Selektiver Mutismus

Lesezeit: 3 Minuten

Sieh´ mich an und sprich mit mir!

Wenn dein Kind nicht mit jedem redet – dann hat das einen Namen. Doch der Weg des Erkennens ist oft lang und nicht immer einfach. Es gibt jede Menge Vorurteile und auch schädliche Reaktionen auf das Nicht-Sprechen deines Kindes. Darum geht es hier in meinem Blog.

Doch zuerst einmal die Erklärung: Was ist selektiver Mutismus?

(entnommen der Webseite von StillLeben e.V.)

Selektiver Mutismus beschreibt die Unfähigkeit, in spezifischen sozialen Situationen (z.B. Kindergarten/ Schule) oder mit bestimmten Personen (z.B. Personen, die nicht zum engsten Familienkreis gehören) zu sprechen.
Folgende Merkmale können auf Menschen mit selektivem Mutismus zutreffen

  • Das Kind spricht in bestimmten Situationen nicht. Zu Hause und mit vertrauten Personen spricht es.
  • Zu Hause ist es sehr expressiv und redet teilweise extrem viel (Nachholbedarf).
  • Das Kind hat Schwierigkeiten Interaktionen zu initiieren (z.B. Begrüßung/ Abschied/ Dank/ Fragen).
  • In der Schule wird das Nicht-Sprechen oft mit guten schriftlichen Leistungen kompensiert.
  • Das Kind scheint die es umgebende Welt im Vergleich zu den Altersgenossen sorgfältiger zu beobachten und wahrzunehmen (auch im Hinblick auf Stimmungen und Emotionen), es hat aber oft Schwierigkeiten die eigenen Gefühle auszudrücken.

In Momenten des Schweigens können sich zeigen

    • „blanker“ Gesichtsausdruck,
    • starre Lippen (kein Lächeln),
    • starrer Blick,
    • fehlender Blickkontakt,
    • „eingefrorene“/ „versteinerte“ Körperhaltung/ Mimik/ Gestik,
    • steifer Körper, angeklemmte Arme, verkrampfte Hände,
    • verzögerte Reaktionen.

Das Verhalten von Kindern, die unter bestimmten Bedingungen Schweigen, wird von ihrer Umwelt oft als bockig, störrisch oder einfach extrem schüchtern fehlgedeutet.
Eltern werden durch Erzieherinnen und Lehrerinnen in der Regel über das beharrliche Schweigen informiert. Auf Grund der Hoffnung, das Kind würde aus dem Schweigen „herauswachsen“, findet oft genug jedoch keine angemessene Intervention statt.

Manchmal wird voreilig und fälschlicher Weise ein Autismus vermutet. Eine richtige Diagnose und damit verbundene therapeutische Schritte sind für ein solches Kind jedoch von großer Bedeutung.
Die Erfahrung zeigt, dass sich bei Nicht-Eingreifen das Störungsbild stärker manifestieren kann, sich über Jahre hält und sich letzten Endes die gestörten Kommunikationsmuster bis ins Erwachsenenalter hineinziehen.

Was können Sie als Eltern tun?

Besteht das Schweigen länger als vier Wochen, dann veranlassen Sie eine sprachtherapeutische Untersuchung ihres Kindes. Dazu ist eine Heilmittelverordnung über Sprachtherapie nötig, die von Ihrem Kinderarzt oder HNO-Arzt ausgestellt wird. Selektiver Mutismus fällt unter die Sprachentwicklungsverzögerungen;  dies muss auf der Verordnung angegeben sein.

Die Therapie wird von den Krankenkassen bezahlt und wird von Sprachtherapeuten (Logopäden, Sprachbehindertenpädagogen oder Atem-, Sprech- und Stimmlehrern) durchgeführt.
Achten Sie darauf eine mit dem Störungsbild vertraute Therapeutin zu wählen, bei der zu Beginn der Therapie ein ausführliches Gespräch mit Ihnen im Vordergrund steht. Eine enge Zusammenarbeit zwischen den Eltern, Erziehern/ Lehrern und evtl. Psychotherapeuten ist zu empfehlen.

Was ist zu beachten?

      • Das Schweigen nicht persönlich nehmen!
      • Das Nicht-Sprechen als aktives Handeln erkennen, das – irgendwann einmal- einen brauchbaren Zweck für das Kind / den Jugendlichen erfüllt hat.
      • Das Schweigen kann von den Betroffenen nicht bewusst unterlassen werden, da es über Jahre hinweg entwickelt und aufrechterhalten wurde.
      • Nicht zum Sprechen auffordern oder gar drängen. Die Erfahrung des „Versagens“, des Nicht-Antworten-Könnens machen die Kinder ohnehin schon viel zu häufig. Jede Aufforderung zum Sprechen erhöht den Druck auf das Kind und die Angst vor dem nächsten Sprechanlass.
      • Heben Sie die erste Äußerung des Kindes wenn überhaupt außerordentlich sensibel hervor.
      • Stellen Sie das Kind nicht in den Mittelpunkt.
      • Grenzen Sie das Kind nicht aus.
      • Die letztendliche Entscheidung, ob und wann das Nicht-Sprechen aufgegeben wird, trifft der Betroffene selbst! Unsere Aufgabe besteht darin, zu begleiten, die Kompetenzen zu fördern, uns in Geduld zu üben und verstehen zu lernen.

Hilfreiche Fragen

          • Wie, wann und mit wem kommuniziert Ihr Kind?
          • Wie reagiere ich, wie andere auf das Nicht-Sprechen?
          • Was bewirkt Ihr Kind mit seinem Schweigen?
          • Hält Ihr Kind Blickkontakt? (Wenn ja wann und mit wem?)
          • Welche anderen nicht-sprachlichen Mittel (Gestik/ Mimik) setzt Ihr Kind ein?
          • Reagiert Ihr Kind angemessen auf Anweisungen?
          • Wie kann es seine Ziele erreichen?
          • Gibt es Ausnahmen? (Hat Ihr Kind schon einmal „aus Versehen“ gesprochen? Wann, wo, mit wem?)
          • Was kann Ihr Kind besonders gut?

Unsere persönlichen Erfahrungen mit unserem Kind, dem selektiven Mutismus, dem Umfeld…

Eine Eins in Musik. Nachteilsausgleich bei selektivem Mutismus.

Lesezeit: 4 Minuten

Die Leistungskontrolle in Musik rückte immer näher und dementsprechend nervös war unsere Tochter.
Mit acht Jahren weiß sie nun, dass sie selektiv mutistisch ist.
In den vergangenen Wochen, seit Beginn der dritten Klasse, verwendete ich diese Bezeichnung ihr gegenüber öfter.
So möchte ich sie Stück für Stück an ihre Problematik “Schweigen” heranführen, ohne ihr unnötig den Stempel auf die Stirn zu setzen, dass sie “anders” sei.
Das ist nicht so einfach, denn sie ist lebenslustig, schulisch sehr motiviert und mittlerweile richtig selbstbewusst.
Es ist für uns Eltern ein schwieriger Weg, der viel Fingerspitzengefühl erfordert. Wir wollen nichts in ihrer kindlichen Seele kaputt machen, nicht noch mehr kaputt machen!
Sie einerseits zu motivieren und sie gleichzeitig auf eine Diagnose “reduzieren” zu müssen ist ein gefühlter Drahtseilakt.
Beim selektiven Mutismus ist es so, dass dieser ganz gut überwunden werden kann, sodass wir nie die Möglichkeit in Betracht gezogen haben, unsere Tochter jemals öffentlich als “anders” betiteln zu müssen im Sinne eines Handicaps.
Doch für die Schulzeit und darüber hinaus wird es wohl nicht viele Alternativen geben.
Ein selektiv mutistisches Kind ist meistens nicht in der Lage, Lehrern Antworten zu geben, vor der Klasse Vorträge zu halten und vorzusingen.
Bei manchen Kindern geht es sogar soweit, dass sie sich vor anderen nicht einmal viel bewegen, keinen Sport aktiv mitmachen, nicht vor anderen essen oder sich nicht trauen, auf Toilette zu gehen.
Je nach Ausprägung muss hier wirklich unterschieden werden zwischen einer Sprechhemmung und einer ausgeprägten Angst vor Interaktion mit anderen Menschen.
Unsere Tochter braucht “nur” die Sprachblockade fremden Erwachsenen gegenüber abzubauen, alles andere läuft bei ihr wunderbar. Sie ist aus diesem Stadium des “Einfrierens” (zu Erklären wie eine Art Schleichen, verlangsamte Bewegung oder ganz regungslos bleiben bei -gefühlter – Gefahr oder Bedrohung) längst heraus.
Nur sehr selten passiert es, dass sie so gar nicht reagiert, das war als kleines Kind ganz anders.
Doch zurück zum Musikunterricht.

