Selektiver Mutismus

Lesezeit: 3 Minuten

Sieh´ mich an und sprich mit mir!

Wenn dein Kind nicht mit jedem redet – dann hat das einen Namen. Doch der Weg des Erkennens ist oft lang und nicht immer einfach. Es gibt jede Menge Vorurteile und auch schädliche Reaktionen auf das Nicht-Sprechen deines Kindes. Darum geht es hier in meinem Blog.

Doch zuerst einmal die Erklärung: Was ist selektiver Mutismus?

(entnommen der Webseite von StillLeben e.V.)

Selektiver Mutismus beschreibt die Unfähigkeit, in spezifischen sozialen Situationen (z.B. Kindergarten/ Schule) oder mit bestimmten Personen (z.B. Personen, die nicht zum engsten Familienkreis gehören) zu sprechen.
Folgende Merkmale können auf Menschen mit selektivem Mutismus zutreffen

  • Das Kind spricht in bestimmten Situationen nicht. Zu Hause und mit vertrauten Personen spricht es.
  • Zu Hause ist es sehr expressiv und redet teilweise extrem viel (Nachholbedarf).
  • Das Kind hat Schwierigkeiten Interaktionen zu initiieren (z.B. Begrüßung/ Abschied/ Dank/ Fragen).
  • In der Schule wird das Nicht-Sprechen oft mit guten schriftlichen Leistungen kompensiert.
  • Das Kind scheint die es umgebende Welt im Vergleich zu den Altersgenossen sorgfältiger zu beobachten und wahrzunehmen (auch im Hinblick auf Stimmungen und Emotionen), es hat aber oft Schwierigkeiten die eigenen Gefühle auszudrücken.

In Momenten des Schweigens können sich zeigen

    • „blanker“ Gesichtsausdruck,
    • starre Lippen (kein Lächeln),
    • starrer Blick,
    • fehlender Blickkontakt,
    • „eingefrorene“/ „versteinerte“ Körperhaltung/ Mimik/ Gestik,
    • steifer Körper, angeklemmte Arme, verkrampfte Hände,
    • verzögerte Reaktionen.

Das Verhalten von Kindern, die unter bestimmten Bedingungen Schweigen, wird von ihrer Umwelt oft als bockig, störrisch oder einfach extrem schüchtern fehlgedeutet.
Eltern werden durch Erzieherinnen und Lehrerinnen in der Regel über das beharrliche Schweigen informiert. Auf Grund der Hoffnung, das Kind würde aus dem Schweigen „herauswachsen“, findet oft genug jedoch keine angemessene Intervention statt.

Manchmal wird voreilig und fälschlicher Weise ein Autismus vermutet. Eine richtige Diagnose und damit verbundene therapeutische Schritte sind für ein solches Kind jedoch von großer Bedeutung.
Die Erfahrung zeigt, dass sich bei Nicht-Eingreifen das Störungsbild stärker manifestieren kann, sich über Jahre hält und sich letzten Endes die gestörten Kommunikationsmuster bis ins Erwachsenenalter hineinziehen.

Was können Sie als Eltern tun?

Besteht das Schweigen länger als vier Wochen, dann veranlassen Sie eine sprachtherapeutische Untersuchung ihres Kindes. Dazu ist eine Heilmittelverordnung über Sprachtherapie nötig, die von Ihrem Kinderarzt oder HNO-Arzt ausgestellt wird. Selektiver Mutismus fällt unter die Sprachentwicklungsverzögerungen;  dies muss auf der Verordnung angegeben sein.

Die Therapie wird von den Krankenkassen bezahlt und wird von Sprachtherapeuten (Logopäden, Sprachbehindertenpädagogen oder Atem-, Sprech- und Stimmlehrern) durchgeführt.
Achten Sie darauf eine mit dem Störungsbild vertraute Therapeutin zu wählen, bei der zu Beginn der Therapie ein ausführliches Gespräch mit Ihnen im Vordergrund steht. Eine enge Zusammenarbeit zwischen den Eltern, Erziehern/ Lehrern und evtl. Psychotherapeuten ist zu empfehlen.

Was ist zu beachten?

      • Das Schweigen nicht persönlich nehmen!
      • Das Nicht-Sprechen als aktives Handeln erkennen, das – irgendwann einmal- einen brauchbaren Zweck für das Kind / den Jugendlichen erfüllt hat.
      • Das Schweigen kann von den Betroffenen nicht bewusst unterlassen werden, da es über Jahre hinweg entwickelt und aufrechterhalten wurde.
      • Nicht zum Sprechen auffordern oder gar drängen. Die Erfahrung des „Versagens“, des Nicht-Antworten-Könnens machen die Kinder ohnehin schon viel zu häufig. Jede Aufforderung zum Sprechen erhöht den Druck auf das Kind und die Angst vor dem nächsten Sprechanlass.
      • Heben Sie die erste Äußerung des Kindes wenn überhaupt außerordentlich sensibel hervor.
      • Stellen Sie das Kind nicht in den Mittelpunkt.
      • Grenzen Sie das Kind nicht aus.
      • Die letztendliche Entscheidung, ob und wann das Nicht-Sprechen aufgegeben wird, trifft der Betroffene selbst! Unsere Aufgabe besteht darin, zu begleiten, die Kompetenzen zu fördern, uns in Geduld zu üben und verstehen zu lernen.

Hilfreiche Fragen

          • Wie, wann und mit wem kommuniziert Ihr Kind?
          • Wie reagiere ich, wie andere auf das Nicht-Sprechen?
          • Was bewirkt Ihr Kind mit seinem Schweigen?
          • Hält Ihr Kind Blickkontakt? (Wenn ja wann und mit wem?)
          • Welche anderen nicht-sprachlichen Mittel (Gestik/ Mimik) setzt Ihr Kind ein?
          • Reagiert Ihr Kind angemessen auf Anweisungen?
          • Wie kann es seine Ziele erreichen?
          • Gibt es Ausnahmen? (Hat Ihr Kind schon einmal „aus Versehen“ gesprochen? Wann, wo, mit wem?)
          • Was kann Ihr Kind besonders gut?

Unsere persönlichen Erfahrungen mit unserem Kind, dem selektiven Mutismus, dem Umfeld…

Ich will so sein wie alle anderen, Mama

Lesezeit: 8 Minuten

Ich bin der geborene Optimist.
Nicht, dass ich jetzt nur rosa Wolken sehe, wo es eigentlich schwere Probleme gibt – so nicht, aber ich sehe immer einen Lösungsansatz.
Probleme sind da, um sie zu lösen, sagte früher unsere Deutschlehrerin und ich finde, sie hatte Recht.
Es gibt Herausforderungen, denen müssen wir uns stellen und können nicht flüchten oder den Kopf in den Sand stecken.
Doch manchmal habe ich in letzter Zeit das Gefühl, zu zerbrechen.
Es klingt komisch, ich habe wirklich sehr viele Dinge in meinem Leben (er-)tragen und das Allerbeste daraus gemacht.
Ich habe ein ganzes Land untergehen sehen, wie Tausende andere und mich auf ein völlig neues Schulsystem eingestellt.
Meine Lehrausbildung zur Glas-und Kerammalerin habe ich mit Bravour gemeistert, obwohl ich wegen eines Geschwürs im linken Auge ein Jahr pausieren musste.
Ich habe wieder sehen gelernt und dafür gekämpft, wieder Auto fahren zu dürfen. Da war ich zarte 20.
Weil Betriebe nicht gern gesundheitlich eingeschränkte Menschen beschäftigen woll(t)en, hatte ich nach der Ausbildung in der Kahla / Thüringen Porzellan GmbH keine Chance auf Übernahme und musste mich neu orientieren.
Das war 1998 und nur die Allerbesten wurden damals übernommen.
Ich besuchte die Fachoberschule zum Erwerb der Fachhochschulreife und ergatterte danach eine Umschulung zur Mediengestalterin. Irgendwie musste ja auch Miete gezahlt werden und ein bisschen was zu essen gekauft. 😉
Es waren so viele harte Zeiten dabei, vor allem finanziell, aber auch gesundheitlich und doch habe ich das alles geschafft.
Ihr ahnt wirklich nicht, wie sehr manchmal ein einziger Spruch einer Lehrerin dein ganzes Leben beeinflussen kann.
Als ich 2007 schwer an Morbus Crohn erkrankte und nach einer langwierigen Operation im künstlichen Koma lag, wurde ich obdach- und arbeitlos.
Durch meine liebe Familie, die mir beistand und mich auffing, habe ich auch jenen harten Schicksalsschlag überstanden, wie so eine Katze, die immer wieder auf die Pfoten fällt.
Aber dieser Satz meiner Tochter kürzlich – der traf mich in Mark und Bein.

