinen Augen überhaupt nichts mit allgemeiner Überreizung (niedrige Filterfähigkeit/Reizverarbeitung und/oder affektive Störungen) zu tun ebenso wenig mit Gekränktheit oder dem berühmten “Nah am Wasser gebaut sein”. Oder ich will es mal so ausdrücken: Es hat nicht NUR damit zu tun, sondern schließt es eventuell in sein Repertoire mit ein (oder auch nicht)

Unhöflichkeit mag ich nicht

Harmonie brauche ich, um zu gedeihen. Sei es eine zwischenmenschliche Harmonie als auch bestimmte Klänge, sei es eine besondere Kombination von Farben oder eine angenehm klingende Stimme.
Alle diese wunderbaren harmonischen Stimmungen, Situationen und Charaktere können unter diesem Begriff zusammengefasst werden und ich verbinde diese Sinfonie der Glücksgefühle mit Wärme, Geborgenheit, Vertrauen, Liebe, Bindung, Weichheit, Gleichklang, Übereinstimmung und absoluter Friedfertigkeit.
Generell bin ich ein sehr bejahender Mensch. Verwechselt das nicht mit “Ja-Sagern”.
Ich habe selbstverständlich meine eigene Meinung bin selbstbewusst und erfolgreich im Leben.
Doch ich habe festgestellt, dass ich vielen Dingen gegenüber einfach wohlgesonnen bin.
Hochsensible Menschen kommunizieren im Allgemeinen eher zugewandt, lobend, würdigend und anerkennend.
Umso mehr bringen mich Menschen als auch Situationen durcheinander, die feindlich gesinnt und ablehnend wirken, Verbissenheit, Neid, Missgunst und Ablehnung zum Ausdruck bringen.
Es ist in meinem Naturell offenbar kein Platz dafür und auch keine natürliche Verteidigung dagegen angelegt.
Das berühmte “dicke Fell” ist lediglich an trainiert und zwar sehr mühsam.
Bin ich über Monate oder sogar Jahre in einer solchen geschilderten kalten, abwertenden und destruktiven Endlosschleife von zwischenmenschlichen Beziehungen gefangen – und seien es nur zu laute oder sich streitende Nachbarn, eine zu strenge Kindergärtnerin oder Lehrerin meines Kindes, eine unfreundliche Brotverkäuferin, die stets und ständig unhöflich ist oder auch ein nörgelnder Chef, ein sich lustig machender, sarkastischer Mensch im Umfeld – dann bin ich innerlich nicht nur todunglücklich, sondern ich reagiere auch körperlich darauf.

Empathischer Stress

Hochsensible – oder vielleicht besser “empathisch und kognitiv hochsensitive Person mit zusätzlicher intensiver Wahrnehmung aller Umweltreize” sind besondere Menschen, die so allerhand in ihren Mitmenschen bewegen.
Sie rühren zu Tränen, spielen herzzerreißende Kompositionen auf Instrumenten, singen mitreißende Lieder, dichten wunderbar emotional tiefe Texte oder sind einfach in ihrer gesamten Art und Weise angenehm harmonisch.
Gleichzeitig bedeutet Empathie, die Gefühle von anderen Menschen mitzufühlen.
Wenn also jemand weint, dann bin ich plötzlich unerklärlich traurig. Es ist nicht nur Mitgefühl, also dass ich sehe, jemand weint und er mir leid tut, ich ihm helfen will (Verstandesebene), sondern ich bin traurig und könnte mitweinen.
Genauso ist es mit anderen Gefühlen, also fröhlich sein, Liebe empfinden, Anspannung merken und tausend anderen Empfindungen mehr.
Empathie und Mitgefühl haben auch noch die Geschwister Toleranz und Vertrauen.
Alles hängt miteinander zusammen, sodass ich grundsätzlich tatsächlich erst einmal vom “Guten im Menschen” ausgehe.
Zynische und bissige Personen mag ich persönlich nicht. Doch auch sie haben einen weichen Kern.
Es gab eine Zeit, in der ich selbst sehr sarkastisch war und mich damit eigentlich nie richtig wohl gefühlt habe. Allerdings habe ich auch im Laufe der Jahre gelernt, nicht jedem meine Empfindungen auf dem Silbertablett zu präsentieren! Sehr viele Menschen konnten in früher Kindheit weder ein sichereres Urvertrauen geniessen noch eine sichere stabile und liebevolle Bindung zu ihren wichtigsten Bezugspersonen aufbauen.
Daraus resultieren später sehr viele Eigenschaften, die heutzutage von der Gesellschaft hoch gelobt werden, wie “Stehaufmännchen zu sein”, “Zähne zusammen zu beissen”, “tüchtig und fleissig zu sein auch unter Schmerzen”, “sich zusammenzureißen”, “sich ein dickes Fell zuzulegen”, “besser zu sein als alle anderen”, “Einzelkämpfer zu sein” und viele andere Wesensmerkmale mehr.
Da hier der Draht zu seinem inneren Kind, also den eigentlichen Bedürfnissen, mit der Zeit verloren geht, werden diese Personen stark wirken – und verletzend gegen andere agieren. Sie benötigen so viel Kraft für sich selbst, dass sie einfach keine (liebevolle) Energie mehr für andere übrig haben.
Solche Menschen sind für Hochsensible insofern sehr anstrengend als man ihre Unzufriedenheit permanent mitspürt und dabei auch noch ständig von ihnen verletzt wird.
Was andere aushalten, dass ertragen richtige Empathen schwer und brauchen regelrechtes Training, um sich abzugrenzen.

Heile kleine Welt

Uns empathischen Menschen wird oft nachgesagt, wir seien aus den Kinderschuhen nicht herausgewachsen. Unfertig, nicht hart genug, einfältig und mit der verletzlichen Kindlichkeit konfrontiert.
Das mag zu einem gewissen Teil sogar stimmen. Dabei muss man sich einmal genau verinnerlichen, wie ein Mensch sich entwickelt.
Gerade das Thema “Kindsein” ist dabei von enormer Wichtigkeit. Wer Kinder in ihrem Tun, ihrer Handlungsweise und ihrem Empfinden abwertet, der sieht sie natürlich auch als unfertig an.
Das ist alles eine Frage des Blickwinkels.
Wir könnten es auch so sehen, dass die Pflege kindlicher Anteile durchaus wichtig und erstrebenswert ist, da sich in der Kindheit eben Vertrauen, Einfühlungsvermögen, fantasievolle Vorstellungskraft und viele Dinge mehr entwickeln.
Heutzutage geht man davon aus, dass alle diese wunderbaren Eigenschaften zum “Kinderkram” dazu gehören.
In Wahrheit aber waren wir alle Kinder und sollten den Entwicklungsprozess nicht als linear verstehen (vom “unfertigen” Kind zum “fertigen” Erwachsenen), sondern als Gesamtprozess, in dem alle Erfahrungen und Empfindungen miteinander zu einer Harmonie in uns selbst werden – ein Leben lang bis zum Tod.
Irgendwann – so hoffe ich – werden wir Menschen so weit sein, das besser zu verstehen und nicht in den Bereich der Esoterik zu schieben.

Für heute soll es als kleiner Überblick zu dem Thema reichen.
In nächster Zeit werde ich darüber schreiben, wie es im Berufsleben mit uns läuft und wo wir am besten aufgehoben sind. Auch Beiträge über hochempathische Kinder wird es geben.
Bis dahin einen guten Kontakt zu euren Gefühlen und viel Kraft beim Umsetzen eurer Ziele,

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