Nein, das möchte ich nicht! Warum Nein sagen so wichtig ist.

 
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Wenn kleine Kinder Nein sagen, werden Eltern oft wütend.
Wenn Erwachsene Nein sagen, werden andere Erwachsene oft wütend.
Im Grunde genommen sind alle kleinen Kinder, die nie Nein sagen durften, später unsichere Erwachsene, die nie Nein sagen werden.
Damit ist die Quintessenz ja schon herausgearbeitet und doch ist es etwas zu kurz für einen Blogbeitrag?!
Ich möchte euch heute Mut machen, zu euren Gefühlen zu stehen.
Und dazu gehört unter anderem auch, Nein zu sagen. Ohne dieses verdammte schlechte Gewissen im Nachhinein.
Denn es ist vollkommen unnötig, sich schlecht zu fühlen.
Es sind Verhaltensmuster, die wir gelernt haben. Damit der Papa nicht wütend wird. Damit die Mama nicht weint. Damit die Schwester nicht enttäuscht ist. Damit der Bruder unterstützt wird. Damit…

Wirst du jetzt wohl lieb sein?
Nein sagen ist eines der wichtigsten Dinge im Umgang mit anderen Menschen. Es kommt nicht so sehr darauf an, dass es genau an diesem einen Wort hängt, sondern es geht allgemein um die eigenen Bedürfnisse und den Schutz deiner Persönlichkeit.
Wenn andere immer wieder deinen “Grenzzaun” eintrampeln, um ihre Bedürfnisse zu stillen, kann es passieren, dass du ausgenutzt wirst. Dann ist sogar ein ganz klares, lautes Nein nötig!
Was signalisieren wir damit unseren Mitmenschen?
Ich mag nicht, ich brauche Zeit für mich, es ist im Moment ungünstig, ich will etwas anderes tun.
Das klingt egoistisch? Es ist nicht egoistisch.
Wir benötigen klare Abgrenzungen von anderen, damit wir unsere eigene Persönlichkeit entwickeln können.
Wir müssen unsere Grenzen jedoch erst lernen und auch unsere Abgrenzung von den Bedürfnissen anderer Menschen, selbst der Eltern, Großeltern, Geschwister.
Denn sonst könnte ja ständig jeder ankommen und etwas verlangen und wir würden es tun.
Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, seine Kinder Nein sagen zu lassen und ihnen nicht böse zu sein. Denn sonst können sie unter Umständen als Erwachsene ihr Selbst mit ureigenen Bedürfnissen nicht mehr erspüren und werden leicht Misshandlungsopfer.
Damit meine ich schon Taten, die viele gerade wahrscheinlich übersehen.
Kollegen, denen viel mehr Arbeit aufgebürdet wird als sie schaffen können, Freundinnen, die immer für einen da sind und man sich fragt, wie sie das machen, Mütter, die für ihre Kinder so viel tun, dass sie dabei selbst zum Schatten werden oder Väter, die in der Beziehung immer noch mehr und mehr übernehmen.
Das sind jetzt Beispiele, die je nach Person und Situation natürlich variieren und nicht stereotypisch gemeint sind.
Diese Menschen haben nicht gelernt, auf sich selbst zu achten. Sie durften nie Nein sagen und Wut ist für sie eines der schlimmsten Gefühle. Manche verleugnen auch Zorn und Neid.
Auf der Suche nach echter Bindung und Anerkennung streifen sie durchs Leben und versuchen, es jedem Recht zu machen.
So, wie sie als Kinder ihren Ärger und Frust hinunter schluckten, um der Mama zu gefallen – oder dem Papa und anderen Bezugspersonen, wenn diese schimpften: “Wirst du jetzt wohl lieb sein?” oder jegliche Art von kindlicher Trotzreaktion mit Sanktionen im Keim erstickten ( “ohne Wenn und Aber” , “mach den Papa stolz”, “muss die Mama erst schimpfen”, “nun weint die Mama wegen dir”, “ich zähle bis drei”….)

Nein sagen ohne Reue
“Es gehört sich nicht”, rigoros Nein zu sagen und vor allem gilt das für Frauen.
Wer jetzt sagt, wir haben heute emanzipierte Frauen, dem muss ich antworten: Das ist nur die halbe Wahrheit.
Werte im Umgang mit anderen Menschen sind wichtig und die zwischenmenschlichen Töne wollen gehört werden.
Jedoch die Grenze zum Ausnutzen und Ausbeuten von Gefühlen, zum Durchsetzen des Willens, verschwimmen oft und gerade Frauen sind auch heute davon betroffen. Immer wieder werden weibliche Tugenden wie diplomatisches Geschick, Schweigen im richtigen Moment und Harmoniesucht positiv hervor gehoben.
Frauen, die sehr eindeutig und im Klartext ihre Meinung sagen, zu ihren Gefühlen stehen und sich gut abgrenzen, werden nicht selten als “dominant” bezeichnet. Da gibt es nicht einmal die Differenzierung zum gesunden Selbstbewusstsein, sondern nur die wirklich weibliche und die absolut unweibliche (“dominante”) Frau.
Frauen entwickeln sich heutzutage nicht umsonst oft außerhalb von Beziehungen zu richtigen Überlebenskünstlerinnen mit Pfiff und handwerklichem Geschick sowie Organisationstalent. Doch sobald sie sich wieder in eine Beziehung begeben, sind diese errungenen Eigenschaften nach meiner Beobachtung tatsächlich oft rückläufig.
Aber auch Männer können oft nicht Nein sagen, es kommt immer auf das allgemeine zwischenmenschliche Zusammenspiel an.