Ich bin doof, ich kann nicht mit Erwachsenen reden

Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich verändert habe, seit unsere Tochter auf die Welt kam.
Sie war ein Frühchen und ganz zart. Wir trauten uns kaum, sie anzufassen, aus Angst ihr irgendwie weh zu tun.
Alle Frühchen-Eltern kennen das bestimmt.
1920 Gramm und 44 cm sind nicht gerade viel. Vielleicht schreibe ich irgendwann auch über die Umstände. Vielleicht aber auch nicht.
Es gibt viele Dinge im Leben, die wir Erdenkinder einfach so durchstehen – ohne nachzudenken oder mit der Wimper zu zucken. Wir funktionieren und das klappt auch ganz gut.
Es können schon immense Kräfte freigesetzt werden, wenn wir vor Leidenschaft für etwas glühen und dann geht automatisch der Kampfmodus an.
So ist es auch bei vielen Frauen, wenn sie Mutter werden.
Das soll jetzt nicht stigmatisierend gegen die Männer sein – ich weiss ja nicht, ob es bei Vätern auch so ist.
Ihr könnte mir dazu gern einen Kommentar hinterlassen.
Jedenfalls sind frischgebackene Mütter, die ihr Kind lieben und eine sichere, feste Bindung zu ihm haben, mit Löwinnen zu vergleichen.
Sie tun so ziemlich alles, damit es dem Neugeborenen gut geht und selbst beim zweiten, dritten oder vierten Kind ist der Prozess immer wieder derselbe. Da tut das Oxytocin schon eine starke Arbeit.
Scherzhaft sage ich immer “Sie ist noch im Muttermodus”, denn frischgebackene Mütter verhalten sich mitunter etwas seltsam. Sie sind irgendwie anders als sonst und das kann dauern. Gut so!
Unsere Sprößlinge werden größer, wachsen und gedeihen und wir als Eltern freuen uns über jeden Schritt, jede neue Entwicklung. Gut – manchmal fluchen wir auch, denn Entwicklung heisst auch immer Anstrengung, Durchsetzung, Abnabelung…
Im Verlauf der Entwicklung unserer Tochter lief alles prima und so ist es bis heute. Durch sie habe ich mich wirklich weiter entwickelt. Ich bin verantwortungsbewusster, nachdenklicher, aber auch viel gelassener als früher.
Ich habe durch sie auch gelernt, zu kämpfen!

Denn eine Kleinigkeit gibt es, die ist anders als bei anderen Kindern.

Es ist für uns als ihre Eltern nichts Hochdramatisches, jedoch für die Gesellschaft, die Schule, den Bäcker, die Töpferkurs-Leiterin, für Busfahrer, Eisverkäufer ist es das. Unsere Tochter vermag nicht oder nur sehr schwer mit ihr unvertrauten Erwachsenen sprechen.
Und ihr ahnt überhaupt nicht, was so ein schweigendes Kind in vielen Erwachsenen auslöst.
Die Herausforderung aller dieser Menschen besteht darin, einen Zugang zu unserem Kind zu finden.
Allerdings passiert das sehr oft nicht mit der Einstellung “Ich möchte dich gern kennenlernen”, sondern mit der Forderung “Rede mit mir. Du musst sprechen, sonst bist du nicht wie alle anderen!”
Als unser Kind in den Kindergarten kam, war sie drei Jahre alt. Wir hatten gerae einen Umzug von Freiberg ins Leipziger Land hinter uns. Wer mag, kann dazu gern ein wenig in meinen älteren Artikeln herumstöbern.
Immer und immer wieder die Anfangsgeschichte durchzukauen, kostet mich zu viel Kraft.
Es geht mir heute auch gar nicht (mehr) um den “Ausbruch” dieser Eigenart – manche nennen es sogar “Störung”.
Definiert ist das Phänomen unter dem Begriff selektiver Mutismus
Es geht mir darum, dass mich die Einstellung unseres Kindes zu sich selbst so sehr traurig stimmt.
Ich bin nicht verletzt oder enttäuscht, dass unsere Maus “irgendwie anders” ist. Es zieht mich nur meilenweit nach unten, dass sie sich für blöd hält! Sie will so sein wie alle anderen.
Jedoch sie ist wie alle anderen! Nein, stopp. Vielleicht nicht ganz! Sie hat mit sieben Monaten begonnen zu plappern und redet seitdem wie ein Wasserfall. Wenn sie fröhlich und entspannt ist, erzählt sie wirklich den ganzen lieben langen Tag.
Schon immer sind Sprechen und Kind eins – das hat sie offensichtlich von mir geerbt.
Nur im Kindergarten ist sie von heute auf morgen verstummt, innerlich erstarrt. Mama weg – harte Trennung – ungünstige Umstände…   Und das wirkt bis heute nach! Fünf Jahre später kämpft sie jeden verdammten Tag.
Sie ist dabei dermaßen zielstrebig und tapfer, dass ich einfach nicht verstehen kann, wieso sie in Sachsen als “sonderpädagogisches Förderbedarfskind” ihre Schullaufbahn starten musste. Damit die mündliche Benotung anders stattfinden kann als bei anderen Kindern.
Ihre schriftlichen Leistungen liegen zwischen eins und zwei. Sie redet mit der Lehrerin in einem separaten Raum.
Es geht hier nur um Wirschaftlichkeit, das ist die Wahrheit!
Kein Geld da für mehr Stunden. Schlecht bezahlte Lehrer. Ein Bildungssystem, dass ihr euch in die Haare schmieren könnt, sehr geehrte Politiker! Dazu noch Grundschulzwang, keine freie Schulwahl!
Ich klinge frustriert? Ich bin stinksauer, wie ihr mit euren unfähigen Entscheidungen mit unserem Kind umgeht!

Mama, ich sattle jetzt mein Einhorn! Bis später!

