Zersetzung der Seele – die operative Psychologie in der DDR

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Die DDR und „ihre“ Maßnahmen gegen mündige Bürger

Weshalb ich „ihre“ in Anführungszeichen gesetzt habe? Nun, bevor ich wieder Öl ins Feuer gieße und unsinnige Diskussionen über Ossis und Wessis entfache, ist es mir doch lieber, gleich auf eine gewisse Differenzierung von „Alltag in der DDR“ und „politischer Diktatur in der DDR“ vorzunehmen.

An und für sich setze ich das bei meiner Stammleserschaft ohnehin voraus, dass ihr nicht alles in schwarz oder weiß, gut oder böse, rechts oder links einteilt und dem Schubladendenken nicht verfallt.

Alle anderen Leser bitte ich gleich vorweg, nicht immer nur die eine Seite der Medaille zu betrachten, sondern sich einen Überblick zu verschaffen – über das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik.

Deshalb schreibe ich ja hier darüber: Um einen Fokus auf das zu richten, was gut war – und gleichzeitig so vernichtend sein konnte.

Operative Psychologie

Die „Operative Psychologie“ war ein Forschungs- und Lehrfach an der Juristischen Hochschule (JHS) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Diese beschäftigte sich mit „den Erscheinungen, Bedingungen, Gesetzmäßigkeiten und des psychischen Erlebens und der psychischen Steuerung des Verhaltens und der Handlungen der Menschen in der politisch-operativen Arbeit des MfS“[1]. Die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse wurden zur „Zersetzungpolitischer Gegner des SED-Regimes genutzt.

Quelle: Wikipedia

Viele Jahre mussten ins Land gehen, damit ich über dieses Thema schreiben kann. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob manche Leute, die heute groß „Ich bin stolz, ein Ossi zu sein“ schreien, überhaupt wissen, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, eine Diktatur.

Bisher hat nie jemand in Frage gestellt, was ich zu dem Thema DDR zu berichten hatte – auch wenn ich damals verhältnismäßig jung war. Das Verhältnis zum Staat war immer sehr gespalten, worüber ich gleich berichten werde.

Dennoch liebe ich die Region, in der ich aufwuchs, in der ich meine Kindheit verbrachte und habe ich auch sehr viele schöne Kindheitserinnerungen. Ich kann jeden hier im Osten verstehen, der manche Dinge aus der DDR vermisst. Wer sich diese Widersprüchlichkeiten nicht erklären kann, der hat hier auf meinem Blog Gelegenheit, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

Es wird noch mehr solche Artikel geben, doch das braucht Zeit.

Ich habe keine Lust mich oder andere zu stigmatisieren oder in der Manier mancher sensationsgeiler Medien ein einfaches Bild von der Vergangenheit der DDR zu zeichnen und der Konsequenzen daraus für unser heutiges vereintes Deutschland.

Es geht mir um Aufarbeitung, und ich werde gefühlsmäßig an viele Grenzen stoßen, hüben wie drüben. Das bin ich aber gewöhnt, und werde euch ausführlich in nächster Zeit berichten, warum ich diese Rolle gut ausfülle.

Ja, ich liebe Ostdeutschland, ich bin eine gebürtige Ostdeutsche, bin hier groß geworden, erwachsen geworden – und habe nie woanders als im Osten gewohnt. Ich war zur Wiedervereinigung elf Jahre alt und somit ein Kind.

Wieso also schreibe ich Artikel über die Zersetzung der Seele in der DDR?

Im Jahr 1960 begann sich in der DDR ein Zweig herauszubilden, der – sagen wir mal spekulativ – ein wenig effektiver als nur militärisch gegen Ideologie- Feinde vorgehen wollte.

Die beste Angriffsfläche in jedem Menschen, egal wie stark er ist, zeigt sich in der Manipulation seiner Psyche. Viele kennen sicherlich den Begriff Gehirnwäsche. Der eine oder andere weiß eventuell ein wenig Bescheid über das Arbeiten von Sekten und fanatischen Gemeinschaften ( egal welcher Art, nicht nur religiös). Dieser Begriff der Indoktrination ist nicht neu. Über langen Zeitraum werden immer wieder dieselben „Phrasen“ gedroschen, bis das Gehirn irgendwann auf Schmalspur funktioniert, sich nur noch auf ein Thema fokussiert und alles andere ausblendet.

Genau das erkannte das Ministerium für Staatssicherheit und baute es Stück für Stück in seine Funktionsweise mit ein. Doch worum genau geht es dabei?

Wer nie in einer Diktatur groß wurde, kann sich nicht vorstellen, wie so eine Kontrolle der Bewohner des Landes abläuft. Es gab in der DDR eine – sagen wir staatlich aufgezwungene – Weltanschauung, die jeder gehorsame Mensch genau so auch zu verinnerlichen haate. Jeder, der Zweifel daran hegte oder aber seinen Individualismus in den Vordergrund stellte, galt recht schnell als bedrohlich für das System.

