Schade, dass ihr weg seid! Die kollektive Biografie.

 
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Wir Ossis haben ja so eine ganz bestimmte kollektive Biografie.
Noch nie davon gehört?
Wenn du aus den neuen Bundesländern kommst, dann weisst du ganz sicher, wovon ich rede.
Zugegeben, ich habe den Begriff erfunden – die Definition ist also nicht wirklich fest.
Doch kollektive Biografie klingt irgendwie gut und es trifft ja auch den Kern.
Zumindest ansatzweise.

Der Osten und die (gefühlte) Ungerechtigkeit

Es ist jetzt wirklich schon so lange her, seitdem die Mauer fiel. Sie wurde irgendwann einfach überklettert und die Bilder an dieses Ereignis sind jedem sofort wieder vor Augen.
Tausende, abertausende Menschen zogen in ihren typischen “Achtziger Jahre Zoni Klamotten” an den hilflosen Grenzpolizisten vorbei, Züge waren vollgestopft mit dermaßen vielen Personen, dass es aussah, als würden sie jeden Moment auseinanderplatzen. Also die Züge.
Euphorie machte sich im ganzen Land breit – nun gut, rückblickend gesehen vielleicht doch nicht überall – jedoch an diesem Tag gab es im Großen und ganzen nur zwei Arten von Gefühlen: Freiheitsjubel oder Schockstarre.
Wann immer ich diese Bilder im Fernsehen sehe, muss ich heulen.
Ich bin dann so ergriffen von diesem Glückstaumel ´89, dass ich gar nicht weiss, wohin mit meinen Emotionen. So sehr hat mich dieser Tag geprägt. Es war eines der einschneidensten Erlebnisse meines Lebens. Wie alt ich war?
Elf.
Meine Mutter befand sich in der BRD, um Verwandte zu besuchen. Später erzählte sie mir, dass sie Angst hatte.
Das ging ja gar nicht in meinen Kopf! Angst?
Ja, sie wusste ja nicht, was passieren würde, ob sie uns jemals wiedersehen würde. Sie wusste nicht, wie die Russen reagieren.
Das verstand ich alles nicht. Es war lange Zeit in meiner kindlichen Fantasie überhaupt nicht anwesend – das Gefühl von Angst in Zusammenhang mit den vielen fröhlichen Menschen, die ich im TV sah.
Panzer? Wo? Warum? In “unserer” DDR? Die ja nun irgendwie so richtig keine DDR mehr war? Oder doch noch?
Sollte sie nicht einfach nur reformiert werden?
Irgendwas war da doch. Mehr reisen dürfen, seine Meinung äußern dürfen und öffentlich an Gott glauben dürfen. Alles solche einfachen Dinge. Und natürlich Bananen essen und einen Farbfernseher und ein schönes Auto kaufen können.
Westen war für mich Intershop. Ich wollte auch so ein Telespiel (was niemand wirklich kannte, als meine Mutter “drüben” danach fragte) und Aufkleber mit Wackelaugen. Eine coole Jeansjacke. Und ne BRAVO.
Aber ich mochte auch die FRÖSI. Ehrlich!
Ich mochte, wie sich die Lehrer um einen kümmerten und wie wir als Klasse viele tolle Sachen zusammen unternahmen.
Gewisse Strukturen fand ich prima so mit elf. Ich fand sie nicht direkt zu der Zeit prima, als es noch die DDR gab.
Als es sie aber nicht mehr gab, da vermisste ich sie, diese Regeln..
Ich vermisste unser Kino, dass geschlossen und abgerissen wurde.
Unser Freibad war plötzlich weg.
Dafür gab es mit einem Schlag ultimativ viele Christen, die sich alle konfirmieren ließen, statt zur Jugendweihe zu gehen.
Lustig für mich, die ich als Kind katholischer Mutter in der brandenburgischen Diaspora aufwuchs. Die den Spießrutenlauf ihres großen Bruders spürte und die auch selbst irgendwie zerrissen war. In der Zeit als jemand noch große Nachteile hatte, wenn er bei der Jugendweihe nicht auf den Staat schwor.
Nun erzählten mir Menschen, von denen ich es nie gedacht hätte, wie es um Jesus Christus und die Nächstenliebe steht.
Das war etwas makaber.
Irgendwann gab es dann die ersten privaten Pools im Garten. Die Eltern einer Freundin verlangten sogar Eintritt, weil alle Schlange standen.
Kein Wunder, dass die Freibäder alle dicht machen, dachte ich für mich. Ich war elf. Ein Kind.
Und so richtig wie Intershop sahen diese Blechcontainer, die von irgendwelchen Discounter-Ketten hingestellt wurden, auch nicht aus.
Da, wo früher Rummel war, da stand so ein riesen Verkaufsteil von MASSA.
Der Boden halb aufgeweicht, die haben es auf den blanken Erdboden gesetzt.
Es gab aber irgendwie gar nicht das, was ich soooo gerne aß.
Die DDR-Milch vermisste ich besonders. Mir wurde schlecht von den vielen Sachen, die es dort zu kaufen gab.
Ich schätze, dass war alles ein bisschen zuviel.
Jeder fuhr in kürzester Zeit ein Westauto – kurz: angedrehte Schrottkarren – und noch viel mehr Menschen wurden sehr hohe Abzocke-Kredite für alles Mögliche angeboten. Am Schlimmsten waren die Hauskredite, die umgewandelt wurden.
Das hat so mancher Familie das Genick gebrochen.
Und zu allem Unglück gab es dann Massenentlassungen. Denn ein Betrieb nach dem anderen machte dicht.
1994 war in meiner Erinnerung die schlimmste Zeit. Ein schleichender Prozess.
Keine Euphorie mehr. Angst. Jetzt verstand ich es. Auch wenn meine Mutter 1989 etwas anderes meinte.
Nun war sie da, frei flottierende kollektive Angst. Bei all denen, die nicht abgewandert waren und die sich auch weder durch Vitamin B noch durch Glück (und hin und wieder auch Referenzen) in ein warmes berufliches Nest setzen durften, gab es nur noch eins: Schnell wieder irgendwie an Arbeit kommen – und dadurch an Geld zum Leben.

