Nachteilsausgleiche in Sachsen. Nur über den sonderpädagogischen Förderbedarf.

 
Lesezeit: 6 Minuten

Eine sehr gute Schülerin kommt freudestrahlend nach Hause. Sie hat wieder eine Eins geschrieben, dieses Mal in Mathe. Es gab auch eine Zwei im Lesen. Keine Eins deshalb, weil sie zu leise gelesen hat. “Wenn du lauter liest, bekommst du sie” ermuntert sie die Lehrerin.
Unsere Maus ist damit zufrieden. Sie wurde von uns dazu ermuntert, ihr Bestmöglichstes zu geben und das tut sie. Sie flüstert mit drei Lehrerinnen und redet mit nahezu allen Erwachsenen in unserem privaten Umfeld. Auch mit ihrer Ergotherapeutin hat sie es schon längst geschafft zu sprechen.
Seit gut einem Jahr kämpft sich eine schlaue, sensible kleine Persönlichkeit durch den Schulalltag und ihr Leben.
Sie nickt und schüttelt den Kopf, wo sie es (noch) nicht schafft, zu antworten und meistens reagiert das Umfeld mit Verständnis.

Sie ist eben schüchtern. Punkt.

Wir wissen es besser. Unser Kind ist nicht schüchtern. Sie leidet seit Kindergarteneintritt an selektivem Mutismus. Das bedeutet, dass diese Kinder bei manchem Gegenüber ihre Sprache regelrecht verlieren. Mehr dazu kannst du auch hier nachlesen.
Dabei ist das “Nicht-Sprechen-Können” nur ein Symptom. Andere Symptome können sein, dass Kinder in Kindergarten oder Schule nicht auf die Toilette gehen, dass sie nicht vor anderen essen, dass sie selbst Angst haben zu schreiben oder zu malen, dass sie körperlich erstarren und sich vor Angststarre nicht mehr bewegen und dass sie nicht mitsingen.
Im Sportunterricht, im Fach Kunst oder beim Schwimmen kann das natürlich in einer Katastrophe enden.
Das ist bei unserem Kind alles anders. Sie ist ein fröhlicher, selbstbewusster und offener Mensch, eine gute Schülerin mit schneller Auffassungsgabe und sie redet mit ihren Mitschülern. Unsere Maus kann Freundschaften schließen, ihre Meinung sagen, sogar vorlesen und Gedichte aufsagen. Nur ist das eben (noch) sehr leise.
Sie gehört aus unserer Sicht definitiv an keine Förderschule. An welche auch?

Selektiver Mutismus und Sprachheilschule

An unsere Schule gehört sie nicht, sagt die Sprachheilschule Leipzig. Sie hat keinerlei sprachliche Defizite. Im Gegenteil. Unser kleines Persönchen ist verbal ganz gut bewandert.
Für ihre sieben Jahre zeichnet sie sich durch ein sehr ausgeklügeltes Sprachtalent aus. Auch der sehr bestimmende Tonfall lässt keine Wünsche an einer mit den Eltern über Grenzen und Kompromisse verhandelnden Siebenjährigen offen. Was für ein Satz. 😉 Im Klartext: Sie kann sich gut ausdrücken und hat einen ausgeprägten Wortschatz.
So ein Kind gehört auf keine Sprachheilschule.
Das Problem liegt darin, dass der selektive Mutismus in der “Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme” (kurz ICD-Diagnoseschlüssel) unter Sprach- und Entwicklungsverzögerungen steht. (So auch in Deutschland)
Nach amerikanischem “Diagnostischem und statistischem Leitfaden psychischer Störungen” (kurz DSM) steht der selektive Mutismus unter der Rubrik Angststörung.
Nun ist es in Sachsen, aber auch bundesweit so: Sprachliche Störungen – Sprachheilschule.
Psychische Störungen – Förderschule für Kinder mit psychischen Erkrankungen.
Hin und wieder erklären sich auch allgemeine Grundschulen bereit, “solche” Kinder zu unterrichten.

“Solche Kinder” wie unser Kind.

Zu keinem Zeitpunkt haben wir unser Kind als behindert angesehen. Bei ihr ist zu beobachten, dass sie eine sichere, vertrauensvolle Bindung zu den Bezugspersonen aufbauen können muss. Das allein scheint jedoch schon ein sehr großes Problem zu sein. „Ich möchte zu keinem der Schüler eine intensive Bindung aufbauen” tönt es von Lehrerseite. „Sie sollen selbstständig sein und sich an den Mitschülern orientieren.“
Okay, das ist eine Einstellungssache. Was heißt überhaupt “intensive Bindung”?
Dasselbe hörten wir damals, als sie drei war, schon im Kindergarten als Argument. Kinder sollen sich an anderen Kindern orientieren. Offenbar kommen die meisten Kinder damit auch super klar. Nur “solche Kinder” wie unsere Maus kam eben ganz und gar nicht damit klar…
“Sie hat eine sehr gute sichere Bindung an Sie”, wurde uns durch eine Therapeutin bestätigt. Im Grunde genommen kam heraus, dass die Eltern-Kind-Bindung stabil, stark und sicher ist, die Bindung durch fremde Personen dagegen für das Kind irgendwann eine Art Sicherheitsrisiko darstellte.
Für uns war das bei den gegebenen Umständen kein Wunder. Sie hätte eine vertrauensvolle Bindung gebraucht, verstärkt dadurch, dass sie kein Krippenkind war.
Doch ich will hier niemanden als Schuldigen suchen. Wie gesagt, bricht ja so ein Schweigen nicht bei allen Kindern aus.