Das MfS war dafür zuständig, die Bürger der DDR dahingehend zu beobachten und zu kontrollieren, dass deren Ansichten mit diesem aufdiktiertem Weltbild nicht in Widerspruch standen. Viele Bürger legten mehr oder weniger einen recht diplomatischen Spagat mit diesem System hin, um keinen Ärger zu bekommen.

Wer allerdings zu offen dagegen vorging, hatte jede Menge Probleme. Auch die Kinder dieser Leute hatten Probleme und manchmal endete das in einer Katastrophe besonderen Ausmaßes.

Die operative Psychologie funktionierte tatsächlich als Zersetzung des Lebens und das auf eine recht perfide Art und Weise. Sie passierte heimlich und versteckt – sodass der Nährboden für Vertrauen und Nähe Freunden oder Familienmitglieder gegenüber komplett entzogen wurde.

Bis heute weiss niemand so ganz genau, wen diese Maßnahmen trafen und wissenschaftlich wurden die Folgen – vor allem die seelischen – bis heute leider nicht Studien unterzogen. Es gibt Menschen in diesem Land, die hochtraumatisiert sind und bisweilen auch ihre Kinder (welche nun schon erwachsen sind). Die jedoch nicht wissen, dass viele Dinge in ihrem Leben geschahen, weil es jemand so wollte.

Die Trumanshow in der DDR

Gruselig…du gehst in deine Wohnung und plötzlich hängt ein Bild an der Wand, welches du nicht kennst. Du fährst mit dem Fahrrad und zwei kleinen Kindern in den entfernteren Konsum einkaufen und als du mit voll bepackten Taschen zurück kommst, sind beide Reifen aufgeschlitzt. Du hängst die schweren Beutel links und rechts an den Lenker, nimmst deine beiden quengelnden Kinder und schiebst mühselig dein Fahrrad gen Wohnung.

Fix und fertig schleppst du die Taschen nach oben und öffnest die Tür, willst jetzt doch noch einmal genau untersuchen, wo dieses mysteriöse Bild an der Wand her kommt – und es ist weg….

Du erzählst einem sehr engen Freund davon, bei dem du dir sicher bist, dass er dich niemals verraten würde. Ihr sitzt im Wohnzimmer bei einer Tasse Kaffee und unterhaltet euch über dieses Bild. Den nächsten Tag weiß in deiner Arbeitsstelle jeder darüber Bescheid, obwohl dein Freund dir schwört, es niemandem erzählt zu haben…Nicht nur peinlich, sondern vor allem zweifelst du an dir – an deinem Verstand. du wirst belächelt, ausgegrenzt und für irre erklärt. Das tut die Öffentlichkeit von ganz allein.

Doch wie konnte das alles passieren? Bist du wirklich Wahnvorstellungen erlegen?

Diese Geschichte ist keinesfalls übertrieben.

Ich habe dazu hier eine gut recherchierte Dokumentation gefunden, die du dir anschauen solltest.

Wie geht es dir nach Schauen dieses Films?

Natürlich fragt sich jeder, der nicht dem „gängigen“ Meinungsideal der DDR entsprach, ob es wohl auch ihn betraf? Situationen aus der Kindheit drängen sich nach oben, deren produzierte Bilder keiner mehr sehen will, die wegggedrängt und ausgeschaltet werden.

Jetzt ist ja alles gut, es ist lange her, längst vorbei. Keine Gefahr mehr.

Doch wo sind die Akten zu dem Thema? Wer kann auf Fragen antworten? Wer glaubt einem eigentlich heutzutage?

Welche Psychologen sind dafür ausgebildet, um ein verschwiegenes Trauma zu behandeln? Was wurde aus den Kindern, die involviert waren?

Zu viele Ungereimtheiten, zu wenig Hilfe seit der Wende – wie muss es den Opfern wohl ergangen sein und wie geht es ihnen jetzt?

Wir können nicht verleugnen, was an Unrecht geschehen ist. Nur die kritische Auseinandersetzung mit den Geschehnissen bringt uns auf einen Weg der Aufarbeitung….weit weg von sensationsgeilen Medien und ignoaranten Politikern, vielleicht auch einem stummen Volk, was eben nicht immer so geeint war.

Es hilt nicht,  die ganze DDR zu diffamieren, denn es gab keine homogene DDR-Bevölkerungsschicht. Das sollte ich wohl nicht erklären müssen.

Dennoch wünsche ich  euch ein paar ruihge Minuten, um inner zu halten und nachzudenken. Die DDR war nicht entweder böse oder gut. Sie war böse und gut. So wie man es von fast jedem System behaupten kann, welches durch Menschen funktioniert.

Einen kritischen Aufarbeitungsdienstag wünscht euch

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