Ich bin weder antideutsch noch rassistisch. Schubladendenken und Gewalt.

 
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“Die Rechten vermummt und bewaffnet – und die Polizei steht daneben”, hiess es gestern auf Twitter. “In Sachsen ist das möglich. Ganz besonders in Wurzen. Die Stadt, die ihren Ruf als Nazi-Nest schon lange weg hat.”
“Die “Antifa” ist genauso vermummt”, tönt es von der Gegenseite.
“Sie hätten lieber die Sturmschäden mit beseitigen können, statt noch mehr Unruhe in die Stadt zu bringen”.
“Wir haben Angst”, sagen einige Anwohner.
“Die Flüchtlinge benehmen sich nicht. Sie pöbeln Leute beim Einkaufen an, randalieren und ziehen in Gruppen durch die Straßen. Dann prügeln Neonazis sich durch das Flüchtlingsheim und bald danach formiert sich die Antifa in Wurzen. Dazwischen noch der Sturm Friederike, der über Deutschland und auch durch Wurzen fegt und zahlreiche Schäden anrichtet. Es ist einfach nicht mehr zum Aushalten.”

Angst war noch nie ein guter Ratgeber.

Auf Facebook häufen sich in den lokalen Gruppen die verschiedensten Meldungen.
Ein 25-Jähriger schreibt, seine Familie sei durch die Flüchtlinge bedroht worden. Sie hätten Schläge angedroht und er habe doch die Aufgabe, seine Leute zu beschützen. Die Polizei tue ja schließlich nichts, helfe nicht.
Kurze Zeit später postet er in einem anderen Thread seine Entrüstung über den Unrat, den die Antifa am Park vor dem Bahnhof hinterlassen habe.
Auf die Äußerung einer Anwohnerin, dass ganz Wurzen ein Müllproblem habe und es womöglich an den Einwohnern liege, wird nicht reagiert.

Ich sitze vor dem Bildschirm und weiß nicht, was ich dazu sagen soll.

Seit Jahren hat Wurzen mehr als nur ein “Imageproblem”.
Ich komme ursprünglich nicht aus dieser Region, weiß aber dennoch jede Menge über Nazis aus Wurzen und der Dahlener Heide zu berichten. 1994. Lange her. Es war eine schreckliche Zeit. Dass Deutsche damals die Hand auch gegen deutsche Frauen erhoben – ich also verprügelt wurde, weil ich rote Haare und ein Nasenpiercing hatte – das blenden viele heutzutage einfach aus. Oder noch viel schlimmer, sie wissen gar nichts davon.
Wie soll auch jemand, der 1992 geboren wurde, irgendetwas davon erahnen, wenn keiner darüber redet (oder schreibt)?

Momentan scheint es, als wäre alles so wie 1994.

Das sollte einem Angst machen – mehr als Friederike.
Wobei ich persönlich auch jeden Tag die Meldungen über kriminelle Flüchtlinge lese. Messerstechereien, Pöbeleien und Anzüglichkeiten gegenüber Frauen. Nicht nur in Sachsen und Brandenburg.
Im Twitter heisst es, dass Cottbus die nächste Nazi-Hochburg nach Dresden sei. Dort wird gerade gefordert, dass ein syrischer Jugendlicher mitsamt Vater der Stadt verwiesen wird. Er war mehrfach durch Gewalttätigkeiten aufgefallen. Unter anderem hatte er in einem Einkaufszentrum in Cottbus von einer 43-jährigen Frau Respekt verlangt, indem sie ihm den Vortritt lässt und dann sein Messer gezückt.
Selbstverständlich sind solche Meldungen für die Rechten ein gefundenes Fressen. Es wird Hass geschürt, wo es nur geht und die, die irgendetwas dagegen sagen, sind “verblendete Gutmenschen”.
Dass nicht alle Geflüchteten so sind, wird gar nicht mehr wahrgenommen. dass der Vater nicht unbedingt derselben Meinung wie der Sohn sein muss, wird erst gar nicht in Betracht gezogen. Es gibt irgendwie nur “die” und “uns”.
Spricht man wiederum in der Öffentlichkeit an, dass es durchaus ein Problem mit einigen Flüchtlingen gibt, gibt es Feuer von der anderen Seite. Nazi. Fremdenfeindlich.
Wobei ich sagen muss, dass ich so etwas, wie in Cottbus passiert, absolut nicht gut finde. Es macht ehrlich gesagt auch mir Angst.

