Von Flucht und Einsamkeit

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Viele Menschen sind irgendwie so anders

Es kommt einem vor, als wäre man der einzige Mensch auf der Welt, dem genau diese viel zu hektisch und laut ist, zu kalt und zu hart, zu egoistisch und rücksichtslos.

Entweder redet niemand darüber, wie es ihm wirklich geht oder es gibt Sensibelchen wie mich, die tatsächlich irgendwie anders wahrnehmen. Vieles ist furchtbar belastend.

Nicht nach seinem Rhythmus leben zu können, ist beispielsweise eine belastende Sache. Mensch, Mädchen – höre ich innerlich eine Stimme tönen – in welchem Zauberland lebst du denn? Eigener Rhythmus..ha..ha – wie soll das gehen?

Natürlich weiß ich, dass es so gut wie unmöglich ist, würden in einer Gesellschaft alle Menschen ihren ureigensten Bedürfnissen nachgehen. Selbst in einer kleinen Familie sind Unterschiede zwischen den Eltern schon ein Jonglieren mit Kompromissen, wie soll das dann mit Hunderttausenden funktionieren?

Dennoch ist alleine die Sommer-Winterzeit-Umstellung eine arge Belastung für mich. Mein Körper spielt wochenlang verrückt, die Seele auch. Viele dieser „vernünftigen“ Regelungen machen einfach den Körper krank. Und garantiert nicht nur meinen! Dazu muß es doch Studien geben. Es muß doch jemanden interessieren, daß wir absolut naturabgewandt leben.

Wir Menschen sind ein Teil der Natur

Selbstverständlich reagieren wir auf Naturereignisse, was nehmen wir uns denn heraus, das zu verleugnen? Eine neue Spezies hat sich ja wohl noch nicht entwickelt.Wir haben unseren Ursprung nicht im technisierten Hochhaus mit Klimaanlage, nicht im Straßenlärm und nicht in einer neuronalen Umschaltung des Gehirns durch Frequenzen aus Handy, Fernsehen oder Computer.

Unsere Gehirne sind evolutionstechnisch gesehen nicht auf dem neuesten Stand

Immer mehr Menschen leiden an einer Reizüberflutung und nicht umsonst wächst die Zahl der Schreibabys, denen nicht einmal zugestanden wird, wieviel Streß sie oft bereits in der Geburtsstunde durchleben müssen. In manchen Krankenhäusern nehmen Babys, wenn sie auf die Welt kommen, ein grelles Licht wahr und viele Stimmen. Aber der vertraute, beruhigende Duft der Mutter fehlt dafür. Davon will niemand etwas wissen, obwohl die Fakten zum Urvertrauen längst bekannt sind.

Unsere Gehirne sind viel zu alt und träge für die rasanten Veränderungen um uns herum. Man könnte fast sagen, die Evolution hinkt hinterher. Die vielen Geräusche, Farben, Eindrücke – aber auch die zwischenmenschlichen Berührungen befinden sich zur Zeit in einem stetigen Wechsel. Da kann so ein uraltes Gehirn schon einmal durcheinander kommen.

Seelisch ist nicht psychisch

Psychologische Therapien werden groß geschrieben, und je sensibler ein Mensch ist, desto eher rückt er mit seinem Verhalten in Richtung „Störung“. Wenigstens als „anders sein“ könnte es doch umschrieben werden, wenn die Hemmschwelle höher ist, die Vorsicht größer, die Schmerzempfindlichkeit um einiges spürbarer.

Körper, Geist und Seele spielen zusammen und doch benötigen viele sensible Menschen keine Psychotherapie, sondern eine Wohltat für die Seele. Die besteht nicht für jeden daraus, mit vielen Menschen etwas zu unternehmen, sich regelmäßig zu treffen, möglichst noch in einer lauten Geräuschkulisse. Das tut nämlich nicht nur den Ohren weh, sondern schwächt auch die Konzentration, macht müde und gereizt.

Manche Menschen mögen lieber nur mit Einzelnen reden

Sie sitzen vielleicht auch am liebsten stundenlang einsam auf ihrer Bank inmitten von Rosen, Sonnenschein und Vogelgezwitscher. Sie malen, dichten oder träumen einfach nur und brauchen keine laute Welt um sich herum. Und nein: Sie haben deswegen nicht automatisch eine Tendenz zum Autismus, sind nicht psychisch belastet oder traumatisiert, haben keine Impuls – Regulations – Störung, neigen nicht zu Depressionen und sind auch nicht sentimental, schwach oder mitleiderregend. Im Gegenteil: Mir persönlich leben sie am gesündesten.

