Zwischen Trauer, Schweigen und Gewalt. Sachsen und der Osten.

 
Lesezeit: 12 Minuten

Es sind ein paar Tage vergangen, seitdem in Chemnitz ein junger Familienvater im Streit mit einem Syrer und einem Iraker niedergestochen wurde und verstarb.
Seitdem ist der Teufel los, sowohl in der Bevölkerung, als auch in den Medien und in der Politik bis hin zum Verfassungsschutz. Von den Social-Media-Kanälen im Netz ganz zu schweigen.
Selbst das Ausland sieht zu und jeder hat so seine Meinung.
Ich selbst wohne schon über fünfzehn Jahre in Sachsen, war zwischendurch auch mal in Sachsen-Anhalt und Brandenburg, kenne jedoch die sächsische Region und überhaupt die neuen Bundesländer von Klein auf.
Das kommt einmal daher, dass der ehemalige Bezirk Cottbus aus DDR-Zeiten an den ehemaligen Bezirk Dresden grenzte und genau aus dieser Region zwischen dem heutigen Brandenburg und Sachsen komme ich ursprünglich.
Ich bin also eine “waschechte Ossi” – in der DDR geboren und teilweise aufgewachsen bis zur Wende und in den neuen Bundesländern geblieben, ohne “abzuwandern” wie viele andere in meinem Alter.
Somit kenne ich so ziemlich alle Probleme und Sorgen, die uns hier im Osten sozusagen biografisch irgendwie aneinander ketten. Das beginnt bei Zusammenbruch des sozialistischen Staates, der Orientierung in einer vollkommen neuen Welt und den undurchsichtigen Machenschaften der Treuhand nach der Wende, geht über flächendeckende Arbeitslosigkeit und Umschulungen über Jahre bis hin zu massiver Abwanderung und endet bei Niedriglohn.
Ja, es ist ein wenig drastisch formuliert, denn selbstverständlich gab es auch viele Leute, die den Fuß ganz gut in die Tür bekommen haben und die es nicht ganz so schlimm getroffen hat.
Und es gab solche Menschen wie mich, die eben das Beste aus allem gemacht haben, auch wenn es wirklich nicht sehr einfach war.
Ich glaube, nach 27 Jahren ist es schon ziemlich traurig, dass große Unternehmen in Deutschland ihre Mitarbeiter in den alten Bundesländern besser entlohnen für weniger Arbeit als ihre Mitarbeiter in den neuen Bundesländern.
Ein Unternehmen – zwei unterschiedliche Bezahlungssysteme.
Das ist ja auch verständlich, denn der Osten ist für solche Unternehmen dadurch etwas billiger, und eigentlich können wir hier “froh” sein, dass das Outsourcing nicht noch weiter östlich oder sonst irgendwohin verschoben wird. So funktioniert das System.

Die Politik. Die Wirtschaft. Das “System.”
Tatsächlich gibt es jede Menge Misstände in Deutschland.
Die süffisanten Bemerkungen eines Gesundheitsministers über arme Menschen, die Hartz IV beziehen oder Schwangere, die in den Wehen liegen und doch bitte 50 km bis ins nächste Krankenhaus fahren können, sind noch nicht richtig verhallt, da geht es gleich weiter mit einem Herrn Söder, der (in Bayern) überall ein Kruzifix hängen haben will, als Zeichen eines christlichen Wertesystems.
Es gibt die sogenannte Flüchtlingskrise seit 2015 mit mehr als über einer Million Menschen aus den verschiedensten Ländern der Welt mit eigener Religion, Kultur und Weltanschauung, die irgendwie in Deutschland ein (vorübergehendes) neues Zuhause finden sollen. Davon begleitet kennt mittlerweile jeder den Ausspruch von Angela Merkel, Deutschlands Bundeskanzlerin, der immer wieder zitiert, hinterfragt und politisch instrumentalisiert wird.