Schwupps, bist du gefangen in ihrer Traumwelt. Was das Kind an fantastischen Geschichten erzählt, gehört eigentlich aufs Diktiergerät gespeichert, als Buch verwurstet und selbstverständlich als Fantasy-Film gedreht!
Uupps, war das gerade wieder der Mama-Modus, der da ansprang? 😉
Was ich damit ausdrücken will ist: Sie ist verbal niemandem unterlegen! Sie ist schlau, witzig und fantasievoll, kognitiv nicht eingeschränkt und einfach ein sehr sensibles, kreatives Kind!
Es ist manchmal so, dass Menschen eben nicht alle gleich ticken und wir uns als Gesellschaft, als Menschen, hin und wieder eingestehen müssen, dass nur durch Vielfalt etwas Neues entsteht und jeder seinen Beitrag leisten kann zum Großen Ganzen!
Traurigerweise haben Einhörner in Schulen nichts zu suchen. Schöne Bilder zu malen, ist auch nicht relevant.
Die eine Kunst-Stunde pro Woche fällt bei jede Menge Deutsch und Mathe echt nicht ins Gewicht. (Wobei sie das ja gut kann!)
Kunst und Kultur sind ohnehin nicht für den Broterwerb geeignet, erzählte mir kürzlich eine Mutter und Kinder, die eine kreative Begabung haben, müssen auch Rechnen und lesen können.
Natürlich hat sie Recht. Und sie müssen mit den Lehrern sprechen.

Das Allerwichtigste ist: Du musst…

Das wir in Deutschland mit Kunst kein Geld verdienen können, ist natürlich absoluter Quark (sorry!)
Ich freue mich über alle rechtschaffenen Menschen, die in der Schule fleißig lesen und schreiben gelernt haben, rechnen und mit Lehrern sprechen.
Doch es gibt noch mehr als nur das. Abgesehen von Schauspielerei und Tanz gibt es Musiker, Mediengestalter, Blogger, Maler – Künstler! Nicht jeder hat es bis ganz nach oben geschafft und ist stinkreich geworden, das ist richtig.
Jedoch so wirklich ausgeschlossen ist es ja nun auch nicht.
Wobei bestimmt die Hälfte von uns Künstlern nicht einen Cent in eine solide Kunsthochschule gesteckt hat. Es gibt Freestyler, Naturtalente – kurzum, Kunst ist Ausdrucksweise von Lebensart und nicht immer von einer Schul – oder Berufsausbildung abhängig.
Ja, ich weiss. Du musst heutzutage und eigentlich schon immer, optimal ausgebildet werden. Du musst in der Schule fleissig sein, damit etwas aus dir wird. Du musst gut rechnen und schreiben können und du musst überhaupt irgendwie normal sein. So wie jeder eben. So wie es sich gehört. So, wie alle sind.
Du musst, musst, musst.

Du musst reden!

Ich weiss, dass wir nun einmal alle den Zwängen dieses Systems unterliegen. Kommt mir nicht mit dem blöden Kapitalismus, denn zu DDR-Zeiten gab es genauso viel “Müssen”
Es ist wahrscheinlich der einzige Weg der Menschheit, zu müssen. Denn von nichts kommt nichts.
Kürzlich erst erklärte mir eine Mutter, dass sie ihrem Kind die Wichtigkeit der Hausaufgaben näher bringen musste.
Mit dem Satz: Du musst diese Matheaufgaben üben, bis du sie kannst. Sonst musst du Müllfahrer oder Putzfrau werden.
Das Gespräch mit mir war sehr kurz.
Im Grunde innerhalb von kurzen Sekunden und meiner Ausrede, dringend aufs Klo zu müssen, beendet.
Das sind bestimmte Grenzbereiche in meiner Weltanschauung, über die ich so flach einfach nicht diskutieren mag.
Nicht nur, dass hier sehr nützliche und ehrbare Berufe abgewertet werden, wird dem Kind im Gedächtnis bleiben, dass es nicht gut genug ist und dass es zu den Verlierern gehören wird, wenn Mathe oder Deutsch nicht sein Talent sind.
Wo wir gerade dabei sind: Was würden wohl so manche über verdreckte Toiletten in Bahnhöfen sagen, über dreckige Hausflure oder Krankenhaus-Zimmer?
Und wissen solche Leute eigentlich, wie unglaublich eklig Müll stinken kann, wenn er sich am Straßenrand stapelt und vielleicht sogar schon die Maden herauskriechen?
Bringt euren Kindern bitte nicht solche oberflächlichen Lebens-Thesen bei. Ein schulischer Wert, sprich ein Bildungsgrad sollte definitiv nicht daran gemessen werden, welchen Beruf jemand ausübt.
Denn abgesehen davon, dass so eine Einstellung zur Stigmatisierung ganzer Berufsgruppen führt, ist Bildung etwas, was mit Wissen zu tun hat.
Wissen wiederum bedeutet über jemanden oder etwas unterrichtet zu sein und sich einer Sache in ihrer Bedeutung, Tragweite, Auswirkung bewusst zu sein (Quelle: Duden)
Wissen und Moral hängen also zusammen.
Kinder brauchen doch nicht den Leistungszwang, etwas zu müssen, sie sollen gerne und freiwillig lernen, ihren Wissensdurst stillen, ihre Neugier befriedigen!
Nun gut, ich schweife ab.

Bitte bleib`, wie du bist!

Diesen Satz sagte ich meinem Kind auf ihre Äußerung “Ich will so sein wie alle anderen, Mama.”
Sie fragte mich daraufhin erstaunt:

Woher weiss ich, wie ich bin?

Eine berechtigte Frage einer fast Achtjährigen.
Ich überlegte, was ich darauf antworten könnte und rang nach Worten.
Sie unterbrach meine Gedanken und schmiss gleich noch hinterher:

Woher weisst du, wie du bist?

Ich weiss es halt. Durch das, was meine Eltern mir als Kind gesagt haben. Durch Lehrer. Durch Freunde. Und durch das, was ich kann.

Gut. Dann bleibe ich wie ich bin. Meine Eltern sagen, ich bin okay. Meine Freunde mögen mich, wie ich bin. Ich kann jede Menge Sachen. Da verkrafte ich das Nicht-Reden-Können mit den Lehrern schon irgendwie. Bis es klappt.

Genau, und das werden die Erwachsenen auch verkraften. Denn was sie nicht machen muss, das macht sie erstaunlich gut.
Wie eigentlich jedes Kind. Manhcmal braucht es einfach etwas Zeit, Geduld und Zuversicht.
Natürlich soll sie eine gute Laufbahn einschlagen. Den ersten Stempel bekam sie nun schon aufgedrückt und wir wissen nicht genau, wie es später weitergeht.
Noch haben wir Zeit. In zwei Jahren steht eine Entscheidung an, auf welche Schule sie nach der vierten Klasse gehen wird.
Ein Kind mit selektivem Mutismus, welches verbal ganz normal entwickelt ist, gute Leistungen in der Schule bringt und in dem so viel Potential steckt.
Ich gebe ihr Stärke, die ich eigentlich gar nicht mehr habe. Doch es funktioniert. Noch.

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Sage mir, in welcher Klasse du bist. Enttäuschung im Ferienhort.

Lesezeit: 7 Minuten

Der Hort, in den unsere Tochter geht, ist wirklich bombastisch.
Es sind nette Hortner/innen dort, die sich liebevoll um die Kinder kümmern und alle wissen über den selektiven Mutismus unserer Tochter Bescheid.
Aus diesem Grund geht die Maus auch super gern in den Ferienhort.
Anders als viele andere Kinder müsste sie das nicht tun.
Ich bin selbstständige Mediengestalterin und Werbetexterin und habe ein Kleinunternehmen.
Dadurch, dass ich in Teilzeit von zuhause aus arbeite, kann unser Kind die Ferien genauso gut in ihrem Kinderzimmer genießen.
Doch sie geht freiwillig zu den Hortangeboten in den Ferien und freut sich jeden Tag sehr auf die Treffen mit ihren Freundinnen, auf die Aktivitäten und auf ihre Lieblingshortnerin.
Wenn da nicht ein Schatten auf ihrem Glück läge…
Ich habe mich dazu entschlossen, öffentlich darüber zu schreiben, denn wir können es nicht länger für uns behalten.
Es geht einfach nicht mehr allein zu tragen, wir müssen es teilen!
Wann hört das endlich auf???

