Ich blogge, also bin ich. Die besten Geschichten schreibt das Leben.

 
Lesezeit: 8 Minuten

Ich bin der geborene Optimist.
Nicht, dass ich jetzt nur rosa Wolken sehe, wo es eigentlich schwere Probleme gibt – so nicht, aber ich sehe immer einen Lösungsansatz.
Probleme sind da, um sie zu lösen, sagte früher unsere Deutschlehrerin und ich finde, sie hatte Recht.
Es gibt Herausforderungen, denen müssen wir uns stellen und können nicht flüchten oder den Kopf in den Sand stecken.
Doch manchmal habe ich in letzter Zeit das Gefühl, zu zerbrechen.
Es klingt komisch, ich habe wirklich sehr viele Dinge in meinem Leben (er-)tragen und das Allerbeste daraus gemacht.
Ich habe ein ganzes Land untergehen sehen, wie Tausende andere und mich auf ein völlig neues Schulsystem eingestellt.
Meine Lehrausbildung zur Glas-und Kerammalerin habe ich mit Bravour gemeistert, obwohl ich wegen eines Geschwürs im linken Auge ein Jahr pausieren musste.
Ich habe wieder sehen gelernt und dafür gekämpft, wieder Auto fahren zu dürfen. Da war ich zarte 20.
Weil Betriebe nicht gern gesundheitlich eingeschränkte Menschen beschäftigen woll(t)en, hatte ich nach der Ausbildung in der Kahla / Thüringen Porzellan GmbH keine Chance auf Übernahme und musste mich neu orientieren.
Das war 1998 und nur die Allerbesten wurden damals übernommen.
Ich besuchte die Fachoberschule zum Erwerb der Fachhochschulreife und ergatterte danach eine Umschulung zur Mediengestalterin. Irgendwie musste ja auch Miete gezahlt werden und ein bisschen was zu essen gekauft. 😉
Es waren so viele harte Zeiten dabei, vor allem finanziell, aber auch gesundheitlich und doch habe ich das alles geschafft.
Ihr ahnt wirklich nicht, wie sehr manchmal ein einziger Spruch einer Lehrerin dein ganzes Leben beeinflussen kann.
Als ich 2007 schwer an Morbus Crohn erkrankte und nach einer langwierigen Operation im künstlichen Koma lag, wurde ich obdach- und arbeitlos.
Durch meine liebe Familie, die mir beistand und mich auffing, habe ich auch jenen harten Schicksalsschlag überstanden, wie so eine Katze, die immer wieder auf die Pfoten fällt.
Aber dieser Satz meiner Tochter kürzlich – der traf mich in Mark und Bein.

Ich bin doof, ich kann nicht mit Erwachsenen reden

Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich verändert habe, seit unsere Tochter auf die Welt kam.
Sie war ein Frühchen und ganz zart. Wir trauten uns kaum, sie anzufassen, aus Angst ihr irgendwie weh zu tun.
Alle Frühchen-Eltern kennen das bestimmt.
1920 Gramm und 44 cm sind nicht gerade viel. Vielleicht schreibe ich irgendwann auch über die Umstände. Vielleicht aber auch nicht.
Es gibt viele Dinge im Leben, die wir Erdenkinder einfach so durchstehen – ohne nachzudenken oder mit der Wimper zu zucken. Wir funktionieren und das klappt auch ganz gut.
Es können schon immense Kräfte freigesetzt werden, wenn wir vor Leidenschaft für etwas glühen und dann geht automatisch der Kampfmodus an.
So ist es auch bei vielen Frauen, wenn sie Mutter werden.
Das soll jetzt nicht stigmatisierend gegen die Männer sein – ich weiss ja nicht, ob es bei Vätern auch so ist.
Ihr könnte mir dazu gern einen Kommentar hinterlassen.
Jedenfalls sind frischgebackene Mütter, die ihr Kind lieben und eine sichere, feste Bindung zu ihm haben, mit Löwinnen zu vergleichen.
Sie tun so ziemlich alles, damit es dem Neugeborenen gut geht und selbst beim zweiten, dritten oder vierten Kind ist der Prozess immer wieder derselbe. Da tut das Oxytocin schon eine starke Arbeit.
Scherzhaft sage ich immer “Sie ist noch im Muttermodus”, denn frischgebackene Mütter verhalten sich mitunter etwas seltsam. Sie sind irgendwie anders als sonst und das kann dauern. Gut so!
Unsere Sprößlinge werden größer, wachsen und gedeihen und wir als Eltern freuen uns über jeden Schritt, jede neue Entwicklung. Gut – manchmal fluchen wir auch, denn Entwicklung heisst auch immer Anstrengung, Durchsetzung, Abnabelung…
Im Verlauf der Entwicklung unserer Tochter lief alles prima und so ist es bis heute. Durch sie habe ich mich wirklich weiter entwickelt. Ich bin verantwortungsbewusster, nachdenklicher, aber auch viel gelassener als früher.
Ich habe durch sie auch gelernt, zu kämpfen!

