Ich schweige lieber – dann mache ich auch nichts falsch

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Aus Trotz schweigen, so wurde früher oft der selektive Mutismus beschrieben, später hieß es dann, es läge mindestens ein Mißbrauchstrauma vor, damit ein Kind verstumme.
Bevor jemand auf die Idee kam, dass der Mutismus, vor allem der selektive – eine Form des Schweigens aus einer entstandenen Angst heraus sein könnte, vergingen Jahre. Die Forschungen gehen weiter und doch gibt es kaum eine Lobby für die „extrem schüchternen“ Kinder:
Kinder kommen in Kindergarten oder Schule und irgendwann wird den Eltern von Erziehern oder Lehrern zugetragen: Ihr Kind spricht mit niemandem!

Wie kann das sein?
Ein absolut aufgewecktes, fantasievolles Kind, was zuhause und /oder im engsten Familien – und Freundeskreis unbefangen singt, tobt, plappert und ruft, soll plötzlich außerhalb des vertrauten Umfeldes eine kleine graue Maus sein? Erstarren, schweigen, keinen Ton heraus bringen, ängstlich herumsitzen?

Das geht doch gar nicht!
Eltern mit selektiv mutistischen Kindern erleben irgendwann wahrscheinlich den Schock ihres Lebens: Ihr Zögling redet einfach nicht mit Fremden! Das war so gar nicht weiter aufgefallen! Was ist bloß los, was haben wir falsch gemacht?

Wie so ein Verhalten entsteht, ist nicht vollends geklärt. Vermutungen gibt es dagegen viele. Genetische Disposition, Machtgefälle in den Familien, strafendes Schweigen, Überbemutterung, Erziehung ohne Grenzen zu setzen, Überforderung der Kleinkinder beim Entscheidungen fällen (die sie noch nicht tragen können), Umzüge, Trennungen, veränderte Lebenssituationen, vielleicht doch Schockzustände … alles kann möglich sein.

Doch wie so oft, muss es das nicht. Selektiver Mutismus könnte mit Hochsensibilität im Zusammenhang stehen, mit einer Frühgeburt, vielleicht mit Hochbegabung. Es könnte ein gesellschaftliches Problem sein, wenn alle Kinder nicht mehr mehr individuell betrachtet werden, sondern in der Masse unter – und kaputtgehen. Es könnten jede Menge Gründe in Frage kommen, warum das Schweigen ausbricht. Vielleicht ist es von jedem etwas – oder von allem nichts.

Wikipedia sagt, es handele sich hierbei um eine emotional bedingte psychische Störung, bei der die sprachliche Kommunikation stark beeinträchtigt ist.
Weiterhin heißt es:
Selektiver Mutismus ist keine Sprachstörung im herkömmlichen Sinne, sondern ein zeitlich begrenzter, angstbedingter Sprechabbruch in bestimmten sozialen Situationen oder in Anwesenheit unbewusst ausgewählter Personen. Dies kann so weit führen, dass betroffene Kinder ausschließlich mit bestimmten Personen, meist aus dem engeren familiären Umkreis, sprechen.

Da das Kind trotz eigentlich intakten Sprachvermögens nicht mehr in der Lage ist, sich lautsprachlich mitzuteilen, wird Mutismus zu den „sekundären Sprachstörungen“ gezählt.
Das, was niemand wirklich zu hinterfragen scheint, ist die Tatsache, dass das Sprechen vorrangig in Institutionen für Kinder abreißt, also in Kindergärten oder Schulen. Und wenn es aus einer Angst heraus entsteht, so ist die große Frage:
Was passiert denn mit dem Kind, wenn es in Kindergarten oder Schule geht? Wie geht es ihm – wahrscheinlich ja nicht sehr gut, wenn es Angst hat?

Darf das so aggressiv argumentiert werden? Immerhin trifft es ja nicht alle Kinder, sondern nur einen Bruchteil. Die Erzieherinnen vertrösten oft mit den Worten, dass es sich nur um eine extreme Schüchternheit handelt, die sich ganz sicher auswächst.

Eine Kommunikationsstörung bedeutet: Der Empfänger und der Sender von Botschaften haben eine Störung in der Leitung. Es wird etwas nicht verständlich übertragen oder empfangen oder: Es kommt etwas anderes an, als losgeschickt wurde. Wer ist der Sender und wer der Empfänger?

Gilt die „Störung“ für alle Empfänger und Sender im Gruppen – und Klassenzimmer? Wie genau läuft das Sozialverhalten in einer Gruppe oder einem Klassenverband ab?

Was schüchtert ein oder macht Angst?

Könnte es ein Schimpfen sein, ein lautes Schreien, ein stechender, strafender Blick – oder sind es doppeldeutige Botschaften, bei denen verbal und nonverbal nicht zusammen spielen?

Sind die Botschaften kindgerecht und werden sie auch kindgerecht empfangen?

Es gibt Situationen, die manche Kinder nicht verkraften, weil sie getrennt vom gewohnten Umfeld nichts Vertrautes in der fremden Umgebung wiederfinden, nichts, woran sie sich orientieren können, weil es ihnen bekannt vorkäme. Sie verstehen bestimmte soziale Strukturen nicht – hinterfragen diese vielleicht innerlich sogar kritisch – und sie kommen nicht hinter den Spielplan.

Mutismus ist keine Krankheit und keine Störung – Mutismus könnte eher als ein Indikator für die Kommunikationsfähigkeit unserer Gesellschaft gesehen werden.

asti

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