Schade, dass ihr weg seid!

Ja, ich muss das Ganze immer noch verarbeiten. Mittlerweile bin ich 40 Jahre alt.
Die Zeit liegt längst hinter uns, unsere Tochter ist auf der Welt, es gibt nicht mal mehr die D-Mark, die alle so heiß geliebt hatten und wir haben eine globale Vernetzung aller User, die gern ihre Daten (oder ich sogar meine sämtlichen Sichtweisen) riesigen Silicon Valley-Konzernen zur Verfügung stellen. Tag für Tag.
Es gibt die Europäische Union, aus der die ersten Europäer bereits wieder ausgetreten sind und einen weltweiten Handel, der fair sein soll, es aber nicht so wirklich ist.
Der Euro rinnt einem durch die Hände wie kleine Sandkörner, um überteuerte Mieten zu zahlen oder ein unverschämt teures “dreimal-über-eigentlichem-Wert” Haus käuflich zu erwerben, um teures Gemüse aus Spanien zu kaufen oder einfach nur Schulbücher für das Kind, weil die Kommune pleite ist und die Leihgaben den ärmeren Familien vorbehalten sind.
Arbeit gibt es bei uns im Leipziger Land und die Bezahlung reicht von “gerade so” (im Niedriglohnsektor) über “ach geht schon”(der sehr kleine Mittelstand) bis hin zu “Wohin soll ich mein Geld nur investieren?” (bei denen, die studiert haben und vielleicht die Oma schon was angespart hatte)
In dieser Zeit von Smartphone und Selfies, Podcasts und Influencer-Video-Kanälen, von satellitengefütterten Navi-Geräten, Pokémongo und den ersten technisierten Kassen-Automaten statt einer Verkäuferin, in dieser turbulenten, eigenartigen Zeitepoche mit Völkerwanderungen von Menschen aus Kriegsgebieten und sehr armen Ländern in das reiche, gut technisierte Europa – da hocke ich hier vor meinem Laptop und arbeite eine kollektive Biografie auf.
Meine DDR-Vergangenheit verschwindet in diesem riesigen Topf von tausenden anderen Schicksale und jeder weiß, wovon ich rede.
Gleichzeitig schießen die Rechtspopulisten wie Pilze aus dem Boden. Hier im Osten, in anderen Regionen Deutschlands und im gesamten Europa. Es will sich niemand etwas wegnehmen lassen, die Leute haben keine Lust zu teilen und sie kehren wieder zu ihren eigenen “Werten” zurück.
Vielleicht ging die Globalisierung zu schnell, vielleicht ist es der Zerfall der ländlichen Gegenden, vielleicht sind es die leerstehenden Dörfer, die fehlenden kleinen Tante-Emma-Läden mit einer netten Verkäuferin drin, die deinen Namen kennt.
Vielleicht ist es die wachsende Kinderarmut durch die Hartz IV-Regelung, ohne die wiederum gar niemand mehr irgendwoher Geld bekäme wie im unsozialen Amerika.
Manche Menschen haben nicht das Gefühl von Sicherheit, ihnen fehlt die Struktur, das Vertraute.
Sie wollen sich gar nicht verändern. Sie wollten das alles ja nie. Sie hatten ja schon Veränderung genug in ihrem Leben und besetzt war das Ganze mit dem Gefühl der Angst.
Die meisten, die sich getraut haben, etwas aus ihrem Leben zu machen, sind gegangen – mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Sie waren ihres eigenen Glückes Schmied und wollten die Freiheit und die Möglichkeiten für sich nutzen. Das Herz weint sicherlich oft, denn die Wurzeln liegen oft da, wo man aufwuchs.
Doch es hat ihnen viel gebracht in ihrem Leben, in neue Gefilde aufzubrechen. Auch jetzt werden bestimmt Menschen ihre vertraute Heimat verlassen und woanders heimisch werden.
Wer nicht gerade – wie ich – die Möglichkeit hat, von seinem Laptop aus seine Moneten zu verdienen, wird wahrscheinlich gehen müssen, denn heutzutage verändert sich das Gesicht der Welt und vor allem der Wirtschaft noch viel schneller.
Ohne junge Leute altern Gegenden mit vielen alten Menschen ebenfalls viel schneller. Gesellschaftlich gesehen ist Abwanderung immer eine Katastrophe, vor allem, wenn gebildete Menschen gehen und alle auch noch in einer Altersspanne sind.
Es werden dann unsere Küken sein, die mit 18 ausziehen, um ihr Glück zu suchen und wir werden genauso da stehen und die Tränen herunterschlucken, bis sie außer Sicht sind, so wie unsere Eltern es tun mussten und leise flüstern:
“Schade, dass ihr weg seid!”
Und trotzdem werden wir gleichzeitig froh sein, dass diese Generation (hoffentlich) weltoffen sein wird, verständig und gebildet – keine Fremdenangst haben wird und dennoch immer mal wieder nach Hause kommt. Einmal im Jahr, so wie wir. Dahin zurück, wo die Wurzeln sind.

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