Wenn Kindergartenkinder in die Grundschule umziehen sollen. Das unausgereifte Konzept.

 
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Stellt euch vor, in eurem Ort gibt es einen Kindergarten, der zu wenig Kindergartenplätze zur Verfügung hat.
Deshalb kommt die Gemeinde auf eine ganz besondere Idee:
Alle Vorschulkinder werden schon ein halbes Jahr vor Schuleintritt in die Räume der Grundschule ausgelagert, damit im Kindergarten wieder mehr Platz für Neuzugang ist.
Das klingt unwahrscheinlich in euren Ohren?
Leider soll genau das ab Januar 2019 geschehen – in dem Ort, in dem ich lebe.

Geplante Umstrukturierungen in der Kita
Seit Monaten ist bekannt, dass einige Gemeinden im Leipziger Land keine Kindergartenplätze mehr zur Verfügung haben (werden). Davor warnte schon jüngst das hiesige Jugendamt und appellierte an die Gemeinden, für die Schaffung zusätzlicher Kita-Plätze zu sorgen. Eine Klagewelle von Eltern könnte anrollen.
Und so dachte sich die Gemeinde Machern, dass eine Auslagerung der Vorschulgruppen aus der Kita Knirpsenhaus in die Grundschule Machern ab Januar 2019 wohl ein sehr ausgereiftes Konzept sei.
Der aktuelle stellvertretende Bürgermeister sieht der geplanten Auslagerung der Kindergartenkinder in die Räumlichkeiten der Grundschule mit großem Optimismus entgegen.
Zitat:

…„So müssen wir dringend beim Thema Kita vorankommen. Hier wollen wir übergangsweise Plätze in der Grundschule schaffen und erhoffen uns unter anderem in diesem Punkt, endlich voranzukommen.“…

Quelle: Zeitungsartikel der LVZ
Dafür können manche Eltern seit dem 12. September 2018, dem Tag, als bei einem Elternabend über diese geplante Umstrukturierung informiert wurde, nicht mehr ruhig schlafen.

Wie ein Knoten im Bauch
Die Eltern der Vorschulkinder wurden zu der Zeit “nur” informiert und nicht mit in die Entscheidung einbezogen.
Der Vorschlag klang wahrscheinlich auch so abstrus, dass er zuerst mit Schrecken aufgenommen wurde und eine Art Schockstarre auslöste.
Doch jetzt regt sich hier der Elternprotest.
Schule soll etwas Schönes sein, die Kinder im letzten Kita-Jahr sind ja doch sehr aufgeregt, was sie bald erwartet.
Im Sommer 2019 sollen sie eingeschult werden und ich glaube, fast jeder von uns Erwachsenen erinnert sich an den Tag der eigenen Einschulung voller Spannung und Erwartung, aber auch ein bisschen Nervosität und Unsicherheit.
Nun jedoch sind die Eltern aufgeregt und das schon ein dreiviertel Jahr vor Schuleintritt.
Bei solchen Konzepten, so die Befürchtung, bleiben die Kinder auf der Strecke und werden zum Spielball von Ärgernis und Macht, von Unzufriedenheit und Willkür.
Zurück bleibt vor Sorgen ein Knoten im Bauch.

Kindergartenzeit zwischen Schulklingel und Hofpause
Es ist fast nicht vorstellbar, wie dieser Plan umgesetzt werden soll.
Sollten die Vorschulkinder wirklich ab Januar 2019 in der Grundschule untergebracht werden, gestaltet sich das aus mehreren Gründen schwierig.
Zum Einen fehlen ganz klar die Räumlichkeiten.
Die Grundschule ist für Grundschüler ausgelegt, mit liebevoll eingerichteten Klassenzimmern und thematisch geordneten Räumen, wie dem Ethik-, Kunst- oder Englischraum.
Für die Freizeit und auch die Ergotherapie gibt es ein wunderschönes Lesezimmer und auch der Bewegungsraum ist konzeptionell auf die schulischen Aktivitäten abgestimmt.
Die Grundschüler haben hier alles, was sie brauchen, um eine glückliche Grundschulzeit erleben zu können und ihre Talente zu entfalten, nicht zuletzt durch den sehr aktiven Förderverein engagierter Elternschaft.
Dazu kommen die Hortzimmer für die einzelnen Klassen, die ebenso liebevoll eingerichtet und gestaltet wurden.
Der Plan soll ab Januar 2019 sein, dass die Kindergartenkinder eventuell sogar in den Früh- und Späthort integriert werden. Doch die altersgerechten Bedürfnisse sind nicht miteinander vereinbar, sagen viele Eltern
Im Vorschulalter spielen Kinder mit ganz anderem Spielzeug und auch die Art und Weise, wie sie spielen, unterscheidet sich doch noch sehr von den ersten und zweiten Klassen.
Die Kindergartenkinder hätten zudem in der Grundschule keine freie Entfaltungsmöglichkeit mehr, denn sie müssten sich ständig leise im gesamten Schulgebäude bewegen.
Selbst das Toben außerhalb gestaltet sich sicher schwierig, zumal in einem Kindergarten auch das Außengelände ganz andere Möglichkeiten bietet als der Schulhof oder der Hortspielplatz.
Während der Mittagszeit müssten die Kinder irgendwo ihr Mittagessen einnehmen und das würde dann wohl im Speiseraum der Grundschule stattfinden.
Hier ist ein großes Organisationsmanagement notwendig für die acht Grundschulklassen, deren Essenszeiten sich dann auch verschieben.
Die Essenszeit wäre für die Kleinen außerdem absolut nicht zu vergleichen mit der geschützten Atmosphäre eines Kindergartens. Das zerreißt so manchen Eltern das Herz und hinterlässt ein ungutes Gefühl.
Der Mittagsschlaf danach würde außerdem vom Schulklingeln zerschnitten und wahrscheinlich wäre ohnehin der gesamte Kindergartenablauf von den Zeiteinteilungen in der Schule geprägt.
Die Auslagerung der Kindergartenkinder in die Schule stellt also einen drastischen Einschnitt in den bisherigen gewohnten Kindergartenalltag dar.
Doch auch die Schulkinder müssen sich bei Umsetzung dieses geplanten Konzeptes auf einige Änderungen gefasst machen. Ein großes Problem könnte unter anderem auch die Benutzung der ohnehin wenigen Toiletten sein.