Wir schaffen das!
Viele ehrenamtliche Helfer haben seitdem versucht, genau das umzusetzen und sowohl Flüchtlingsunterkünfte als auch die Integration der Flüchtlinge irgendwie zu bewerkstelligen. Das passierte und passiert durch sehr viel persönliches Engagement und nicht zuletzt ohne irgend eine finanzielle Unterstützung vom Staat.
Bei so vielen verschiedenen Nationalitäten ist es fast unmöglich, allen gerecht zu werden und einen “Masterplan” für das “Wir schaffen das!” gibt es bis heute nicht.
Gleichzeitig sind mit den vielen Flüchtlingen, die vor Terror und Gewalt aus ihren Ländern geflüchtet sind, auch schwarze Schafe durch die unzureichenden Kontrollen von Identität und Pass-Echtheit gerutscht, mit gefälschten Alters- oder Herkunftsangaben oder mit einem langen Vorstrafenregister.
Das bei so einer großen Flüchtlingswelle nicht alles im Vorfeld perfekt organisiert werden konnte, ist offensichtlich. Wenn sich andere EU-Länder zudem auf die Hinterbeine stellen und ihrer Verantwortung, Flüchtlinge aufzunehmen, nicht nachkommen, wird das Ganze noch viel schwieriger.
Doch irgendwann, wenn einigermaßen der Überblick da ist, muss es doch möglich sein, Ruhe und Ordnung in das Land zu bringen.
Es ist den Politikern nicht gelungen, sich hier an einen runden Tisch zu setzen und gemeinsam an einer akzeptablen Lösung zu arbeiten – parteiübergreifend.
Das spaltet die gesamte Bevölkerung momentan – auch und vielleicht besonders in den neuen Bundesländern.
Gleichzeitig kamen, entgegen mancher abstruser Vorurteile, sehr viele verfolgte Menschen nach Deutschland, die in ihrem Leben die schlimmsten Dinge erlebt haben, die man erleben kann: Mord, Folter, politische Verfolgung, Krieg, Hunger und Krankheiten.
Viele haben ihren Ausweg nur in der Flucht aus ihrem Land gesehen, brachten ihre kleinen Kinder mit, die nun hier in die deutsche Gesellschaft hineinwachsen, indem sie unsere Kindergärten besuchen.
Jedoch auch die Kindertageseinrichtungen und Schulen sind mit der Situation allein gelassen worden, wobei hier sehr viel lokales Engagement zu verzeichnen ist – egal in welchem Bundesland.
Selbst die Ernährungsfrage an sich war kein Problem, was nicht gelöst werden konnte. Jedoch es ist ein Mehraufwand, es ist ein kräftezehrender Prozess, der sich unwillkürlich aus der Gesamtsituation ergibt und ich persönlich habe den Eindruck, dass ein “Wir schaffen das!” tatsächlich nicht ausreicht, um dauerhaft optimistisch zu bleiben.
Erzieher und Lehrer verdienen nicht gerade viel Geld, viele sind nur auf Teilzeit oder als sogenannte Springer eingestellt und diese Situation war schon vor 2015 gegeben. Die Rahmenbedingungen für die durchaus gerechtfertigte Aufnahme der Flüchtlinge waren grottenschlecht und sind momentan auch nicht viel besser geworden.
Es ist wirklich ein ganz großes Dankeschön an die zivile deutsche Bevölkerung fällig, stattdessen befinden sich die Politiker in einem Wattebausch von ganz anderen Sorgen, wie der, ob auch überall ein Kruzifix hängt und anderen Dingen.