Denn eine Kleinigkeit gibt es, die ist anders als bei anderen Kindern.

Es ist für uns als ihre Eltern nichts Hochdramatisches, jedoch für die Gesellschaft, die Schule, den Bäcker, die Töpferkurs-Leiterin, für Busfahrer, Eisverkäufer ist es das. Unsere Tochter vermag nicht oder nur sehr schwer mit ihr unvertrauten Erwachsenen sprechen.
Und ihr ahnt überhaupt nicht, was so ein schweigendes Kind in vielen Erwachsenen auslöst.
Die Herausforderung aller dieser Menschen besteht darin, einen Zugang zu unserem Kind zu finden.
Allerdings passiert das sehr oft nicht mit der Einstellung “Ich möchte dich gern kennenlernen”, sondern mit der Forderung “Rede mit mir. Du musst sprechen, sonst bist du nicht wie alle anderen!”
Als unser Kind in den Kindergarten kam, war sie drei Jahre alt. Wir hatten gerae einen Umzug von Freiberg ins Leipziger Land hinter uns. Wer mag, kann dazu gern ein wenig in meinen älteren Artikeln herumstöbern.
Immer und immer wieder die Anfangsgeschichte durchzukauen, kostet mich zu viel Kraft.
Es geht mir heute auch gar nicht (mehr) um den “Ausbruch” dieser Eigenart – manche nennen es sogar “Störung”.
Definiert ist das Phänomen unter dem Begriff selektiver Mutismus
Es geht mir darum, dass mich die Einstellung unseres Kindes zu sich selbst so sehr traurig stimmt.
Ich bin nicht verletzt oder enttäuscht, dass unsere Maus “irgendwie anders” ist. Es zieht mich nur meilenweit nach unten, dass sie sich für blöd hält! Sie will so sein wie alle anderen.
Jedoch sie ist wie alle anderen! Nein, stopp. Vielleicht nicht ganz! Sie hat mit sieben Monaten begonnen zu plappern und redet seitdem wie ein Wasserfall. Wenn sie fröhlich und entspannt ist, erzählt sie wirklich den ganzen lieben langen Tag.
Schon immer sind Sprechen und Kind eins – das hat sie offensichtlich von mir geerbt.
Nur im Kindergarten ist sie von heute auf morgen verstummt, innerlich erstarrt. Mama weg – harte Trennung – ungünstige Umstände…   Und das wirkt bis heute nach! Fünf Jahre später kämpft sie jeden verdammten Tag.
Sie ist dabei dermaßen zielstrebig und tapfer, dass ich einfach nicht verstehen kann, wieso sie in Sachsen als “sonderpädagogisches Förderbedarfskind” ihre Schullaufbahn starten musste. Damit die mündliche Benotung anders stattfinden kann als bei anderen Kindern.
Ihre schriftlichen Leistungen liegen zwischen eins und zwei. Sie redet mit der Lehrerin in einem separaten Raum.
Es geht hier nur um Wirschaftlichkeit, das ist die Wahrheit!
Kein Geld da für mehr Stunden. Schlecht bezahlte Lehrer. Ein Bildungssystem, dass ihr euch in die Haare schmieren könnt, sehr geehrte Politiker! Dazu noch Grundschulzwang, keine freie Schulwahl!
Ich klinge frustriert? Ich bin stinksauer, wie ihr mit euren unfähigen Entscheidungen mit unserem Kind umgeht!