Political correctness ist fehl am Platz

So kann es nicht weitergehen. Ich halte es für sehr gefährlich, bestimmte Probleme durch die immense Flüchtlingswelle zu verschweigen, damit die Neonazis und verwandte Gruppierungen kein Wasser auf die Mühlen bekommen.
Andererseits ist eine Massenhysterie gegen Flüchtlinge einfach nicht angebracht und entspringt meiner Ansicht nach einer bewusst geschürten Angst in der Bevölkerung durch Rechte.
Zu viele Menschen springen auf den Zug auf und schalten ihre Vernunft aus.
Vielleicht ist es jedoch auch einfach die Angst vor dem Verhalten von Menschen aus einem ganz anderen Kulturkreis. Die Unterschiede in der Erziehung sind ja nun auch nicht wegzureden.
Die Antifa marschiert durch Nazi-Hochburgen mit Plakaten wie “Nie wieder Faschismus”, wo ich thematisch absolut mitgehe. Doch dann ruft eine Gruppierung innerhalb ihrer Demo “Deutschland verrecke” oder “Nie wieder Deutschland.”
Danach strecken als Antwort Neonazis ihre Hände in die Luft und unsere siebenjährige Tochter fragt “Mama, warum machen die das?”
Egal, von welcher Seite der Hass kommt – ich will da einfach nicht mit dabei sein.
Ich will einerseits sagen dürfen, wenn ich Probleme mit Flüchtlingen bekommen habe.
Andererseits möchte ich gern Geflüchteten helfen, die meine Hilfe benötigen.
Mich interessieren fremde Kulturen und ich sehe mich als weltoffenen Menschen. Ich spreche mich gegen jede Art von Fremdenfeindlichkeit aus und für unsere Demokratie.
Doch ich bin nicht antideutsch.

Lösungen sehen anders aus

Ob man Orten bzw. Regionen mit einer regen Neonazi-Szene beikommen kann, indem man durch die Straßen rennt und “Nie wieder Deutschland” ruft, weiss ich nicht. Gerade die Jugendlichen sind oft gefährdet, in die Fuss-Stapfen ihrer Eltern zu treten und in Gegenden, wo es jede Menge Nazis gibt, ist es fast unmöglich, den Jugendlichen ein offenes Weltbild zu vermitteln.
Wer macht sich auch die Mühe, es ihnen zu erklären? Es gibt keine Anlaufstellen für Jugendliche, aus dem “rechten” Kreis auszutreten und eine Mulit-Kulti-Kultur haben wir hier im Osten nicht.
Also sind alle, die keine politisch radikalen Einstellungen vertreten, gefragt. Nur sind diese Leute weder vernetzt noch sehen sich überhaupt viele in der Pflicht, etwas gegen den anwachsenden Hass zu tun.
Es ist aber auch kein Wunder, wenn sogar Lokalpolitiker von Nazis bedroht werden – wie soll ein “Normal Sterblicher” allein gegen eine völlig verzerrte Wahrnehmung angehen.
Lösungen hat ja auch meistens niemand, außer mit dem Finger auf andere zu zeigen. So wird wohl alles beim Alten bleiben.

Anfeindungen im Facebook

“Leute wie dich finde ich zum Kotzen, die alles in Wurzen auf die Neunziger schieben, als es noch Nazis gab. Außerdem waren die Linken genauso nicht zimperlich und haben in der Stadt Angst und Schrecken verbreitet”
So oder so ähnlich flattert mir der nächste Kommentar entgegen.
Natürlich gibt es Wurzeln in der Vergangenheit. Es weiß eigentlich auch jeder. Doch niemand redet darüber. Alle machen die Augen zu. Manchmal habe ich den Eindruck, die Polizei sieht seit Jahren weg.
Die Politik interessieren die Brennpunkte nicht.
Sie könnten aber sowieso nicht viel ändern.
Resignation macht sich breit bei den Einwohnern, die gern etwas für die Flüchtlinge tun würden (zumindest für die, die die Hilfe eben auch wollen und brauchen) und die andererseits feststellen, sie stehen hier allein auf weiter Flur. Wer beschützt sie, wo bekommen sie Unterstützung? Echte Unterstützung von Seiten des Staates?
So ähnlich ist es bei mir.

Warum zum Geier tust du das, öffentlich darüber schreiben? Hast du keine Angst?

Angst wovor? Ich tröste mich damit, dass mein Blog zu unwichtig und klein ist, um jetzt gleich von Tausenden gelesen zu werden. Außerdem ist es mir ein Anliegen, ein paar grob umrissene Alltagssituationen des Ostens ( insbesondere Sachsens) in das Netz zu schießen. Natürlich erwarte ich da keinerlei Resonanz.
Wen soll das wirklich interessieren? Die Antifa interessiert es nicht, weil ich nicht links bin. Die Rechten interessiert es nicht, weil ich nicht links bin.
Die anderen Bundesländer interessiert es nicht, weil wir hier eh alle rechtsradikal sind.
Die Politiker interessiert es nicht, weil die mit Europa beschäftigt sind.

Vielleicht gebe ich mit meinen Zeilen einfach einigen Leuten etwas Mut, die heimlich in die Suchmaschine eingeben “Weltoffene Menschen Sachsen” und dann merken, ja da gibts tatsächlich welche. Es gibt so viele!
Doch wir müssen lauter werden!

Dich interessiert dieses Thema? Dann lies auch Meine Nationalität ist Mensch. Der Osten, der Rechtsextremismus und Deutschlands Aufarbeitung.

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