Erzieherwechsel im letzten halben Kindergartenjahr und Schultauglichkeit
Die Kooperation von der Vorschule des Kindergartens und der Grundschule in unserem Ort läuft gut.
Es war bisher so, dass die kleinen Schulanfänger die letzte Zeit stundenweise am Unterricht teilnahmen, jedoch erst zum Ende des laufenden Schuljahres hin.
So konnten sie Schritt für Schritt das Gefühl für die Schulwelt bekommen, was pädagogisch sehr sinnvoll erscheint.
Doch jetzt sieht der Plan vor, dass die kleinen Vorschüler teilweise sogar von anderen Erzieher/in/n/en betreut werden sollen, was überhaupt nicht dem Bildungsauftrag der Kindertagesstätten entspricht.
Denn langjähriges Erzieherpersonal im Kindergarten beobachtet und fördert die Vorschüler, gibt den Eltern Ratschläge und schätzt das Entwicklungspotential eines jeden Kindes ein.
Wenn diese stabilen Vertrauenspersonen wegbrechen so kurz vor dem großen Start ins Schulleben, können sich bei Kindern Ängste entwickeln, die jetzt noch nicht vorhersehbar sind.
Die Schuleignungstests könnten außerdem so ausfallen, dass manche Vorschüler eventuell den Anforderungen des Schullebens noch nicht gewachsen sind.
Sie müssten dann ein weiteres Jahr Kindergartenzeit in der Grundschule verbringen, mahnen die verzweifelten Eltern. So wird aus einem halben Jahr sehr schnell ein viel längerer Zeitraum voller Einschränkungen.
An die Kinder und ihr seelisches Wohl denkt niemand, so scheint es.
Selbst wenn diese Kinder zurück in den Kindergarten kämen, wäre das wieder eine neue Umgewöhnung, die den Kindern fast nicht zugemutet werden kann.
Abgesehen davon gehen seit Jahren nicht alle Vorschüler in die Grundschule Machern, sondern werden, je nach Wunsch der Eltern, auch in der freien Grundschule der Nachbargemeinde Püchau eingeschult. Für diese Kinder gilt ebenfalls, dass sie nochmals eine Umgewöhnung in eine fremde Umgebung durchlaufen – innerhalb eines halben Jahres.

Frühförderung, Kurse und Feierlichkeiten
Im Kindergarten gibt es jedes Jahr verschiedene Höhepunkte, wie beispielsweise das Faschings- und Osterfest.
Zu diesen Festen müssten die Vorschulkinder von der Schule in den Kindergarten und wieder zurück in die Schule gebracht werden. Ähnliches gilt für wöchentliche Englisch-,Sport- oder Musikkurse, die sicherlich weiterhin im Kindergarten stattfinden.
Der Fußweg von der Grundschule zur Kindergarteneinrichtung beträgt gute 800 Meter und geht über eine stark befahrene Bundesstraße. Hier ist tatsächlich eine großes Organisation im Vorfeld gefragt, wobei sich der allgemeine Tagesablauf schwierig gestaltet. Gerade was Erholungs- und Essenszeiten anbetrifft, ist die Umsetzung dieser “Umstrukturierung” nicht im Sinne der Kinder.

Die anstrengende Parksituation
Ebenso problematisch wird die Parksituation an der Grundschule vor dem täglichen Schulbeginn.
Während die Schulkinder maximal bis zum Schultor gebracht werden, im besten Fall jedoch die Eltern nur “schnell” halten und die Grundschüler den Weg zur Schule alleine laufen, ist das bei den Vorschülern schon problematischer.
In der Regel werden die Kindergartenkinder jeden Tag von Mama oder Papa in den Kindergarten gebracht und dem Erzieherpersonal übergeben.  Oft benötigen sie diese begleitende Unterstützung auch noch.
Abgesehen davon ist das auch eine Frage des Versicherungsschutzes.
Nicht auszudenken, was dann frühmorgens noch an Autos und Eltern vor der Grundschule hinzukommt.
Der Schulbus hat jetzt schon kaum eine Chance, früh angemessen bis an die Schule vorzufahren, ohne dabei wildparkende Autos zu beschädigen. Oftmals gleicht die Busfahrt einem Slalom und für Dauerparkplätze ist die Goethestraße einfach nicht ausgelegt.

Alles in allem ist dieses vorgelegte Konzept des Trägers wohl diskussionswürdig.
Vor allem aber sollte es uns allen um das Wohl der kleinen Vorschüler gehen.
Denn so wissbegierig, neugierig und clever sie auch sind – trotzdem brauchen sie das letzte halbe Jahr vor Schuleintritt ganz besonders für sich und ihre Entwicklung.
Da sind sich die Eltern und Erzieherinnen wohl einig.
Oder um es mit den Worten unserer Achtjährigen zu sagen: “Sie heißen ja nicht umsonst Vorschüler, die Knirpse!”

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