Mrs. Eastie – Königin des [ostdeutschen] Alltags
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Mein Traum von echter Demokratie – Kindheitserinnerungen in der Wendezeit

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Erlebnisse Familie & Kind Leben im Osten

Mein Traum von echter Demokratie – Kindheitserinnerungen in der Wendezeit

 

Während der Wendezeit – einem heftigen Umbruch in meinem jungen Leben mit damals zarten elf Jahren – freute ich mich auf eine Sache besonders: Echte Demokratie.
Ich war immer sehr politikbegeistert gewesen, nicht zuletzt geschuldet den familiären Umständen, einer große Ost-West-Familie über Generationen zu entstammen. Während in der Schule versucht wurde, aus einer leistungsstarken, aber sehr unbequemen Schülerin irgendwie ein sozialistisch gut funktionierendes Paradepferd zu machen, erwuchs in mir selbst der Wunsch, durch eigene Ideen mitmischen zu können. Was für ein kindlich unbefangener Plan – der vielleicht auch hätte gefährlich werden können. Vielleicht auch nicht, das weiß ich nicht.
Denn es folgte ein riesiger gesellschaftlicher Umbruch, der die Diktatur der DDR aufweichte und mich keine Staatsbürgerkunde-Schülerin oder FDJ`lerin mehr werden ließ.
Ein toller Gedanke in mir drinnen blieb jedoch und wuchs sich zu einer großen Sehnsucht aus: Endlich wirklich meine Ideen einbringen zu können, zu diskutieren, zu gestalten und zu verändern und das alles ohne dafür ideologisch sanktioniert zu werden.
Ich stellte mir gepaart zu der Euphorie, die mein Geburtsland DDR (oder was davon noch übrig war) in Teilen der Bevölkerung erfasst hatte, vor, dass ab jetzt gemeinsam Lösungen gefunden würden, dass jeder sich gesellschaftlich einbringen könne und wir die neu gewonnene Freiheit dazu nutzen könnten, etwas völlig Neues aufzubauen.
Dazu gab es in meinen Gedanken Podiumsdiskussionen, viele kreative und innovative Wege, jede Menge Elan, Power, Hoffnung, Klugheit – und eine Menge Durchsetzungsvermögen, Diplomatie an der richtigen Stelle und Kompromissbereitschaft.
Es hätte was richtig Großes werden können.
Doch dieses Freiheitsgefühl wurde irgendwann verschluckt, das gesellschaftliche Miteinander als Erbe des Sozialismus zum Gegeneinander und alles Innovative im Keim erstickt.
Da war bald nichts mehr außer einem riesigen großen schwarzen Loch, dass alles verschluckte, was einmal war.
Auch der Erfahrungsschatz mit allen guten Dingen, denn auch diese gab es ja trotz alledem, verschwand in diesem Loch und das was nicht so ganz verschluckt werden konnte, verblieb ohne Verbesserung oder Weiterentwicklung scheinbar irgendwo zwischen den Matrixen hängen, ohne dass irgendwer noch darauf zurückgreifen könnte.
Es gab schon sehr bald wieder einmal kein Freiheitsgefühl.
Nun regierte etwas ganz anderes meinem neuen Leben, was für mich als Jugendliche vielleicht die ersten Wochen schön, dann aber einfach nur noch ein großer Haufen SHICE war: Konsum und Geld und vor allem der Mangel daran, wenn es für die Elterngeneration keine Möglichkeit zum vernünftigen Verdienen dieses neuen Luxus gab.
Aus der Traum, als Gesellschaft von der Diktatur befreit zu sein, sich einzubringen, mitzugestalten, seine Meinung zu sagen, etwas zu verändern.
Das eine Fell war erfolgreich abgestreift worden, ja. Darübergestülpt wurde dafür etwas anderes, was mir genauso die Luft zum Atmen nahm.
Noch heute bin ich voller Energie, etwas mitgestalten und verändern zu wollen.
Noch heute tobt die zuversichtliche, engagierte Elfjährige von damals in mir.
Ich hab die Verbindung zu diesem Anteil in mir nie gekappt, warum auch sollte ich sie innerlich sterben lassen, die begeisterungsfähige, willensstarke Elfjährige?
Wir alle hätten ja die Chance gehabt zu ganz neuen Schritten und echter Demokratie.
Eine Wohlstandsgesellschaft, die auch aus dem Erfahrungen des Sozialismus etwas ziehen kann, eine Mixtur aus Marktwirtschaft und sozialem Engagement, eine riesige Podiumsdiskussion, in der kluger Meinungsaustausch stattfindet und das Abwägen des Für und Wider gemeinsam entschieden wird.
Das hätte ein Neudenken vorausgesetzt, einen neuen Weg, eine andere Form des Zusammenlebens, ein gewisses Denkniveau, eine faire und ausgefeilte Kommunikationskultur, ein Abschließen der Vergangenheit dieses altausgedienten Zwei-Teile-Deutschland, hin zu einem tollen neuen Zukunftsschritt.
Stattdessen ist alles das passiert, was ich als Elfjährige schon sehr furchtbar gefunden hätte; Leistungserwartung pur, Konsum bis zum Erbrechen, Geltungsbedürfnis der Starken und Reichen, Abfallen des Durchschnitts und der ganz Armen, radikalste gesellschaftspolitische Ansichten jeder Art bis hin zum Extremismus ohne irgendeine würdige Diskussionskultur für unser gesellschaftliches Miteinander.
Dazu der verantwortungslose Umgang mit den natürlichen Ressourcen unseres Planeten, der sich immer weiter auswachsende Egoismus, der in Gier ausartet und die Ausbeutung durch Fortschritt, der so auf Dauer nicht zu bezahlen ist und keinen Deut besser ist als der Fortschritt der vergangenen Jahrhunderte.
Kein Abwägen, kein Miteinander, kein gar nix.
Außer du schreibst mit 42 einen popeligen Blog, um ein bisschen was von der Euphorie der Neunziger irgendwie noch ins jetzige Zeitalter zu katapultieren.
Oder du stellst eines Tages mit Tränen in den Augen fest, dass deine fast Elfjährige dir sagt „Mama, wir müssen hier etwas verändern, das mit dem Ost und West und so ist doch einfach alles doof… überhaupt wie die alle sich dissen untereinander… und wie wir in der Schule lernen, ist eigentlich auch gar nicht wirklich frei und macht keinen Spaß! Wer will schon unsere Meinung hören!“
Und plötzlich hat meine eigene innere Elfjährige ein Dejavú, als ihre Mutter ihr sagte „Schatz, du kannst nicht die ganze Welt verändern! Aber vielleicht findest du noch mehr Menschen wie dich, dann schließt ihr euch zusammen und macht alles besser als unsere Generation!“
Vielleicht. Oder wir sind einfach einer Illusion aufgesessen und haben uns verrannt.

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Über die Autorin:

Die Königin des [ostdeutschen] Alltags schreibt hier sozialkritisch, parteiunabhängig, humorvoll, nachdenklich zu sehr vielen Themen mit Blick auf den Alltag in den neuen Bundesländern und die Aufarbeitung der geschichtlichen Vergangenheit. Außerdem geht es um Morbus Crohn, selektiven Mutismus, Familienalltag, Lifestyle und Gesundheit, Kreatives und Querdenken.

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