“Hoffnung” auf Alternativen
Am 14. April 2013 gründete sich eine neue Partei, die Alternative für Deutschland – zwei Jahre vor der schicksalhaften Flüchtlingszuwanderung.
Diese Partei forderte in erster Linie die Auflösung der Eurozone und die Wiedereinführung der D-Mark.
Die Begründung war, dass der Euro zur Verarmung europäischer Länder mit schwachen Volkswirtschaften führt und als Folge dessen der Völkerfrieden in Gefahr ist.
Im Laufe der Zeit kristallisierte sich auch heraus,dass die AfD die Grenzen um Deutschland wieder aufbauen will, die mit dem Schengener Abkommen bereits seit gut 30 Jahren (je nachdem ob Schengen I, II oder III) zwischen den jeweiligen Mitgliedstaaten abgebaut wurden.
Daher ist die übrigens die Behauptung, Bundeskanzlerin Angela Merkel habe im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise “die Grenzen geöffnet” weitab jeder Realität.
Die AfD fordert also bis heute den Wiederaufbau des Grenzschutzes, so wie es einige andere europäische Länder 2015 taten, und somit gegen das Schengener Abkommen verstießen.
Die Alternative für Deutschland behandelt Asyl bis heute nicht als Grundrecht, sondern der Zuwanderungspolitik zugehörig und fordert aufgrund dessen, nur beruflich qualifizierte Asylbewerber durch die Grenzen (die noch nicht wieder aufgebaut sind) nach Deutschland zu lassen.
Innenpolitische Ansichten der AfD sind vor allem auf Menschen muslimischen Glaubens fokussiert, da die AfD hier die Gefahr islamistischen Terrors vermutet. Eine feine, bis ins Einzelne gehende Unterscheidung wird dabei nicht gemacht. Das öffentliche Tragen von Kopftüchern oder anderen islamischen Kopfbedeckungen liegt für die AfD bereits außerhalb der im Grundgesetz zugesicherten Religionsfreiheit.
Gleichgeschlechtliche Ehe wird abgelehnt, am ehesten sollen im Allgemeinen Familien unterstützt werden, die nach dem althergebrachten Familienmodell “Mama,Papa, Kind” funktionieren.
Zitat AfD:

Die dramatische Zunahme der Ehe- und Kinderlosigkeit und das Verschwinden normaler mittelgroßer Familien – von den etablierten Parteien längst als alternativlos hingenommen – sorgen für eine Schrumpfung unserer angestammten Bevölkerung um mehr als 250.000 Personen pro Jahr, mit stark steigender Tendenz. Die AfD stemmt sich gegen diesen Trend zur Selbstabschaffung und will Deutschlands Gesellschaft von Grund auf familien- und kinderfreundlicher gestalten.

Die Frauenquote unterstützt die AfD nicht.
Hartz IV- Empfänger sollen 30 Wochenstunden zugewiesene Arbeit für 1000 Euro monatlich ableisten und sich jeder Arbeitnehmer privat gegen eine mögliche Arbeitslosigkeit versichern.
Momentan grenzt sich die AfD nicht eindeutig von ihrem rechtspopulistischem Flügel ab und nimmt zusammen mit PEGIDA, rechten Bürgerbewegungen wie zum Beispiel der “Pro Chemnitz” und aktiven Mitgliedern der Neonazi-Szene an Demonstrationen gegen kriminelle Flüchtlinge teil, so kürzlich in Chemnitz passiert.
Äußerungen zur wirtschafltichen Situation in den neuen Bundesländern, Lohnangleichung an die alten Bundesländer oder der bisherigen Demografieentwicklung im Osten und deren Folgen thematisiert die AfD nicht.