Mama, kannst du bitte einen Zettel schreiben?
Bis zum vorigen Jahr lief es in Musik super, denn da gab es ja keine Zensuren und kein Vorsingen vor der Klasse. Eine sehr junge Referendarin brachte außerdem frischen Wind in die Musikstunden und es verging wirklich keine Woche, an denen unsere Tochter zuhause nicht vorsang und dabei tanzte.
Sie liebt Musik über alles und bewegt sich intuitiv auch sehr feinfühlig dazu. Ich könnte ihr stundenlang beim Tanzen zusehen, jedoch bin ich ja auch ihre Mutter.
Mit Beginn der dritten Klasse war die inzwischen junge Lehrerin nicht mehr an unserer Schule und unsere Tochter hatte plötzlich ein wenig Angst.
Sie war sich nicht mehr sicher, ob die nun eingesetzte Musiklehrerin sie wohl nett behandeln würde, obwohl sie bisher mit der gesamten Lehrerschaft wirklich sehr gute Erfahrungen gemacht hat.
Sie wurde nicht unfair behandelt, seitdem wir als Eltern mit der Schulleiterin über selektiven Mutismus gesprochen hatten und die Zusammenarbeit funktioniert wirklich gut.
In Sachsen muss ein sonderpädagogischer Förderbedarf für einen Nachteilsausgleich gestellt werden, sodass das Kind inklusiv beschult werden kann. Dazu gab es Besuche von Gutachtern und Schulpsychologen im Schulgebäude, die extra aus Leipzig angereist waren.
Wir haben den Förderbedarf bei der sächsischen Bildungsagentur beantragt.
Doch inwieweit innerhalb der Schule unter den Lehrern die Info vorliegt, dass wussten und wissen wir nicht.
Jede Lehrkraft geht mit solchen Herausforderungen ohnehin anders um und genau das macht unser Kind etwas unsicher.
Also schrieb ich eine kurze Nachricht an die Musiklehrerin, dass der Nachteilsausgleich bewilligt wurde, das Lied auch gelernt wurde, unsere Tochter aber wahrscheinlich nicht vor der Klasse singen wird.
Wisst ihr, dass ist kein “in Watte packen” und auch kein Bevorteilen unserer Tochter.
Hier geht es um viel mehr. Es geht darum, Lösungen zu finden und dem Mädchen nicht die Hoffnung zu nehmen, dass sie es schaffen kann! Eines Tages wird sie es soweit im Griff haben, dass wir keinen Sonderstatus mehr benötigen.
Doch eine Mutter zittert immer früh morgens, wenn sie so einen Zettel mitgibt.
Da könnt ihr euch sicher sein! Manchmal stehen mir die Tränen schon bis zum Hals und ich versuche es zu verbergen.
Dann lenke ich mich gedanklich ab, stürze mich in mein Homeoffice und höre gitarrenlastige Musik, um diese Verzweiflung los zu werden.

Mama, schau mal, was ich in Musik für eine Note habe!
Was unser Kind anbetrifft, so hat sie schon einen ganz besonderen Humor. Sie ist allgemein recht talentiert und gewitzt und so sieht es auch mit ihren Schauspielkünsten aus.
Wenn sie dann mit ernstem Gesicht vor dir steht und seeeeehr langsam das Hausaufgabenheft herauszieht, ist das für mich so ein Moment, wo ich gleich losheulen könnte. Weil sie ja singen kann und es sowas von niedlich klingt.
Doch die Musiklehrerin es niemals hören wird, sie vielleicht nie so erleben wird.
Die Kraft, letztendlich über seinen Schatten zu springen und verbal zu kommunizieren, liegt immer beim Kind.
Die Therapie unterstützt und begleitet, wir Eltern auch und das gesamte Umfeld. Doch wenn sich bei dem Mutisten nichts bewegt, dann ist nichts zu machen. Mitarbeit ist immer sehr wichtig!
Je mehr gute Erfahrungen ein selektiv mutistischer Mensch also macht, desto eher wird er auch gute Erfolge erzielen.
Sie legte das Heft mit dem Zensurenspiegel vor mich hin und sagte, ich soll es erst anschauen, wenn sie in den Flur gegangen ist.
Okaaaaay, entgegnete ich ihr gedehnt und versuchte in ihren Augen zu lesen. Sie gab nichts preis!
Und es war eine Eins!
Fünf Sekunden später kam sie freudestrahlend wieder ins Wohnzimmer gehüpft und tänzelte um mich herum.
“Ich habs geschafft, ich habs geschafft!” jubelte sie.
Die Lehrerin hatte sich zuerst vor der Klasse den Text von ihr flüstern lassen und ließ sie danach die Melodie summen. Für den Anfang eine gute Idee, wie ich finde. Es ist auch prima, dass unsere Tochter zur Leistungskontrolle genauso aufgerufen wurde wie alle anderen Kinder auch.
Denn genau so haben wir uns als Eltern das vorgestellt.
Ja, für mich ist das tatsächlich Inklusion. Ein sehr guter Weg.
Und mir liefen die Tränen. Dieses Mal vor Erleichterung. Die letzten Wochen waren wirklich hart.
Jetzt macht sich momentan das zufriedene Gefühl breit, dass die Schule gut agiert und davor ziehe ich bei den derzeitigen Zuständen in unserem deutschen maroden Schulsystem den Hut.
Herzliche Grüße,

Lies auch den vorangegangenenen Beitrag:Sie muss aber mitsingen. Weisheiten Außenstehender und die Inklusion.

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Sie muss aber mitsingen. Weisheiten Außenstehender und die Inklusion.

Lesezeit: 5 Minuten

Es ist mal wieder soweit.
Dieses Thema wird wohl nie wirklich aufhören und wir als Familie auch nie zur Ruhe kommen.
Selektiver Mutismus: Unser Kind macht große Fortschritte in der Schule.
Mittlerweile flüstert sie mit der Klassen – und Schulleiterin, während sie mit der schulbegleitenden Ergotherapeutin schon locker und flüssig “quasseln” kann.
Ich bin total aus dem Häuschen und freue mich sehr für sie, denn ich als Mutter erahne, welchen Kampf unsere Tochter jeden Tag mit sich selbst kämpft.
Sie kann nicht willentlich beeinflussen, wann ihr Schweigen “zuschlägt” und braucht sehr viel Übung und kontinuierliches Training, um die tiefgreifende Sprechhemmung zu überwinden.
Der Zustand des kompletten “Einfrierens”, also der Versteinerung von Mimik und der verlangsamten Gestik beim Angesprochenwerden ist zwar fast nicht mehr vorhanden, jedoch unter größerem Druck auch schnell wieder da.
Sie wird älter und weiß mittlerweile, wie ihr “Zustand” heißt und wie sie da bestenfalls gar nicht erst hinein rutscht.
Das ist soviel Energie, die sie dafür braucht, dass ich nur den Hut vor ihr ziehen kann, wie gut sie dennoch die Schule meistert. Ihre Leistungen sind gut und sie will nun endlich auch so wie alle anderen Kinder im Unterricht mitwirken.

