Kopf leer, Herz traurig, Erholung adé

 
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Seit Anfang letzter Woche ist bei uns der Alltag eingekehrt. Sechs Wochen Sommerferien gingen zu Ende und gut zwei Wochen wundervoller Ostsee-Urlaub. Die Schule begann wieder und für uns Eltern der Schritt in den Berufsalltag.
Mein Männe arbeitet in Schichten und hatte die unbeliebteste Schicht in unserer Familie erwischt, die Spätschicht.
Das ist besonders für unsere Tochter immer sehr schwer, weil sie ihren Papa dann eine Woche lang nicht sieht.
Nach der intensiven Ferienzeit zu dritt ist es tatsächlich ein Gefühl, als würden wir auseinander gerissen werden.
Ich vermisse auch wahnsinnig meinen Mann, was ja heutzutage eine erwachsene Powerfrau von vierzig Jahren so öffentlich gar nicht schreiben darf. Schließlich sind wir keine frischverliebten Jugendlichen mehr, die ständig aneinander kleben und gar nicht ohneeinander können. Das wurde mir so auch schon einmal ins Gesicht gesagt.

Doch, auch nach zehn Jahren Beziehung vermisse ich meinen Mann
Wenn er in die Spätschicht geht, dann verlässt er halb zwei Nachmittags das Haus und betritt es abends halb eins wieder. Ich arbeite Vormittags und habe nicht viel Zeit, jedoch wenigstens sehe ich ihn noch eine Stunde.
Wir essen zusammen Mittag und bereden das Wichtigste. Das geht hier aber wirklich nur, weil ich von Zuhause aus arbeite.
In den meisten Familien sehen sich die Partner oft eins, zwei Wochen gar nicht oder nur kurz, vor allem dann, wenn beide entgegengesetzt Schichten arbeiten. Gefühlt kenne ich auf Anhieb keine Familie, wo nicht mindestens einer oder sogar beide Eltern im Schichtdienst sind. Demzufolge fehlt immer ein Part der Familie.
Das Kind oder die Kinder hängen da irgendwo dazwischen.
Bei uns ist es so, dass ich unser Kind dann nachmittags vom Hort abhole und wir gemeinsam etwas unternehmen oder zuhause gemeinsam Sachen gestalten und miteinander Zeit verbringen. Doch da fehlt dann einfach wer.
Und das tut mächtig weh im Herzen.

Ich bin so ein Mensch, ich lebe tatsächlich viele meiner Gefühle.
Da ich als Kind von meiner Mama nie darauf getrimmt wurde, “jetzt” (in vorherrschender Situation) besonders stark sein zu müssen, die Tränen wegzudrücken oder die Wut komplett zu unterdrücken oder nicht zu laut zu lachen und ähnliche schlimme Erziehungsansätze, kann ich gut mit meinen Gefühlen umgehen und zeigen, was ich brauche oder was mir fehlt.
Dazu gehören auch Tränen, wenn ich vor Liebeskummer sterben könnte.
Unsere Tochter ist eher in sich zurückgezogen, geht in ihr Zimmer, malt und schreibt ganz viele Briefchen für ihren Papa und hört laut Musik. Jeder hat eben so seine eigene Strategie, mit solchen Situationen umzugehen.
Unsere Maus und ich sind allgemein sehr sensibel, was zwischenmenschliche Beziehungen anbetrifft, denn wir sind beide sicher gebundene Kinder unserer Mütter und suchen demzufolge aufrichtigen, selbstbewussten, intensiven Kontakt zu Menschen, die wir mögen. Teilweise könnten wir auch alle diese Menschen jeden Tag knuddeln, mit ihnen reden, lachen und kleine Geschenke machen, ihnen helfen und für sie da sein.
Das alleine ist hier in der Umgebung wahrscheinlich schon recht seltsam. Viele Mitmenschen sind eher kühl, distanziert, vorsichtig, kurz angebunden und machen schnell die Tür hinter sich zu.
Selbst die, die man jahrelang kennt, haben nicht so das große Bedürfnis, viel gemeinsames zu unternehmen oder die Bindung irgendwie inniger, persönlicher werden zu lassen.
Trotz Telefonaten oder sich mal besuchen, wird das Eis nie ganz gebrochen. Das kann durchaus eine Mentalitätsfrage sein, vielleicht ist es aber auch Prägung durch Erlebnisse, vielleicht ist es die Zeit oder vielleicht liegt es an uns. Egal. Das sind wir gewöhnt.
Demzufolge kann auch nicht jeder nachvollziehen, weshalb Tochter und Mutter irgendwie durchhängen, wenn ein Mitglied der Familie fehlt.

“Ist doch gut zu organisieren” heisst es von anderen.
“Ich war auch jahrelang im Schichtdienst, unsere Kinder kommen gut damit klar” “Mein Partner/meine Partnerin sind ´taff´ genug, auf eigenen Beinen zu stehen”

Himmel, Arsch und Zwirn – das sind sachliche Begründungen und JA, ich bin taff genug, wir sind auch keine Aliens oder so. Es geht doch nicht darum, dass es irgendwie geht. Es geht darum, dass es uns traurig macht, nicht als Familie zusammen sein zu können in dieser bekloppten Spätschichtwoche.
Großer Unterschied, etwas rational zu bewerten oder emotional zu durchleben. Vielleicht ein Thema der Hochsensibilität?
Das allerschlimmste Statement zu diesem Thema war:

“Seid doch froh, dass dein Mann diese Arbeit hat.”

Natürlich sind wir ´froh´, dass hat doch aber nichts damit zu tun, was man bei einer zeitlichen Trennung fühlt.
Und ob ihr es glaubt oder nicht, ich wünsche mir ganz ganz sehr Menschen in meinem Leben, die nicht so gekünstelt erwachsen und abgedroschen daherreden. Denn entweder sind diese Leute alle schon total abgestumpft oder keine Ahnung, vielleicht besonders “tapfer” oder aber sie haben einfach keine echte Bindung untereinander. Oder sie haben eifnach gelernt, zu funktionieren…

Vielleicht lieben sie sich gar nicht?
Oder es gibt diesen Typus Mensch, der das echt nicht so sensibel fühlt, und diese Nähe eben auch gar nicht braucht.
Jedenfalls waren wir dann glücklich, als diese Woche begann, denn da war der Papa unseres Kindes dann nachmittags Zuhause und es ist ein ganz anderes Gefühl. Selbst dann, wenn er sehr müde und erschöpft ist und erst einmal seine Ruhe braucht.
Manchmal glaube ich, die zwei Wochen Erholung im Urlaub sind bei ihm schon wieder verpufft.
Wir würden dann am liebsten Freitags eine kleine Wochenend-Reise machen wie früher, einfach an einem ruhigen Ort verweilen in der Natur, die Seele baumeln lassen, abschalten und Sonntag abends wieder heimkommen.
Wenn da nicht fünf A4 Blätter Hausaufgaben fürs Kind wären, die übers Wochenende – und nur übers Wochenende – aufgegeben werden. Irgendwas ist ja immer. Dann werden wir mal “tapfer” sein und es ertragen, nicht wahr?
Herzliche Grüße,

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