Vielleicht leben sie – die, um die es hier geht – einfach im Einklang mit sich selbst und der Natur. Es ist nicht immer eine freiwillige Einsamkeit, aber es ist auch nichts, was sehr unglücklich macht.

Wir haben so viele lustige Entertainer, die uns den ganzen Tag unterhalten

Die ganze Gesellschaft ist auf höher, schneller, weiter gepolt und viele Zivilisationskrankheiten resultieren aus einer Art subtilem Streß. Einmal dem von außen und einmal dem von innen.

Geräusche, Gerüche, Farben und Wahrnehmungen „zwischen den Zeilen“ sind für jeden Menschen anders zu ertragen. Die einen halten mit und die anderen werden krank.

Doch wo steht denn, daß die, die augenscheinlich mithalten, auch gesünder leben? Sie flüchten nicht aus dieser lauten Welt, weil sie sich selber nicht mehr spüren (können). Sie ignorieren die ersten Anzeichen, wenn der Körper streikt und schwimmen immer weiter mit im Hektik-Strom.

Bis der erste Herzinfarkt naht…

Man sagt ja immer, es gibt Lungen-, Herz- oder Darmmenschen. Jedes Organ hat seine Funktion und so manchem bleibt heutzutage einfach „die Luft zum Atmen weg“, man hat irgendetwas „noch nicht verdaut“ und es ging einem etwas „sehr zu Herzen“. Diese Andeutungen kommen nicht von ungefähr. Hochsensible sind oft auch körperfühlig, dennoch könnte es sein, dass sie eher einen Weg finden, um fit und gesund zu sein – wenn sie nicht als Kinder schon dazu gezwungen werden, sich mit Ellenbogen durchsetzen zu müssen, laut zu sein, sich nichts gefallen zu lassen, andere zu hänseln und zu zeigen, was sie können.

Hochsensible Menschen können icht anders sein als sie eben sind – man würde ihren Kern, ihre sich entwickelnde Persönlichkeit zerstören und sie in ein sehr ungesundes Schema pressen.

Auf keinen Fall in sich zurückgezogen, verträumt und zurückhaltend

Allein sein wollen, nicht so viel reden und seiner eigens ausgewählten Tätigkeit nachgehen? Das ist für viele tatsächlich mitleiderregend. Es gibt Menschen, die einfach nicht verstehen können, dass sensibel einfach nicht mit schwach gleichzusetzen ist. Schüchterne Menschen sind gar nicht immer schüchtern – sondern oft einfach zurückhaltend.

Sie sind weder willensschwach noch unsicher, im Gegenteil. Ihre Kraft ziehen sie nicht aus dem Außen, sondern dem Innen! Sie benötigen wenig Interaktion mit anderen, brauchen selten Rückversicherung, dass sie „gut“ sind und gehen selbstbewusst und zielstrebig an zu erfüllende Aufgaben an.

Dennoch werden diese stillen, starken Menschen – die keinen oberflächlichen small talk mögen und sehr analytisch denken – immer wieder bewusst oder unbewusst diskriminiert, in Schubladen gesteckt, total fehleingeschätzt und wenn es sehr schlimm kommt, gar unterschätzt.

Eltern erziehen ihre Kinder zu kleinen Rabauken aus der angst heraus, sie könnten sonst „untergehen“, „zu leise sein“ oder sich nicht durchsetzen können.

Diese Angst, nicht zu den vermeintlich Stärksten zu gehören, ist eine absolute Schwäche. Es ist charakterlos und treibt die Gesellschaft immer weiter in einen Mythos – nämlich den, dass Stärke mit „Laut sein“, „Präsent sein“ zu tun hat. ( da kommen natürlich noch andere Faktoren hinzu, wie schön sein, klug sein, schlank sein, gesund sein, jung sein usw.)

Ich wünsche mir für alle zurückhaltenden, starken Menschen dieser Welt, daß sie so bleiben, wie sie sind – sensibel und stark! Dann bekommen die Begriffe Flucht und Einsamkeit eine ganz andere Bedeutung!

Flucht ist manchmal notwenig und Einsamkeit kann hin und wieder sehr angenehm sein!

 

 

 

 

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1 comment

  1. Es heißt anders sein und es bedeutet, die Nadel in den Heuhafen fallen zu hören; Dinge zu sehen, die andere nicht wahrnehmen, Stimmungen aufzusaugen, die viele nicht fuehlen und Unehrlichkeit zu riechen wenn andere schon längst reingefallen sind

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