Mein Heimatland gibt es nicht mehr

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Erwachsene Kinder der Wende- und Nachwendezeit gibt es viele. Eigentlich ist von Wendekindern die Rede, welche 1990 geboren wurden. Eigentlich gibt es sowieso für fast jede Generation einen Begriff durch die Sozialwissenschaft: Nachkriegskinder, Golfgeneration…
Aber von den Kindern, die während der Wendezeit gerade ihren Eintritt in die Pubertät hatten oder in der Pubertät waren, redet kein Mensch. Das wird nicht analysiert und durchleuchtet. Traut sich niemand an das Thema heran oder erscheint es unwichtig? Ich denke, es ist so prägend für einen jungen Menschen, was in der Pubertät mit ihm passiert!

Ich gehöre mit Baujahr `77 zu einer selbst ernannten Zwischengeneration. Zwar bin ich im Osten geboren, jedoch fühle ich mich trotzdem nach wie vor zwischen den Welten. Viele junge Menschen in meinem Alter, ob nun Ost oder West, Nord oder Süd, fühlen ähnlich. Das Phänomen dabei: Manchmal machen drei vier Jahre Altersunterschied nach unten oder oben schon eine ganze Menge aus, was die Einstellung zu diesem- unseren- Land betrifft. Das klingt unglaublich, aber testet es doch selber mal aus. Fragt doch jeden, den ihr kennt, in diesem Alter, wie er fühlt! Ost oder West?? Hää?

Wer heute im Alter von (ca.) 30-34 Jahren ist, kennt die Begriffe Ossi und Wessi nicht. Wir sind Wossis und wir haben keine Berührungsängste. Wir haben uns mit 10- 14 Jahren kennengelernt, wenn wir auf Klassenfahrt waren. Wir haben die Leserbriefe in der Bravo gelesen und kennen Biene Maja genauso wie Pittiplatsch. Während unsere Eltern damit beschäftigt waren, die Wende zu verdauen, haben wir uns klammheimlich angenähert, diskutiert, uns ein bisschen verliebt und uns interessiert für die anderen.

Wir sind diejenigen, die sich heute aus Ost-West-Diskussionen heraushalten, weil wir es gähnend langweilig und stupide finden. Deshalb sind wir auch alle diejenigen, die am liebsten gleich in der Schweiz, in Österreich oder  in Spanien  Zuflucht gesucht haben. Wir sind die, die keine Kinder bekommen. Es geht gar nicht darum, ob studiert oder nicht, unsere Zwischengeneration hat ein so tolerantes, weltoffenes Wertesystem, dass wir Angst haben, unsere Kinder nach stupiden Ost- oder Westrichtlinien zu erziehen. Wir sind diejenigen, die als erste in die alten Bundesländer sind, um eine Ausbildung zu machen oder zu studieren und von dort die große Liebe mit nach Hause zu bringen, und wir sind auch diejenigen, die dann oft im Westteil blieben, mit ostdeutschen oder westdeutschen Partnern und Freundeskreisen.

Während wir so aufwuchsen, dass eine komplette Umwälzung eines Landes selbst die Orientierung unserer erwachsenen Eltern lahmlegt und wir oft heimlich, aber dennoch neugierig über Ernst Thälmann, Hitler, den HO, die Frösi, Burratino, Biene Maja, die Bravo, Jungpioniere, Demokratie, das Berchtesgadener Land und alle Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen uns diskutierten, uns mit uns auseinandersetzen, Briefe schrieben, uns gegenseitig besuchten, nach außen die Meinung der Eltern vertraten und irgendwann eine ganz eigene zu uns und unserem Land fanden, sind die jüngeren Erwachsenen zwischen 20 und 29 überraschend patriotisch. Regionalpatriotisch.

Da gibt es in meinvz wieder Gruppen wie „mein Heimatland gibt es nicht mehr“ oder „ Soll die Mauer wieder aufgebaut werden“? und der allgemeine Ost-West-Wahn ist trotz offensichtlichem Nord-Süd-Gefälle in den Köpfen wieder ausgebrochen. Da gibt es Jugendliche, die sich als Ossis sehen, aber nicht mal den Pioniergruß kennen und gar nicht wissen, was ein Fahnenappell ist. Das gibt es Jugendliche, die sich als Wessis sehen und denken, Erfurt ist die Landeshauptstadt von Sachsen.

Wozu haben wir das Ganze eigentlich ertragen, vor dem Fernseher zu sitzen und die riesigen Menschenmengen zu beobachten, die sich in die Züge quetschten, die vielen Tränen und Umarmungen zu sehen, und uns teilweise ohne das Wissen unserer aller Eltern miteinander zu befassen und zu beschäftigen? Schade, dass das niemanden in diesem Land interessiert. Ich hoffe, die Sichtweise bringt manche zum Nachdenken. Danke fürs Durchlesen.

asti

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