Sachsen und die besorgten Bürger
In den letzten Wochen habe ich versucht, einige Meinungen zu den hohen Wahlergebnissen der AfD in den neuen Bundesländern einzufangen und zusammenzutragen.
Gelungen ist mir dies bisher nicht in dem Maße, wie ich mir das vorgestellt habe. Es gibt zwar auf jeden Fall Ansichten, darüber jedoch fruchtbare Diskussionen im Tiefgang konnte ich bisher nicht führen.
So erscheint mir die AfD auf jeden Fall eine Art “Rettungsanker” für viele Menschen aus den neuen Bundesländern darzustellen, so auch in Sachsen. Das ist absolut abstrus und ich bin mir nicht sicher, ob die AfD-Wähler damit tatsächlich Protest zeigen wollen oder aber nicht wissen, was diese Partei eigentlich bezweckt. Dabei ist das mittlerweile offensichtlich (aber offenbar nicht für jeden???!)
Meiner Interpretation nach, fühlen sich viele Menschen in der Bevölkerung von den bis dahin existierenden Parteien nicht ernst genommen.
Sie kritisieren genau wie ich auch den mittlerweile flächendeckend aufgebauten Niedriglohnsektor oder die immer noch anhaltende Arbeitslosigkeit ohne Chancen auf eine Arbeit, die zufriedenstellend bezahlt wird. Aber auch die oft erwähnten Leute der “bürgerlichen Mitte” schimpfen über ein zu geringes Gehalt bei steigender Miete und Lebenshaltungskosten.
Gleichzeitig höre ich sehr viel Unzufriedenheit über zu wenige Ärzte und die Gewährleistung der Gesundheitsvorsorge im ländlichen Raum heraus, über Krankenhäuser, die schließen und sehr weite Anfahrtswege zu Kliniken und Gesundheitszentren. Vor allem für ältere Einwohner stellt dies zunehmend tatsächlich ein sehr großes Probleme dar, vor allem in den Regionen, in denen sehr wenige junge Menschen leben. Die Krankenkassen zahlen für lange Anfahrtswege keinen Cent.
Momentan liegen Anfahrtswege zu speziellen Ärzten, wie Augenärzten, Lungenspezialisten, Orthopäden oder anderen, bei rund 30-50 Kilometern. Termine zu erhalten, dauern oft länger als drei Monate.
Die Altersarmut ist ebenfalls ein großes Thema, da im Zuge der Wiedervereinigung doch ein großer Anteil jetziger Rentenempfänger kaum von der Altersrente leben könne, trotz langjähriger Berufstätigkeit. Dadurch, dass es im Osten nicht gerade viele gut bezahlte Jobs gab, sieht es jetzt im Rentenalter mau aus.
Die Versorgung durch Lebensmittel im Sinne von Einkaufsläden ist ebenfalls ein Problem, da auch größere Discounter sich vor allem da ansiedeln, wo eine hohe Kaufkraft besteht.
Viele ländliche Regionen sind also tatsächlich bereits auf kleine “rollende Lebensmittelläden” angewiesen, sobald ein Rentner bzw. eine Rentnerin nicht mehr in der Lage ist, Auto zu fahren und unter Umständen auch keine Kleinstadt in der Nähe ist. So gibt es oft den nächsten Lebensmittelmarkt erst in 20-30 Kilometern Entfernung.
Schulen liegen ebenfalls oft außerhalb. Während die Kindergärten und Grundschulen relativ gut zu erreichen sind,so gibt es bei Oberschulen und Gymnasien oft Fahrzeiten von einer bis ein einhalb Stunden. Die Kinder verbringen somit zwei bis drei Stunden pro Tag mit Bus fahren.
Die Kita-Plätze sind extrem knapp und teilweise ist gar keiner zu bekommen, sodass manche Kinder nicht in den Genuss einer Vorschule kommen oder aber die Eltern gezwungen sind, ihre Arbeitszeiten zu reduzieren. Das führt in manchen Familien zu großen Existenzängsten, vor allem dann, wenn beide Gehälter relativ niedrig sind. Zu schnell rutschen Eltern in die Hartz Iv- oder Aufstockerfalle.
Der Wohnraum ist momentan ebenfalls ausgeschöpft, es gibt außerdem kaum noch bezahlbare Wohnungen, für Hartz IV- Empfänger nicht und für “Normalverdiener” auch nicht.
Ein Haus zu kaufen oder gar zu bauen und das Baukindergeld in Anspruch zu nehmen, liegt bei vielen Familien leider fernab ihrer ganzen Lebensrealität. Sie werden auch in den nächsten Jahren mit den Jobs, die sie haben, das Baukindergeld gar nicht in Anspruch nehmen können. Entweder sie arbeiten im Niedriglohnbereich oder sind Zeitarbeitskräfte. Beides ist keine gute Voraussetzung, um überhaupt einen Kredit von der Bank zu bekommen.
Auch die Bonität schwächelt bei etlichen Bewohnern, denn viele schleppen noch etliche Lasten aus der Vergangenheit mit sich herum, die wiederum nicht aus Faulsein oder Nichtkönnen oder schludrigem Lebensstil resultieren, sondern der bescheidenen Arbeitsmarktsituation im Osten.
Hier findet also ein flächendeckendes Generationenschicksal über mehr als zwanzig Jahre statt, was nun natürlich nicht alle Menschen in den neuen Bundesländern betrifft, aber ich könnte mir vorstellen, 25 % schon.
Dazu kommen die nicht zu verkennenden Probleme mit Drogen- und Raubkriminalität, die sowohl von Deutschen, als auch Migranten begangen wird.
Viele der Bewohner – auch die, die momentan noch keine AfD wählen – sehen sich in einer sehr zwiespältigen Situation, wenn einerseits der Putz von den Schulen fällt oder kein Geld für Kindertagesstätten da ist, andererseits jedoch genügend finanzielle Mittel für die Flüchtlinge.
Andererseits beklagen Ehrenamtliche im Flüchtlingsengagement wiederum, dass viel zu wenig Unterstützung von der Bundesregierung kommt, um Flüchtlingen Deutschkurse anbieten zu können oder einfach nur Räume, in denen sie lernen könnten. Ebenso scheint aufgrund des anderen Rollenbildes nicht immer die Sicherheit von Frauen in diesem Helferbereich gewährleistet zu sein, was aber nicht oder wenig an höhere Stellen artikuliert wird, verbunden mit der Angst, politisch in irgendeine Kategorie einsortiert zu werden.
Schließlich wollen alle diese Menschen den Flüchtlingen helfen und das finde ich auch gut. Jedoch es ist auch wichtig, dass wir offen über solche Themen diskutieren können!
Um auf die Kriminalität zurückzukommen, fehlt vielen Menschen Polizeipräsenz. Des öfteren war die Rede von Reduzierung von Polizei, Sparen an allen Ecken und Enden, Zusammenlegen von kleineren Polizeistationen in größere Städte.
Ich habe bisher nicht zu allen diesen Themen recherchieren können und entschuldige mich dafür sehr.
Als freie Journalistin arbeite ich in meinem kleinen Medienunternehmen zusätzlich zu meiner Erwerbsminderungsrente.
Somit ist es mir momentan nicht möglich, aufgrund meines finanziellen Budgets und meiner chronischen Erkrankung, noch tiefer gehende Recherchen in die “Materie” durchzuführen.
Meine Arbeit findet vollkommen unabhängig statt, ich verdiene mein Geld für Equipment usw komplett selbst.
Ein Crowdfounding habe ich bisher nicht ins Leben gerufen.