Nachteilsausgleiche darf die Schule nicht einfach so vergeben

Nun ist unsere Tochter gesetzlich als behindert eingestuft worden. Das Flüstern des einen Gedichts vor der Klasse und das etwas lautere Vortragen eines anderen Gedichts in einem gesonderten Raum (was auch sehr gut klappt) benötigt die Beantragung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs. In dem Moment wird eine leistungsstarke Schülerin mit einer schnellen Auffassungsgabe zum Integrationskind. Sie wird zu einem Kind mit Handicap. Behindert. Anders.
Die Schule darf nicht von selbst entscheiden, inwieweit die Benotung eines solchen Kindes im Mündlichen stattfindet, wurde uns gesagt.
Wir brauchen die Diagnose “selektiver Mutismus” und dann müssen wir den Förderbedarf beantragen, wurde erklärt. Ansonsten gäbe es mit der Benotung ab Klasse zwei im mündlichen Bereich große Schwierigkeiten.
Nun gut. Wir haben das stärkste Kind der Welt.
Nachdem eine Hortnerin sie fast einpullern ließ, als sie anzeigte, dass sie mal musste ( Musst du aufs Klo? Dann sage es!”), hat sich unser Kind ein paar ganz gute Strategien zurechtgelegt, um klarzukommen. Sie ist gewieft und kreativ, wenn es um Lösungen geht. Nicht alle Kinder in ihrem Alter sind so selbstständig. Das darf mein stolzes Mutterherz ruhig schreiben.Die Hortnerin kannte übrigens das Problem unseres Kindes. Sie kannte sogar unser Kind sehr gut, weil sie früher ihre Gruppenerzieherin im Kindergarten war. Manchmal spielt das Leben schon unfair.

Also los zum Leistungserkennungstest

Schweren Herzens war der Moment gekommen, wo wir unserer Maus davon erzählen mussten, dass sie nur “vielleicht” an ihrer Grundschule bleiben darf, dass ihr Schweigen eben nun mal nicht das ist, was alle Kinder machen. “Logisch, die antworten ja”, das war ihr schon klar.
“Ich bin sowieso doof, Mama”, war ihre erste Reaktion. “Weil ich nicht mit den Lehrern rede.”
„Nein, du bist eine ganz Schlaue und du hast es weit gebracht” habe ich ihr geantwortet. “Bald hast du es überwunden, es geht nur darum, dass auch die Lehrerin darüber Bescheid weiß. Deshalb fahren wir nach Leipzig zur Sprachheilschule und machen diesen Test.”
Es war furchtbar für mich. Sie ist ein ganz normales Kind. Sie hat es wirklich fast geschafft. Viele Kinder mit dieser Eigenart trauen sich noch nicht so viel. Diese Eigenart, die nun eine Krankheit ist.
Unsere Kämpferin hat mir zu 100% vertraut und ich bin darauf so stolz. Sie ist mit mir zu diesem Test gefahren, der von um acht bis mindesten zum Mittag gehen sollte und war nach zwei Stunden fertig, ohne großartige Fehler.
“Sehr schnelle Ausführung, sauber und ordentlich” stand unter dem Test.
Nun liegt er wahrscheinlich schon bei der sächsischen Bildungsagentur in der Mappe mit unserem Antrag für sonderpädagogischen Förderbedarf.

Zwei Stunden die Woche werden wahrscheinlich als Förderung genehmigt.

Eine Schulbegleitung benötigen wir nicht.
An der Grundschule darf sie höchstwahrscheinlich netterweise bleiben.
Ich muss dazu sagen, dass wir aufgrund glücklicher Umstände recht glimpflich davonkommen.
Wir haben eine sehr engagierte Schulleiterin, die auch mit der Sprachheilschule Rücksprache gehalten hat, wohin unser Kind denn nun gehört.
Wir haben die Leiterin dieser Sprachheilschule, die sich mit selektiv mutistischen Kindern auskennt und weiß, dass diese Kinder nicht auf eine Sprachheilschule gehören.
Wir haben eine sehr kompetente Ergotherapeutin, die direkt in der Schule vor Ort ist und uns tatkräftig unterstützt.
Wir haben eine Klassenlehrerin, die das Potential unserer Maus sieht. Sie bemüht sich, bei 27 Kindern in der Klasse dem selektiven Mutismus gerecht zu werden und wartet sehnsüchtig auf die Genehmigung des Förderbedarfs.
Wir haben im Landkreis eine sehr nette Schulpsychologin, die uns unterstützt hat und der Lehrerin sehr gute Tipps mit auf den Weg geben konnte.
Und wir haben die netteste und verständnisvollste Hortnerin der Welt.
Wir haben eine sehr starke Tochter, sind eine intakte Familie mit Geborgenheitsgarantie und sozial gut eingebunden. Die Verwandtschaft nimmt unser Kind im Großen und Ganzen wie sie ist.
So ist es Weihnachten passiert, dass sie halb flüsternd, halb redend ein Weihnachtsgedicht vor dem Weihnachtsmann aufgesagt hat.

Das macht uns alle wahnsinnig stolz.

Doch Inklusion, ihr Lieben, Inklusion sieht trotzdem anders aus!
Inklusion bedeutet für mich, dass unser Kind nicht auf seine Schwächen aufmerksam gemacht wird, sondern ihre Stärken gefördert werden. Es heißt, dass sie nicht mal ansatzweise einen Stempel auf der Stirn spüren muss. Dass sie eine Eins bekommt, wenn sie redet und dass die Schule sofort und angemessen einen Nachteilsausgleich anbieten kann. Ohne großartige Bürokratie.

Weiter so, kleine Maus, du schaffst das!

 

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