Sie will so fließend sprechen und singen können wie zuhause.
Früher, so mit drei oder vier sprach sie mit niemandem, jetzt redet sie mit allen Kindern – auch fremden – und einigen Erwachsenen in unserer Umgebung und einem Teil der Verwandtschaft.
Es sind Entwicklungssprünge da, große Etappen, die sie gut meistert.
Trotzdem habe ich innerlich oft Sorgen, ob sie wohl auch nett behandelt wird. Ob es einen fairen Umgang mit ihr gibt. Ob es auch wirklich angekommen ist, dass wir bei selektivem Mutismus von Inklusion reden.
Alle Mütter machen sich sicher ähnliche Gedanken um ihre Kinder, die einen mehr – die anderen weniger.
Beim selektiven Mutismus handelt es sich vor allem um eine Kommunikationsbarriere, für die die Betroffenen nichts können. Es kann aber möglich sein, dass das Schweigen und Nicht-Antworten durchaus als stur, dickköpfig oder frech empfunden wird.
Wer mit seinen Freundinnen in der Pause schnattert, sagt im nächsten Moment keinen Ton zu Lehrern oder Erziehern.
Das löst unangenehme Gefühle aus – vor allem Erwachsene fühlen sich im Allgemeinen vor den Kopf gestoßen.
Der nötige Respekt fehlt ihnen. Ein Bitte oder Danke, ein Hallo und Tschüß.
Das ist auf jeden Fall nachvollziehbar, wenn der selektive Mutismus nicht bekannt ist.
Wenn er es dann ist, erwarte ich allerdings auch etwas Feingefühl für die Situation.

Frech? Nein! Inklusion!
Nun gibt es jede Menge Diskussionen darüber, ob Kinder wie unsere Maus in eine “normale” Grundschule gehen sollten.
Wenn sie denn in keine spezielle Schule gehen, dann sollen sie gefälligst auch die Leistung bringen, die alle anderen Schüler auch bringen müssen. Nixklusion sozusagen. Null Verständnis. Eher die Angst, Inklusionskinder könnten bevorteilt werden.
Dabei soll ihr Handicap ausgeglichen werden. Es soll einem Kind geholfen werden, welches anderen Kindern gegenüber in gewisser Art benachteiligt ist – quasi von Natur aus.
Aus dem Schweigegefängnis auszutreten, erfordert soviel Kraft, Training und Therapien, dass es durchaus als mittelschweres Handicap angesehen werden kann.
Da spielt nicht nur die Selbstdisziplin eines nunmehr achtjährigen Mädchens eine Rolle, ihr Schweigen zu überwinden, sondern möglichst viele positive Erfahrungen in der Kommunikation mit anderen Menschen.
Das Feedback, dass alles in Ordnung mit ihr ist, dass es Stärken gibt, die sie hat und dass ihr bewusst wird, sie kann jederzeit beginnen zu sprechen, weil die Rahmenbedingungen stimmen – das ist genau diese Art von pädagogischer Kompetenz, die wir in unserem Land brauchen.
Es wäre so toll, wenn vor der Leistungskontrolle im Singen morgen ein kurzer Schriebs im Hausaufgabenheft gestanden hätte:
“Liebe Frau …, wie wollen wir am besten vorgehen bei Ihrer Tochter? Kommen Sie zum Austausch vorbei oder telefonieren wir mal?”
Ja ja ich weiß, dafür sind die Lehrer nicht zuständig, sie haben für solchen Firlefanz keine Zeit und stehen selbst enorm unter Druck. Außerdem engagieren sich viele Lehrer schon lange nicht mehr privat, weil zu viele Missverständnisse zwischen Schule und Elternhäusern vorherrschen, zu viele gegensätzliche Meinungen, bis hin zum Verklagt werden und anderen bösen Dingen.
Das verstehe ich. Wir sind sehr kooperative Eltern. Unser Kind wird sicher nicht in Watte gepackt.
Sie ist schulinteressiert und hochmotiviert, was jeder Lehrer ihr sicherlich auch anmerkt – schon anhand der schriftlichen Leistungen.
Aber es tut mir manchmal weh, dass ich ihr nicht helfen kann, obwohl ich sie so gern unterstützen möchte.
Deshalb schreibe ich ja auch diesen Blog, um anderen Eltern auf diesem Wege zu sagen:
Es gibt selektiven Mutismus und unser Kind ist weder autistisch noch entwicklungsverzögert.
Sie ist verbal sogar ganz zielsicher – jedenfalls unter Freundinnen und hier zuhause.
Wir leben im ländlichen Raum – irgendwann wird es wohl jeder wissen, dass ich diesen Blog schreibe.
Es macht uns doch nicht unsympathischer, offen mit dem Thema umzugehen?
Trotzdem tun auch mir – als recht taffe Frau und Mutter – manche Dinge weh.
Selbst dann, wenn manche Verletzungen vielleicht aus Unwissenheit zustande kommen.

Sie muss aber irgendwann mitsingen!
Ich hörte diesen Satz. Und plötzlich, mitten in einem anregenden Gespräch über Kinder, Schule und die Leistungskontrolle in Musik, hatte ich das Gefühl, auf Eiern zu tanzen.
Es war keine Lehrerin mit der ich redete. Nein, es war eine Mutter.
Deren Kind hat keinen selektiven Mutismus.
Das hat das selbstverständliche Recht, in eine “normale” Grundschule zu gehen.
Ob es weiter oder noch nicht so weit ist, sportlicher oder auch nicht, ob es überhaupt gut singen kann, das spielt alles erst einmal keine Rolle.
Es ist einfach “normal.”
Es ist einfach wie gemacht für eine Grundschule, wie es sie eben in Sachsen oder ganz Deutschland gibt.
Sie ist sicher aufgeregt, wenn sie zur Leistungskontrolle in Musik getestet wird. Doch es wird ihr niemals die Sprache verschlagen, ohne dass sie sich nach ein paar Sekündchen wieder “fängt.”
Sie wird niemals diese Angst in sich hochsteigen spüren, weil sie wahrscheinlich gleich aufgerufen wird und dann ihr Mund keinen einzigen Ton ausspuckt.
Weil so viele Dinge ungeklärt sind, weil sie nicht weiß, ob die Lehrerin gleich ein Donnerwetter loslässt oder sich über sie lustig macht oder sie dazu auffordert, etwas zu singen.
Der Mutter des Mädchens ist wahrscheinlich auch nicht bewusst, was sie mit einem dahingeschleuderten Satz bei mir anrichten kann.
Vielleicht ist es ganz einfach ihre Meinung: Wer an dieser Grundschule unterrichtet werden will, muss eben die Leistung dazu auch bringen.
Das ich mich nicht mehr so gern mit anderen Eltern über selektiven Mutismus unterhalten mag, ist bestimmt verständlich, oder? Ich habe keine Ahnung, woher ich meine Kraft nehme, um dennoch immer wieder darüber zu reden.

Feststellung sonderpädagogischer Förderbedarf
Seit gestern ist es amtlich. Unsere Tochter ist geeignet, auf die Grundschule zu gehen.
Für uns als Eltern stand das ohnehin außer Frage. Sie ist pfiffig und kreativ, hat viele Freunde, ein gutes Lernniveau und fühlt sich sehr wohl im Schulgeschehen.
Außerdem wurde sie vor Schuleintritt vor zwei Jahren von der zuständigen Amtsärztin als schultauglich für die Grundschule eingestuft.
Doch ich habe nun zusätzlich den Brief vom Landesamt für Schule und Bildung vor mir liegen.
…”Auf Grundlage der Vorschläge des Förderausschusses vom 14.03.2018 empfehlen wir Ihnen für Ihr Kind weiterhin den Besuch der Grundschule im Rahmen der inklusiven Unterrichtung”…
Also bitte, da ist es schwarz auf weiß!
Ein selektiv mutistisches Kind muss nicht singen, wenn es das einfach noch nicht schafft.
Es kann über den Nachteilsausgleich zum Beispiel in einem separaten Raum vorsingen oder sogar Zuhause gefilmt werden beim Vortragen.
Es ist möglich, wenn der Wille da ist, die Kooperationsbereitschaft oder vielleicht auch einfach Verständnis.
Doch Andersartigkeit scheint wohl in manchen Denkapparaten noch große Probleme zu machen.
Ich nenne es ganz einfach defizitorientierte Herangehensweise, die so manchen heutzutage im Schulgeschehen gedanklich stolpern lässt.
Und ich glaube, das ist kein Problem unseres Kindes.
Herzliche Grüße,

