Sage mir, in welcher Klasse du bist. Enttäuschung im Ferienhort.

 
Lesezeit: 7 Minuten

Der Hort, in den unsere Tochter geht, ist wirklich bombastisch.
Es sind nette Hortner/innen dort, die sich liebevoll um die Kinder kümmern und alle wissen über den selektiven Mutismus unserer Tochter Bescheid.
Aus diesem Grund geht die Maus auch super gern in den Ferienhort.
Anders als viele andere Kinder müsste sie das nicht tun.
Ich bin selbstständige Mediengestalterin und Werbetexterin und habe ein Kleinunternehmen.
Dadurch, dass ich in Teilzeit von zuhause aus arbeite, kann unser Kind die Ferien genauso gut in ihrem Kinderzimmer genießen.
Doch sie geht freiwillig zu den Hortangeboten in den Ferien und freut sich jeden Tag sehr auf die Treffen mit ihren Freundinnen, auf die Aktivitäten und auf ihre Lieblingshortnerin.
Wenn da nicht ein Schatten auf ihrem Glück läge…
Ich habe mich dazu entschlossen, öffentlich darüber zu schreiben, denn wir können es nicht länger für uns behalten.
Es geht einfach nicht mehr allein zu tragen, wir müssen es teilen!
Wann hört das endlich auf???

Was selektiver Mutismus für uns und unser Kind bedeutet

Wisst ihr – wir sind fürsorgliche Eltern, aber einen Helikopter fliegen wir nicht. Genau wie alle anderen Kinder ist unsere Tochter selbstständig und kann die allermeisten Dinge genauso, wie andere Gleichaltrige.
Manchmal ist sie sogar noch ein bisschen taffer.
Dass sie dieses Schweigen entwickelt hat, ist für uns Eltern und für unsere Tochter natürlich sehr traurig und viele Situationen sind ganz anders als in anderen Familien.
Jedoch wir haben nie aufgegeben und stehen auch vollkommen hinter ihr.
Sie kämpft oft mit sich und will diesen letzten Schritt endlich schaffen: Mit fremden Erwachsenen unbefangen reden.
Eine Belohnung hat sie dafür auch in Aussicht, die wirklich sehr motivierend für sie ist.
Sie bekommt einen eigenen, kleinen Hund.
Das ist ihr Herzenswunsch und daran könnt ihr schon sehen, dass sie es eben nicht “einfach mal so” schafft, alleine aus diesem furchtbaren Schweige-Gefängnis auszubrechen.
Selektiver Mutismus – das ist etwas, was niemand wirklich greifen kann. Es gibt viel zu wenig Untersuchungen, zu wenig Studien, wann es wie und warum ausbricht, wann es wieder weg geht und wie es überwunden werden kann.
In den Kindergärten und Schulen ist es kaum bekannt, mit Autismus wird es oft verwechselt und selbst Sprachheilschulen, Psychologen und Schulämter sind noch nicht wirklich mit dem selektiven Mutismus vertraut.
Das ist ein Grund, warum ich darüber schreibe.

Ein großartiges Mädchen

Unsere Tochter ist ein echt goldiges Kind. Ich weiss, alle Kinder sind das für ihre Eltern.
Trotzdem muss ich sie wirklich loben. Sie ist ein sehr autonomes Kind, freiheitsliebend und sehr bestrebt nach Selbstbestimmung.
Kreativ und erfinderisch ist sie, hat eine schnelle Auffassungsgabe, ist wissbegierig und ehrgeizig. Natürlich ist das auch wahnsinnig anstrengend, denn bei uns gibt es diese Dogmen a´la “Du musst das jetzt tun, weil ich es so sage” nicht. Wir begleiten sie und formen sie, aber “erziehen” sie nicht.
Es ist manchmal schwierig und kostet viel Kraft, mit dieser Einstellung durch die Welt zu gehen.
Schließlich wurde ich selbst nicht gerade nach Montessori-Ansatz erzogen.
In meiner eigenen Kindheit gab es Ohrfeigen, wenn man zu frech war.
Doch ich diskutiere vieles mit meiner Tochter aus.
Natürlich bin ich trotz allem nicht ihre beste Freundin, es gibt Regeln, an die sich alle halten müssen.
Wir sind nicht antiautoritär eingestellt.
Jedoch wir sind als Eltern beide der Meinung, Kinder brauchen Raum, um sich zu entfalten, um ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Dazu gehört auch Meinungsbildung, Grenzen austesten und den Willen durchsetzen – wie bei jedem anderen Kind auch.
Sie darf altersgerecht schon einige Entscheidungen alleine fällen.
Wenn unsere Maus mit strahlenden Augen in den Hort geht, dann freue ich mich mit ihr mit.
Es ist für sie eine ureigenste Wahl, wie gesagt. Sie macht das freiwillig.
Und dann muss sie das über sich ergehen lassen wie heute morgen.