Besorgte Bürger gibt es also tatsächlich und weitaus mehr als 25 %
Allerdings müssen wir da zukünftig wirklich differenzieren. Die Berichterstattung bisher war tatsächlich oft grenzwertig, sogar für mich.
Da ich selbst in den neuen Bundesländern (bzw. der DDR) geboren wurde und wie ihr dem Einleitungstext entnehmen konntet, mein gesamtes Leben auch in den neuen Bundesländern verbracht habe, tut es mir natürlich weh, wenn es Beleidigungen über das Nazi-Chemnitz oder Chemnitz-Nazis gibt, oder die doofen Sachsen, die nicht einmal richtig reden können oder oder oder.
Wie gesagt bin ich zwar Brandenburgerin, aber die ostdeutsche Seele ist etwas empfindlich, wenn es um Beleidigungen aus dem “anderen Teil des Landes” geht.
In den letzten Wochen habe ich sehr viele Menschen aus allen Regionen Deutschlands jedoch als sehr solidarisch erlebt und auch so viele ernstgemeinte Zuschriften von Menschen bekommen, die mich ermutigt haben, weiter zu schreiben und mir nicht die Liebe zu meinem Sachsen nehmen zu lassen.
Mein Mann ist ein Sachse, meine Tochter ist es – meine Freunde sind es zum großen Teil, ich liebe sie alle sehr und ich schätze ihre hilfsbereite, lustige Art, ja sogar ihre bisweilen etwas konservativen Haltungen, den Familiensinn, die Mentalität, die Gemütlichkeit – gerade zu Weihnachten.
Wir Brandenburger sind da etwas anders, doch Ossis sind wir ja irgendwie alle.