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Ich will so sein wie alle anderen, Mama

Lesezeit: 8 Minuten

Ich bin der geborene Optimist.
Nicht, dass ich jetzt nur rosa Wolken sehe, wo es eigentlich schwere Probleme gibt – so nicht, aber ich sehe immer einen Lösungsansatz.
Probleme sind da, um sie zu lösen, sagte früher unsere Deutschlehrerin und ich finde, sie hatte Recht.
Es gibt Herausforderungen, denen müssen wir uns stellen und können nicht flüchten oder den Kopf in den Sand stecken.
Doch manchmal habe ich in letzter Zeit das Gefühl, zu zerbrechen.
Es klingt komisch, ich habe wirklich sehr viele Dinge in meinem Leben (er-)tragen und das Allerbeste daraus gemacht.
Ich habe ein ganzes Land untergehen sehen, wie Tausende andere und mich auf ein völlig neues Schulsystem eingestellt.
Meine Lehrausbildung zur Glas-und Kerammalerin habe ich mit Bravour gemeistert, obwohl ich wegen eines Geschwürs im linken Auge ein Jahr pausieren musste.
Ich habe wieder sehen gelernt und dafür gekämpft, wieder Auto fahren zu dürfen. Da war ich zarte 20.
Weil Betriebe nicht gern gesundheitlich eingeschränkte Menschen beschäftigen woll(t)en, hatte ich nach der Ausbildung in der Kahla / Thüringen Porzellan GmbH keine Chance auf Übernahme und musste mich neu orientieren.
Das war 1998 und nur die Allerbesten wurden damals übernommen.
Ich besuchte die Fachoberschule zum Erwerb der Fachhochschulreife und ergatterte danach eine Umschulung zur Mediengestalterin. Irgendwie musste ja auch Miete gezahlt werden und ein bisschen was zu essen gekauft. 😉
Es waren so viele harte Zeiten dabei, vor allem finanziell, aber auch gesundheitlich und doch habe ich das alles geschafft.
Ihr ahnt wirklich nicht, wie sehr manchmal ein einziger Spruch einer Lehrerin dein ganzes Leben beeinflussen kann.
Als ich 2007 schwer an Morbus Crohn erkrankte und nach einer langwierigen Operation im künstlichen Koma lag, wurde ich obdach- und arbeitlos.
Durch meine liebe Familie, die mir beistand und mich auffing, habe ich auch jenen harten Schicksalsschlag überstanden, wie so eine Katze, die immer wieder auf die Pfoten fällt.
Aber dieser Satz meiner Tochter kürzlich – der traf mich in Mark und Bein.

Ich bin doof, ich kann nicht mit Erwachsenen reden

Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich verändert habe, seit unsere Tochter auf die Welt kam.
Sie war ein Frühchen und ganz zart. Wir trauten uns kaum, sie anzufassen, aus Angst ihr irgendwie weh zu tun.
Alle Frühchen-Eltern kennen das bestimmt.
1920 Gramm und 44 cm sind nicht gerade viel. Vielleicht schreibe ich irgendwann auch über die Umstände. Vielleicht aber auch nicht.
Es gibt viele Dinge im Leben, die wir Erdenkinder einfach so durchstehen – ohne nachzudenken oder mit der Wimper zu zucken. Wir funktionieren und das klappt auch ganz gut.
Es können schon immense Kräfte freigesetzt werden, wenn wir vor Leidenschaft für etwas glühen und dann geht automatisch der Kampfmodus an.
So ist es auch bei vielen Frauen, wenn sie Mutter werden.
Das soll jetzt nicht stigmatisierend gegen die Männer sein – ich weiss ja nicht, ob es bei Vätern auch so ist.
Ihr könnte mir dazu gern einen Kommentar hinterlassen.
Jedenfalls sind frischgebackene Mütter, die ihr Kind lieben und eine sichere, feste Bindung zu ihm haben, mit Löwinnen zu vergleichen.
Sie tun so ziemlich alles, damit es dem Neugeborenen gut geht und selbst beim zweiten, dritten oder vierten Kind ist der Prozess immer wieder derselbe. Da tut das Oxytocin schon eine starke Arbeit.
Scherzhaft sage ich immer “Sie ist noch im Muttermodus”, denn frischgebackene Mütter verhalten sich mitunter etwas seltsam. Sie sind irgendwie anders als sonst und das kann dauern. Gut so!
Unsere Sprößlinge werden größer, wachsen und gedeihen und wir als Eltern freuen uns über jeden Schritt, jede neue Entwicklung. Gut – manchmal fluchen wir auch, denn Entwicklung heisst auch immer Anstrengung, Durchsetzung, Abnabelung…
Im Verlauf der Entwicklung unserer Tochter lief alles prima und so ist es bis heute. Durch sie habe ich mich wirklich weiter entwickelt. Ich bin verantwortungsbewusster, nachdenklicher, aber auch viel gelassener als früher.
Ich habe durch sie auch gelernt, zu kämpfen!

Denn eine Kleinigkeit gibt es, die ist anders als bei anderen Kindern.

Es ist für uns als ihre Eltern nichts Hochdramatisches, jedoch für die Gesellschaft, die Schule, den Bäcker, die Töpferkurs-Leiterin, für Busfahrer, Eisverkäufer ist es das. Unsere Tochter vermag nicht oder nur sehr schwer mit ihr unvertrauten Erwachsenen sprechen.
Und ihr ahnt überhaupt nicht, was so ein schweigendes Kind in vielen Erwachsenen auslöst.
Die Herausforderung aller dieser Menschen besteht darin, einen Zugang zu unserem Kind zu finden.
Allerdings passiert das sehr oft nicht mit der Einstellung “Ich möchte dich gern kennenlernen”, sondern mit der Forderung “Rede mit mir. Du musst sprechen, sonst bist du nicht wie alle anderen!”
Als unser Kind in den Kindergarten kam, war sie drei Jahre alt. Wir hatten gerae einen Umzug von Freiberg ins Leipziger Land hinter uns. Wer mag, kann dazu gern ein wenig in meinen älteren Artikeln herumstöbern.
Immer und immer wieder die Anfangsgeschichte durchzukauen, kostet mich zu viel Kraft.
Es geht mir heute auch gar nicht (mehr) um den “Ausbruch” dieser Eigenart – manche nennen es sogar “Störung”.
Definiert ist das Phänomen unter dem Begriff selektiver Mutismus
Es geht mir darum, dass mich die Einstellung unseres Kindes zu sich selbst so sehr traurig stimmt.
Ich bin nicht verletzt oder enttäuscht, dass unsere Maus “irgendwie anders” ist. Es zieht mich nur meilenweit nach unten, dass sie sich für blöd hält! Sie will so sein wie alle anderen.
Jedoch sie ist wie alle anderen! Nein, stopp. Vielleicht nicht ganz! Sie hat mit sieben Monaten begonnen zu plappern und redet seitdem wie ein Wasserfall. Wenn sie fröhlich und entspannt ist, erzählt sie wirklich den ganzen lieben langen Tag.
Schon immer sind Sprechen und Kind eins – das hat sie offensichtlich von mir geerbt.
Nur im Kindergarten ist sie von heute auf morgen verstummt, innerlich erstarrt. Mama weg – harte Trennung – ungünstige Umstände…   Und das wirkt bis heute nach! Fünf Jahre später kämpft sie jeden verdammten Tag.
Sie ist dabei dermaßen zielstrebig und tapfer, dass ich einfach nicht verstehen kann, wieso sie in Sachsen als “sonderpädagogisches Förderbedarfskind” ihre Schullaufbahn starten musste. Damit die mündliche Benotung anders stattfinden kann als bei anderen Kindern.
Ihre schriftlichen Leistungen liegen zwischen eins und zwei. Sie redet mit der Lehrerin in einem separaten Raum.
Es geht hier nur um Wirschaftlichkeit, das ist die Wahrheit!
Kein Geld da für mehr Stunden. Schlecht bezahlte Lehrer. Ein Bildungssystem, dass ihr euch in die Haare schmieren könnt, sehr geehrte Politiker! Dazu noch Grundschulzwang, keine freie Schulwahl!
Ich klinge frustriert? Ich bin stinksauer, wie ihr mit euren unfähigen Entscheidungen mit unserem Kind umgeht!

