Ich mag nicht mehr darüber reden

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Es gibt Momente im Leben, da frage ich mich, ob es einen Sinn macht, überhaupt noch seine Meinung kundzutun. So geht es mir momentan beim Stöbern auf Facebook, jedoch nicht nur da.
Auch der zähe Alltag ist oft davon betroffen.

Es ist eigentlich der reinste Hohn…

Nach der Wende bekamen wir von unserem Lehrer im neuen Fach „Gesellschaftskunde“ beigebracht, was das faire Diskutieren beinhaltet.
Sachliche Kritik hervorzubringen, auch wenn man es voraussichtlich auf keinen gemeinsamen Nenner schafft. Es ging darum, den Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz herauszufinden und um den Perspektivenwechsel.
Das ist die Fähigkeit, andere Meinungen etwas besser nachvollziehen zu können, indem man kurzzeitig in den Blickwinkel des anderen schlüpft. Das setzt natürlich ein gewis­ses Maß an Annäherungswillen voraus.
Das habe ich geliebt, ich fand es ultra spannend und da ich dachte, der Inhalt dieses Lehrplans käme aus dem „Westen“, fand ich auch den Westen toll.

Ich war naiv, aber mit 11 jungen Jahren sei es mir verziehen

Es war die Zeit, in welcher wir uns in jenem zarten Alter mit dem Zusammenbruch des alten Systems und aller damit verbundenen Lebens – und Verhaltensangewohnheiten auseinandersetzen mussten.
Wir nahmen dankbar jede Art von Richtungsweisung an, denn das, woran jeder schein– oder un­scheinbar teilgenommen hatte, das war verflogen, einfach weg. Der gewohnte Alltag war weg, unsere Nahrungsmittel, unsere Kinos und Freibäder, unsere Diskotheken, sämtliche Wertvorstellungen, unsere Geborgenheit.
Das was blieb, waren Momente wie das neue Fach „Gesellschaftskunde“ oder später „Politische Bildung“ – wo uns das Diskutieren beigebracht wurde. Sozusagen als Einführung in das fremde Land der Demokratie.
28 Jahre ist das her. Lange 28 Jahre.
Und doch hatte ich bis vor ein paar Jahren den Traum, die Hoffnung, die Sehnsucht, dass es doch stimmen möge. Dass unser Lehrer recht, hatte mit dem, was er uns beibrachte.
Dass Menschen unterscheiden können zwischen Toleranz und Akzeptanz.

Dass fair und sachlich miteinander diskutiert wird, ach was heißt diskutieren

Überhaupt erst einmal fair miteinander umgegangen wird.
Es ist wirklich ein Spott, was hier momentan so in den verschiedenen Netzwerken abgeht. Die Gesprächskultur ist doch auf dem niedrigsten Niveau gelandet. Ist das die neue Generation, die hier mitmischt oder haben alle wirklich den guten Ton verlernt?
Egal, wo ich mich bewege, wo ich mitlese oder mithöre: Es geht an die Grenzen meines guten (kommunikativen) Geschmacks, wie Meinungen von sich gegeben werden. Erschreckend ist auch, dass sich das auf jeden Lebensbereich, jedes Thema ausstreckt.
Ob du nun im Hundeforum als Tierquäler beschimpft wirst, weil du statt einem Rassehund einen Mischling holst oder ob du im Mütterforum gedisst wirst, weil du Stillbefürworterin oder auch – gegnerin bist, ob du für oder gegen Muslime bist, ob du Trump magst oder nicht, ob du gut bloggst oder nicht, ob du den einem Lokalpolitiker Sympathie entgegenbringst oder nicht, ob du Frontalunterricht befürwortest oder nicht, ob du… ach diese Liste ließe sich noch sehr lange fortsetzen…. Es gibt nicht immer nur Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse. Doch es weht ein rauer Wind. Ich habe gewaltige Entscheidungsprobleme in solchen Stammtischdiskussionen, mich auf eine Seite zu schlagen. Denn das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Je schärfer und beleidigender Gegenargumente hervorgebracht werden, desto mehr ruft das in mir ein „Du hast einfach nicht begriffen, worum es geht“ hervor.

Viele Dinge lassen sich nur – ja ich betone nur – im Kontext sehen

Wir müssen uns das Gesamtbild vorstellen, bevor wir beginnen, zu diskutieren. Das Gesamtbild ist die Plattform. Die äußeren Rahmenbedingungen kommen hinzu. Dann haben wir noch das jeweilige Innenleben der verschiedenen Personen. Alles zusammen ergibt dann ein soziales Gefüge. Inwieweit wir uns dort hineinquetschen lassen oder eben auch nicht, ist eine ganz andere Angelegenheit.
Wenn ich schreibe, die Flüchtlingspolitik macht mir Angst, bin ich kein Nazi.
Wenn ich sage, die Pegida ist nicht gerade das, wo ich mitrennen würde, bin ich keine Linksautonome.
Wenn ich sage, ich könnte mir vorstellen, warum manche öffentliches Stillen aufregt, bin ich absolut keine Stillgegnerin.
Wenn ich sage, Mischlingshunde sind toll, mag ich dennoch Rassehunde.

Wenn ich nie im Gesamtbild sehe, worum es geht, dann bin ich aber ein Schmalspurindianer

Und der möchte ich nicht sein. Der werde ich niemals sein. Viele Dinge radikalisieren sich, wenn unsere Synapsen sich nicht genug vernetzt haben. Das ist mein Ernst. Deshalb bin ich so interessiert an der guten Förderung von unseren Kleinen. Da legt sich nämlich der Grundbaustein für sehr viele spätere Verhaltensweisen.
Eine dieser lernintensiven Prozesse bei der Meinungsbildung lautet, dass auch vieles, was man verteufelte, gut sein kann. Anderes, was ich favorisiere, könnte einmal eine große Enttäuschung werden.
Es lohnt sich nicht, über andere mit einer scharf artikulierten Meinung zu urteilen. Es muss ja nicht alles akzeptiert werden, aber eine gewisse Toleranz wäre schon nicht schlecht.

Und was die Wortwahl anbetrifft, muss es doch nicht stets und ständig beleidigend sein. Direkt und ehrlich ist nicht dasselbe wie geschmacklos unter der Gürtellinie.

Ich mag nicht mehr darüber reden, denn so langsam gebe ich die Hoffnung auf.

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