Der Schlüssel liegt in der Kindheit
Manche Menschen wirken einschüchternd oder bestimmend und dem verängstigten kleinen Kind in erwachsenen Personen machen solche Menschen mit ihren Forderungen Angst.
Sehr interessant ist auch dieser Artikel dazu: Unser inneres Kind – wissen wir überhaupt noch, wie es fühlt?

Unerklärlich ist das also nicht, sich so eingeschüchtert zu fühlen: Wir leben auch heute in autoritären, zumindest aber autoritativen Systemen. Es gibt
Von Kindesbeinen an wachsen wir in ihnen auf und lernen frühzeitig, uns einzufügen und anzupassen.
Ob in Kindergarten und Schule, ob später bei der Berufswahl und danach in der Arbeitswelt, ob in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis: Zu oft sind Hierarchien ausgeprägt, die weit weg vom Luxus der persönlichen Entfaltung liegen.
Sehr viele Verhaltensweisen resultieren also im Schwerpunkt aus der Kindheit, auch wenn das so mancher nicht mehr hören mag. Je mehr das Selbstbewusstsein von klein auf gedrückt wurde, desto mehr Angst entwickelt sich später vor dem Nein sagen.
Manche Kinder entwickeln regelrechte Frühwarnsysteme für die Launen ihrer Eltern – das dient dem reinen Überlebenstrieb, so hart das klingt – und später werden aus diesen Kindern die hier im Artikel beschriebenen Erwachsenen, die zu jedem lieb und nett sind.
Im Umkehrschluss gibt es diejenigen, die zu fast niemandem lieb und nett sind und denen jegliche Form von Anstand und Moral fehlt.
Irgendwo dazwischen – ich sage vorsichtig, im “Normbereich” – liegt der Raum für gut sozialisierte Menschen, die untereinander aushandeln, Kompromisse schließen, Lösungen finden und aufeinander zugehen.
Hier ist das Nein sagen dennoch ein wichtiger Bestandteil, um ein gesundes Zusammenleben zu gewährleisten.
Deine Grenze, meine Grenze und Ausgleich, wenn eine Grenze doch einmal eingerannt wurde.

Nein sagen und Gruppenzugehörigkeiten
In einer Gruppe Nein zu sagen, ist wahrscheinlich für viele Menschen das Schwerste, was es gibt.
Sowohl in sehr religiösen Gruppen, Familien und Gemeinden als auch in politischen Ideologien verankerten Gruppen, Familien und Zusammenschlüssen wird im Groben eher von oben nach unten geschaut und diktiert.
Dieses Machtgefälle entspricht im Allgemeinen dem autoritären Erziehungsstil und fruchtet sogar recht gut.
Hier wird mit Angst und Macht gespielt und bei Gehorsam auch mit liebevoller Zuwendung, Belobigung, Gnade und Aufwertung der erzogenen Person.
Vielfach spiegeln sich die beschriebenen Verhaltensmuster bis heute im Mann-Frau-Gefälle, in Erzieher-Kinder-Verhältnissen, in Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen und vielen anderen Bereichen des gesamten sozialen Rahmens wieder.
Hier muss dazu gesagt werden, dass Gruppen, Klassenverbände, Arbeitsteams auch nur mit solchen Hierarchien zu funktionieren scheinen. Zumindest wird das grundlegend von einer breiten Bevölkerungsschicht so angenommen.
Ich selber empfinde diese Hierarchien als künstlich aufgebaut und habe im Laufe des Lebens beobachten können, dass sich Menschen – seien es Kinder oder Erwachsene – am liebsten natürlichen Autoritäten anschließen.
Das sind solche Personen, die tatsächlich schlauer, stärker oder mutiger sind und dennoch angenehm in Verhalten und Auftreten.
Dieses hochphilosophische Thema führt momentan meiner Ansicht nach zu verschiedensten Diskussionen in der Gesellschaft zur Frage des allgemeinen Menschenbildes.
So betrifft das ganz ausgeprägt momentan Themen rund um die Erziehung von Kindern, der Verbesserung von Arbeitsbedingungen unter Berücksichtigung der Bedürfnisse und Kenntnisse von Arbeitnehmern, als auch der Wegfall von Sanktionierungen gegen Arbeitslose und der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen.
Es ist also sehr klar eine soziale Frage, in welchen Situationen eine Person ganz allgemein das Recht auf seine Würde, seine Selbstbestimmung hat und ganz klar Nein sagen darf.