Mama, ich sattle jetzt mein Einhorn! Bis später!

Schwupps, bist du gefangen in ihrer Traumwelt. Was das Kind an fantastischen Geschichten erzählt, gehört eigentlich aufs Diktiergerät gespeichert, als Buch verwurstet und selbstverständlich als Fantasy-Film gedreht!
Uupps, war das gerade wieder der Mama-Modus, der da ansprang? 😉
Was ich damit ausdrücken will ist: Sie ist verbal niemandem unterlegen! Sie ist schlau, witzig und fantasievoll, kognitiv nicht eingeschränkt und einfach ein sehr sensibles, kreatives Kind!
Es ist manchmal so, dass Menschen eben nicht alle gleich ticken und wir uns als Gesellschaft, als Menschen, hin und wieder eingestehen müssen, dass nur durch Vielfalt etwas Neues entsteht und jeder seinen Beitrag leisten kann zum Großen Ganzen!
Traurigerweise haben Einhörner in Schulen nichts zu suchen. Schöne Bilder zu malen, ist auch nicht relevant.
Die eine Kunst-Stunde pro Woche fällt bei jede Menge Deutsch und Mathe echt nicht ins Gewicht. (Wobei sie das ja gut kann!)
Kunst und Kultur sind ohnehin nicht für den Broterwerb geeignet, erzählte mir kürzlich eine Mutter und Kinder, die eine kreative Begabung haben, müssen auch Rechnen und lesen können.
Natürlich hat sie Recht. Und sie müssen mit den Lehrern sprechen.

Das Allerwichtigste ist: Du musst…

Das wir in Deutschland mit Kunst kein Geld verdienen können, ist natürlich absoluter Quark (sorry!)
Ich freue mich über alle rechtschaffenen Menschen, die in der Schule fleißig lesen und schreiben gelernt haben, rechnen und mit Lehrern sprechen.
Doch es gibt noch mehr als nur das. Abgesehen von Schauspielerei und Tanz gibt es Musiker, Mediengestalter, Blogger, Maler – Künstler! Nicht jeder hat es bis ganz nach oben geschafft und ist stinkreich geworden, das ist richtig.
Jedoch so wirklich ausgeschlossen ist es ja nun auch nicht.
Wobei bestimmt die Hälfte von uns Künstlern nicht einen Cent in eine solide Kunsthochschule gesteckt hat. Es gibt Freestyler, Naturtalente – kurzum, Kunst ist Ausdrucksweise von Lebensart und nicht immer von einer Schul – oder Berufsausbildung abhängig.
Ja, ich weiss. Du musst heutzutage und eigentlich schon immer, optimal ausgebildet werden. Du musst in der Schule fleissig sein, damit etwas aus dir wird. Du musst gut rechnen und schreiben können und du musst überhaupt irgendwie normal sein. So wie jeder eben. So wie es sich gehört. So, wie alle sind.
Du musst, musst, musst.

Du musst reden!

Ich weiss, dass wir nun einmal alle den Zwängen dieses Systems unterliegen. Kommt mir nicht mit dem blöden Kapitalismus, denn zu DDR-Zeiten gab es genauso viel “Müssen”
Es ist wahrscheinlich der einzige Weg der Menschheit, zu müssen. Denn von nichts kommt nichts.
Kürzlich erst erklärte mir eine Mutter, dass sie ihrem Kind die Wichtigkeit der Hausaufgaben näher bringen musste.
Mit dem Satz: Du musst diese Matheaufgaben üben, bis du sie kannst. Sonst musst du Müllfahrer oder Putzfrau werden.
Das Gespräch mit mir war sehr kurz.
Im Grunde innerhalb von kurzen Sekunden und meiner Ausrede, dringend aufs Klo zu müssen, beendet.
Das sind bestimmte Grenzbereiche in meiner Weltanschauung, über die ich so flach einfach nicht diskutieren mag.
Nicht nur, dass hier sehr nützliche und ehrbare Berufe abgewertet werden, wird dem Kind im Gedächtnis bleiben, dass es nicht gut genug ist und dass es zu den Verlierern gehören wird, wenn Mathe oder Deutsch nicht sein Talent sind.
Wo wir gerade dabei sind: Was würden wohl so manche über verdreckte Toiletten in Bahnhöfen sagen, über dreckige Hausflure oder Krankenhaus-Zimmer?
Und wissen solche Leute eigentlich, wie unglaublich eklig Müll stinken kann, wenn er sich am Straßenrand stapelt und vielleicht sogar schon die Maden herauskriechen?
Bringt euren Kindern bitte nicht solche oberflächlichen Lebens-Thesen bei. Ein schulischer Wert, sprich ein Bildungsgrad sollte definitiv nicht daran gemessen werden, welchen Beruf jemand ausübt.
Denn abgesehen davon, dass so eine Einstellung zur Stigmatisierung ganzer Berufsgruppen führt, ist Bildung etwas, was mit Wissen zu tun hat.
Wissen wiederum bedeutet über jemanden oder etwas unterrichtet zu sein und sich einer Sache in ihrer Bedeutung, Tragweite, Auswirkung bewusst zu sein (Quelle: Duden)
Wissen und Moral hängen also zusammen.
Kinder brauchen doch nicht den Leistungszwang, etwas zu müssen, sie sollen gerne und freiwillig lernen, ihren Wissensdurst stillen, ihre Neugier befriedigen!
Nun gut, ich schweife ab.

Bitte bleib`, wie du bist!

Diesen Satz sagte ich meinem Kind auf ihre Äußerung “Ich will so sein wie alle anderen, Mama.”
Sie fragte mich daraufhin erstaunt:

Woher weiss ich, wie ich bin?

Eine berechtigte Frage einer fast Achtjährigen.
Ich überlegte, was ich darauf antworten könnte und rang nach Worten.
Sie unterbrach meine Gedanken und schmiss gleich noch hinterher:

Woher weisst du, wie du bist?

Ich weiss es halt. Durch das, was meine Eltern mir als Kind gesagt haben. Durch Lehrer. Durch Freunde. Und durch das, was ich kann.

Gut. Dann bleibe ich wie ich bin. Meine Eltern sagen, ich bin okay. Meine Freunde mögen mich, wie ich bin. Ich kann jede Menge Sachen. Da verkrafte ich das Nicht-Reden-Können mit den Lehrern schon irgendwie. Bis es klappt.

Genau, und das werden die Erwachsenen auch verkraften. Denn was sie nicht machen muss, das macht sie erstaunlich gut.
Wie eigentlich jedes Kind. Manhcmal braucht es einfach etwas Zeit, Geduld und Zuversicht.
Natürlich soll sie eine gute Laufbahn einschlagen. Den ersten Stempel bekam sie nun schon aufgedrückt und wir wissen nicht genau, wie es später weitergeht.
Noch haben wir Zeit. In zwei Jahren steht eine Entscheidung an, auf welche Schule sie nach der vierten Klasse gehen wird.
Ein Kind mit selektivem Mutismus, welches verbal ganz normal entwickelt ist, gute Leistungen in der Schule bringt und in dem so viel Potential steckt.
Ich gebe ihr Stärke, die ich eigentlich gar nicht mehr habe. Doch es funktioniert. Noch.

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Sage mir, in welcher Klasse du bist. Enttäuschung im Ferienhort.