Mama, ich sattle jetzt mein Einhorn! Bis später!

Schwupps, bist du gefangen in ihrer Traumwelt. Was das Kind an fantastischen Geschichten erzählt, gehört eigentlich aufs Diktiergerät gespeichert, als Buch verwurstet und selbstverständlich als Fantasy-Film gedreht!
Uupps, war das gerade wieder der Mama-Modus, der da ansprang? 😉
Was ich damit ausdrücken will ist: Sie ist verbal niemandem unterlegen! Sie ist schlau, witzig und fantasievoll, kognitiv nicht eingeschränkt und einfach ein sehr sensibles, kreatives Kind!
Es ist manchmal so, dass Menschen eben nicht alle gleich ticken und wir uns als Gesellschaft, als Menschen, hin und wieder eingestehen müssen, dass nur durch Vielfalt etwas Neues entsteht und jeder seinen Beitrag leisten kann zum Großen Ganzen!
Traurigerweise haben Einhörner in Schulen nichts zu suchen. Schöne Bilder zu malen, ist auch nicht relevant.
Die eine Kunst-Stunde pro Woche fällt bei jede Menge Deutsch und Mathe echt nicht ins Gewicht. (Wobei sie das ja gut kann!)
Kunst und Kultur sind ohnehin nicht für den Broterwerb geeignet, erzählte mir kürzlich eine Mutter und Kinder, die eine kreative Begabung haben, müssen auch Rechnen und lesen können.
Natürlich hat sie Recht. Und sie müssen mit den Lehrern sprechen.

Das Allerwichtigste ist: Du musst…

Das wir in Deutschland mit Kunst kein Geld verdienen können, ist natürlich absoluter Quark (sorry!)
Ich freue mich über alle rechtschaffenen Menschen, die in der Schule fleißig lesen und schreiben gelernt haben, rechnen und mit Lehrern sprechen.
Doch es gibt noch mehr als nur das. Abgesehen von Schauspielerei und Tanz gibt es Musiker, Mediengestalter, Blogger, Maler – Künstler! Nicht jeder hat es bis ganz nach oben geschafft und ist stinkreich geworden, das ist richtig.
Jedoch so wirklich ausgeschlossen ist es ja nun auch nicht.
Wobei bestimmt die Hälfte von uns Künstlern nicht einen Cent in eine solide Kunsthochschule gesteckt hat. Es gibt Freestyler, Naturtalente – kurzum, Kunst ist Ausdrucksweise von Lebensart und nicht immer von einer Schul – oder Berufsausbildung abhängig.
Ja, ich weiss. Du musst heutzutage und eigentlich schon immer, optimal ausgebildet werden. Du musst in der Schule fleissig sein, damit etwas aus dir wird. Du musst gut rechnen und schreiben können und du musst überhaupt irgendwie normal sein. So wie jeder eben. So wie es sich gehört. So, wie alle sind.
Du musst, musst, musst.

Du musst reden!