Was selektiver Mutismus für uns und unser Kind bedeutet

Wisst ihr – wir sind fürsorgliche Eltern, aber einen Helikopter fliegen wir nicht. Genau wie alle anderen Kinder ist unsere Tochter selbstständig und kann die allermeisten Dinge genauso, wie andere Gleichaltrige.
Manchmal ist sie sogar noch ein bisschen taffer.
Dass sie dieses Schweigen entwickelt hat, ist für uns Eltern und für unsere Tochter natürlich sehr traurig und viele Situationen sind ganz anders als in anderen Familien.
Jedoch wir haben nie aufgegeben und stehen auch vollkommen hinter ihr.
Sie kämpft oft mit sich und will diesen letzten Schritt endlich schaffen: Mit fremden Erwachsenen unbefangen reden.
Eine Belohnung hat sie dafür auch in Aussicht, die wirklich sehr motivierend für sie ist.
Sie bekommt einen eigenen, kleinen Hund.
Das ist ihr Herzenswunsch und daran könnt ihr schon sehen, dass sie es eben nicht “einfach mal so” schafft, alleine aus diesem furchtbaren Schweige-Gefängnis auszubrechen.
Selektiver Mutismus – das ist etwas, was niemand wirklich greifen kann. Es gibt viel zu wenig Untersuchungen, zu wenig Studien, wann es wie und warum ausbricht, wann es wieder weg geht und wie es überwunden werden kann.
In den Kindergärten und Schulen ist es kaum bekannt, mit Autismus wird es oft verwechselt und selbst Sprachheilschulen, Psychologen und Schulämter sind noch nicht wirklich mit dem selektiven Mutismus vertraut.
Das ist ein Grund, warum ich darüber schreibe.

Ein großartiges Mädchen

Unsere Tochter ist ein echt goldiges Kind. Ich weiss, alle Kinder sind das für ihre Eltern.
Trotzdem muss ich sie wirklich loben. Sie ist ein sehr autonomes Kind, freiheitsliebend und sehr bestrebt nach Selbstbestimmung.
Kreativ und erfinderisch ist sie, hat eine schnelle Auffassungsgabe, ist wissbegierig und ehrgeizig. Natürlich ist das auch wahnsinnig anstrengend, denn bei uns gibt es diese Dogmen a´la “Du musst das jetzt tun, weil ich es so sage” nicht. Wir begleiten sie und formen sie, aber “erziehen” sie nicht.
Es ist manchmal schwierig und kostet viel Kraft, mit dieser Einstellung durch die Welt zu gehen.
Schließlich wurde ich selbst nicht gerade nach Montessori-Ansatz erzogen.
In meiner eigenen Kindheit gab es Ohrfeigen, wenn man zu frech war.
Doch ich diskutiere vieles mit meiner Tochter aus.
Natürlich bin ich trotz allem nicht ihre beste Freundin, es gibt Regeln, an die sich alle halten müssen.
Wir sind nicht antiautoritär eingestellt.
Jedoch wir sind als Eltern beide der Meinung, Kinder brauchen Raum, um sich zu entfalten, um ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Dazu gehört auch Meinungsbildung, Grenzen austesten und den Willen durchsetzen – wie bei jedem anderen Kind auch.
Sie darf altersgerecht schon einige Entscheidungen alleine fällen.
Wenn unsere Maus mit strahlenden Augen in den Hort geht, dann freue ich mich mit ihr mit.
Es ist für sie eine ureigenste Wahl, wie gesagt. Sie macht das freiwillig.
Und dann muss sie das über sich ergehen lassen wie heute morgen.

Sag´mir, welche Klasse du bist

Wir haben gestern acht Eier ausgeblasen, weil heute das Bemalen im Hort ansteht.
Ich betone die Zahl deshalb, weil unsere Tochter darauf bestand. Sie wollte vorsichtshalber für andere Kinder Eier mitnehmen, falls noch welche gebraucht werden.
Das ist so zuckersüss, dass mir in den Momenten mein Herz aufgeht. Ich finde es einfach schön, auch an andere zu denken und bin ziemlich stolz auf unsere Siebenjährige.
Wir betreten also den Hortraum und melden uns bei einer Hortnerin.
Ich muss euch dazu noch ein bisschen was erklären!
Nun, ich schrieb vorhin, dass alle Hortner/innen sehr nett und aufgeschlossen dem Mäusel gegenüber sind.
Sie stellen ihr geschlossene Fragen, damit sie nicken oder mit dem Kopf schütteln kann und haben auch Dienstbesprechungen, bei denen es unter anderem um den Umgang mit mutistischen Kindern geht.
Unsere Tochter ist sehr weit.
Sie erstarrt nicht mehr und bewegt sich frei und locker.
Sie lässt Berührungen durch ihre vertraute Hortnerin zu, lächelt andere an, spricht mit der Ergotherapeutin und etlichen Nachbarn, flüstert bereits mit der engagierten Schulleiterin unserer Grundschule und mit ihrer Klassenlehrerin.
Sie geht große, riesengroße Schritte, lernt Gedichte und sagt sie im Nebenraum ihrer Lehrerin auf, sie singt mit, meldet sich im Unterricht – dieses Mädchen ist toll und ich ziehe den Hut vor ihr.
Denn es ist alles andere als einfach, so eine Sprechblockade zu überwinden.
Es ist oft willentlich in den ersten Lebensjahren ohne therapeutische Hilfe nicht einmal möglich, diese Bewegungsstarre selbst aufzulösen.
Ja, ich habe Respekt vor unserer Maus, sie hat so viele Freunde in ihrer Klasse gefunden, obwohl sich manche Kinder über sie lustig gemacht haben und hat einfach jede Menge Anerkennung verdient.
Wisst ihr, ich komme aus der Medienbranche.
Ich plappere wie ein Wasserfall, bin kommunikativ und unterhaltsam.
So ist die Maus auch im vertrauten Umfeld.
Und doch hat sie eine Hemmung, die ich trotz Empathiefähigkeit nicht verstehen kann.
Trotzdem ist sie so schrecklich stark und mutig, damit umzugehen.
Mit sieben Jahren ist so ein Schicksal kein Pappenstiel!
Aber Hallo! Redet mal einen Tag lang nicht, obwohl ihr ganz viel angesprochen werdet!
Stellt euch diese unangenehmen Situationen vor, in denen man dann steckt.
Es ist ja auch peinlich. Vor allem, wenn man so gerne antworten würde! Wenn man könnte!
Als sie zwischen drei und vier Jahre alt war, und das Schweigen mit Eintritt in den Kindergarten bereits ausgebrochen war, hatte sie ja einen Gruppenwechsel und vier Erzieherwechsel in einem halben Jahr.
Es gibt dazu mehrere Blogbeiträge.
Eine dieser Erzieherinnen war ziemlich unsanft zu ihr und konnte nicht verstehen, was es heisst, selektiven Mutismus zu haben. Damals war unser Mädchen gerade eins, zwei Monate in einer Mutismustherapie.
Sie machte große Fortschritte, aber leider auch immer wieder Rückschritte und wir konnten uns nicht erklären, warum.
Heute wissen wir, dass die Erzieherin sie immer wieder auf ihre Schwäche, ihr Nicht-Sprechen reduzierte.
Das, was mir mein Bauchgefühl damals schon verriet, wurde später durch die Schilderungen unseres Kindes bestätigt.
Denn als der damalige Kindergartenwechsel endlich vollzogen war und es ihr seelisch erheblich besser ging, öffnete sie sich auch uns gegenüber wieder mehr und verarbeitete die einstigen Situationen.
Im neuen Kindergarten lebte sie sich gut ein.
Doch mit Schulbeginn bekamen wir alle einen riesigen Schock.
Die einstige Kindergärtnerin war nun Hortnerin.
Wenigstens bekam sie eine andere Klasse, was uns aufatmen ließ.
Im Ferienhort haben die zwei aber oft zwangsläufig miteinander zu tun.
So durfte unser Kind nicht auf die Toilette gehen, wenn sie es nicht sagte, sie bekam nichts mehr zu trinken und keinen Nachschlag beim Essen.
Wo immer diese Hortnerin ist, will sie unsere Tochter zum Reden bringen.
Sie ist eindeutig beratungsresistent trotz der Bemühungen von Hort und Schule, mit einem mutistischen Kind umgehen zu lernen und wie gesagt auch die Mitarbeiter darauf zu coachen.
Heute kommen wir also in den Hortraum, ich sagte guten Morgen und die gute Frau ist so unanständig und unhöflich, nicht einmal den Kopf zu heben.
Sie mag mich nicht und meine Tochter nicht, hoffentlich mag sie wenigstens sich selbst und ihr Leben.
Dann sagte sie in einem strengen und schnippischen Ton zu unserem Kind “In welche Klasse gehst du? und unsere Tochter antwortete mir leise. Es kam gar nichts zurück und ich fragte Sie: “Haben Sie es gehört?”
“Nein, habe ich nicht!” erwiderte sie äußerst arrogant und von oben herab. Ob ich mir das geben muss, ist so die eine Frage. Jedoch Eltern schlucken viel herunter.