Lesezeit: 7 Minuten

Der Hort, in den unsere Tochter geht, ist wirklich bombastisch.
Es sind nette Hortner/innen dort, die sich liebevoll um die Kinder kümmern und alle wissen über den selektiven Mutismus unserer Tochter Bescheid.
Aus diesem Grund geht die Maus auch super gern in den Ferienhort.
Anders als viele andere Kinder müsste sie das nicht tun.
Ich bin selbstständige Mediengestalterin und Werbetexterin und habe ein Kleinunternehmen.
Dadurch, dass ich in Teilzeit von zuhause aus arbeite, kann unser Kind die Ferien genauso gut in ihrem Kinderzimmer genießen.
Doch sie geht freiwillig zu den Hortangeboten in den Ferien und freut sich jeden Tag sehr auf die Treffen mit ihren Freundinnen, auf die Aktivitäten und auf ihre Lieblingshortnerin.
Wenn da nicht ein Schatten auf ihrem Glück läge…
Ich habe mich dazu entschlossen, öffentlich darüber zu schreiben, denn wir können es nicht länger für uns behalten.
Es geht einfach nicht mehr allein zu tragen, wir müssen es teilen!
Wann hört das endlich auf???

Was selektiver Mutismus für uns und unser Kind bedeutet

Wisst ihr – wir sind fürsorgliche Eltern, aber einen Helikopter fliegen wir nicht. Genau wie alle anderen Kinder ist unsere Tochter selbstständig und kann die allermeisten Dinge genauso, wie andere Gleichaltrige.
Manchmal ist sie sogar noch ein bisschen taffer.
Dass sie dieses Schweigen entwickelt hat, ist für uns Eltern und für unsere Tochter natürlich sehr traurig und viele Situationen sind ganz anders als in anderen Familien.
Jedoch wir haben nie aufgegeben und stehen auch vollkommen hinter ihr.
Sie kämpft oft mit sich und will diesen letzten Schritt endlich schaffen: Mit fremden Erwachsenen unbefangen reden.
Eine Belohnung hat sie dafür auch in Aussicht, die wirklich sehr motivierend für sie ist.
Sie bekommt einen eigenen, kleinen Hund.
Das ist ihr Herzenswunsch und daran könnt ihr schon sehen, dass sie es eben nicht “einfach mal so” schafft, alleine aus diesem furchtbaren Schweige-Gefängnis auszubrechen.
Selektiver Mutismus – das ist etwas, was niemand wirklich greifen kann. Es gibt viel zu wenig Untersuchungen, zu wenig Studien, wann es wie und warum ausbricht, wann es wieder weg geht und wie es überwunden werden kann.
In den Kindergärten und Schulen ist es kaum bekannt, mit Autismus wird es oft verwechselt und selbst Sprachheilschulen, Psychologen und Schulämter sind noch nicht wirklich mit dem selektiven Mutismus vertraut.
Das ist ein Grund, warum ich darüber schreibe.

Ein großartiges Mädchen

Unsere Tochter ist ein echt goldiges Kind. Ich weiss, alle Kinder sind das für ihre Eltern.
Trotzdem muss ich sie wirklich loben. Sie ist ein sehr autonomes Kind, freiheitsliebend und sehr bestrebt nach Selbstbestimmung.
Kreativ und erfinderisch ist sie, hat eine schnelle Auffassungsgabe, ist wissbegierig und ehrgeizig. Natürlich ist das auch wahnsinnig anstrengend, denn bei uns gibt es diese Dogmen a´la “Du musst das jetzt tun, weil ich es so sage” nicht. Wir begleiten sie und formen sie, aber “erziehen” sie nicht.
Es ist manchmal schwierig und kostet viel Kraft, mit dieser Einstellung durch die Welt zu gehen.
Schließlich wurde ich selbst nicht gerade nach Montessori-Ansatz erzogen.
In meiner eigenen Kindheit gab es Ohrfeigen, wenn man zu frech war.
Doch ich diskutiere vieles mit meiner Tochter aus.
Natürlich bin ich trotz allem nicht ihre beste Freundin, es gibt Regeln, an die sich alle halten müssen.
Wir sind nicht antiautoritär eingestellt.
Jedoch wir sind als Eltern beide der Meinung, Kinder brauchen Raum, um sich zu entfalten, um ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Dazu gehört auch Meinungsbildung, Grenzen austesten und den Willen durchsetzen – wie bei jedem anderen Kind auch.
Sie darf altersgerecht schon einige Entscheidungen alleine fällen.
Wenn unsere Maus mit strahlenden Augen in den Hort geht, dann freue ich mich mit ihr mit.
Es ist für sie eine ureigenste Wahl, wie gesagt. Sie macht das freiwillig.
Und dann muss sie das über sich ergehen lassen wie heute morgen.

Sag´mir, welche Klasse du bist

Wir haben gestern acht Eier ausgeblasen, weil heute das Bemalen im Hort ansteht.
Ich betone die Zahl deshalb, weil unsere Tochter darauf bestand. Sie wollte vorsichtshalber für andere Kinder Eier mitnehmen, falls noch welche gebraucht werden.
Das ist so zuckersüss, dass mir in den Momenten mein Herz aufgeht. Ich finde es einfach schön, auch an andere zu denken und bin ziemlich stolz auf unsere Siebenjährige.
Wir betreten also den Hortraum und melden uns bei einer Hortnerin.
Ich muss euch dazu noch ein bisschen was erklären!
Nun, ich schrieb vorhin, dass alle Hortner/innen sehr nett und aufgeschlossen dem Mäusel gegenüber sind.
Sie stellen ihr geschlossene Fragen, damit sie nicken oder mit dem Kopf schütteln kann und haben auch Dienstbesprechungen, bei denen es unter anderem um den Umgang mit mutistischen Kindern geht.
Unsere Tochter ist sehr weit.
Sie erstarrt nicht mehr und bewegt sich frei und locker.
Sie lässt Berührungen durch ihre vertraute Hortnerin zu, lächelt andere an, spricht mit der Ergotherapeutin und etlichen Nachbarn, flüstert bereits mit der engagierten Schulleiterin unserer Grundschule und mit ihrer Klassenlehrerin.
Sie geht große, riesengroße Schritte, lernt Gedichte und sagt sie im Nebenraum ihrer Lehrerin auf, sie singt mit, meldet sich im Unterricht – dieses Mädchen ist toll und ich ziehe den Hut vor ihr.
Denn es ist alles andere als einfach, so eine Sprechblockade zu überwinden.
Es ist oft willentlich in den ersten Lebensjahren ohne therapeutische Hilfe nicht einmal möglich, diese Bewegungsstarre selbst aufzulösen.
Ja, ich habe Respekt vor unserer Maus, sie hat so viele Freunde in ihrer Klasse gefunden, obwohl sich manche Kinder über sie lustig gemacht haben und hat einfach jede Menge Anerkennung verdient.
Wisst ihr, ich komme aus der Medienbranche.
Ich plappere wie ein Wasserfall, bin kommunikativ und unterhaltsam.
So ist die Maus auch im vertrauten Umfeld.
Und doch hat sie eine Hemmung, die ich trotz Empathiefähigkeit nicht verstehen kann.
Trotzdem ist sie so schrecklich stark und mutig, damit umzugehen.
Mit sieben Jahren ist so ein Schicksal kein Pappenstiel!
Aber Hallo! Redet mal einen Tag lang nicht, obwohl ihr ganz viel angesprochen werdet!
Stellt euch diese unangenehmen Situationen vor, in denen man dann steckt.
Es ist ja auch peinlich. Vor allem, wenn man so gerne antworten würde! Wenn man könnte!
Als sie zwischen drei und vier Jahre alt war, und das Schweigen mit Eintritt in den Kindergarten bereits ausgebrochen war, hatte sie ja einen Gruppenwechsel und vier Erzieherwechsel in einem halben Jahr.
Es gibt dazu mehrere Blogbeiträge.
Eine dieser Erzieherinnen war ziemlich unsanft zu ihr und konnte nicht verstehen, was es heisst, selektiven Mutismus zu haben. Damals war unser Mädchen gerade eins, zwei Monate in einer Mutismustherapie.
Sie machte große Fortschritte, aber leider auch immer wieder Rückschritte und wir konnten uns nicht erklären, warum.
Heute wissen wir, dass die Erzieherin sie immer wieder auf ihre Schwäche, ihr Nicht-Sprechen reduzierte.
Das, was mir mein Bauchgefühl damals schon verriet, wurde später durch die Schilderungen unseres Kindes bestätigt.
Denn als der damalige Kindergartenwechsel endlich vollzogen war und es ihr seelisch erheblich besser ging, öffnete sie sich auch uns gegenüber wieder mehr und verarbeitete die einstigen Situationen.
Im neuen Kindergarten lebte sie sich gut ein.
Doch mit Schulbeginn bekamen wir alle einen riesigen Schock.
Die einstige Kindergärtnerin war nun Hortnerin.
Wenigstens bekam sie eine andere Klasse, was uns aufatmen ließ.
Im Ferienhort haben die zwei aber oft zwangsläufig miteinander zu tun.
So durfte unser Kind nicht auf die Toilette gehen, wenn sie es nicht sagte, sie bekam nichts mehr zu trinken und keinen Nachschlag beim Essen.
Wo immer diese Hortnerin ist, will sie unsere Tochter zum Reden bringen.
Sie ist eindeutig beratungsresistent trotz der Bemühungen von Hort und Schule, mit einem mutistischen Kind umgehen zu lernen und wie gesagt auch die Mitarbeiter darauf zu coachen.
Heute kommen wir also in den Hortraum, ich sagte guten Morgen und die gute Frau ist so unanständig und unhöflich, nicht einmal den Kopf zu heben.
Sie mag mich nicht und meine Tochter nicht, hoffentlich mag sie wenigstens sich selbst und ihr Leben.
Dann sagte sie in einem strengen und schnippischen Ton zu unserem Kind “In welche Klasse gehst du? und unsere Tochter antwortete mir leise. Es kam gar nichts zurück und ich fragte Sie: “Haben Sie es gehört?”
“Nein, habe ich nicht!” erwiderte sie äußerst arrogant und von oben herab. Ob ich mir das geben muss, ist so die eine Frage. Jedoch Eltern schlucken viel herunter.