Konservativ, patriotisch, rechtsextrem
Nicht nur in Sachsen gibt es eine sehr verflochtene Neonazi-Szene. Wobei es Neonazi eigentlich nicht trifft.
Hier sind von den eher seichteren Patrioten, über Rechte und Rechtsextreme, Hools und Ultras bis hin zu AfD-Fans, Identitären und schlussendlich den Neonazis sehr viele dieser rechten Szene miteinander verbandelt und verknüpft.
Ich muss euch sagen, dass die meisten Büger in diesem Land davon echt null Ahnung haben, ohne sie damit diffamieren zu wollen.
Die Szene kennt jedoch keiner so wirklich, der nicht irgendwie anderweitig damit in Berührung kommt, zum Beispiel durch Recherche oder bestimmte politische Ziele (wie die Linken) oder aber durch ein hohes demokratisches und freiheitliches Denken.
Es fällt den meisten absolut nicht auf, was in Sachsen los ist und ehrlich gesagt – ich will damit keinen in Schutz nehmen, der mit den Rechten mitläuft – viele Leute hier sind so wie überall im Alltagstrott gefangen, gehen arbeiten, ziehen die Kinder groß, kommen irgendwie mit den Alltagssorgen klar – dass oft keine Zeit bleibt, darüber wirklich tiefgehend nachzudenken.
In konservativen Gegenden, und das ist Sachsen auf jeden Fall, ist der Nährboden für Aufhetzen gegen Fremde besonders groß.
In ländlichen Gegenden sogar noch mehr. Und in ländlichen Gegenden mit älteren Menschen und überwiegend männlichen Personen kann es sogar eskalieren.
Das heisst nicht, dass jeder, der hier wohnt, anfällig dafür ist, rechtsradikal zu werden.
Es bedeutet auch nicht, dass Sachsen kein weltoffenes Bundesland wäre.
Doch was in den Städten noch einigermaßen modern transportiert werden kann an Lebensvielfalt, dass interessiert auf dem Land nicht wirklich jeden.
Da geht es oft einzig um ein ruhiges, zufriedenes Leben, was halt “läuft” – so wie im hintersten Bayern, in Baden-Würtemberg oder in den Dörfchen, durch die man fährt auf dem Weg zur Nordsee.
Es gibt solche Leute, die sind nicht politisch großartig engagiert – oder soll ich sagen – involviert.
Und so ist es auch hier. Mit links haben die meisten nichts am Hut, denn links waren wir ja schon 40 Jahre lang.
Daher stößt wahrscheinlich manchen auch dieses Wort “Antifaschismus” so sauer auf.
Das ist keine Rechtfertigung ich selber bin antifaschistisch eingestellt, aber es klingt so militant und war das Kampfwort der DDR.
Antifaschistisch sind alle Kinder aufgewachsen, die die Polytechnische Oberschule besucht haben und an den Pioniernachmittagen teilnahmen.
Antifaschismus geht oft einher mit дружба, суббота, und vielen Dingen mehr.
Das jetzt zu beschreiben, dauert zu lang.
Es ist jedenfalls mit DDR und SED irgendwie im Unterbewusstsein verknüpft.
Hörst du Antifaschismus, bist du irgendwie wieder bei DDR-Vergangenheit.
Ich selbst nutze den Begriff sehr selten, ich spreche mich klar gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus aus.
Deshalb kann ich nur jedem, gerade aus Sachsen, raten, genau das anzusprechen bei latenten alltagsrassistischen Phrasen: “Du läufst mit Leuten mit, die den Hitlergruß zeigen und “frei,sozial,national” brüllen!
Du rennst mit Nationalsozialisten mit. Sie wollen nicht nur gewaltbereite Migranten raus haben. Sie wollen die “weiße Rasse” retten!
Und wer es mir nicht glaubt, der kann sich das Video von Martin Kaul anschauen. Er ist Journalist von der taz.
Gestern war er in Köthen, weil es wieder eine Gewalttat im Zusammenhang mit Flüchtlingen und einem Deutschen gab.
Der Deutsche starb an Herzversagen, was die Rechtsextremen aber als Lüge in die sozialen Medien schicken.
Sie behaupten, dass die Lügenpresse es verdreht und der junge Deutsche ermordet wurde.
Das Videomaterial ist ungeschnitten und unzensiert. Es ist etwas langatmig mit über einer Stunde.
Doch ich empfehle jedem, es sich genau anzusehen, vor allem ab Minute 32:00.
Dort geht es um die “Sorgen” der Rechtsextremen und ich finde, jeder sollte gehört haben, was diese vier Redner da von sich geben. Mitten im Anschluss an einen friedlichen Trauermarsch in Köthen in Sachsen-Anhalt.
Für mich persönlich ist es schockierend und ich habe heute lange überlegt, meine Meinung darüber zu formulieren.
Doch ich habe mich entschieden, jeden meiner Leser dieses Video selbst anschauen zu lassen.
Für mich persönlich, soviel sei gesagt, ist das sehr gefährlich, was sich hier gerade zusammenbraut.