Man kann mit ihr nicht reden!

Sie kennt uns schon so lange und auch den selektiven Mutismus unseres Kindes, dass ich davon ausgehen muss, hier ist keine Kooperationsbereitschaft erkennbar. Ganz ehrlich, womit hat ein siebenjähriges Mädchen das verdient, so schlecht behandelt zu werden? Was hat das Mädel ihr getan?
Warum darf so eine Frau mit unserem Kind und auch mir so umgehen? Welches Recht hat sie und wie kommt sie in ihrer eigenen verschrobenen Welt klar?
Ja, das darf ruhig jeder lesen.
Unsere Tochter ist durch diese Frau immer wieder erneut eingeschüchtert und es wundert mich überhaupt nicht, dass sie damals im Kindergarten 1 solche Rückschritte machte.
Solche Diskussionen bin ich mittlerweile leid, auf derartig unhöfliche Menschen auch noch zugehen zu müssen und mit denen über ihr Problem zu reden!
Nein, das war einmal, es bringt hier nichts. Ich sehe auch keinen Sinn darin!
Unser Kind macht das nicht mit Absicht, zum hunderttausendsten Male!
Es sind außerdem ihre Ferien, die sie ganz einfach genießen möchte! Freiwillig!
Das tut mir im Herzen weh, wie schnell ihr Strahlen aus den Augen verschwunden war und sie fast komplett erstarrte!
Nein, das kann absolut kein Zufall sein!
Die einzige Rettung war ihre vertraute Hortnerin, die unser Kind so nimmt, wie es ist und natürlic hauch alle anderen Kinder. Sie ist einfach super klasse und ich bin wirklich froh, dass sie heute im Ferienhort ist.
Wisst ihr, wie man sich als Mutter fühlt, wenn man sein Kind in so einer Situation mit so einer verständnislosen Erzieherin hätte lassen müssen?
Ich rege mich immernoch auf! Es ist dermaßen schlimm für uns Eltern, dass unser Kind das alles aushalten und durchmachen muss. Mit einem dicken Kloß im Hals und einem Knoten im Bauch sitze ich hier und schreibe diesen Artikel.
Ihr glaubt gar nicht, wie ich mit den Tränen kämpfe.
Diese Frau kann mit so einem Verhalten alles kaputt machen, was in der letzten Zeit therapeutisch aufgebaut wurde.
Doch was soll ich noch tun, außer das Thema öffentlich zu machen und andere Menschen für den selektiven Mutismus zu sensibilisieren?
Uns sind als Eltern immer die Hände gebunden, es gibt so schrecklic hwenig bis keine Alternativen. Es ist Willkür und fühlt sich schlecht an.
Bloß gut, dass diese Frau nicht die reguläre Hortnerin unserer Tochter ist.
Übrigens – abgesehen davon, dass die Dame und wir eine gemeinsame Geschichte haben und andere sie wahrscheinlich “nett” finden: Das, was sie tut, entspricht auch nicht den Richtlinien einer vernünftigen Inklusion.
Das ist aber einen neuen Beitrag wert.
Für heute bin ich froh, dass Mäusel´s ganz doll liebe Hortnerin da ist und außerdem ihre beste Freundin.
Damit die Ferien und das Ostereier bemalen einfach Spaß und Freude bereiten!

Zurück bleiben die Verzweiflung, die Wut und die unendliche Traurigkeit. Solche Menschen sollten nicht mit Kindern arbeiten.

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Nachteilsausgleiche in Sachsen. Nur über den sonderpädagogischen Förderbedarf.

Lesezeit: 6 Minuten

Eine sehr gute Schülerin kommt freudestrahlend nach Hause. Sie hat wieder eine Eins geschrieben, dieses Mal in Mathe. Es gab auch eine Zwei im Lesen. Keine Eins deshalb, weil sie zu leise gelesen hat. “Wenn du lauter liest, bekommst du sie” ermuntert sie die Lehrerin.
Unsere Maus ist damit zufrieden. Sie wurde von uns dazu ermuntert, ihr Bestmöglichstes zu geben und das tut sie. Sie flüstert mit drei Lehrerinnen und redet mit nahezu allen Erwachsenen in unserem privaten Umfeld. Auch mit ihrer Ergotherapeutin hat sie es schon längst geschafft zu sprechen.
Seit gut einem Jahr kämpft sich eine schlaue, sensible kleine Persönlichkeit durch den Schulalltag und ihr Leben.
Sie nickt und schüttelt den Kopf, wo sie es (noch) nicht schafft, zu antworten und meistens reagiert das Umfeld mit Verständnis.

Sie ist eben schüchtern. Punkt.

Wir wissen es besser. Unser Kind ist nicht schüchtern. Sie leidet seit Kindergarteneintritt an selektivem Mutismus. Das bedeutet, dass diese Kinder bei manchem Gegenüber ihre Sprache regelrecht verlieren. Mehr dazu kannst du auch hier nachlesen.
Dabei ist das “Nicht-Sprechen-Können” nur ein Symptom. Andere Symptome können sein, dass Kinder in Kindergarten oder Schule nicht auf die Toilette gehen, dass sie nicht vor anderen essen, dass sie selbst Angst haben zu schreiben oder zu malen, dass sie körperlich erstarren und sich vor Angststarre nicht mehr bewegen und dass sie nicht mitsingen.
Im Sportunterricht, im Fach Kunst oder beim Schwimmen kann das natürlich in einer Katastrophe enden.
Das ist bei unserem Kind alles anders. Sie ist ein fröhlicher, selbstbewusster und offener Mensch, eine gute Schülerin mit schneller Auffassungsgabe und sie redet mit ihren Mitschülern. Unsere Maus kann Freundschaften schließen, ihre Meinung sagen, sogar vorlesen und Gedichte aufsagen. Nur ist das eben (noch) sehr leise.
Sie gehört aus unserer Sicht definitiv an keine Förderschule. An welche auch?