Man kann mit ihr nicht reden!

Sie kennt uns schon so lange und auch den selektiven Mutismus unseres Kindes, dass ich davon ausgehen muss, hier ist keine Kooperationsbereitschaft erkennbar. Ganz ehrlich, womit hat ein siebenjähriges Mädchen das verdient, so schlecht behandelt zu werden? Was hat das Mädel ihr getan?
Warum darf so eine Frau mit unserem Kind und auch mir so umgehen? Welches Recht hat sie und wie kommt sie in ihrer eigenen verschrobenen Welt klar?
Ja, das darf ruhig jeder lesen.
Unsere Tochter ist durch diese Frau immer wieder erneut eingeschüchtert und es wundert mich überhaupt nicht, dass sie damals im Kindergarten 1 solche Rückschritte machte.
Solche Diskussionen bin ich mittlerweile leid, auf derartig unhöfliche Menschen auch noch zugehen zu müssen und mit denen über ihr Problem zu reden!
Nein, das war einmal, es bringt hier nichts. Ich sehe auch keinen Sinn darin!
Unser Kind macht das nicht mit Absicht, zum hunderttausendsten Male!
Es sind außerdem ihre Ferien, die sie ganz einfach genießen möchte! Freiwillig!
Das tut mir im Herzen weh, wie schnell ihr Strahlen aus den Augen verschwunden war und sie fast komplett erstarrte!
Nein, das kann absolut kein Zufall sein!
Die einzige Rettung war ihre vertraute Hortnerin, die unser Kind so nimmt, wie es ist und natürlic hauch alle anderen Kinder. Sie ist einfach super klasse und ich bin wirklich froh, dass sie heute im Ferienhort ist.
Wisst ihr, wie man sich als Mutter fühlt, wenn man sein Kind in so einer Situation mit so einer verständnislosen Erzieherin hätte lassen müssen?
Ich rege mich immernoch auf! Es ist dermaßen schlimm für uns Eltern, dass unser Kind das alles aushalten und durchmachen muss. Mit einem dicken Kloß im Hals und einem Knoten im Bauch sitze ich hier und schreibe diesen Artikel.
Ihr glaubt gar nicht, wie ich mit den Tränen kämpfe.
Diese Frau kann mit so einem Verhalten alles kaputt machen, was in der letzten Zeit therapeutisch aufgebaut wurde.
Doch was soll ich noch tun, außer das Thema öffentlich zu machen und andere Menschen für den selektiven Mutismus zu sensibilisieren?
Uns sind als Eltern immer die Hände gebunden, es gibt so schrecklic hwenig bis keine Alternativen. Es ist Willkür und fühlt sich schlecht an.
Bloß gut, dass diese Frau nicht die reguläre Hortnerin unserer Tochter ist.
Übrigens – abgesehen davon, dass die Dame und wir eine gemeinsame Geschichte haben und andere sie wahrscheinlich “nett” finden: Das, was sie tut, entspricht auch nicht den Richtlinien einer vernünftigen Inklusion.
Das ist aber einen neuen Beitrag wert.
Für heute bin ich froh, dass Mäusel´s ganz doll liebe Hortnerin da ist und außerdem ihre beste Freundin.
Damit die Ferien und das Ostereier bemalen einfach Spaß und Freude bereiten!

Zurück bleiben die Verzweiflung, die Wut und die unendliche Traurigkeit. Solche Menschen sollten nicht mit Kindern arbeiten.

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Nachteilsausgleiche in Sachsen. Nur über den sonderpädagogischen Förderbedarf.

Lesezeit: 6 Minuten

Eine sehr gute Schülerin kommt freudestrahlend nach Hause. Sie hat wieder eine Eins geschrieben, dieses Mal in Mathe. Es gab auch eine Zwei im Lesen. Keine Eins deshalb, weil sie zu leise gelesen hat. “Wenn du lauter liest, bekommst du sie” ermuntert sie die Lehrerin.
Unsere Maus ist damit zufrieden. Sie wurde von uns dazu ermuntert, ihr Bestmöglichstes zu geben und das tut sie. Sie flüstert mit drei Lehrerinnen und redet mit nahezu allen Erwachsenen in unserem privaten Umfeld. Auch mit ihrer Ergotherapeutin hat sie es schon längst geschafft zu sprechen.
Seit gut einem Jahr kämpft sich eine schlaue, sensible kleine Persönlichkeit durch den Schulalltag und ihr Leben.
Sie nickt und schüttelt den Kopf, wo sie es (noch) nicht schafft, zu antworten und meistens reagiert das Umfeld mit Verständnis.

Sie ist eben schüchtern. Punkt.

Wir wissen es besser. Unser Kind ist nicht schüchtern. Sie leidet seit Kindergarteneintritt an selektivem Mutismus. Das bedeutet, dass diese Kinder bei manchem Gegenüber ihre Sprache regelrecht verlieren. Mehr dazu kannst du auch hier nachlesen.
Dabei ist das “Nicht-Sprechen-Können” nur ein Symptom. Andere Symptome können sein, dass Kinder in Kindergarten oder Schule nicht auf die Toilette gehen, dass sie nicht vor anderen essen, dass sie selbst Angst haben zu schreiben oder zu malen, dass sie körperlich erstarren und sich vor Angststarre nicht mehr bewegen und dass sie nicht mitsingen.
Im Sportunterricht, im Fach Kunst oder beim Schwimmen kann das natürlich in einer Katastrophe enden.
Das ist bei unserem Kind alles anders. Sie ist ein fröhlicher, selbstbewusster und offener Mensch, eine gute Schülerin mit schneller Auffassungsgabe und sie redet mit ihren Mitschülern. Unsere Maus kann Freundschaften schließen, ihre Meinung sagen, sogar vorlesen und Gedichte aufsagen. Nur ist das eben (noch) sehr leise.
Sie gehört aus unserer Sicht definitiv an keine Förderschule. An welche auch?