Das wars erstmal für heute.
Herzliche Grüße ausm Osten,

(Visited 27 times, 1 visits today)

2 Kommentare

  1. Hallo Astrid,

    Danke für diesen beeindruckenden Text. Er schildert ziemlich gut, wie das hier im Osten gekommen ist. Ich habe mich auch dieser Tage an einer Erklärung versucht und wurde zum Teil verbal dafür verhauen. Mein Artikel ist der hier:

    https://www.henning-uhle.eu/allgemein/wilder-osten-welcome-to-the-jungle

    Aber du hast vollkommen Recht. Wir Sachsen sind irgendwie schrullig und komisch und vielleicht sogar konservativ. Aber der Begriff “Nazi-Sachsen” empfinde ich als zutiefst verletzend.

    Wir können eigentlich nur mit gutem Beispiel voran gehen. Viel hat es ja bisher nicht gebracht. Aber wer weiß, vielleicht stimmt das ja mit dem steten Tropfen.

     
    1. Hallo lieber Henning,
      danke für deinen Kommentar.
      Ich finde deinen Artikel sehr treffend formuliert und erkenne mich in vielem wieder.
      Nun, im Grunde liebe ich die Sachsen ja – ich Brandenburgerin.
      Denn in meiner ursprünglichen ‘Heimat’ ist ja nun auch nicht mehr so viel los 😁
      Latente Fremdenfeindlichkeit finde ich leider überall und zum Schluss kommen im Gespräch ganz andere Dinge zum Vorschein.
      Das ist unheimlich interessant, manchmal aber auch schockierend!
      Ich glaube, dass das Thema ‘Osten’ leider noch nicht wirklich abgehakt ✅ ist. Doch das Schlimmste daran ist die Resignation der Menschen und manchmal auch das Schimpfen auf alle und jeden.
      Das Misstrauen und hin und wieder die Mißgunst.
      Gleichzeitig wohnen hier hilfsbereite, gebildete, warmherzige und humorvolle Leute mit einem gewissen Charme. Das ist es, was mein Leben hier lebenswert macht.
      #derandereOsten #derostenbleibtbunt
      Liebe Grüße an dich und wir lesen uns! Danke für deine Sichtweise!

       

Dein Kommentar hier: Was denkst du darüber?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.