Selektiver Mutismus und Sprachheilschule

An unsere Schule gehört sie nicht, sagt die Sprachheilschule Leipzig. Sie hat keinerlei sprachliche Defizite. Im Gegenteil. Unser kleines Persönchen ist verbal ganz gut bewandert.
Für ihre sieben Jahre zeichnet sie sich durch ein sehr ausgeklügeltes Sprachtalent aus. Auch der sehr bestimmende Tonfall lässt keine Wünsche an einer mit den Eltern über Grenzen und Kompromisse verhandelnden Siebenjährigen offen. Was für ein Satz. 😉 Im Klartext: Sie kann sich gut ausdrücken und hat einen ausgeprägten Wortschatz.
So ein Kind gehört auf keine Sprachheilschule.
Das Problem liegt darin, dass der selektive Mutismus in der “Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme” (kurz ICD-Diagnoseschlüssel) unter Sprach- und Entwicklungsverzögerungen steht. (So auch in Deutschland)
Nach amerikanischem “Diagnostischem und statistischem Leitfaden psychischer Störungen” (kurz DSM) steht der selektive Mutismus unter der Rubrik Angststörung.
Nun ist es in Sachsen, aber auch bundesweit so: Sprachliche Störungen – Sprachheilschule.
Psychische Störungen – Förderschule für Kinder mit psychischen Erkrankungen.
Hin und wieder erklären sich auch allgemeine Grundschulen bereit, “solche” Kinder zu unterrichten.

“Solche Kinder” wie unser Kind.

Zu keinem Zeitpunkt haben wir unser Kind als behindert angesehen. Bei ihr ist zu beobachten, dass sie eine sichere, vertrauensvolle Bindung zu den Bezugspersonen aufbauen können muss. Das allein scheint jedoch schon ein sehr großes Problem zu sein. „Ich möchte zu keinem der Schüler eine intensive Bindung aufbauen” tönt es von Lehrerseite. „Sie sollen selbstständig sein und sich an den Mitschülern orientieren.“
Okay, das ist eine Einstellungssache. Was heißt überhaupt “intensive Bindung”?
Dasselbe hörten wir damals, als sie drei war, schon im Kindergarten als Argument. Kinder sollen sich an anderen Kindern orientieren. Offenbar kommen die meisten Kinder damit auch super klar. Nur “solche Kinder” wie unsere Maus kam eben ganz und gar nicht damit klar…
“Sie hat eine sehr gute sichere Bindung an Sie”, wurde uns durch eine Therapeutin bestätigt. Im Grunde genommen kam heraus, dass die Eltern-Kind-Bindung stabil, stark und sicher ist, die Bindung durch fremde Personen dagegen für das Kind irgendwann eine Art Sicherheitsrisiko darstellte.
Für uns war das bei den gegebenen Umständen kein Wunder. Sie hätte eine vertrauensvolle Bindung gebraucht, verstärkt dadurch, dass sie kein Krippenkind war.
Doch ich will hier niemanden als Schuldigen suchen. Wie gesagt, bricht ja so ein Schweigen nicht bei allen Kindern aus.

Nachteilsausgleiche darf die Schule nicht einfach so vergeben

Nun ist unsere Tochter gesetzlich als behindert eingestuft worden. Das Flüstern des einen Gedichts vor der Klasse und das etwas lautere Vortragen eines anderen Gedichts in einem gesonderten Raum (was auch sehr gut klappt) benötigt die Beantragung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs. In dem Moment wird eine leistungsstarke Schülerin mit einer schnellen Auffassungsgabe zum Integrationskind. Sie wird zu einem Kind mit Handicap. Behindert. Anders.
Die Schule darf nicht von selbst entscheiden, inwieweit die Benotung eines solchen Kindes im Mündlichen stattfindet, wurde uns gesagt.
Wir brauchen die Diagnose “selektiver Mutismus” und dann müssen wir den Förderbedarf beantragen, wurde erklärt. Ansonsten gäbe es mit der Benotung ab Klasse zwei im mündlichen Bereich große Schwierigkeiten.
Nun gut. Wir haben das stärkste Kind der Welt.
Nachdem eine Hortnerin sie fast einpullern ließ, als sie anzeigte, dass sie mal musste ( Musst du aufs Klo? Dann sage es!”), hat sich unser Kind ein paar ganz gute Strategien zurechtgelegt, um klarzukommen. Sie ist gewieft und kreativ, wenn es um Lösungen geht. Nicht alle Kinder in ihrem Alter sind so selbstständig. Das darf mein stolzes Mutterherz ruhig schreiben.Die Hortnerin kannte übrigens das Problem unseres Kindes. Sie kannte sogar unser Kind sehr gut, weil sie früher ihre Gruppenerzieherin im Kindergarten war. Manchmal spielt das Leben schon unfair.

Also los zum Leistungserkennungstest

Schweren Herzens war der Moment gekommen, wo wir unserer Maus davon erzählen mussten, dass sie nur “vielleicht” an ihrer Grundschule bleiben darf, dass ihr Schweigen eben nun mal nicht das ist, was alle Kinder machen. “Logisch, die antworten ja”, das war ihr schon klar.
“Ich bin sowieso doof, Mama”, war ihre erste Reaktion. “Weil ich nicht mit den Lehrern rede.”
„Nein, du bist eine ganz Schlaue und du hast es weit gebracht” habe ich ihr geantwortet. “Bald hast du es überwunden, es geht nur darum, dass auch die Lehrerin darüber Bescheid weiß. Deshalb fahren wir nach Leipzig zur Sprachheilschule und machen diesen Test.”
Es war furchtbar für mich. Sie ist ein ganz normales Kind. Sie hat es wirklich fast geschafft. Viele Kinder mit dieser Eigenart trauen sich noch nicht so viel. Diese Eigenart, die nun eine Krankheit ist.
Unsere Kämpferin hat mir zu 100% vertraut und ich bin darauf so stolz. Sie ist mit mir zu diesem Test gefahren, der von um acht bis mindesten zum Mittag gehen sollte und war nach zwei Stunden fertig, ohne großartige Fehler.
“Sehr schnelle Ausführung, sauber und ordentlich” stand unter dem Test.
Nun liegt er wahrscheinlich schon bei der sächsischen Bildungsagentur in der Mappe mit unserem Antrag für sonderpädagogischen Förderbedarf.

Zwei Stunden die Woche werden wahrscheinlich als Förderung genehmigt.

Eine Schulbegleitung benötigen wir nicht.
An der Grundschule darf sie höchstwahrscheinlich netterweise bleiben.
Ich muss dazu sagen, dass wir aufgrund glücklicher Umstände recht glimpflich davonkommen.
Wir haben eine sehr engagierte Schulleiterin, die auch mit der Sprachheilschule Rücksprache gehalten hat, wohin unser Kind denn nun gehört.
Wir haben die Leiterin dieser Sprachheilschule, die sich mit selektiv mutistischen Kindern auskennt und weiß, dass diese Kinder nicht auf eine Sprachheilschule gehören.
Wir haben eine sehr kompetente Ergotherapeutin, die direkt in der Schule vor Ort ist und uns tatkräftig unterstützt.
Wir haben eine Klassenlehrerin, die das Potential unserer Maus sieht. Sie bemüht sich, bei 27 Kindern in der Klasse dem selektiven Mutismus gerecht zu werden und wartet sehnsüchtig auf die Genehmigung des Förderbedarfs.
Wir haben im Landkreis eine sehr nette Schulpsychologin, die uns unterstützt hat und der Lehrerin sehr gute Tipps mit auf den Weg geben konnte.
Und wir haben die netteste und verständnisvollste Hortnerin der Welt.
Wir haben eine sehr starke Tochter, sind eine intakte Familie mit Geborgenheitsgarantie und sozial gut eingebunden. Die Verwandtschaft nimmt unser Kind im Großen und Ganzen wie sie ist.
So ist es Weihnachten passiert, dass sie halb flüsternd, halb redend ein Weihnachtsgedicht vor dem Weihnachtsmann aufgesagt hat.