Ich weiss, dass wir nun einmal alle den Zwängen dieses Systems unterliegen. Kommt mir nicht mit dem blöden Kapitalismus, denn zu DDR-Zeiten gab es genauso viel “Müssen”
Es ist wahrscheinlich der einzige Weg der Menschheit, zu müssen. Denn von nichts kommt nichts.
Kürzlich erst erklärte mir eine Mutter, dass sie ihrem Kind die Wichtigkeit der Hausaufgaben näher bringen musste.
Mit dem Satz: Du musst diese Matheaufgaben üben, bis du sie kannst. Sonst musst du Müllfahrer oder Putzfrau werden.
Das Gespräch mit mir war sehr kurz.
Im Grunde innerhalb von kurzen Sekunden und meiner Ausrede, dringend aufs Klo zu müssen, beendet.
Das sind bestimmte Grenzbereiche in meiner Weltanschauung, über die ich so flach einfach nicht diskutieren mag.
Nicht nur, dass hier sehr nützliche und ehrbare Berufe abgewertet werden, wird dem Kind im Gedächtnis bleiben, dass es nicht gut genug ist und dass es zu den Verlierern gehören wird, wenn Mathe oder Deutsch nicht sein Talent sind.
Wo wir gerade dabei sind: Was würden wohl so manche über verdreckte Toiletten in Bahnhöfen sagen, über dreckige Hausflure oder Krankenhaus-Zimmer?
Und wissen solche Leute eigentlich, wie unglaublich eklig Müll stinken kann, wenn er sich am Straßenrand stapelt und vielleicht sogar schon die Maden herauskriechen?
Bringt euren Kindern bitte nicht solche oberflächlichen Lebens-Thesen bei. Ein schulischer Wert, sprich ein Bildungsgrad sollte definitiv nicht daran gemessen werden, welchen Beruf jemand ausübt.
Denn abgesehen davon, dass so eine Einstellung zur Stigmatisierung ganzer Berufsgruppen führt, ist Bildung etwas, was mit Wissen zu tun hat.
Wissen wiederum bedeutet über jemanden oder etwas unterrichtet zu sein und sich einer Sache in ihrer Bedeutung, Tragweite, Auswirkung bewusst zu sein (Quelle: Duden)
Wissen und Moral hängen also zusammen.
Kinder brauchen doch nicht den Leistungszwang, etwas zu müssen, sie sollen gerne und freiwillig lernen, ihren Wissensdurst stillen, ihre Neugier befriedigen!
Nun gut, ich schweife ab.

Bitte bleib`, wie du bist!

Diesen Satz sagte ich meinem Kind auf ihre Äußerung “Ich will so sein wie alle anderen, Mama.”
Sie fragte mich daraufhin erstaunt:

Woher weiss ich, wie ich bin?

Eine berechtigte Frage einer fast Achtjährigen.
Ich überlegte, was ich darauf antworten könnte und rang nach Worten.
Sie unterbrach meine Gedanken und schmiss gleich noch hinterher:

Woher weisst du, wie du bist?

Ich weiss es halt. Durch das, was meine Eltern mir als Kind gesagt haben. Durch Lehrer. Durch Freunde. Und durch das, was ich kann.

Gut. Dann bleibe ich wie ich bin. Meine Eltern sagen, ich bin okay. Meine Freunde mögen mich, wie ich bin. Ich kann jede Menge Sachen. Da verkrafte ich das Nicht-Reden-Können mit den Lehrern schon irgendwie. Bis es klappt.

Genau, und das werden die Erwachsenen auch verkraften. Denn was sie nicht machen muss, das macht sie erstaunlich gut.
Wie eigentlich jedes Kind. Manhcmal braucht es einfach etwas Zeit, Geduld und Zuversicht.
Natürlich soll sie eine gute Laufbahn einschlagen. Den ersten Stempel bekam sie nun schon aufgedrückt und wir wissen nicht genau, wie es später weitergeht.
Noch haben wir Zeit. In zwei Jahren steht eine Entscheidung an, auf welche Schule sie nach der vierten Klasse gehen wird.
Ein Kind mit selektivem Mutismus, welches verbal ganz normal entwickelt ist, gute Leistungen in der Schule bringt und in dem so viel Potential steckt.
Ich gebe ihr Stärke, die ich eigentlich gar nicht mehr habe. Doch es funktioniert. Noch.

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Die Königin des [ostdeutschen] Alltags schreibt hier sozialkritisch, parteiunabhängig, humorvoll, nachdenklich zu sehr vielen Themen mit Blick auf den Alltag in den neuen Bundesländern und die Aufarbeitung der geschichtlichen Vergangenheit. Außerdem geht es um Morbus Crohn, selektiven Mutismus, Familienalltag, Lifestyle und Gesundheit, Kreatives und Querdenken.

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