Die unerzogenen Kinder von heute
“Kein Bock” – tönt es hier öfter aus dem Kinderzimmer und für mich als Mutter ist das auch ein Synonym für “Nein – jetzt nicht.”
Vielen Erwachsenen sträuben sich jetzt beim Lesen vielleicht die Nackenhaare. Ich könnte es mir zumindest vorstellen.
Wie kommt ein Kind darauf, einfach so “frech” zu sein und der “Anweisung” der Eltern nicht nachzukommen?
Das hätte es früher nicht gegeben!
Mein Vater beispielsweise hätte diese Antwort nicht durchgehen lassen. Er zog mich nicht nur am Arm gepackt aus dem Zimmer, wenn ich ihm zu frech war, er schimpfte auch gleichzeitig “du unverschämte Rotzgake” und wenn es sehr schlimm kam, setzte es Ohrfeigen oder er legte mich übers Knie.
Da sträuben sich hoffentlich bei meinen Lesern noch viel intensiver die Nackenhaare, denn hier ist es auch angebracht.
Nun ist es so, dass mein Vater ein Nachkriegskind war, was natürlich diese Art und Weise nicht entschuldigt. Doch es passt sehr gut in das Deutschland 1944 und zu dem damals vorherrschenden Erziehungsstil.
Kinder hatten in der Zeit keine Rechte; sie mussten funktionieren und das auch schon, bevor Deutschland in Schutt und Asche lag.
Die harten Rituale rund um Kindererziehung entspringen hierzulande zu oft dem Nationalsozialismus und anderen Diktaturen. Darüber schreibe ich in nächster Zeit noch mehr. Wer gern jetzt schon mehr dazu lesen möchte, kann das hier tun.
Doch zurück zu dem “Null Bock”-Ausspruch.

Eckpfeiler im zwischenmenschlichen Miteinander
Wir Menschen haben ein komplexes soziales Kommunikationssystem, wovon wir uns zu circa 80% nonverbal und zu 20 % verbal verständigen und austauschen. Wären die zur Zeit ausgeprägten Hierarchien der Gesellschaft nicht vorhanden, würden sich irgendwann neue bilden, aber vielleicht auf einer anderen Ebene. Das ist jedoch rein spekulativ.
Fakt ist, dass wir untereinander durch Beobachtung und Empathie in Verbindung stehen und das den ganzen Tag.
Es gibt so viele zwischenmenschliche Interaktionen, dass es uns gar nicht bewusst wird.
Irgendwann ahmen sich jedoch Menschen im nahen Kontakt untereinander nach und stimmen sich aufeinander ab, sei es durch eine ähnliche Art zu reden, sich zu bewegen oder den Tagesablauf anzugleichen.
Dem zugrunde liegen sogenannte Spiegelneuronen, die uns befähigen, im Gegenüber Emotionen nachfühlen zu können.
Ich erlaube mir hierfür eine kurze Definition:

Spiegelneuronen sind ein Resonanzsystem im Gehirn, das Gefühle und Stimmungen anderer Menschen beim Empfänger zum Erklingen bringt.

gefunden bei Planet Wissen

Faszinierend, wie einfach das eigentlich ist.
Wenn also das Kind sehr oft “Null Bock” sagt, will das schon was heißen. Es spiegelt mitunter Verhaltensweisen anderer Menschen seiner Umgebung. 😉
Ansonsten ist ein Nein für mich persönlich kein Beinbruch.
Wer im zwischenmenschlichen Umgang mit anderen Personen ein Geben und Nehmen lebt, wird ein Nein akzeptieren können, denn es ist ja temporär.
Nur wenn es zu oft vorkommt oder in kompletter Verweigerung bis hin zu Gewaltakten oder eisigem Schweigen endet, ist unter Umständen etwas in die Schieflage geraten.
Vielleicht funktioniert das Geben-und-Nehmen-Prinzip nicht, vielleicht stecken zu harte Sanktionen oder Druck dahinter, vielleicht wurde bereits über Gebühr strapaziert oder aber die nonverbale Kommunikation lief ebenfalls über längeren Zeitraum auf “Nein” und “Null Bock” hinaus.
Deshalb ist es für uns Menschen wichtig, ein glückliches und ausgeglichenens Leben führen zu können, denn das macht sich vor allem unbewusst bei anderen bemerkbar.
Nicht umsonst gibt es diesen schönen Spruch, den ich über alles liebe:

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

(aus dem jüdischen Talmud)

Wenn du also ab heute öfter einmal Nein sagen willst, dann tue es einfach.
Der/-diejenige, der/die damit nicht klar kommt, dass du deine persönlichen Grenzen absteckst, sollte ohnehin nicht länger in deinem Umfeld verweilen.
Sich von anderen Menschen ein schlechtes Gewissen machen zu lassen, zählt nicht zu den zwischenmenschlichen Eckpfeilern.
Anderen für (temporäres) Nein sagen ein schlechtes Gewissen zu machen und sogar Sanktionen zu verhängen, ist moralisch und ethisch gesehen übergriffig – meiner Meinung nach.
Herzliche Grüße,

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