Sag´mir, welche Klasse du bist

Wir haben gestern acht Eier ausgeblasen, weil heute das Bemalen im Hort ansteht.
Ich betone die Zahl deshalb, weil unsere Tochter darauf bestand. Sie wollte vorsichtshalber für andere Kinder Eier mitnehmen, falls noch welche gebraucht werden.
Das ist so zuckersüss, dass mir in den Momenten mein Herz aufgeht. Ich finde es einfach schön, auch an andere zu denken und bin ziemlich stolz auf unsere Siebenjährige.
Wir betreten also den Hortraum und melden uns bei einer Hortnerin.
Ich muss euch dazu noch ein bisschen was erklären!
Nun, ich schrieb vorhin, dass alle Hortner/innen sehr nett und aufgeschlossen dem Mäusel gegenüber sind.
Sie stellen ihr geschlossene Fragen, damit sie nicken oder mit dem Kopf schütteln kann und haben auch Dienstbesprechungen, bei denen es unter anderem um den Umgang mit mutistischen Kindern geht.
Unsere Tochter ist sehr weit.
Sie erstarrt nicht mehr und bewegt sich frei und locker.
Sie lässt Berührungen durch ihre vertraute Hortnerin zu, lächelt andere an, spricht mit der Ergotherapeutin und etlichen Nachbarn, flüstert bereits mit der engagierten Schulleiterin unserer Grundschule und mit ihrer Klassenlehrerin.
Sie geht große, riesengroße Schritte, lernt Gedichte und sagt sie im Nebenraum ihrer Lehrerin auf, sie singt mit, meldet sich im Unterricht – dieses Mädchen ist toll und ich ziehe den Hut vor ihr.
Denn es ist alles andere als einfach, so eine Sprechblockade zu überwinden.
Es ist oft willentlich in den ersten Lebensjahren ohne therapeutische Hilfe nicht einmal möglich, diese Bewegungsstarre selbst aufzulösen.
Ja, ich habe Respekt vor unserer Maus, sie hat so viele Freunde in ihrer Klasse gefunden, obwohl sich manche Kinder über sie lustig gemacht haben und hat einfach jede Menge Anerkennung verdient.
Wisst ihr, ich komme aus der Medienbranche.
Ich plappere wie ein Wasserfall, bin kommunikativ und unterhaltsam.
So ist die Maus auch im vertrauten Umfeld.
Und doch hat sie eine Hemmung, die ich trotz Empathiefähigkeit nicht verstehen kann.
Trotzdem ist sie so schrecklich stark und mutig, damit umzugehen.
Mit sieben Jahren ist so ein Schicksal kein Pappenstiel!
Aber Hallo! Redet mal einen Tag lang nicht, obwohl ihr ganz viel angesprochen werdet!
Stellt euch diese unangenehmen Situationen vor, in denen man dann steckt.
Es ist ja auch peinlich. Vor allem, wenn man so gerne antworten würde! Wenn man könnte!
Als sie zwischen drei und vier Jahre alt war, und das Schweigen mit Eintritt in den Kindergarten bereits ausgebrochen war, hatte sie ja einen Gruppenwechsel und vier Erzieherwechsel in einem halben Jahr.
Es gibt dazu mehrere Blogbeiträge.
Eine dieser Erzieherinnen war ziemlich unsanft zu ihr und konnte nicht verstehen, was es heisst, selektiven Mutismus zu haben. Damals war unser Mädchen gerade eins, zwei Monate in einer Mutismustherapie.
Sie machte große Fortschritte, aber leider auch immer wieder Rückschritte und wir konnten uns nicht erklären, warum.
Heute wissen wir, dass die Erzieherin sie immer wieder auf ihre Schwäche, ihr Nicht-Sprechen reduzierte.
Das, was mir mein Bauchgefühl damals schon verriet, wurde später durch die Schilderungen unseres Kindes bestätigt.
Denn als der damalige Kindergartenwechsel endlich vollzogen war und es ihr seelisch erheblich besser ging, öffnete sie sich auch uns gegenüber wieder mehr und verarbeitete die einstigen Situationen.
Im neuen Kindergarten lebte sie sich gut ein.
Doch mit Schulbeginn bekamen wir alle einen riesigen Schock.
Die einstige Kindergärtnerin war nun Hortnerin.
Wenigstens bekam sie eine andere Klasse, was uns aufatmen ließ.
Im Ferienhort haben die zwei aber oft zwangsläufig miteinander zu tun.
So durfte unser Kind nicht auf die Toilette gehen, wenn sie es nicht sagte, sie bekam nichts mehr zu trinken und keinen Nachschlag beim Essen.
Wo immer diese Hortnerin ist, will sie unsere Tochter zum Reden bringen.
Sie ist eindeutig beratungsresistent trotz der Bemühungen von Hort und Schule, mit einem mutistischen Kind umgehen zu lernen und wie gesagt auch die Mitarbeiter darauf zu coachen.
Heute kommen wir also in den Hortraum, ich sagte guten Morgen und die gute Frau ist so unanständig und unhöflich, nicht einmal den Kopf zu heben.
Sie mag mich nicht und meine Tochter nicht, hoffentlich mag sie wenigstens sich selbst und ihr Leben.
Dann sagte sie in einem strengen und schnippischen Ton zu unserem Kind “In welche Klasse gehst du? und unsere Tochter antwortete mir leise. Es kam gar nichts zurück und ich fragte Sie: “Haben Sie es gehört?”
“Nein, habe ich nicht!” erwiderte sie äußerst arrogant und von oben herab. Ob ich mir das geben muss, ist so die eine Frage. Jedoch Eltern schlucken viel herunter.