Selektiver Mutismus und Sprachheilschule

An unsere Schule gehört sie nicht, sagt die Sprachheilschule Leipzig. Sie hat keinerlei sprachliche Defizite. Im Gegenteil. Unser kleines Persönchen ist verbal ganz gut bewandert.
Für ihre sieben Jahre zeichnet sie sich durch ein sehr ausgeklügeltes Sprachtalent aus. Auch der sehr bestimmende Tonfall lässt keine Wünsche an einer mit den Eltern über Grenzen und Kompromisse verhandelnden Siebenjährigen offen. Was für ein Satz. 😉 Im Klartext: Sie kann sich gut ausdrücken und hat einen ausgeprägten Wortschatz.
So ein Kind gehört auf keine Sprachheilschule.
Das Problem liegt darin, dass der selektive Mutismus in der “Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme” (kurz ICD-Diagnoseschlüssel) unter Sprach- und Entwicklungsverzögerungen steht. (So auch in Deutschland)
Nach amerikanischem “Diagnostischem und statistischem Leitfaden psychischer Störungen” (kurz DSM) steht der selektive Mutismus unter der Rubrik Angststörung.
Nun ist es in Sachsen, aber auch bundesweit so: Sprachliche Störungen – Sprachheilschule.
Psychische Störungen – Förderschule für Kinder mit psychischen Erkrankungen.
Hin und wieder erklären sich auch allgemeine Grundschulen bereit, “solche” Kinder zu unterrichten.

“Solche Kinder” wie unser Kind.

Zu keinem Zeitpunkt haben wir unser Kind als behindert angesehen. Bei ihr ist zu beobachten, dass sie eine sichere, vertrauensvolle Bindung zu den Bezugspersonen aufbauen können muss. Das allein scheint jedoch schon ein sehr großes Problem zu sein. „Ich möchte zu keinem der Schüler eine intensive Bindung aufbauen” tönt es von Lehrerseite. „Sie sollen selbstständig sein und sich an den Mitschülern orientieren.“
Okay, das ist eine Einstellungssache. Was heißt überhaupt “intensive Bindung”?
Dasselbe hörten wir damals, als sie drei war, schon im Kindergarten als Argument. Kinder sollen sich an anderen Kindern orientieren. Offenbar kommen die meisten Kinder damit auch super klar. Nur “solche Kinder” wie unsere Maus kam eben ganz und gar nicht damit klar…
“Sie hat eine sehr gute sichere Bindung an Sie”, wurde uns durch eine Therapeutin bestätigt. Im Grunde genommen kam heraus, dass die Eltern-Kind-Bindung stabil, stark und sicher ist, die Bindung durch fremde Personen dagegen für das Kind irgendwann eine Art Sicherheitsrisiko darstellte.
Für uns war das bei den gegebenen Umständen kein Wunder. Sie hätte eine vertrauensvolle Bindung gebraucht, verstärkt dadurch, dass sie kein Krippenkind war.
Doch ich will hier niemanden als Schuldigen suchen. Wie gesagt, bricht ja so ein Schweigen nicht bei allen Kindern aus.

Nachteilsausgleiche darf die Schule nicht einfach so vergeben

Nun ist unsere Tochter gesetzlich als behindert eingestuft worden. Das Flüstern des einen Gedichts vor der Klasse und das etwas lautere Vortragen eines anderen Gedichts in einem gesonderten Raum (was auch sehr gut klappt) benötigt die Beantragung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs. In dem Moment wird eine leistungsstarke Schülerin mit einer schnellen Auffassungsgabe zum Integrationskind. Sie wird zu einem Kind mit Handicap. Behindert. Anders.
Die Schule darf nicht von selbst entscheiden, inwieweit die Benotung eines solchen Kindes im Mündlichen stattfindet, wurde uns gesagt.
Wir brauchen die Diagnose “selektiver Mutismus” und dann müssen wir den Förderbedarf beantragen, wurde erklärt. Ansonsten gäbe es mit der Benotung ab Klasse zwei im mündlichen Bereich große Schwierigkeiten.
Nun gut. Wir haben das stärkste Kind der Welt.
Nachdem eine Hortnerin sie fast einpullern ließ, als sie anzeigte, dass sie mal musste ( Musst du aufs Klo? Dann sage es!”), hat sich unser Kind ein paar ganz gute Strategien zurechtgelegt, um klarzukommen. Sie ist gewieft und kreativ, wenn es um Lösungen geht. Nicht alle Kinder in ihrem Alter sind so selbstständig. Das darf mein stolzes Mutterherz ruhig schreiben.Die Hortnerin kannte übrigens das Problem unseres Kindes. Sie kannte sogar unser Kind sehr gut, weil sie früher ihre Gruppenerzieherin im Kindergarten war. Manchmal spielt das Leben schon unfair.

Also los zum Leistungserkennungstest

Schweren Herzens war der Moment gekommen, wo wir unserer Maus davon erzählen mussten, dass sie nur “vielleicht” an ihrer Grundschule bleiben darf, dass ihr Schweigen eben nun mal nicht das ist, was alle Kinder machen. “Logisch, die antworten ja”, das war ihr schon klar.
“Ich bin sowieso doof, Mama”, war ihre erste Reaktion. “Weil ich nicht mit den Lehrern rede.”
„Nein, du bist eine ganz Schlaue und du hast es weit gebracht” habe ich ihr geantwortet. “Bald hast du es überwunden, es geht nur darum, dass auch die Lehrerin darüber Bescheid weiß. Deshalb fahren wir nach Leipzig zur Sprachheilschule und machen diesen Test.”
Es war furchtbar für mich. Sie ist ein ganz normales Kind. Sie hat es wirklich fast geschafft. Viele Kinder mit dieser Eigenart trauen sich noch nicht so viel. Diese Eigenart, die nun eine Krankheit ist.
Unsere Kämpferin hat mir zu 100% vertraut und ich bin darauf so stolz. Sie ist mit mir zu diesem Test gefahren, der von um acht bis mindesten zum Mittag gehen sollte und war nach zwei Stunden fertig, ohne großartige Fehler.
“Sehr schnelle Ausführung, sauber und ordentlich” stand unter dem Test.
Nun liegt er wahrscheinlich schon bei der sächsischen Bildungsagentur in der Mappe mit unserem Antrag für sonderpädagogischen Förderbedarf.

Zwei Stunden die Woche werden wahrscheinlich als Förderung genehmigt.

Eine Schulbegleitung benötigen wir nicht.
An der Grundschule darf sie höchstwahrscheinlich netterweise bleiben.
Ich muss dazu sagen, dass wir aufgrund glücklicher Umstände recht glimpflich davonkommen.
Wir haben eine sehr engagierte Schulleiterin, die auch mit der Sprachheilschule Rücksprache gehalten hat, wohin unser Kind denn nun gehört.
Wir haben die Leiterin dieser Sprachheilschule, die sich mit selektiv mutistischen Kindern auskennt und weiß, dass diese Kinder nicht auf eine Sprachheilschule gehören.
Wir haben eine sehr kompetente Ergotherapeutin, die direkt in der Schule vor Ort ist und uns tatkräftig unterstützt.
Wir haben eine Klassenlehrerin, die das Potential unserer Maus sieht. Sie bemüht sich, bei 27 Kindern in der Klasse dem selektiven Mutismus gerecht zu werden und wartet sehnsüchtig auf die Genehmigung des Förderbedarfs.
Wir haben im Landkreis eine sehr nette Schulpsychologin, die uns unterstützt hat und der Lehrerin sehr gute Tipps mit auf den Weg geben konnte.
Und wir haben die netteste und verständnisvollste Hortnerin der Welt.
Wir haben eine sehr starke Tochter, sind eine intakte Familie mit Geborgenheitsgarantie und sozial gut eingebunden. Die Verwandtschaft nimmt unser Kind im Großen und Ganzen wie sie ist.
So ist es Weihnachten passiert, dass sie halb flüsternd, halb redend ein Weihnachtsgedicht vor dem Weihnachtsmann aufgesagt hat.

Das macht uns alle wahnsinnig stolz.

Doch Inklusion, ihr Lieben, Inklusion sieht trotzdem anders aus!
Inklusion bedeutet für mich, dass unser Kind nicht auf seine Schwächen aufmerksam gemacht wird, sondern ihre Stärken gefördert werden. Es heißt, dass sie nicht mal ansatzweise einen Stempel auf der Stirn spüren muss. Dass sie eine Eins bekommt, wenn sie redet und dass die Schule sofort und angemessen einen Nachteilsausgleich anbieten kann. Ohne großartige Bürokratie.

Weiter so, kleine Maus, du schaffst das!

 

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