Das macht uns alle wahnsinnig stolz.

Doch Inklusion, ihr Lieben, Inklusion sieht trotzdem anders aus!
Inklusion bedeutet für mich, dass unser Kind nicht auf seine Schwächen aufmerksam gemacht wird, sondern ihre Stärken gefördert werden. Es heißt, dass sie nicht mal ansatzweise einen Stempel auf der Stirn spüren muss. Dass sie eine Eins bekommt, wenn sie redet und dass die Schule sofort und angemessen einen Nachteilsausgleich anbieten kann. Ohne großartige Bürokratie.

Weiter so, kleine Maus, du schaffst das!

 

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Sie redet immernoch nicht. Keinen Ton.

Lesezeit: 4 Minuten

Sommer 2013. Die Eingewöhnung im Kindergarten hatten wir mit unserer Tochter geschafft.
Eine Woche mit harter Trennung. Sie weinte jeden Tag und wollte nicht allein dableiben.
Ich durfte nur zwei Tage mit dortbleiben, dann wurde ich für eine halbe, später für eine, dann für zwei Stunden hinausgeschickt. Danach war die Eingewöhnungszeit auch schon um.

Vor zwei Monaten waren wir erst ins Leipziger Land gezogen und kurz davor hatte ich noch einen Krankenhausaufenthalt wegen meines Morbus Crohn.
Geplant war der Kindergarten erst im September 2013.
Aber alles war schiefgelaufen.

Wir mussten sofort und gleich den Platz in Anspruch nehmen.

Obwohl wir schon unseren Urlaub geplant hatten. Eine Woche Eingewöhnung. Drei Wochen Urlaub. Und dann ging der Kindergartenalltag los.
Das sieht doch ein Blinder, dass das ungünstig für die sichere Bindung an die neue Bezugsperson – die Kindergärtnerin – ist?
In einer Manier, die mir aus DDR-Zeit gut bekannt war und mir sauer auf stoß, wurde ich abgefertigt.

„Aber Frau Schubert, andere Kinder haben es doch auch geschafft. Sie wird hier schon klarkommen. Nicht so in Watte packen. Sie haben eine zu enge Beziehung zu Ihrer Tochter.“

Mir drehte sich der Magen um.

Unsere Tochter war kein Krippenkind gewesen.

In Freiberg gab es jedoch wunderschöne Angebote für Kinder unter drei Jahren.
Wir besuchten Krabbelgruppen der Diakonie und des Kinderschutzbundes, gaben unser Mäusel in eine stundenweise Betreuung und besuchten mit ihr den Flohsport. Sie war immer fröhlich und aufgeweckt.

Doch hier im Leipziger Land war alles anders.

Ich versuchte nochmals zu erklären, dass es unserem Kind nicht guttut, so ein Hin und Her mitzumachen.
Für das Kind war es doch alles andere als günstig, mit anderen Kindern verglichen zu werden.
Es war doch gar nicht vergleichbar.

Sie muss die ganzen Strukturen eines Kindergartens erst lernen! Genaugenommen hätte sie eine sehr spezielle und wahrscheinlich auch längere Eingewöhnungszeit gebraucht!

Morgens kamen wir in den Kindergarten.
Da rief die Erzieherin schon über den Flur:

„Sie redet immer noch nicht. Keinen Ton. Mit niemandem, nicht mal den Kindern.“

Mensch Leute, sie war nach drei Wochen Urlaub sehr verstört, gleich allein in den Kindergarten zu müssen.
Was sollte ich dazu noch sagen?
Ein sehr schlechtes Bauchgefühl machte sich in mir breit.
So etwas ist nicht besonders förderlich, wenn die Mama plötzlich Zweifel bekommt.
Das überträgt sich auf das Kind. Unbewusst natürlich.

Es tat mir alles so weh.

Sie hatte keinen Spaß im Kindergarten und erstarrte, wenn sie angesprochen wurde.
Wo war unser fröhliches Kind geblieben?
Ich heulte, heulte und heulte.
Andere Mütter trösteten mich.
Es würde ja allen so weh tun und ich brauche mir keine Sorgen machen.

Ich müsse nur loslassen.

Was war das immer mit diesem Loslassen?
Ich fühlte mich vom Leben veralbert.
Wir wurden zu Helikopter-Eltern, ohne es zu wollen?!
Nein, das waren wir nicht, wir konnten sehr gut loslassen.
Oder doch nicht?
Lag es an uns Eltern, dass sie so verstört war?

Loslassen, loslassen. Es dröhnte in meinem Kopf.

Doch wie und warum sollte ich das tun, wenn ich doch merkte, sie kommt mit der neuen Situation nicht klar?
Leider blieb sie so stumm.
Sie redete nicht einen Ton mit irgendjemandem im Kindergarten, außer einer Praktikantin und einer sehr netten Vertretungserzieherin, die sie wahnsinnig liebte.
Aber nur sporadisch und flüsternd. Nach einem viertel Jahr nicht, nach einem halben Jahr nicht, gar nicht.

Mittlerweile war sie drei ein halb und wir verzweifelten bald.

Das Nicht-Sprechen lag auch im Fokus der nunmehr vierten Erzieherin innerhalb eines halben Jahres.
Denn das kam nach einem Gruppenwechsel noch dazu, dass ständig die Bezugspersonen wegbrachen.
“Sehr ungünstige Umstände” bestätigte später eine Logopädin, die gleichzeitig geschult war auf schweigende Kinder.

Dann bekam das Ganze einen Namen: Selektiver Mutismus.

Unser Leben veränderte sich für immer und wir würden ab jetzt eine Menge neuer Erfahrungen machen. Nicht immer nur Gute. Doch dazu in einem nächsten Artikel mehr.

Ich bin seit diesem Tag ein richtiger Gegner von diesen Massenabfertigungen geworden. Ja, ich weiss, das ist die Zeit, das System. So ist es nun einmal. Es schadet auch den Kindern nicht.

Nein, natürlich nicht. Außer manchen. Es hat niemand die Schuld. Doch wir müssen mehr Verantwortung übernehmen, wenn wir uns alle so super toll in ein “System” einpassen, was eben nicht für alle und jeden gleich gut oder schlecht ist.

Weder für die Familien, noch den Nachwuchs.

Und das trifft im Übrigen nicht nur auf die bescheidene Kindergartensituation in Deutschland zu.

Herzliche Grüße,

 

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5 Tipps, wie du als Außenstehender mit einem schweigenden Kind umgehen kannst

Lesezeit: 5 Minuten

Stell´dir vor, du triffst auf eine Familie. Mama, Papa und Kind.
Gerade hast du das Kind noch quietschfidél reden und lachen hören. Doch als du es ansprichst, passiert etwas Seltsames.
Es wendet den Blick ab und hört aprupt auf, noch irgendeinen Ton zu sagen.
Hilfesuchend wendest du dich an die Mutter. Du schaust verunsichert zum Vater. Beide tun so, als wäre nichts passiert.
Was soll das? Was hat das Kind? Ein so schüchternes Kind?
Aber sie kommen doch völlig normal rüber. Oder gibt es da ein Familiengeheimnis?