Man kann mit ihr nicht reden!

Sie kennt uns schon so lange und auch den selektiven Mutismus unseres Kindes, dass ich davon ausgehen muss, hier ist keine Kooperationsbereitschaft erkennbar. Ganz ehrlich, womit hat ein siebenjähriges Mädchen das verdient, so schlecht behandelt zu werden? Was hat das Mädel ihr getan?
Warum darf so eine Frau mit unserem Kind und auch mir so umgehen? Welches Recht hat sie und wie kommt sie in ihrer eigenen verschrobenen Welt klar?
Ja, das darf ruhig jeder lesen.
Unsere Tochter ist durch diese Frau immer wieder erneut eingeschüchtert und es wundert mich überhaupt nicht, dass sie damals im Kindergarten 1 solche Rückschritte machte.
Solche Diskussionen bin ich mittlerweile leid, auf derartig unhöfliche Menschen auch noch zugehen zu müssen und mit denen über ihr Problem zu reden!
Nein, das war einmal, es bringt hier nichts. Ich sehe auch keinen Sinn darin!
Unser Kind macht das nicht mit Absicht, zum hunderttausendsten Male!
Es sind außerdem ihre Ferien, die sie ganz einfach genießen möchte! Freiwillig!
Das tut mir im Herzen weh, wie schnell ihr Strahlen aus den Augen verschwunden war und sie fast komplett erstarrte!
Nein, das kann absolut kein Zufall sein!
Die einzige Rettung war ihre vertraute Hortnerin, die unser Kind so nimmt, wie es ist und natürlic hauch alle anderen Kinder. Sie ist einfach super klasse und ich bin wirklich froh, dass sie heute im Ferienhort ist.
Wisst ihr, wie man sich als Mutter fühlt, wenn man sein Kind in so einer Situation mit so einer verständnislosen Erzieherin hätte lassen müssen?
Ich rege mich immernoch auf! Es ist dermaßen schlimm für uns Eltern, dass unser Kind das alles aushalten und durchmachen muss. Mit einem dicken Kloß im Hals und einem Knoten im Bauch sitze ich hier und schreibe diesen Artikel.
Ihr glaubt gar nicht, wie ich mit den Tränen kämpfe.
Diese Frau kann mit so einem Verhalten alles kaputt machen, was in der letzten Zeit therapeutisch aufgebaut wurde.
Doch was soll ich noch tun, außer das Thema öffentlich zu machen und andere Menschen für den selektiven Mutismus zu sensibilisieren?
Uns sind als Eltern immer die Hände gebunden, es gibt so schrecklic hwenig bis keine Alternativen. Es ist Willkür und fühlt sich schlecht an.
Bloß gut, dass diese Frau nicht die reguläre Hortnerin unserer Tochter ist.
Übrigens – abgesehen davon, dass die Dame und wir eine gemeinsame Geschichte haben und andere sie wahrscheinlich “nett” finden: Das, was sie tut, entspricht auch nicht den Richtlinien einer vernünftigen Inklusion.
Das ist aber einen neuen Beitrag wert.
Für heute bin ich froh, dass Mäusel´s ganz doll liebe Hortnerin da ist und außerdem ihre beste Freundin.
Damit die Ferien und das Ostereier bemalen einfach Spaß und Freude bereiten!

Zurück bleiben die Verzweiflung, die Wut und die unendliche Traurigkeit. Solche Menschen sollten nicht mit Kindern arbeiten.

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Kommentar

  1. Chris

    Hier gibt es nur eines, solche Sachen protokollieren und melden. Solche Leute sollen doch irgendwie am Band arbeiten gehen da muss man nicht mit Menschen interagieren. Aber an Kinder dürfen solche Personen nicht kommen. Ich weiss es herrscht riesiger Mangel an Erzieher(innen) und diese sollten auch anständig bezahlt werden aber diesen Frust von was auch immer darf man nicht am Kind auslassen Nie

     

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