Ich blogge, also bin ich. Die besten Geschichten schreibt das Leben.

 
Lesezeit: 4 Minuten

Herbst 2013.
Unsere Maus ist nun mittlerweile drei Monate im Kindergarten. Und es geht ihr damit einfach nicht gut.
Wie ich in meinem ersten Beitrag schon schrieb, hatten wir ein paar Tage Eingewöhnung im Sommer mit harter Trennung nach einem Tag und stundenweiser Betreuung, die sich schmerzvoll eingebrannt hat in die Tiefe meines Herzens.
Unser Kind weinte und schrie, als ich weggeschickt wurde und ich wollte das einfach alles nicht.
Sie streckte ihre kleinen Ärmchen nach mir aus und wollte, dass ich sie begleite, bis sie sicher geworden ist in der fremden Umgebung.
Doch die Erzieherin nahm sie mir einfach weg und ich redete meinem Kind immer wieder gut zu, in der Annahme, das müsse so sein.
Ich wollte das Richtige tun, sie von mir abnabeln, sie “loslassen”, weil das gefordert wurde. Es täte ihrer Entwicklung gut, von der Mama weg zu sein, unter Kinder zu kommen – wegen der guten Sozialisierung, hieß es.
Bindungstheorie? Aber bitte, natürlich gilt das nur für Krippenkinder, die noch ganz klein sind. Das ist es etwas anderes mit der Eingewöhnung, aber doch nicht mehr im Kindergarten mit drei Jahren.

“Ich versichere Ihnen, das Mäusel hört dann gleich auf zu weinen und spielt seelenruhig mit den anderen Kindern. Es ist ja auch nur für eine Stunde,”

hieß es.
Also blieb ich damls draußen vor dem Kindergarten sitzen, wo sie mich nicht sehen konnten.
Ich hatte mir etwas zum Lesen mitgenommen und es ging mir etwas besser. Vielleicht stimmte es ja und ich musste einfach nur Loslassen. Dieses Wort…
Bis eine Mutti vorbei kam und mir erzählte, mein Kind sitzt in der Ecke auf einem Stuhl und weint die ganze Zeit. Andere Kinder (!) versuchten, sie zu trösten. Doch sie war traurig. Ich glaube, in ihr zerbrach etwas in jenem Moment.

Nun war die Eingewöhnung mittlerweile also drei Monater her.

Wir hatten einen langen dreiwöchigen Urlaub gemacht und im Urlaub war unsere Tochter wieder ganz die Alte.
Nur ging sie nicht mehr zu Oma und Opa, sie wollte überall dabei sein und ließ uns nicht aus den Augen. Kam jemand auf sie zu, drehte sie sich weg und kuschelte sich ganz eng an mich oder meinen Mann.
Sie redete mit niemand anderem außer uns mehr. Jedoch ihre Wutausbrüche und die Weinerlichkeit waren verschwunden. Endlich hörten wir sie wieder lachen.
Und wir hörten sie wie nie zuvor in der Nacht schluchzen, als es wieder losgehen sollte in den Kindergarten.
Frühmorgens saß ich noch mit ihr am Frühstückstisch und sie klatschte in ihre süßen, kleinen Hände.
Dabei strahlte sie mich an und sagte MAR-ME-LA-DE.
Zuerst machte ich mit, weil ich dachte dass sei ein Spiel und lachte sie an. Da wurde sie plötzlich total böse und schlug mich. Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen schossen.

“Ich muss das jetzt schaffen”

sagte sie.

“Frau X will dass ich das auch gut kann. Nur große Kinder können das gut.”

“Was denn schaffen mein Schatz?”

“Sildenklatschen.”

“Was?”

“Das ist SILDENKLATSCHEN!”

Sie klatschte noch mehrmals MAR-ME-LADE. Doch dann klatschte sie ihren Vornamen.
Silben klatschen, jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Oh mein Gott, sie lernt für die Erzieherin, die mindestens acht Vorschüler in der Gruppe hatte, damit der das gefällt!
Eine dreijährige kleine zerbrochene Maus, die sich nun gefühlsmäßig komplett an diese Erzieherin X hängte.
Meine Tochter, die mich schlug und offensichtlich einen ganz großen Loyalitätskonflikt hatte!
Nun hatte ich sie ihr Alltagsprogramm Kindergarten hochgefahren und das beeinhaltete Silbenklatschen.
Ich war wütend und wollte es gleich beim Hinbringen im Kindergarten ansprechen. Die Erzieherin war wie immer sehr nett, scheinbar hielt sie große Stücke auf mich.

“Ach das macht sie? Wie süss! Hier machte sie vor Ihrem Urlaub ja gar nichts mit. Braucht sie ja auch nicht. Sie ist ja noch viel zu klein!”

“Was macht sie denn dann in der Zeit des Silbenklatschens?”

“Sie sitzt auf einem Stuhl und schaut den Großen zu!”

erwiderte die Frau freundlich und ich fragte mich, ob ich irgendwie im falschen Film bin!

“Sie kann doch in der Zeit etwas anderes machen, schneiden oder basteln oder….”

“Aber Frau Schubert, dass schafft sie doch noch gar nicht allein, sie ist doch noch viel zu klein dafür! Schere wird erst mit vier Jahren benutzt.”

Sprach die Frau da von unserem Kind? Die alleine zuhause Kunstwerke bastelte, Fische ausschnitt und aufklebte?
Unsere Maus ging schleichend durch die Tür und blieb im Raum stehen.

“Sag der Mama Tschüß! Bis heute Mittag”

Tür zu, Affe tot.
Ich ging ganz ganz schnellen Schrittes aus dem Kindergarten, mein Herz pochte bis zum Hals und ich hatte Angst, mein Kopf explodiert. Schweißausbrüche. Mir wurde schlecht. Ich war tieftraurig, mein Bauch schmerzte. Doch Tränen blieben aus, bis ich den Kilometer nach Hause gelaufen war.
Ich hatte als Mutter versagt. Weder die Loslösung funktionierte, noch dass mein Kind sich dort wohl fühlte.
Alles riesengroßer Mist, von hinten bis vorne.
Ich fühlte mich schlecht.

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Die Königin des [ostdeutschen] Alltags schreibt hier sozialkritisch, parteiunabhängig, humorvoll, nachdenklich zu sehr vielen Themen mit Blick auf den Alltag in den neuen Bundesländern und die Aufarbeitung der geschichtlichen Vergangenheit. Außerdem geht es um Morbus Crohn, selektiven Mutismus, Familienalltag, Lifestyle und Gesundheit, Kreatives und Querdenken.

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