Es gibt kein Familiengeheimnis

Sollte dir diese Familie öfter begegnen – vielleicht sind es ja wir – dann mach´dir doch bitte keine Sorgen. Unserem Kind geht es wirklich gut. Es hat das Zimmer voll Spielzeug, jeden Tag etwas zu lachen, Freunde, die es mögen und es spricht wie alle Kinder. Es hat Eltern, die es lieben, mit ihm kuscheln, auch mal schimpfen und immer für es da sind.
Nur bei fremden Erwachsenen, da hat es so seine Probleme. Es ist gehemmt, hat eine Sprechblockade, vielleicht aus Angst. Willentlich gesteuert ist das Schweigen jedoch nicht.
Irgendwann diente es als Strategie des Unterbewusstseins, um sich zu schützen und zu behüten und kommt aus dem Kind selbst. Es würde wahrscheinlich sehr gern ein paar Worte mit dir tauschen, doch soweit ist es (noch) nicht.

Sie ist damit nicht allein

Ungefähr zwei bis fünf von zehntausend Kindern im Vorschul- und Schulalter leiden unter (selektivem) Mutismus. In bestimmten Situationen reden diese Kinder einfach nicht. Manche reden nur in Kindergarten oder Schule nicht. Manche reden nicht mit größeren Kindern. Manche reden nicht mit fremden Erwachsenen. Manche reden nur mit Frauen, aber nicht mit Männern. Andere verstummen bei Frauen, reden aber mit anderen Kindern. Die einen reden nur in kleinen Gruppen, die anderen fühlen sich eher wohl, wenn sie nicht auffallen.
Jedes Kind ist darin anders, und somit gibt es nicht den selektiven Mutismus.
Das Einzige, was gesagt werden kann, ist, dass es mehr Mädchen als Jungen betrifft.

Es ist kein trotziges „Nicht-reden-Wollen“

Schweigende Kinder sind nicht trotzig und schweigen deshalb. Sie sind auch nicht schweigsam, weil sie es so wollen. Im Grunde genommen haben sie meistens keine Ahnung, warum sie so sind, wie sie sind. Ähnlich geht es den Eltern und anderen Familienangehörigen. Zuhause sprechen die kleinen Schweiger vortrefflich und sogar oft übermäßig viel. Natürlich dort, wo sonst?
Es ist der Raum der Geborgenheit, der Vertrautheit und da es ganz normale Kinder sind, erzählen sie natürlich genau wie jedes andere Kind.
Es wird davon ausgegangen, dass eine genetische Veranlagung besteht, denn oftmals können im familiären Umfeld der Betroffenen ebenfalls Gehemmtheit beim Sprechen oder soziale Ängste beobachtet werden.
Ob eine soziale Vererbung vorliegt, weiss auch keiner so ganz genau. Wahrscheinlich führen einige ungünstige Faktoren zusammen zum Ausbruch des Schweigens.
Doch eine große Rolle spielt das Transportieren von Vertrauen und Angenommenwerden des äußeren Umfeldes auf das Kind.
Bei unserem Kind begann das Schweigen beim Kindergarteneintritt. Sehr oft ist das der Fall.

Ich möchte euch fünf Dinge sagen

1. Die nonverbale Kommunikation ist wichtiger.
Darauf baut sich die verbale Kommunikation auf. Wer widersprüchliche Signale aussendet, hat es bei schweigenden Kindern doppelt schwer. Ein Beispiel ist, man hat die Arme verschränkt oder dreht sich beim Reden weg. Gleichzeitig sagt man zu dem Kind „Na, willst du mir nicht Hallo sagen!“ Abweisende Körperhaltung und freundliche Worte wirken unglaubwürdig. Oft sind diese Kinder Meister im Beobachten. Manchmal reichen einfach ein nettes Lächeln und ein kurzes Kopfnicken.

2. Warum ist uns Reden das Wichtigste?
Kinder sind im Allgemeinen nicht auf die Sprache fokussiert. Sie reden noch viel mehr mit dem Körper und kommunizieren untereinander zeitweise nicht einmal verbal. Im Grunde genommen spielen sie einfach miteinander.
Das ist ja das schöne an Kindern. Schweigende Kinder brauchen vor allem eins: Zeit.
Wenn dich dieses Kind noch nie gesehen hat oder du ihm nur sporadisch begegnest, solltest du keine Erwartungen an das Reden stellen. Warum sollte es dir vertrauen? Was willst du, was es dir mitteilt?
Interessierst du dich wirklich dafür, was in ihm vorgeht?
„Ja, aber alle Kinder reden doch…“
Nun – dieses eben nicht. Es ist nicht wie andere Kinder, was den Vertrauensaufbau anbetrifft.
Es hat eine diffuse Angst in sich drin, was sich nicht von heute auf morgen beenden lässt. Es ist nicht schüchtern und braucht „nur“ ein wenig länger zum Auftauen, sondern es leidet unter einer Sprechblockade. Das hat nichts mit dir als Person zu tun. Bitte dränge es nicht zum Reden, wenn du es nur einmal siehst oder aber sehr selten.

3. Wahre ein bisschen Distanz
Bitte beug´dich nicht zu dem Kind hinunter oder hock´dich gar davor. Es wird nicht wissen, wo es hin soll, um dem auszuweichen. Es möchte ganz sicher höflich sein, doch es hat einen sehr großen unsichtbaren Radius um sich gezogen. Wir alle haben einen kleineren oder größeren Radius. Bei schweigenden Kindern muss niemand in ihren Kreis eindringen, der ihnen nicht vertraut ist. Es reicht, wenn du dich vorsichtig annäherst und schaust, ab wann es ihm unangenehm wird. Wir Menschen sollten das eigentlich untereinander spüren.

4. Wirst du gern von Fremden berührt?
Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand einem auf die Schulter klopft und man zusammenzuckt.
Was hat er / sie da gerade gemacht? In manchen Kulturkreisen gehören Umarmungen, Küsse und Hand reichen zur Begrüßung. Ich selbst bin so ein herzender Mensch und die meisten in meiner Familie auch.
In Deutschland ist eher das etwas distanziertere Handgeben an der Tagesordnung. Bei schweigenden Kindern allerdings nicht. Sie reden nicht nur nicht mit Fremden, sie mögen auch deren Berührungen nicht.
Wenn du ein Lächeln oder sogar ein lautes Lachen von einem schweigenden Kind zurückbekommst, ist das schon mehr, als du dir vorstellen kannst. Doch es kann sein, dass es dennoch beim Hand geben, Durchkitzeln oder über den Kopf streicheln sofort zurückweicht. Bitte kuschel´und berühre die Personen, die das mögen, aber fordere es nicht von einem selektiv mutistischem Kind.

5. Unbefangen und locker
Kurze, freundliche Sätze ohne Druck, ein belangloser Scherz, eine kleine Ansage, eine geschlossene Frage, die mit Kopfnicken- oder Schütteln beantwortet werden könnte, ein Lächeln oder Augenzwinkern – es sind kleine Brücken, die du als Erwachsener einem schweigenden Kind bauen kannst.
Dennoch sollten diese Interaktionen wirklich klein sein, denn im Mittelpunkt stehen verstärkt das Schweigen.
Kinder fühlen sich ohnehin am wohlsten bei authentischen, selbstbewussten Erwachsenen, die ein kleines bisschen empathisch sind und auch ihr eigenes innere Kind nicht vergessen haben. Es gibt nichts Schöneres, als einem Kind zu zeigen, dass es als vollwertige kleine Persönlichkeit angesehen wird, angenommen und ernstgenommen wird.
Ob nun mit oder ohne Schweigen.

Ich hoffe, ich konnte dir ein bisschen helfen.

Liebe Grüße zum Freitag – dem Tag der Halbjahresinformationen :),

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